Manitoba: Bisonherde und Schweinezucht

Freundlich werden wir an der ersten TourInfo empfangen, freundlich werden wir mit Kartenmaterial und Camp-Prospekten eingedeckt, freundlich werden wir aber auch darauf hingewiesen, Overnightstanding ist nur auf Campgrounds möglich!

Nun ja, vielleicht gibt es doch ein schönes Eckchen an einem der folgenden Seen, wo wir uns auch über Nacht hinstellen können. Ja, tatsächlich tut sich ein See auf, der Lake Falkon, mit wunderbarem Sandstrand, riesig großem Parkplatz, dazwischen eine Wiese. Weit und breit kein Schild zu entdecken, dass wir hier über Nacht nicht stehen dürfen. Na bitte, gemütlich Abendessen, eine Runde Karten spielen und dann… Zwei Ranger bollern an die Türen, einer an der Seitentür der andere an der Fahrertür. Your permit! Was für ein Permit? You are in a provincial park, where is your permit? Natürlich haben wir keine Eintrittskarte, da wir gar nicht wissen, dass wir in einem Park sind. An der Zufahrt zum See gab es kein Kassenhäuschen, Schranke o. ä. Außerdem dürfen wir hier nicht stehen, auch wenn kein Schild die Übernachtung verbietet. In einem Park muss man immer auf den Campground gehen! Wir haben verstanden, eine Diskussion ist sinnlos, wir packen zusammen und begeben uns wieder auf den Highway. 20:00 Uhr wir finden einen Picknickplatz am Hwy 1 mit Klohäuschen und Mücken, vielen Mücken.

Nach solch einem Abend sollte es ein leckeres Frühstück werden mit Ham and Eggs usw. Ich (Lothar) sehe mir die Packung Ham genauer an und werde von Entsetzen geschüttelt: maple-flavoured! Könnt ihr euch das vorstellen, gebratener Speck mit Ahornsirup?! Das ist wie Blutwurst mit Schlagsahne. Tapfer befreie ich den Block Schinkenscheiben aus seinem klebrigen Gefängnis, dabei zieht der auch noch Fäden! Einige Haushaltspapiere später ist er soweit abgetupft und abgetrocknet, dass er mit einer gesunden Mischung aus Neugier und gebotener Zurückhaltung in die Pfanne wandern kann. Und, was soll ich euch sagen, nach 5 Minuten brutzeln und wendeln kann man die Teile tatsächlich essen, und es ist gar nicht schlimm und es tut auch gar nicht weh. Und die Moral von der Geschichte: Probieren geht (manchmal) über studieren.

Auch in der Nähe von Winnipeg haben sich viele Mennoniten niedergelassen. In einem Museum in Steinbach sind wieder zahlreiche Dinge aus der frühen Mennonitenbesiedlung zusammen getragen. Aber es ist früh am Tage und das Museum noch geschlossen. Wir haben keine Lust, eine Stunde auf die Öffnung zu warten und fahren daher zum viel gepriesenen Farmers Market nach St. Norbert, ein Vorort von Winnipeg. Leider entpuppt sich dieser nicht als Frischemarkt für landwirtschaftliche und Gartenerzeugnisse wie in St. Jakobs, sondern ist mehr ein Rummelplatz. Unwillkürlich sucht man nach der Berg- und Talbahn und dem Kettenkarussell, dem Losverkäufer und dem Zuckerwattemann.

Immerhin gibt’s Countrymusik und selbstgebaute Pop-Gitarren, auf denen man auch spielen kann. Ein paar Meter weiter müht frau sich mit Hula Hupp Reifen ab, und in all dem Trubel Mennonitenfrauen, ganz die Ruhe selbst.

Wir essen ein paar Frühlingsrollen beim Chinesen, kaufen einen Bund grünen Spargel bei einer Chinesin und machen uns auf die Weiterfahrt.

Mittag machen wir diesmal mangels besserer Alternativen auf offener Szene direkt am Bahndamm. Grüner Spargel an gegrillter Schweineschulter, ich sehe, wie euch das Wasser im Munde zusammen läuft :-).

Lautes Gehupe motiviert uns, unseren Standort um ein paar Meter zu verlegen; mit dem Canadian Pacific möchte ich mich denn doch nicht anlegen.

Bei der Gelegenheit: die Schienen dieser Strecke sind nicht etwa auf ihren Eisenbahnschwellen verschraubt, nein, sie sind seinerzeit mit dicken geschmiedeten Nägeln befestigt worden, und seit jener Zeit ist wohl auch niemand mehr die Strecke mit einem Hammer entlang gegangen, um die losen Nägel wieder einzuschlagen. Teilweise hängen sie zur Hälfte heraus und einer, der daneben lag, ist in meiner Werkzeugkiste gelandet.

