Country Roads

Via Interstate begeben wir uns raus aus dem Verkehrschaos von St. Louis. Aber nach 80 Meilen haben wir erst mal genug mit immer gerade aus bis Übermorgen. McDonald lädt ein zur Nachtruhe.

Früh morgens starten wir. 80 Meilen Freeway stehen noch an, und dann geht es über Landstraßen, um DIE Country Roads zu erreichen, die von John Denver besungen wurden. Bis dahin gibt es aber noch das ein oder andere zu besichtigen.

Rockford, ein kleines skurriles Städtchen mit einer perfekten Riverfront am Ohio für unsere Mittagspause.

Kaum stehen die Räder still, kommen zwei ältere Herren, und das übliche Gespräch woher, wohin nimmt seinen Lauf. Und dann berichten die beiden mit stolz geschwellter Brust, dass Präsident Lincoln mit einem Boot von Kentucky gekommen sei und hier gelebt habe. Damit haben wir wohl das wichtigste über diesen Ort erfahren.

In Cloverport gibt es dann auf dem Dorfanger an der Riverfront auch ein nettes Plätzchen für die Nacht.

Extra für Walter: große Schubverbände (3 x 5 Lastkähne) kämpfen sich stromaufwärts. Das beruhigende Wummern und Stampfen der Schiffsmotoren ist mal etwas anderes, als das durchdringende Pfeifen der Lokomotiven.

Auch Fort Knox, ja, DAS Fort Knox, liegt auf unserer Strecke. Wahrscheinlich haben wir uns durch unser auffällig langsames „Heranpirschen“ über den HWY 31 W mit eingelegtem Fotostop schon verdächtig gemacht und Alarmstufe Gelb ausgelöst.

Bei der Zufahrt zur Einlasskontrolle kommt dann auch gleich ein auf „wichtig“ kostümierter Sicherheitsbeamter quer über 4 Fahrbahnen auf uns zu und will unsere Kamera sehen. Er verlangt, dass ich vor seinen Augen alle Bilder lösche, auf denen Fort Knox zu erkennen sei. Nun kenne ich meine Kamera etwas besser als der und kann ein paar Bilder retten. Sodann werden wir durchgewunken und kommen den Sicherheitszäunen und der seit James Bond weltberühmten Auffahrt des weltberühmten Sicherheitsbunkers auf Steinwurfweite nahe. An der Besichtigung der inneren Schatzkammern können wir nicht teilnehmen, versuchen uns aber vorzustellen, dass dort mehr als 4,5 Tausend Tonnen Gold liegen – es gelingt uns nicht so wirklich.

Ein längerer Aufenthalt zwischen den Sicherheitszäunen war eh nicht geplant, da Rita kurz vorher auf dem HWY noch eine alarmierende Äußerung losgeworden ist: „Du ich finde, der Motor hört sich wieder so komisch an, so als würden wir wieder nur auf 5 Pötten laufen!“ Kann doch nicht sein, ist doch alles neu und dicht! Aber Kontrolle ist besser.

Nächster Waldweg rechts rein, und das eingeübte Prozedere wird abgespult. Und wir wollen es nicht glauben, die Leitung zum 3. Zylinder ist an der Überwurfmutter undicht. Munter und lustig sprudelt der Diesel, als wäre dies seine vornehmste Aufgabe. Weiter Anziehen geht auch nicht, jedenfalls traue ich mich nicht (nach ganz fest kommt ganz lose). Kurzerhand wird diese Leitung gegen die ausgetauscht, die uns der Ford-Mechaniker gebastelt hat. Und nun ist alles wieder dicht und gut. Es kann weiter gehen.

Mittags landen wir – natürlich rein zufällig – in Bardstown, der Hauptstadt des amerikanischen Wiskeys. Immerhin 5 Destillen zieren den Stadtplan und laden zur Besichtigung ein. Wir entscheiden uns erst mal für ein kräftigendes Mittagessen als Grundlage. Sicher ist sicher.

Wir wählen für eine Besichtigung die Heaven Hills Destilleries, wo sie einen typischen Kentucky Bourbon mit mind. 50 %  Maisanteil herstellen. Riesige Lagergebäude bezeugen den hohen Umsatz des Hochprozenters (2010 waren es 6 Mio barrel).

