Die letzte Etappe

Die Grande Africa, nicht nur äußerlich ein anderes Schiff, nein auch die Menschen hier an Bord und das Bordleben unterscheidet sich erheblich von dem, was wir auf der Repubblica del Brasil erlebt haben.
Alle sind hier sehr fröhlich und ungezwungen, es herrscht ein lockerer, freundlicher und fröhlicher Umgangston zwischen allen, auch zwischen Mannschaft und den Offizieren. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Offiziere nicht in Uniform ihre Autorität herausstreichen, sondern locker in kurzer Hose und T-Shirt ihren Job machen. Natürlich, wenn wir in irgendeinen Hafen einlaufen, dann zieht auch der Kapitän sein offizielles Hemd mit den Schulterklappen an.

Der Kapitän und ein Teil der Mannschaft kommt aus Schweden, der größte Teil sind jedoch Philippinen. Uns ist völlig unbegreiflich, warum so oft über diese Seefahrer so arg die Nase gerümpft wird. Soweit wir es beurteilen können, sind sie fleißig, machen ihre Arbeit ordentlich, sind immer freundlich und fröhlich. Fast alle Philippinos an Bord der Africa sprechen ein gut verständliches Englisch. Abends sitzen die „einfachen „Decksarbeiter“, Matrosen nannte man sie wohl früher, in ihrer Freiwache manchmal auf „ihrem Deck“, trinken ein Feierabendbierchen, hören Musik und plaudern. Sie laden uns ein, uns dazuzugesellen. Es sind lustige Abende, manchmal sogar mit Karaoke, manchmal einfach so. Sie erzählen aus ihrem Leben als Seemann, sie erzählen von ihren Familien, sie erzählen von ihrem Heimweh und dies besonders zur Weihnachtszeit. Der ganz überwiegende Teil der Crew ist schon viele Monate auf See, und viele haben Heimweh, das mehr oder weniger offen zutage tritt. Da ist es schon schwer, tröstende Worte zu finden, insbesondere in der Vorweihnachtszeit, wenn die Lieben daheim, die Familie, die Frau, die Kinder so weit weg sind, und ein Wiedersehen erst im Februar ansteht.

Auch an besonderen Ereignissen lassen sie uns teilhaben. Einer der philippinischen Offiziere ist Vater eines gesunden Jungen geworden. Er lässt alle an seiner Freude teilhaben und spendiert zum Abendessen die Getränke, Wein und Bier. Später gibt es noch eine Party in der Mannschaftsmesse mit Karaoke-Musik und von Lothar handmade music.

Ein ganz besonderes Event ist die große Party am Äquator. Die gesamte Mannschaft hat frei, auf der Brücke und im Maschinenraum gibt es nur eine Minimalbesatzung. Bereits Freitagabend sitzt ein Teil auf dem Mannschaftsdeck und lässt es sich gut gehen. Mikael, der Kapitän, und Mats, der Bosun, genannt „Bos“ erklären: „die Jungs tun tagein, tagaus ihre Arbeit von morgens bis abends und sie tun es gut. Da ist es wichtig, dass sie auch mal eine Pause einlegen und feiern!“ Es ist also kein spezielles Belustigungsprogramm für uns 5 Passagiere, nein es ist eine Party für eine gute Mannschaft!

Samstagnachmittag ist zunächst Poolparty angesagt,

ja, auf diesem genialen Schiff gibt es auch einen Pool.

Kapitän und Bosun haben sich auch diverse Spiele für’s seefahrende Volk einfallen lassen. Aber der Höhepunkt dieser Party ist das Barbeque am Abend. Lange Tische, 2 große Grills stehen am Mannschaftsdeck. Der philippinische Koch hat allerlei Leckereien vorbereitet.

Manch einen hat dieser Tag ganz schön angestrengt,

oder ist es die Ruhe vor dem Sturm? Denn nun wird das Tanzbein geschwungen.

Es ist schon ganz schön lustig. Da schippert so ein Riesenkahn mitten auf dem Atlantik mit 16 kn gemächlich durch die sternenklare Nacht, und an Deck steppt der Bär.
Wie im richtigen Leben ist für den nächsten Tag ausschlafen angesagt: 10.00 gibt es Brunch und 15:00 Supper :-). Und um 18:20 OT stehen wir auf der Brücke, während wir den Äquator passieren bei W 026°21,069’.

Außerhalb der 12 Meilen Zone öffnet Mikael, der Kapitän, mindestens ein Mal die Woche seinen Dutyfree-Shop, hier „Slop Chest“ genannt, in der wörtlichen Übersetzung: „Ausschüttkasten“. Getränke, Schnakereien, Sanitärartikel, alles zum Einkaufspreis und steuerfrei; eine wirklich gute Einrichtung. Brauchen wir doch nicht wie auf der Herfahrt alles zu Fuß an Bord zu schleppen.

Nach mehreren Tagen Blauwasser quer über den Atlantik begrüßen uns die ersten Vorboten des afrikanischen Kontinents, zwei Möwen kommen uns entgegen geflogen. Sie haben entweder einen langen Flug von mehreren -zig Kilometern hinter sich, oder sie kommen von einem anderen Schiff, auf dem sie als blinde Passagiere mitgereist sind. Später kommen Heuschrecken und Schmetterlinge aufs Schiff, und dann taucht über der Kimm die schmale Silouhette von Dakar, Senegal, aus dem Morgendunst auf, westlichste Stadt Afrikas mit über 1 Mio Einwohnern.

