Alberta: Wir testen das kanadische Gesundheitswesen

Der guten Vollständigkeit halber wollen wir auch über diese Episode berichten, denn aus unserer Sicht gehört sie nun mal zu unserer Reise mit den ganz speziellen Konditionen und Risiken dazu.

Zunächst muss ich aber noch mal einige Wochen zurückgehen. Kurz bevor wir gen Westen fliegen wollten, bekam Lothar nach einer Stoffwechselentgleisung u. a. das große Herzkasperl, fachlich ausgedrückt Herzrhythmusstörungen mit Vorhofflimmern. Eine Woche vor Abflug wurde Lothar noch einmal beim Kardiologen vorstellig, um sicher zu gehen, dass wir auch tatsächlich starten können. Die sofortige Einweisung in das Herzzentrum Wuppertal war die Folge. Die Jungs und Mädels dort konnten zwar die Rhythmusstörungen wegen eines arteriellen Blutgerinnsels nicht beseitigen, stellten Lothar aber soweit wieder auf die Beine, dass der Professor gegen die geplante Reise nichts Grundsätzliches mehr einzuwenden hatte (oder einwenden wollte) und eine Wiedervorstellung in seinem Hause in einem halben Jahr vorsah.

Der Kardiologe zuhause in Remscheid hielt diese Spanne jedoch für zu lang, wenngleich auch er keinen Grund sah, die Reise abzublasen. Er riet aber dringend zur Untersuchung unterwegs nach 6 bis 8 Wochen. Lothar solle dann ein TEE (Schluckecho) machen lassen, um festzustellen, ob sich das Gerinnsel im Herz durch die blutverdünnenden Medikamente aufgelöst hat. Sollte dies der Fall sein, solle anschließend eine Kardioversion (das ist eine Elektroschocktherapie) durchgeführt werden, um den Herzrhythmus zu normalisieren. Für dieses Unterfangen suchten wir uns Calgary und dort das „Foothills Medical Centre“ aus, das uns allenthalben empfohlen wurde.

Donnerstag, den 11. Juli trafen wir nachmittags um 15:00 Uhr in der Emergency Aufnahme der Klinik ein.

Was nun passierte, ist eigentlich kaum zu beschreiben.

Warten, Blutdruckmessen, Fiebermessen, Personalien aufnehmen und wieder warten. Die Wartezeit wird mit ca. 4 Stunden angegeben.

Schon nach 1 Stunde erscheint jedoch der Aufnahmepfleger und geleitet Lothar in den „Emergency (Saal) A“, insgesamt 42 Stoffkabinen reihen sich hier aneinander. Lothar soll sich in Zelle 12 begeben, das Krankenhaushemdchen anziehen und sich ins Bett legen. Kurz um kommt eine Schwester und schließt ihn an alle möglichen Überwachungsgeräte an. Nun heißt es wieder warten.

In der Folge kommen immer wieder andere Pfleger, Schwestern, Ärzte, Studenten und alle fragen Lothar nach dem Grund seines Aufenthaltes in der Emergency, teilweise mit telefonischem Dolmetscher. Zwischendurch werden auch mal Röntgenaufnahmen gemacht, aber erstaunlicherweise keine Ultraschalluntersuchungen. Alle verschwinden immer wieder mit dem Spruch, der Chef, der Staff oder sonst wer käme und würde entscheiden. Und immer wieder warten. Schließlich, nach Stunden, kommt auch ein Kardiologe, begleitet von einem Studenten, der ein wenig Deutsch spricht. Lange Diskussionen am Krankenbett und telefonische Rückfragen bei den Kollegen im Hause, ob die von den deutschen Kardiologen vorgeschlagene Therapie richtig sei, folgen, unterbrochen von diversen Wartezeiten.

