Ontario: Mennoniten, Hurons und Jesuiten

Die Gegend um die Stadt Kitchener/Waterloo ist in Kanada auch als German Capital bekannt, hieß sie doch früher vor dem 1.Weltkrieg sogar Berlin. Die deutschen Traditionen werden noch immer sehr hoch gehalten. Wie könnte es da anders sein, als dass hier das zweitgrößte Oktoberfest nach Blumenau in Brasilien außerhalb Deutschlands zünftig in waschechten Dirndl und Krachledernen gefeiert wird.

Weniger bierselig geht es bei anderen deutschen Immigranten zu, den Mennoniten. Sie folgten den Glaubenslehren von Menno Simons, der im 16.Jahrhundert ihr Bischof war. Ursprünglich lebten sie in Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz, von wo sie jedoch vertrieben wurden. Sie emigrierten zunächst nach Russland. Aber auch hier wurden sie verfolgt, sodass sie über die USA schließlich nach Canada auswanderten.

Im Raum Kitchener wurden die Mennoniten wegen ihrer traditionellen Lebensweise und ihren hochwertigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu einer Art Touristenattraktion. Auch wir konnten uns diesem nicht entziehen und haben den „Farmersmarket“ in St. Jakobs (ehemals Jakobsstädtle) besucht. Bei der Fülle an super frischen und leckeren Gemüse- und Obstsorten und richtig guter Wurst konnten wir uns nur schwer zurückhalten. Aber irgendwann mussten wir erkennen, dass unser Bordkühlschrank nur ein kleines WoMo-Kühlgerät ist und nicht eine typisch amerikanische Giga-Ausführung. Also mussten wir uns im wesentlichen aufs Bummeln und Fotos schießen beschränken.

In ihrer traditionellen Tracht bieten die Mennoniten ihre Waren an. Aber nicht nur Frisches aus dem heimischen Garten liegt auf den Verkaufstischen, auch Modernes wird hier von Mennoniten Frauen und Mädchen offeriert.

Ihre schwarzen Pferdekutschen im modernen, schnellen Straßenverkehr wirken wie aus einer anderen Welt, weswegen auch häufig durch entsprechende Schilder am Straßenrand gewarnt wird: „Vorsicht, Pferdekutschen!“

In der örtlichen Touristeninformation gibt es eine wirklich gute und lohnenswerte Ausstellung zum Wesen und Wirken der Mennoniten, die wir uns natürlich auch angesehen haben.

Weiter geht unser Weg zur Georgian Bay des Lake Huron, das Land der Huronen. Huronen ist der Name, den die Europäer diesem Volk gegeben haben und bedeutet in etwa Rohlinge, wohl wegen der wilden Haartracht der Männer. Die Huronen nannten sich selber Wendat oder Quendat, was soviel bedeutet wie Inselbewohner. Sie waren ein hervorragend organisiertes Bauernvolk, gleichzeitig geschäftstüchtig und mit ihren Birkenrindenkanus auf langen Handelsstrecken bis zu den äußersten Grenzen der Hudson-Bay und zum St.-Lorenz-Golf unterwegs.

Ab 1300 n. Chr. haben sie über 300 Jahre durch Zusammenschlüsse und Verhandlungen ein Bündnis in Form einer Konföderation geschaffen, das letztlich 4 Nationen beinhaltete. Jede Nation sandte Abgeordnete zum Rat der Liga, die aus 52 Mitgliedern bestand.

Diese Fähigkeiten waren natürlich auch für die Europäer interessant, und die Einheimischen teilten ihr Wissen. 50 Jahre nach Gründung von Québec durch die Franzosen und Vereinbarung einer Handelsallianz zwischen Franzosen und Huronen hatte sich das Volk der Huronen und ihre Gesellschaft so verändert, dass es zur Auflösung des 4 Nationen-Völkerbundes führte.

Im „Huron Indian Village“, ein Museumsdorf in Midland, wird das Leben und Wirken der Indianer vor Ankunft der Europäer eindrucksvoll dargestellt.