Immerhin muss das Getränk min. 6 Jahre in Eichenholzfässern reifen, bis es Geschmack und Farbe angenommen hat (ja, ja, der „Straight“ braucht nur 2 Jahre, aber wer trinkt den schon ;-). Anhand von Schautafeln lernen wir einiges dazu, angefangen von der Mixtur der Maissorten und der übrigen Getreide bis hin zum Verschneiden der blended Wiskeys, bei der über 80 Wiskeys in verschiedenen Mixturen gemischt werden.

Den Produktionsprozess selbst bekommen wir leider nicht zu Gesicht, siehe dazu aber: http://www.whisky.de/archiv/usa/heavenhi/brenn.htm.) Natürlich gibt es auch einen Fingerhut voll zum Probieren, das ist natürlich schnell auf der heißen Zunge verdunstet.

Als nächstes steht der Besuch von Pleasant Hill auf dem Programm, die größte sorgfältig restaurierte Siedlung der Shaker. Die Shaker waren eine tief religiöse Glaubensgemeinschaft ehelos lebender Brüder und Schwestern, deren Schütteltanz als Gebetsform vielerlei Spott ausgesetzt war. Anders als die Amish People sind sie jedoch dem technischen Fortschritt gegenüber aufgeschlossen und betrachten Erfindungen als ein Geschenk Gottes. Im 19. Jh. bauten sie für ihre Mitglieder große mehrgeschossige Wohngebäude aus Ziegelstein, was damals sehr ungewöhnlich war. Die strenge Geometrie der Fassadengestaltung kommt so ohne jeglichen Schnickschnack und Firlefanz aus und ist wie auch die Möbel auf Funktionalität und Nützlichkeit ausgerichtet..

Trotz aller Strenge und Kühle der Gebäude fühlen sich die Viecherle ganz offensichtlich sehr wohl im Museumsdorf.

Auf dem Weg zum „Natural Bridge State Resort Park“ durchqueren wir „Bluegrass Country“, die Heimat der Vollblütler. Auf großen Rangen werden hier die besten Pferde gezüchtet und trainiert. Die mit weißen Zäunen umgebenen Gestüte erlauben eine Besichtigung nicht. Aber wie schon so oft, wirken die „Herrenhäuser“ aus einiger Entfernung noch prächtiger.

Am Freitagmorgen, 8. November haben wir das erste Eis innen an unserer Windschutzscheibe, das bedeutet, draußen haben wir ein paar Grad unter Null. Unsere morgendlichen Arbeiten am PC verlegen wir nach McDonald, die heiße Schokolade ist und tut gut, über die Kalorien reden wir später.

Nachmittags will Rita eine Flasche Rum für einen steifen Grog kaufen und erkundigt sich nach einem Licourshop. „We are a dry county“ so die entrüstete Antwort einer älteren Dame im Visitor-Center. Allerdings sei kurz hinter der Grenze – zum nächsten County, innerhalb desselben Staates (Anm. des Autors) – so ein Laden. Wir fahren die 10 km bis zum Nachbarcounty und finden tatsächlich den Laden. Ein bisschen fühlen wir uns wie in der Prohibitionszeit, als wir die Räuberhöhle betreten.

Zurück im „Natural Bridge State Resort Park“ finden wir auf dem dortigen RV-Campingpark ein sonniges Plätzchen, 29 $ ohne WiFi, ohne Laundry aber mit warmer Dusche im beheizten Showerhouse.

Morgen wollen wir eine kleine Wanderung zu den „Natural Arch“ machen. Mitten im Daniel Boon National Forest spannt sich einsam auf einer Bergkuppe „The Natural Bridge“, mit einer lichten Weite von 24 m und 20 m hoch. Der ADAC verspricht hierzu „einen gelungenen Outdoor-Tag“.

Urzeitliche Flüsse haben in diesem Gebiet ehemals Sand und Geröll abgelagert. Es entstanden die typischen Sandsteinschichten unterschiedlicher Festigkeit. Diese Sedimente waren durch Jahrmillionen den Erosionskräften ausgesetzt, die dramatische Klippen, Höhlen und Brücken geformt haben. Auf dem einstündigen Weg aufwärts gibt es immer wieder Verschnaufpausen in den „Shelters“, Schutzhütten.

Die „Natural Bridge“ war ursprünglich eine Höhle, deren Hinterwand durch Frost und/oder Erdbeben zunächst abgesprengt und dann nach und nach abgetragen wurde. Ein tiefer Spalt auf der Vorderseite veranschaulicht die Kräfte, die hier am Werke waren. Ich kann mich gerade so eben durchzwängen, immer die Angst im Nacken, ich bleibe stecken. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass mindestens die Hälfte der US amerikanischen Bevölkerung hier nicht durch kommt.

