Ontario: Locks und Lake Superior

Viele Kilometer und viele Stunden sind wir nun durch die riesige Provinz Ontario gefahren.

Ontario beherbergt mit 12 Mio. Einwohnern mehr als ein Drittel der gesamten kanadischen Bevölkerung. Und die verteilen sich recht gut in der Fläche von 1.080.000 km². Die vielen Seen schlagen mit 160.000 km² zu Buche. (Zur Erinnerung: Deutschland hat ca. 80 Mio. Einwohner auf einer Fläche von 357.000 km², der Bodensee hat eine Fläche von 536 km².)

Der „Canadian Shield“ aus Granit und Gneis hat nur eine dünne Überdeckung mit einer Erdschicht, daher gibt es nur relativ wenig Landwirtschaft, aber ausgedehnte Wälder, die sich mit Seenlandschaften abwechseln. Von den Kieferbeständen aus dem vorigen Jahrhundert ist nicht mehr allzu viel übrig. Vorherrschend sind Tannen und Fichten – riecht schön in der Nase – in den südlicheren Regionen mit höherem Laubwaldanteil. Durch den Unterwuchs sind die Wälder aber so dicht, dass wie in südamerikanischen Urwäldern kein Durchkommen ist.

Unsere Route geht entlang der wohl größten Seen Ontarios. Auf dem Weg nach Sault Ste. Marie kommen wir an einer kleinen Blockhausbaustelle vorbei. Das müssen wir uns natürlich etwas näher ansehen. Ganz schön gewaltige Baumstämme werden hier verarbeitet, und das noch nach alter Handwerkskunst. Da lacht doch jedes Zimmermannsherz und auch jedes Schreinerherz.

Es ist wohl der Tag der interessanten Bauwerke. Ein paar km weiter lockt ein Farmersmarket, der jedoch eher mager ist. Gerne nehmen wir aber die Einladung des offensichtlichen Familienvorstandes der Mennoniten an, den im Obergeschoss befindlichen „Meetingroom“ zu besichtigen. Er wurde ausschließlich mit Spendengeldern errichtet und hat wohl in der Presse großes Aufsehen erweckt.

Schließlich erreichen wir Sault Ste. Marie, und nach dem Mittagessen bleibt noch genügend Zeit, die „Locks“ dieser Stadt zu besichtigen. Diese 1895 erbaute Schleusenanlage verbindet den Lake Huron mit dem Lake Superior.

Mit der Errichtung dieser Schleusen wurde der Seeweg von Europa über den Saint Lawrence River, den Lake Ontario, den Lake Erie, den Lake Huron bis hin in den Lake Superior nach Thunder Bay (seiner Zeit Fort William) ermöglicht.

Sehr schön wird dieser Seeweganstieg von über 180 m in der Grafik des RKH Kanada Ost dargestellt. Heute fahren auf diesem Seeweg bis zu 300 m lange und 30 m breite Schiffe. Leider haben wir ein solches Schiff nicht gesehen!

Auf unserem weiteren Pogramm steht außerdem noch der Halfway Point des Trans Canadian Highway. Wir finden ihn mehr zufällig an den Chippedale Falls, einem kleinen Wasserfall mit Picknickplatz und Klohäuschen.

Leider müssen wir feststellen, dass unzählige Mücken diesen Platz als ihr ureigenstes Territorium betrachten! 5:45 Uhr gehen sie zum Großangriff über! Wir geben uns geschlagen und ziehen den taktischen Rückzug einer offenen Schlacht vor.

Weiter geht es entlang den Gestaden des Lake Superior. Damit ihr mal eine Vorstellung bekommt, wie groß dieser See wirklich ist hier eine Grafik:

Immer wieder gibt es links interessante Ausblicke auf den See, der eigentlich wie ein Meer anmutet, da das gegenüberliegende Ufer weit hinter der Erdkrümmung, der Kim, liegt und nicht mehr zu sehen ist. Außerdem begleiten uns Silbermöven mit ihren schrillen Schreien wie an der Nordsee.

Rechts haben wir Einblicke in die Zuläufe des Sees. Bäche und Flüsschen, die auch schon jede Menge Großgeröll und Baumstämme im Gepäck hatten.

Manchmal trifft man auch auf Oldtimer aus einer Zeit, als es noch nicht die heute allgegenwärtigen 4×4 Trucks auf den Straßen gab.

An der White River Picknick Aera finden wir das „Eisenbahnmuseum“ (?) in Form von zwei Schienenfahrzeugen auf einem Stück Gleis. Immerhin ein lohnendes Fotoobjekt.