Die Hurons lebten mit der erweiterten Familie als Clan zusammen in einem sog. Langhaus. Hier spielte sich fast das ganze Leben ab, hier wurde geschlafen, gekocht und gegessen, hier wurden Lebensmittel, Fälle und Häute gelagert, hier wurden Treffen und Zeremonien abgehalten. Mit dieser Form des Zusammenlebens wurden die Fähigkeiten, zu teilen und zu kommunizieren, sehr hoch geschätzt.

Für gemeinsame Gebete während religiöser Zeremonien und Heilungsriten begaben sich die Hurons in die Schwitzhütte. Steine wurden dabei erhitzt und nach jedem Gebet mit Wasser begossen. Die dadurch entstehende Hitze und der Dampf reinigten Körper und Seele.

Spiele nahmen im Leben der Dorfgemeinschaft einen wichtigen Stellenwert ein. Die Clans versammelten sich zum Spielen, die oft während der religiösen Zeremonien stattfanden. Dieses Spiel „Ente auf einem Stein“ ist vergleichbar mit unserem Kegeln. Mit diesem Spiel sollten z.B. Koordination, Durchhaltevermögen und Konzentration entwickelt und trainiert werden.

Außerhalb des Dorfes, dass mit hohen Palisaden geschützt wurde, hatten Hurons ihre Felder angelegt. Mais, Bohnen und Kürbis wurden zusammen in einen kleinen Hügel gepflanzt,um die Pflanzen optimal mit Wasser und Nährstoffen zu versorgen.

Der 1540 von Ignatius von Loyala gegründete Jesuitenorden hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den katholischen Glauben weltweit zu verbreiten. Die Missionare sahen die Einheimischen hier wie andernorts als ein Volk an, das seiner selbst willen errettet werden müsse, indem es dem römischen Glauben zugeführt werde. Dabei half den Jesuiten ihre hervorragende Ausbildung in vielen Fachgebieten, sodass sie neben der „einzig richtigen Glaubenslehre“ auch etwas Praktisches anzubieten hatten.

So auch in „Sainte-Marie among the Hurons“, das 1639 von französischen Jesuiten gegründet wurde. Neben der missionarischen Aufgabe war es den Jesuiten immer wichtig, unabhängig leben zu können. Dafür mussten sie viel von den einheimischen Wendat lernen, die einerseits willig ihr Wissen teilten und andererseits den neuen Glauben annahmen. Der Besuch der rekonstruierten, wie ein Fort ausgebauten Mission gibt uns sehr gute Einblicke in die hiesigen Lebensverhältnisse vor rund 375 Jahren.

Für die Wendat tödliche Krankheiten wie Grippe, Masern und Pocken überschatteten die Gemeinschaft. So geschwächt konnten sie Mitte des 17. Jahrhunderts dem Angriff der Irokesen, den Erzfeinden, auf die Missionsstation nicht standhalten. 8 der Missionare wurden getötet. Sie wurden später als Märtyrer heiliggesprochen. Ihnen zu Ehren wurde gegenüber der Mission eine Kirche mit den berühmten weißen Zwillingstürmen als „Martyrs’ Shrine“ errichtet.

Wenn man sich die Kirchenfenster genauer betrachtet, so stellt man erstaunt fest, dass nicht nur die üblichen biblischen Themen in die Gestaltung eingeflossen sind, sondern auch die besonderen Aspekte des guten Miteinanders von Hurons und Jesuiten.

Nach so viel Kultur ist noch mal ein Campground angesagt. Entlang des TCH 1 sind diverse an der Straße ausgeschildert. Nur den, den wir uns aus dem Campingführer der Provinz ausgesucht haben, finden wir nicht. Macht aber gar nix. Die freundliche Dame vom „Ragner Bay Trailer Park“ hat auch ein schönes Plätzchen mit Strom, Wasser und Abwasser, also ein „3 Way Site“, für nur 30 $.

Wir nutzen am nächsten Morgen die Gelegenheit zum Putz- und Flickeinsatz, einschließlich Berichte schreiben. Nachmittags starten wir dann noch mal auf dem Hyw durch, es nieselt, es regnet, es nebelt.