Kurz vor 24 Uhr dann die endgültige Entscheidung durch den Kardiologen: kein TEE, keine Kardioversion! Nein, in Nordamerika wende man diese Therapie nicht mehr an, nur noch in absoluten Not- und Ausnahmefällen, und ein solcher Fall liege hier nicht vor. Wenn Lothar trotzdem darauf bestehe, müsse er mit mehreren Wochen Wartezeit rechnen. Stattdessen sei festzustellen, dass die deutschen Ärzte Lothar nicht optimal mit Medikamenten eingestellt hätten. Lothars Hinweise, dass unser heimatlicher Kardiologe für telefonische Rücksprachen zur Verfügung steht, werden geflissentlich übergangen. Er würde jetzt die Medikation ändern und das Medikament „XY“ verschreiben. Genau dieses Medikament wurde Lothar auch in Peru und Brasilien verordnet mit der Folge, dass ihm ständig schwarz wurde vor Augen und er ständig aus den Schuhen gekippt ist. Auf diesen Einwand hin wieder Diskussionen. Dr. Hussan (Name geändert) verschwindet und kommt mit einem Rezept zurück, nunmehr ein Medikament, welches Lothar unter anderem Namen ohnehin schon einnimmt. Lothars Hinweis, dass dies Medikament kritisch sei, weil es bei ihm die asthmatischen Beschwerden erhöhe, wurde damit beantwortet, dass er am Dienstag – also in 5 Tagen – wiederkommen solle, dann werde man sehen, wie die Wirkung sei, spricht’s und verschwindet. Ein anderer Arzt kommt und präsentiert die Rechnung, 150 $. Das lässt sich verschmerzen, aber für was genau zahlen wir dies eigentlich? Es ist Mitternacht! Völlig entnervt zücke ich meine Kreditkarte und zahle.

Lothar liegt immer noch durch diverse Schläuche und Kabel gefesselt im Bett. Niemand sieht sich genötigt, ihn von alledem zu befreien. Endlich um 24:30 Uhr hat ein Pfleger Erbarmen und kümmert sich, dann können wir endlich gehen. Zu Wal*Mart fahren wir dann nicht mehr, Wir bleiben auf dem umliegenden Unigelände. Nun müssen wir erst mal ein Häppchen essen und ein Schlückchen trinken, denn die Atmosphäre in diesem Emergency ist mehr als bedrückend gewesen. Dort werden Schwerstkranke eingeliefert, die um ihr Leben ringen. Schwestern, Pfleger, Sanitäter, Ärzte geben ihr Möglichstes und kämpfen für den Patienten. All das bekommt jeder andere Patient ungefiltert mit. Zwischen den einzelnen Zellen gibt es nur Vorhänge, die oft auch noch offenstehen.

Am anderen Morgen fahren wir zum Campground, 20 km außerhalb von Calgary, um bis Dienstag dort die Zeit zu verbringen. Jedoch ausgebucht! Es ist Stampede, das größte Rodeofest Nordamerikas, dazu Wochenende und Ferienbeginn, kein freies Hotelbett, kein freier Campingplatz in ganz Calgary. Also zurück, zum Campground Wal*Mart. Hier gibt es auch „Mac WiFi“.

Den ganzen Tag habe ich schon ziemliche Zahnschmerzen, eigentlich gestern schon. Mit ein paar handelsüblichen Tabletten rette ich mich über den Tag. Aber es ist nicht mehr zum Aushalten. Natürlich gibt es bei Wal*Mart auch einen Dentisten. Der ist aber bis Dienstag ausgebucht. Am anderen Ende der Mal gibt es eine weitere Dentalpraxis. Sie hat tatsächlich morgen, am Samstag! einen Termin nachmittags um 15:00 Uhr.