Und wir treffen Karin und Roger aus der Schweiz mit ihren Kiddies, die sich generalstabsmäßig mit Gesichtsnetzen gegen die Mückenplage ausgerüstet haben.

Bei uns kleben die Mückenleichen am nächsten Morgen am Fliegengitter. Mieses Wetter motiviert uns zum Aufbruch. Unterwegs treffen wir wiederholt auf das Schild

Sollen wir hier eine Autobahn adoptieren??? Wie sich später auf Nachfrage herausstellt, ist das tatsächlich so ähnlich gemeint. Gruppen, Vereine, Firmen und Privatpersonen können sich für die Sauberhaltung eines Stücks Highway verantwortlich erklären. So verstehen wir nun auch ein bisschen besser, warum hier wirklich keinerlei Müll rum liegt: (Social Control).

Der HWY, somit unsere Route, führt mitten durch den Lake Superior Provincial Park. Laut Reiseführer hat er einige Besonderheiten zu bieten: Agawa Rock Indian Pictographs. Die hätten uns schon sehr interessiert, sind aber leider nur über einen steilen „Klippenweg“ zu erreichen. Diese Belastung sollte Lothar sich im Moment eher nicht antun. Wir fahren weiter zur nächsten Attraktion: Agawa Bay. Hier soll es die schönsten Sandstrände geben und warmes Wasser zum Baden, ideal für Kinder und Senioren.

Mag ja alles sein, aber der eingebaute Mückenschutz fehlt, und so viel Chemie sprühen kannst du gar nicht, also nix wie weg!

Und wir „fressen“ Kilometer. Nach 326 Tages-km erreichen wir bei Nippigon einen Campground unmittelbar am HWY gelegen, Stillwater Park-Camping. Eigentlich ein recht schöner Platz, die einzelnen Parzellen locker in alten Baumbestand integriert, und mit Service (Duschen, Strom, Waschmaschine) ausgestattet, ansonsten aber ein bisschen krosig. Für ADAC- Mitglieder gibt es auch noch einen Rabat, sofern man den AAA-Ausweis vorlegen kann (gibt es vom ADAC in Deutschland), so zahlen wir nur 27 $.

Dafür bleiben wir noch einen Tag, schreiben Berichte und testen unseren neuen Dutch Oven. Brotbacken ist angesagt.

Ich glaube, diese Zubereitungsweise müssen wir noch ein bisschen üben. Zu viele und zu heiße Kohle, aber ansonsten nicht schlecht, Kruste schwarz, aber Krume gut.

Auf dem Weg nach Thunder Bay machen wir noch einen Abstecher (40 km) zum Ouimet Canyon. Vom Parkplatz aus gibt es einen Rundweg von 1 km. Kein Problem, meint Lothar, und wir marschieren los. Es wird für ihn dann aber doch – nicht zuletzt wegen der Temperaturen und der fehlenden Trinkwasserflasche – ein anstrengender Marsch mit einigen Ruhepausen. Schatten gibt es keinen, aber jedes Bänkchen wird genutzt, wenn auch nur für ein paar Minuten, bis man wieder vor den Mücken auf der Flucht ist. Aber es hat sich wirklich gelohnt. Zwei Aussichtsplattformen über den steilen Felswänden aus schmalen Diabas–Basaltsäulen ermöglichen einen grandiosen Blick über den Canyon. Kaum Sonne fällt auf den Grund der teilweise 100 m tiefen Schlucht. Hier herrscht ein besonders kühles und feuchtes Klima, in dem sich teilweise eine Vegetation entwickelt hat, die sonst nur in der Arktis zu finden ist.

Ein Abstieg oder Durchwandern des Canyon ist nicht möglich, da er komplett unter Schutz gestellt wurde. Neben Vögeln, Schmetterlingen und anderem Getier schlängelt sich auch eine Schlange über den Weg, beim Näherkommen flüchtet sie jedoch schnell in den Dschungel.

Nicht so das Streifenhörnchen,

das wir einige Kilometer weiter am Denkmal zu Ehren des behinderten Marathonläufers Terry Fox entdecken. Terry Fox war mit 18 an Krebs erkrankt, und ihm musste ein Bein amputiert worden. Mit einer Beinprothese startete er am 12.04.1980 den Marathon of Hope, um einerseits Lebensmut zu beweisen und andererseits Geld zu sammeln für die Krebsforschung. Der Lauf sollte eigentlich von Newfoundland bis Vancouver Island gehen mit Tagesetappen von 42 km. Im Laufe dieser Strecke wurde Terry regelrecht zum Volkshelden, und an den Tagesendpunkten wurde er von einer zunehmend größeren Volksmenge gefeiert und zum Durchhalten ermutigt. Der Krebs kam jedoch zurück und nach 143 Tagen musste er den Lauf bei Thunder Bay abbrechen. Er wurde 22 Jahre alt.