Gegen 16:30 erreichen wir den Campground Creec-Side. Leider ist er voll ausgebucht, klar, ist ja auch Wochenende und ein langes dazu. Aber einige Kilometer weiter finden wir bei Millers Camp Ressort einen Platz unter wunderschönen alten Bäumen.

Der Platz ist zwar ohne Anschlüsse für Wasser und Elt., aber dafür nur einen Steinwurf vom Duschhaus entfernt. Überall brennen schon die Lagerfeuer. Hier fühlen wir uns wohl, hier fühlen wir uns zuhause. Auch am Morgen werden die Lagerfeuer bereits zum Frühstück angezündet. Es riecht wunderbar nach verbranntem Holz.

Der Hwy hat uns wieder, endlose Prärie hinter uns, endlose Prärie vor uns. Die Landschaft hatte sich schlagartig kurz hinter der Provinzgrenze von Ontario/Manitoba verändert. Waren dort noch schroffe Felsen unsere ständigen Wegbegleiter, so sind es nun weite Felder mit Raps und Weizen, hin und wieder Rinderweiden, und dies bis zur nächsten Provinzgrenze.

Ich weiß ja nicht, ob ihr’s wisst, aber wir bewegen uns auf der Yellowhead-Route. Der Name geht zurück auf den Trapper (Fallensteller) Pierre Bostonais, einen Irokesen mit auch europäischem Blut in den Adern, das für seinen legendären blonden Haarschopf verantwortlich zeichnet. Anfang des 19. Jahrhunderts hat er einen Pass durch die Rockies benutzt, der nach ihm benannt wurde. Auch der Trail durch die Prairies, die zu diesem Pass führten, wurde später Teil der sog. Yellowhead-Route.

Ein Blick in die Karte, ein zweiter in den Reiseführer und wir fahren Richtung Norden. Der „Riding Mountain National Park“ ist unser Ziel. Nach einigen Kilometern verändert sich die Landschaft, sanfte Hügel rechts und links, teils mit Birkenbewuchs, teils mit Weiden.

Und wieder werden uns Mooses, Elche versprochen, statt dessen:

bemüht sich stellvertretend ein Mümmelmann, unsere Aufmerksamkeit zu erregen und unser Interesse am Wildlife auf einem möglichst hohen Level stabil zu halten.

Bei Wasagaming erwerben wir unser Permit (siehe oben) und begeben uns nach wenigen Kilometern auf Abwege von dem geteerten Highway. Aber die graveled road ist gut ausgebaut, nur „ein bisschen“ staubig und führt uns zum „Campground Lake Audy“. Und auf diesem Weg sehen wir unsere ersten wilden Tiere in freier Wildbahn ganz nah, quasi Aug in Auge.

Na, so wild sind sie nun auch wieder nicht. Gleichwohl ist es auf privater Basis gelungen, hier in einem freien Gelände, die Wege sind mit Texas-Gates versehen, eine Bisonherde wieder anzusiedeln.

Unweit dieser Herde liegt der Natur-Campground Audy am gleichnamigen See.

Es ist ein „self-registration campground“. Das funktioniert so: man nimmt sich einen Umschlag aus der Kiste am Infobrett, füllt ihn aus mit Kfz-Kennzeichen, Platznummer und Camp-Datum, steckt die Platzgebühr von in diesem Fall 16 $ hinein, klemmt den Kontrollzettel an die Windschutzscheibe und wirft den Umschlag in einen mit einem Schloss gesicherten Kasten, ebenfalls am Infobrett. Solche Campgrounds sind in aller Regel ohne nennenswerten Service, es gibt lediglich Plumpsklos, einen zentralen Wasserzapfhahn, auf diesem Platz auch eine Dumpstation. Müll wird einmal täglich abgeholt, Klohäuschen einmal am Tag gereinigt.

Unser Plätzchen Nr. 7, ein Platz mit kanadischen Ausmaßen, ist schnell gefunden,

und wir läuten den Feierabend ein. Während wir da nun so unser „Anlegebier“ trinken, tönt es neben uns mit leicht hessisch-badischem Akzent „Seid ihr wirklich mit dem Auto von Deutschland hier her gekommen?“ Jörg und Christine, zwei Auswanderer stellen sich vor. Jörg suchte vor 5 Jahren eine neue berufliche Herausforderung und hat sie hier in Kanada gefunden: „Ich arbeite auf einer Schweinefarm als Geburtsmanager.“ Christine ist vor 2 Jahren gefolgt und wartet auf ihre Arbeitserlaubnis. Beide sind am Lake Audy, um das lange Wochenende mit Freunden zu verbringen, Montag, 1. July ist Canada-Day! Es wird ein feuchtfröhlicher und bunter Abend am Lagerfeuer von Jörgs Chef, der mit Truck und Trailer ein paar Plätze weiter steht.