Wie auch in Deutschland, muss ich erst einmal einen Fragebogen ausfüllen. Kurze Zeit später werde ich in das Behandlungszimmer gebeten. Auch hier mehrere Zellen, diesmal abgetrennt durch halbhohe Schrankelemente. Die typischen Bohrgeräusche von Arzt und Patient dringen wieder einmal ungefiltert an unsere Ohren. Wie haben wir das vermisst. Eine freundliche Dental-Assistentin beginnt mit den Voruntersuchungen. Ein Röntgenbild ist erforderlich. Es misslingt jedoch, da ich vor Schmerzen den Mund nicht richtig öffnen kann. Also muss ein Panoramabild gemacht werden. Mit dem Ergebnis ist die Ärztin dann zufrieden und entscheidet, dass ich eine Entzündung im Bereich des Weißheitszahnes habe. Es wäre besser, wenn dieser gezogen würde. Die Zahnärztin kommt und bestätigt die Diagnose. Aber ziehen könne sie den Zahn nicht, das sei bei meinen Vorerkrankungen (Diabetes und Herzinfarkt) zu gefährlich. Dies könne aber in der Emergency in der Foothills-Clinik gemacht werden. Unsere Begeisterung hält sich in engen Grenzen. Sie könne mir nur ein Antibiotikum und Schmerztabletten geben. Spricht’s und verschwindet. Und kommt kurzum mit einem Schreiben, eine Art Überweisung, wieder zurück. Für ihre Bemühungen habe ich 160 $ zu bezahlen.

Die verordneten Schmerztabletten haben keinerlei Wirkung, also nehme ich weiter meine weltweit handelsüblichen Pillen.

Montagmorgen, 8:00 Uhr, wir stehen wieder an der Emergency der Foothills-Clinik.

Blutdruckmessen, Sauerstoffgehalt im Blut, Fiebermessen, Blutzuckermessen, diesmal bei mir, alles bestens. Ich erläutere meine Beschwerden und lege die Überweisung der Dentistin vor. Ohne weitere Fragen werde ich in die Administration geschickt. Nach Aufnahme der Personalien ist umgehend die Rechnung von sage und schreibe 718 $ zu begleichen. Wofür soll ich soviel Geld bezahlen, es ist noch nichts passiert. Das ist für die Facilities, die Einrichtungen des Hauses. Meine Zahnschmerzen treiben mich dazu, wieder die Kreditkarte zu zücken und zu bezahlen. Nun heißt es wieder warten, warten, warten,…

Nach 5 Stunden werde ich dann in eine Behandlungszelle, die aus Stoff wie bei Lothar, nur im Bereich B, geführt. Eine Ärztin erscheint. Ich trage den Grund meines Erscheinens in der Emergency vor und verweise nochmals auf das Begleitschreiben der Dentistin. Ungläubig liest sich diese Ärztin das Schreiben durch: „Ich bin keine Dentistin, ich kann den Zahn nicht ziehen, das muss die Dentistin machen!“

Ich kann es nicht fassen! 5 Stunden warten, dafür 718 $ bezahlen! Ich bin wütend. Es nützt nichts, das Geld bekomme ich nicht zurück, da es nur für die Bereitstellung der Facilities ist, unabhängig davon, ob man sie auch tatsächlich nutzt oder nicht. Wir suchen Trost und fahren wieder zu Wal*Mart. Rita versucht’s mit der Mütze von „C“ = Calgary, die sie beim Liqueurshop dazu bekommen hat.

Dienstagmorgen, 8:00 Uhr, wir stehen wieder an der Aufnahme der Emergency. Blutdruckmessen, Sauerstoffgehalt im Blut, Fiebermessen, Blutzuckermessen, diesmal wieder bei Lothar. Personalienaufnahme, Aufforderung die Rechnung von 718 $ umgehend am entsprechenden Schalter zu bezahlen. Moment, wir wurden doch von Dr. Hussan für heute bestellt, wir möchten erst mit ihm sprechen, bevor wir irgendetwas bezahlen (siehe gestern). Nein das ginge nicht, denn wir hätten ja schon am Donnerstag nichts bezahlt, das müsse jetzt erst beglichen werden. Gut, das ist einzusehen. Also zücken wir wieder die Kreditkarte und wollen bezahlen. Nein, nein wir sollen gleich auch die für heute fälligen 718 $ bezahlen. Nun reicht es aber! Lothars Geduldsfaden reißt: „Ich zahle nur für Donnerstag, basta! Ich will auch keinen Arzt mehr sehen! Ende, Schluss, Feierabend!“ Wir wenden uns dem Ausgang zu, da fängt uns eine Administrationsdame ab und führt Lothar in der Emergency A in ein richtiges Behandlungszimmer ohne Stoffabtrennungen mit richtigen Wänden. Lothar fragt, was denn jetzt hier geschehe und bekommt zur Antwort, dass das Standart und Routine sei. Kurzum geben sich die Pfleger wieder die Klinke in die Hand. Auf die erneute Frage, was dies denn nun alles soll und dem Hinweis, dass wir all dies nicht bezahlen werden, löst die Schwester kurzerhand und ohne ein weiteres Wort alle Schläuche und Kabel, und packt sie mit den Worten weg: „Dann können Sie jetzt gehen!“