Thunder Bay empfängt uns standesgemäß mit „thunderstorm“. Bedrohlich dunkle Wolkenwände brauen sich zusammen und formieren sich zu einer gewaltigen Gewitterwalze, die uns zu überrollen droht.

Wir flüchten in die Touri-Info. Auf Empfehlung der netten Mädels steuern wir wieder einmal Campground Wal-Mart an. Wir richten uns an Gully 3 für die Nacht ein (könnte wichtig werden, wegen der fehlenden Dumpstation). Bei leckeren Garnelen mit Ajoli auf Toast beobachten wir, wie sich der Parkplatz langsam füllt, nicht etwa mit PKWs einkaufswilliger Kunden, nein, ein WoMo nach dem anderen, auch die Giga-Ausführungen, richten sich hier für die Nacht ein.

Es ist schon bemerkenswert, dass an den Touristen-Informationen und sonstigen öffentlichen Einrichtung Overnightstanding ausdrücklich verboten ist und hier beim Supermarket sich das fahrende Volk dann einfindet. Dies ist wohl damit zu begründen, dass Mister Wal-Mart ein großer Motorhome-Fan ist und schon vor etlichen Jahren eine Dikret für seine Filialen erlassen hat, dass allen Wohnmobilisten eine Übernachtung auf seinen Parkplätzen erlaubt, sehr lobenswert. Natürlich ist das nicht so ganz uneigennützig. Auch Camper brauchen Lebensmittel, Getränke und vieles mehr.

27. Juni! Es ist ein besonderer Tag. 1 Monat ist es her, dass Lothar die Herzklinik verlassen durfte und wir tags drauf in die Neue Welt gestartet sind. Eine Dose Schwarzbrot der streng limitierten Schmuggelware darf geöffnet werden. Schinken mit Schwarzbrot! Einfach nur köstlich! So gerüstet starten wir in den Tag.

Die Besichtigung des berühmten Fort William müssen wir uns jedoch verkneifen. Das wieder aufgebaute Palisadenfort soll zwar eins der besten „lebenden“ Museen Kanadas sein, liegt aber in der prallen Mittagssonne. Ein Rundgang dauert nach Auskunft 1 ½ bis 2 Std. Nach der gestrigen Erfahrung im Canyon, für Lothar ein von seinem Kardiologen untersagtes Unterfangen. Also verkneifen wir uns die Besichtigung. Wir hätten doch unseren AOK-Shopper mitnehmen sollen; allerdings wohin mit diesem Ding? Das nächste WoMo wird eine AOK-Shopper-Garage haben!

Mittagszeit, da kommt uns der Wasserfall mit seiner Picnic Area wie gerufen. Ein wirklich schöner Wasserfall, er soll der größte in Nord-Ontario sein.

Hier treffen wir auch Anja, die ihren Truck mit Trailer gegen dieses ökologische Gefährt eingetauscht hat.

Sie ist mit ihrem Fahrrad zu einer Benefiztour gestartet für www.sunshine.ca „Help us make a child’s dream come true“, leider haben sich die Sponsoren wohl zurück gezogen.

Gewitter zieht auf, prasselnde Schauer und stechende Sonne im Wechsel, so erreichen wir die Wasserscheide zwischen Atlantik und Pazifik

und wenig später den Zeitzonenwechsel bei 90° westliche Länge.

Kilometerstand 377.300, 16:30 Uhr Ortszeit, wir passieren die Provinzgrenze Ontario / Manitoba. 13 Tage und 3.157 km Ontario liegen hinter uns. Ontario verabschiedet uns mit Nieselregen und dicken Wolken.

Uns erwartet die Prärie von Manitoba und Sonne.

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1 Antwort zu Ontario: Locks und Lake Superior

  1. Rita sagt:

    Liebe Fan-Gemeinde,
    der Fehler ist behoben. Vielen Dank an Gerhild für den Hinweis. Leider hatte sich die Internetverbindung während der Bearbeitung verabschiedet. Daher wurden nicht alle „Anordnungen“ ausgeführt. Nun könnt ihr gerne euren Kommentar zu diesem oder auch anderen Artikeln schreiben.
    Liebe Grüße Rita

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