Der nächste Tag fängt demzufolge etwas später an. Jörg und Christine wollen nachmittags wieder nach Hause fahren und wir sind herzlich eingeladen, mit ihnen zu kommen. Gerne nehmen wir die Einladung an. Wir kommen zu einem kleinen Farmhaus, in einiger Entfernung riesige Stallgebäude. Vor dem Wohngebäude empfängt uns ein großer deutscher Schäferhund mit unverkennbaren Wolfsanteilen im Blut. Nach Halbdistanz und beiderseitigem Schnupperkurs stellen wir fest, dass wir uns mögen und schließen kurzerhand Freundschaft. Jörg möchte uns gerne seine Farm zeigen und empfiehlt einen Rundgang vorm Duschen. Warum wohl?

Nachdem wir diverse Hygieneschleusen passiert haben, stehen wir mitten in den Stallanlagen, die insgesamt einige tausend Schweine beherbergen, Jungs auf der einen Seite, die Mädels auf der anderen.

Für den Fachfremden sind dies schon bedrückende Einblicke; bei näherem Hinsehen schienen die Schweine ihre beengte Behausung jedoch akzeptiert bzw. hingenommen zu haben. Was uns auffällt ist die Sauberkeit in den Stallungen und das von überall ertönende zufriedene Grunzen. Sie kennen halt die europäischen Richtlinien zur Massentierhaltung offensichtlich nicht.

Die Begattung der Sauen erfolgt nach genauen Managementplänen, nichts wird dem Zufall überlassen. Ist es dann soweit, dass die Sauen werfen, kommen sie auf Jörgs Station. Die Geburt der Ferkel und Aufzucht bis zum Verkauf erfolgt wiederum genauestens nach Plan.

Zum Schluss werfen wir noch einen Blick in den Stall, in dem die Ferkel für den morgigen Verkaufstransport untergebracht sind. Hier fehlt es an Streu auf dem Boden. Jörg ist wütend, macht sich aber trotz seines freien Tages sogleich daran, Streu auf dem Boden zu verteilen.

Wir haben genug gesehen und vor allem genug von der heißen, stickigen Luft, die so sehr nach Schwein riecht und gar nicht nach Leberwurst oder frisch gegrilltem Kotelett und freuen uns nun auf eine schöne ausgiebige Dusche, bei der man nicht ständig Coins nachschieben muss.

Mittlerweile sind 2 sehr sympathische Freunde der beiden eingetroffen, Josef und Engelbert aus Bayern. Sie sind vor 25 Jahren mit ihren Eltern nach Kanada ausgewandert und betreiben seit dem eine Rinderfarm. Christine hat inzwischen Kartoffelsalat hergestellt, und es gibt die ersten, hausgeschlachteten Bratwürstchen.

Bei der Gelegenheit lernen wir auch die anderen vierbeinigen Hausbewohner kennen: ein großer selbstbewusster Kater, ganz offenkundig der Chef der Vierbeinerbande, zwei Katzen und ein weißes Kätzchen, das unermüdlich damit beschäftigt ist, die Ein- und Ausgänge meiner Sandalen zu erkunden.

22:30 Uhr werden die vier ein wenig unruhig. „Es ist Canada-Day, wir fahren zum Feuerwerk.“ Flugs werden ein paar Plastikstühle auf die Ladefläche des Trucks geladen, Arme, Beine und Gesicht mit Mückenspray präpariert und ab geht es nach Shoal Lake. Gerade am See angekommen und auf der Ladefläche Platz genommen, startet das Feuerwerk. Ein Feuerwerk, das sich wirklich sehen lassen kann, besonders für einen solch kleinen Ort wie Shoal Lake mit 700 Einwohnern.

High Noon, wir verabschieden uns von Christine; Jörg ist schon seit 5 Uhr auf seiner Geburtsstation im Labor und den Ställen unterwegs.

Nochmals ganz herzlichen Dank an die beiden für die tolle Gastfreundschaft und die liebe Bewirtung.