Einigermaßen verwirrt verlassen wir das Krankenhaus. Lothar wird sich auch weiterhin mit körperlichen Anstrengungen sehr zurückzuhalten haben, um Herzattacken und Asthmaanfälle weitmöglichst zu vermeiden. Für den Moment haben wir die Nase jedenfalls gestrichen voll und nur noch einen Gedanken, weg von hier, von diesem Krankenhaus, weg aus dieser Stadt. Genießen wir lieber die schönen Dinge, die Kanada zu bieten hat, beispielsweise die „Icefields“ der Nationalparks Banff und Jaspers. Aber zunächst mal noch ein ordentliches Frühstück, bevor es los geht,

denn wie sagte Oma Emma immer: „Essen und trinken hält Leib und Seele zusammen!“

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4 Antworten zu Alberta: Wir testen das kanadische Gesundheitswesen

  1. Gerd sagt:

    Hallo ihr Drei.
    Ich bin geschockt über das Gesundheitswesen inKanada. Wäre schön wenn mancher Hier mal so etwas mitbekäme.Gute und sichere Fahrt weiterhin Gerd , RS.

  2. Gerhild & Harald sagt:

    Hallo Ihr 2,
    oje – bei diesem Bericht haben wir intensiv mit euch gefühlt! Ganz allgemein haben wir zwar auch schon mal von Ärztemangel und langen Wartezeiten in Kanadas staatlichem Gesundheitssystem gelesen, aber nun können wir nachfühlen, wie hilflos man sich dort vorkommt, wenn man als Reisender ein ernstes gesundheitliches Problem hat 🙁
    Bleibt uns nur zu hoffen, dass die Zahnprobleme sich seitedem wenigstens deutlich verkleinert haben und Lothar weiterhin die notwendige Zurückhaltung übt. Liebe Grüße zu euch – wir sind gespannt, wo ihr inzwischen angekommen seid. Gerhild und Harald

  3. Dr. Frank Hollmann sagt:

    Um Himmels Willen,
    liebe Frau Hampe, für $ 718 ziehe ich Ihnen Ihren Weisheitszahn beim nächsten Mal gerne. Für das Geld hätte ich Sie ja schon fast besuchen können.
    Wie ist denn der Fortgang der Angelegenheit und welcher war es denn, der dort Ärger bereitet hat?
    Wenn Sie die Aufnahme mitbekommen haben, fotografieren Sie die doch einfach gegen das Licht ab und mailen mir diese zu (falls eine Ferndiagnose noch notwendig sein sollte).
    Ansonsten alles gute und weiter „gute Fahrt“.
    Grüße aus Remscheid
    Dr. Frank Hollmann

  4. Lothar Hampe sagt:

    Lieber Herr Dr. Hollmann, das mit dem Kurzbesuch find ich prima. Sicherlich hätten wir neben dem Zähneziehen auch noch ein kleines nettes Beiprogramm zusammen gestellt. Allerdings hat sich das Problem zunächst erledigt durch weisungsgemäße Einnahme von Antibiotika und der eigenen Paracetamol. Auch eine Ferndiagnose ist daher wohl im Moment entbehrlich, auf jeden Fall machen wir einen Familientermin, wenn wir zurück sind. Und im Übrigen: die 718 $ waren noch nicht einmal für die Extraktion, sondern lediglich für die Zurverfügungstellung der „facilities“, also der gesamten Einrichtungen der Klinik, die meine Frau nicht gebraucht hat. Naja, so’n Riesenkomplex muss sich ja auch mal irgendwann refinanzieren, und da leisten wir doch gern unseren Beitrag, oder 😉
    Beste Grüße aus Whitehorse, Yukon
    Lothar Hampe

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