Und immerhin komme ich durch diesen Flaschenhals oben auf die Brücke.

Am Spätnachmittag des 11.11. erreichen wir den Blue Ridge Parkway, eine der schönsten Panoramastraßen der USA. Sonnenlichtdurchflutete Mischwälder im herbstlichen Rot und Gold und eine schmale 2-spurige Straße, die sich in ständigem Auf und Ab über die Bergkuppen windet. Immer wieder Ausblicke nach rechts und links, bis sich die Berge in der Ferne im lichten Blau verlieren, blue ridge mountains eben.

Zwei Tage verbringen wir hier, bis uns ein Ranger am Abend darauf aufmerksam macht, dass der Park um 6:00 pm geschlossen wird und wir unverzüglich diesen zu verlassen haben. Schade eigentlich. Aber was hilft es. In der Dunkelheit machen wir uns bis zum nächsten Ausgang auf den Weg und betten uns noch mal beim Schnellrestaurant mit WiFi-Anschluss in Elkton zur Ruhe.

Die letzte Woche ist angebrochen, Zeit „The Capitol of USA“ zu besichtigen und das WoMo für die Verschiffung zu rüsten. Am 21.11. geht unser Flieger von Washington via Amsterdam nach Düsseldorf.

 

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2 Antworten zu Country Roads

  1. Gerhild & Harald sagt:

    „Country Roads, take me home to the place I belong … “ – an den Ort, wo man hingehört und aus dessen Bergen man stammt… Wir nehmen an, ihr habt auf den Straßen von Kentucky und West Virginia beide kräftig gesungen und irgendwie passt John Denvers Country Song des Jahrhunderts ja auch zu eurer Heimkehr ins Bergische Land 😉

    Hallo ihr 2,
    „Easy to get to and hard to forget – “ so steht es auf der offiziellen Website der Natural Bridge und wir denken, das geht euch wenigstens für den zweiten Teil des Statements so. Fußmärsche sind ja für euch doch eine kleine Herausforderung. Umso schöner, dass ihr es geschafft habt. Übrigens – durch den Flaschenhals der Natural Bridge kommen gefühlt wahrscheinlich auch bald 50% der Westeuropäer nicht mehr durch 😉
    Wir sind nun gespannt auf euren vielleicht letzten Reisebericht dieser Tour. Dabei waren wir gestern ein bisschen irritiert über den Zwischenruf von John. Seid ihr wirklich auch in New Hampshire rumgekurvt? Na, wie es auch sei – der dritte Oldie erregt wohl immer ein besonders Aufsehen. Dabei glauben wir irgendwie, dass er den lieblosen Empfang in Neuschottland auf dem Abstellplatz zwischen Altcontainern und abgewrackten Fahrzeugen doch ein bisschen übel genommen hat und sich nun dafür immer mal rächt. Es war ja sehr weitsichtig von euch, die alten Teile der Dieselleitung nicht gleich wegzuwerfen! Wir wünschen euch eine problemlose Abwicklung aller Formalitäten für die Rückreise und schicken euch ganz herzliche Grüße über den Teich. Gerhild und Harald

  2. kanalratte sagt:

    hallo ihr shaker!
    Na langsam hat sichs wohl ausgeschakert-dry county…geht ja gar nicht. Über die bizarren Schütteltänze müßt ihr mir mal näheres berichten. Ansonsten diesmal wieder sehr stimmungsvolle Bilder und danke für den lieben kleinen Gruß von Kanal zu Kanal- Fand ich lieb. Habe mehrfach versucht euch anzuskypen,zuletzt im Verbund mit der ganzen Chaoscrew, ging aber nicht. Deshalb auf diesem Wege liebe Grüße von ihnen allen und von Ottiliens, mit denen wir heute ersatzweise geskypt haben. letztere lassen auch grüßen.Ihr werdet dann also am 22 11. wieder im Lande sein..Hoffentlich überwältigt euch die Realität unseres kleinen hausbackenen und überreglementierten Ländchen dann nicht zu sehr. Ich habe mich immer schwer damit getan, wenn ich aus einem anderen Land zurückkam..egal. Sitze hier am Kamin und lasse gerade eure letzten Eindrücke auf mich wirken. Schön, euch bald wiederzuhaben. Geniesst die letzten Tage und kommt gesund und fröhlich wieder. In diesem Sinne.see you later alligator , you are welcome
    eure Kanalratte

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