Bei solchem Wetter erreichen wir fast im Blindflug Blind River.

An der Touristeninformation mit Museum gibt es einen Picknickplatz, an dem wir uns für die Nacht einrichten wollen. „No Overnightstanding“! Schitt!

Während wir da nun so dumm herumstehen, kommt ein Pärchen mittleren Alters – jeder einen Becher Kaffee und eine einzelne Zigarette in der Hand – und fragt nach dem Woher und Wohin. Nach dem üblichen Gesprächsverlauf fragen wir die beiden, wo wir denn über Nacht uns hinstellen können. „Natürlich, auf der anderen Seite des Parkplatzes“ tönt es fröhlich von den beiden. Wir werden von der Lady eingewiesen, just unter das Schild „No Camping, No Overnightstanding“! Unsere Bedenken zerstreut sie grinsend, „es ist keine Saison, die TourInfo ist geschlossen“. Mit diesen Worten verschwinden die beiden in das Museum, das ebenfalls an diesem Parkplatz liegt und ebenfalls noch geschlossen ist. Zuvor offeriert uns der Mister noch die kostenlose Nutzung der „Dampstation“ (Klöchenentleerungsanlage). Haben wir ein Glück!

Und morgen geht’s weiter nach Sault Saint Marie, die Locks besichtigen.

 

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5 Antworten zu Ontario: Mennoniten, Hurons und Jesuiten

  1. Gerd sagt:

    Hallo Ihr Drei!
    Eure Berichte sind immer Super. Schön , daß es alles klappt. Ich bin in 14Tagen in Lappland u. Norwegen.Weiterhin viel Glück . Gerd

  2. Gerhild & Harald sagt:

    Hallo ihr tapferen 3!
    Ja klar, als ich (Gerhild) das Foto vom idyllischen Lake Superior gesehen habe und ihr vom Baden geschrieben habt, habe ich gleich an Mücken gedacht. Kenn ich – mich stechen sie immer und Harald kann meist ruhig weiterschlafen! Wälder und Seen sind wohl ein Eldorado für die kleinen Stecher und Beißer und je geringer die Bevölkerungsdichte umso größer die Populationsdichte dieser Quälgeister. Reicht da das Fliegengitter? Ich glaube nicht, dass man sich wirklich schützen kann (es sei denn, man hat seine Frau dabei ;-)).
    Schön, was wir von euch sonst noch so alles über Ontario erfahren haben und das schließt auch die Informationen über Mennoniten, Hurons und Jesuiten ein. Da wir noch weniger über Manitoba und Saskatchewan (das es das überhaupt gibt!) wissen, bleiben wir weiter gespannt.
    Na jedenfalls gibt es Sommerweizen, Sommerraps, Flachs, Sonnenblumen, Kartoffeln, Sommergerste und Hafer in Manitoba – da könnt ihr es mit dem Brotbacken noch mal probieren. Die Backofentemperatur war wohl nur ein bisschen hoch, ansonsten finden wir das schon toll. Wir wünschen euch weniger Mücken (mehr Ackerland hilft da vielleicht), keine Tornados (die soll es im Süden von Manitoba schon mal geben) und eine ausreichend stabile gesundheitliche Konstitution. Weiterhin einen guten Weg wünschen euch Gerhild und Harald

    Eigentlich gehört der Kommentar ja nicht genau hierhin, aber da die Funktion beim aktuellsten Bericht deaktiviert war/ist haben wir uns hier reingehängt.

  3. Kanalratte sagt:

    Hallo ihr Lieben!