Die endlose Prärie hat uns wieder mit endlosen Feldern, schier endlosem Horizont, Straßen zig km geradeaus, die Hitze flimmert über dem Asphalt des HWY 1, des Trans-Canadian-Highway (TCH). Da flüchten wir nun nach Kanada vor den subtropischen und tropischen Temperaturen, die wir in Südamerika durchlitten haben und was ist? Tagestemperaturen zw. 30 und 40°C in der Prärie und Schatten so rar wie ein Schneemann in der Atacama Wüste. Wie wir von unseren beiden Auswanderern wissen, ist dies aber ganz normal, genauso wie im Winter -40°C, also ein Temperaturunterschied von 80°C. Das muss der Organismus auch erst einmal verkraften.

Und in Saskatchewan erwartet uns weiterhin Prärie, Prärie und noch mehr Prärie.

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4 Antworten zu Manitoba: Bisonherde und Schweinezucht

  1. Gerhild & Harald sagt:

    Hallo ihr 2, die verlangsamte Reaktion auf eure Reiseberichte hat ein bisschen was mit den schwül-heißen Temperaturen zu tun, die sich auch hierzulande festgesetzt hatten. Heute ist es ein bisschen angenehmer, nur 27 Grad – die nächste Hitzewelle ist erst für Donnerstag angekündigt – und wir nutzen die Zeit für einen Gruß an euch.

    Mit Interesse haben wir neben den Begegnungen mit angesiedelten, aber sicher nicht ganz ungefährlichen Bisons und angesiedelten, sehr gastfreundlichen deutschen Auswanderern (die ihr wahrscheinlich auf eurem Weg immer wieder finden werdet) natürlich auch eure kulinarischen Ausflüge verfolgt. Na klar, in Kanada, wo ein (idealisiertes) Zuckerahornblatt die Flagge ziert, muss man einfach Ahornsirup probieren, zur Not auch mit Schinken. Zwar ist der Sirup cholesterin-, gluten- und milcheiweißfrei (sowas weiß Wikipedia), aber keineswegs diätisch und der Beste ist nach kanadischer Klassifizierung der No. 1 extra light, falls ihr inzwischen auf den Geschmack gekommen seid 😉 Mit der Schweinezucht ist es wohl ähnlich wie in Europa (ob man deshalb immer vom „armen Schwein“ spricht). Wir „sehen“ uns wieder in Saskatchewan. Bis dahin liebe Grüße vom Niederrhein! Gerhild und Harald

  2. Hildo sagt:

    Liebe Eltern!
    Ich möchte euch zählen was gestern zu mir passiert ist.
    Ich kann nicht sagen wie glücklich ich bin um in meinem Geburtstag eine so Gutes Neues bekommen!
    Kann nur saggen dass Ihr bald Großeltern werden!
    Ich und Carla hoffen dass euch die Fahrt genießen!
    Liebe Grüsse!

    • Lothar sagt:

      Lieber Hildo, liebe Carla,

      ja das haut uns ja aus den Socken, wir sind grenzenlos begeistert ob dieser grandiosen Nachricht, die uns so fern der Heimat ereilt. Wir trinken auf euer Wohl – tres saulde !
      Ich bin ja nicht neugierig ;), aber wann ist es denn soweit???? Möglicherweise kommen wir als Oma und Opa nach Hause?!

      Natürlich hoffen wir, dass es Mutter und Kind gut geht, und du dich auch als treusorgender zukünftiger Papa bewährst. Und natürlich ist das jetzt eine aufregende Zeit und jeder cm Bauchumfang mehr wird wohlwollend registriert, und irgendwann bewegt sich doch da tatsächlich was!

      Wir wünschen euch eine herrliche und intensive Zeit in der Erwartung eures Sprösslings und sind selber natürlich wahnsinnig gespannt.

      Alles Liebe und Gute und Gesundheit für euch drei
      (und für dich natürlich noch die allerbesten Geburtstagsglückwünsche*)
      Mama und Papa aus Alemanha

      * laut vorlesen!

  3. Kanalratte sagt:

    Hi…und offensichtlich Schwein gehabt!

    Ist schon ganz nett zwischendurch auf ein paar deutsche Auswanderer zu treffen
    Hier haben wir die Italienischen Einwanderer Alvise und Maria Grazia zu Besuch. Sie sind heute gefahren , nach 4 wunderbaren gemeinsamen Tagen. Wir haben viel erlebt und die eine und andere Schiffstour unternommen. Bei den aktuellen temperaturen waren wir zu faul zum Laufen.
    Melde mich beim naächsten Blog. Bis bald und danke schön für die Tollen Eindrücke.

    Eure Kanalratte

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