    Sorry , ich antworte etwas spät aber einerseits ist eure neue Kommentarleiste deaktiviert !!!`??(what has happened?) und 2. ….nun ja, es ist soweit.. Wir sind wieder Opa und Oma geworden. Für alle Nichtbeteiligten wahrscheinlich nur ein Achselzucken wert , aber für uns wunderbar. Am 13.7.13 ist unser Enkel Bennet-Eric Teubner geboren worden. Ein strammer Bub von 3880 g mit einem beachtlichen Schniedel. Also, von mir hat er den nicht. Kerngesund und supersüß.Hat sich gleich beim ersten Mal über den Kopf gepinkelt. Na, bravo.Da waren wir natürlich erstmal hin und weg in jeder Beziehung, örtlich wie mental..
    So, heute wieder vor Ort, durfte ich dann die beachtliche neue Entwicklung im Blog bestaunen, mit für mich erstaunlichen , aber auch teils vertrauten Bildern. Irgendwie alles bergisch oder wie oder was….Ein bisschen größer, ne Spur, obwohl..Zumindest kommt mir das Klima irgendwie vertraut vor.
    Naja. Die Mennoniten fand ich faszinierend, könnte mich an so eine Lebensart auch gewöhnen.Man könnte schön abschalten(Für 14 Tage)ansonsten macht ihr ja ganz schön Strecke. Armer 3. Oldie. Die Landschaftsbilder und kulturellen Eindrücke sind ganz nach meinem Geschmack. Schön , dass ich da ein wenig mitsurfen kann. Apropos surfen.. nein , fang ich nicht mehr an, aber wir sind jetzt auch mal weg. Am 26.7 kommen die Italiener für 1 Woche nach Hannover, dann rächen wir uns und fallen über sie in Italien her. Auf dem Rückweg werde ich noch ein paar Tage mit Rolf in Holland segeln gehen, dann ist Sommerfest in Steinhude. Aktuelle Großwetterlage.: Hochsommer, Temp bis 30 Grad. Kanaltemperatur 23 Grad, Steinhude 25 Grad !!!Wassertemperatur und noch randvoll vom diluvialen Regen der Maiperiode.. Rita segelt jetzt mit und hat Spaß. Bin ganz glücklich. Ich hoffe, die Mückenplage frisst euch nicht auf. In meinem Jagdrevier war es allerdings katastrophal. Bin auf den höchsten Ansitz geflüchtet und war dennoch zerstochen wie Sau. Allerdings hatte ich auch das wunderbare Erlebnis 28 Weißstörche und 3 Schwarzstörche auf Spuckweite beobachten zu können. Ein paar(weibliche) Rehe lümmelten sich zwar auch rum , haben aber Schonzeit. Die Schweinebande wusste das !!!!: Sorry, wenn ich so viel von hier schreibe, aber da seid ihr ja selbst und die Bilder sprechen für sich. ich geniesse es jedenfalls und bin dafür sehr dankbar. Aber vielleicht seid ihr ja auch mal über ein paar Eindrücke aus good old germany erfreut.
    In diesem Sinne continue heading forward for adventure, good luck and a smooth trip……
    …………yours sincerely“ channel rat “ Walter

    • Gerhild & Harald sagt:

      Hallo Walter, schön, dass an dem neuen Erdenbürger alles dran ist! Wir wünschen ihm eine glückliche Zukunft und gratulieren den Eltern und natürlich euch, den „Doppelgroßeltern“ ganz herzlich. Gerhild und Harald

  4. Rita sagt:

    Lieber Walter,
    zunächst einmal herzlichen Glückwunsch euch und insbesondere den sicherlich glücklichen Eltern zur weiteren Vervollständigung der Teubnersippe. Auch wenn ich (wir) „nicht beteiligt“ im engeren Sinne sind, freute es uns doch, wenn so ein kleines Kerlchen gesund und munter zur Welt kommt.
    „28 Weißstörche und 3 Schwarzstörche auf Spuckweite“, na die müssen sich ganz schön gedrängelt haben so im Zirkelschlag um dich herum – oder kannst du weiter spucken als pinkeln 😉
    Zum Wetter: man glaubt ja gar nicht. wie heiß es in Canada sein kann. Da fahren wir extra hier herauf, um den Temperaturen wie in den Tropen zu entgehen, und was erleben wir: 40° C und darüber. Ab und zu unterbrochen durch massive Wärmegewitter und immer begleitet von Myriaden von Mücken, die sind immer durstig!
    Um die Kommentarmöglichkeiten wird sich wahrscheinlich Christian kümmern müssen.
    Von hier -Fort St. John, BC, – herzliche Grüße an alle
    Rita und Lothar

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