Kurz darauf fahren wir vorbei an der vorgelagerten Insel Gorée, die wie kaum ein anderer Ort die Geschichte der Sklaverei in Westafrika verkörpert. Seit den siebziger Jahren ist die senegalesische Regierung bemüht, die Insel als Treffpunkt verschiedenster Kulturen zu fördern. Im September 1978 wurde die ehemalige Sklaveninsel von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. (sehr informativ der „Zeit“-Artikel vom 07.03.1997: http://www.zeit.de/1997/11/Die_Sklaveninsel/komplettansicht )

Die letzten zwei Tage sind wir nur mit halber Kraft gefahren, weil es in Dakar zu einem Stau bei den Ent- und Beladungsarbeiten gekommen ist. Trotzdem müssen wir erst einmal wieder vor Anker gehen und abwarten, bis wir dran sind

Einer der phillipinischen Arbeiter hat Geburtstag. Die Mannschaft hat fangfrische Fische gekauft von den senegalesischen Einheimischen, deren bunt bemalte, lange, schmale Boote uns umkreisen, und die natürlich an einem solchen Geschäft hoch interessiert sind. In ihren Pirogen fahren sie teilweise bis zu 100 km auf den Atlantik hinaus und kommen erst nach 2 bis 3 Übernachtungen in den offenen Booten zurück. Und nicht immer haben sich die Strapazen auch gelohnt.

Vom achterlichen Mooring Deck, das ist die Halle mit den schweren Winschen für die Landleinen und den Anker, halten einige der Jungs eine Angelschnur ins Wasser und sind auch tatsächlich erfolgreich. Flugs wird der BBQ angeworfen

und von irgendwo kommt eine Kiste Bier her. Natürlich sind wir eingeladen mitzutun – hätten wir doch nicht schon so gut zu Abend gegessen :-). Es ist wieder einmal so ein Spontanevent, das den guten Geist dieser schwedisch/phillipinischen Mannschaft ausmacht. Da bedarf es keiner professionellen Animateure.

Bei einer dieser Gelegenheiten fragen wir Mats, den schwedischen Bosun (Vorarbeiter der Schiffsbesatzung), ob er ein bisschen Farbe für unseren 3. Oldie übrig hat. Es sind doch ein paar Roststellen zu behandeln und die Macken vom Steinschlag auf den südamerikanischen Pisten. Und das ist im Winter bei uns auf der Straße nicht unbedingt der wahre Jakob.

Aber natürlich, kein Problem, wir sollen ihn nur daran erinnern, wenn es soweit ist. Gesagt, getan, wir machen uns daran, die Stellen mit Sandpapier zu schleifen, und 2 Tage später können wir zweimal grundieren. Wieder einen Tag später streichen wir zwei Mal Lack, und schon ist der Schaden vorläufig behoben, bis im Frühjahr die Generalüberholung kommt.

„Rolling Home, …“ im wahrsten Sinne des Wortes. Trotz seiner immerhin 56.700 BRT stampft und schlingert das Schiff in den atlantischen Wellenbergen entlang der portugiesischen und spanischen Küste nach Norden. Ab La Coruña, Galicien, geht’s quer durch die Biscaya Richtung Bretagne, und es bebt und zittert und vibriert. Wir haben schwere See und der Sturm heult um die Schiffsaufbauten. Wir bekommen die Ausläufer eines mächtigen Sturmtiefs südlich Irland zu spüren.

Der Captain hat halbe Fahrt angeordnet, damit es nicht ganz so rau wird, und damit ist natürlich auch das hehre Ziel, Dakar – Emden in 7 Tagen zu schaffen, hinfällig. Man munkelt inzwischen von ETA Hamburg nicht vor dem 21.12.

Inzwischen verschütten ungeübte Passagiere ihren Wein beim Abendessen quer durch die Messe. Alle gehen ein bisschen breitbeiniger und sind froh, dass die Gänge auf dem Schiff relativ schmal sind, damit man sich rechts und links abstützen kann. Je nach Lage des Schiffes läuft man aber berauf oder bergab, der Schritt wird unwillkürlich gestoppt oder beschleunigt, man muss aufpassen, dass man die nächste Kurve kriegt.

Irgendwann abends, als wir uns mal wieder in der Offiziersmesse mit Lukas zum Canaster treffen, stellen wir fest, dass der Bodenablauf in „unserer“ Spülküche verstopft ist. Ekelige Abwasserbrühe schwappt von rechts nach links und wieder zurück und stinkt erbärmlich. Wir geben Meldung an die Brücke, und kurz darauf kommt auch tatsächlich ein Reparaturteam, das unter den kritischen Augen von Mats eine provisorische Lösung findet. Der Bodenablauf wird mit einem Pflog verstopft, das schappende Abwasser mit einer zum Ösfass umfunktionierten Blechdose aufgenommen und per Pütz über Bord transportiert.

Auch in der großen Kochküche schwappt das Abwasser, dieses Problem wird aber auf morgen vertagt. Mehrere große Europaletten schaffen vorläufige Begehbarkeit. Am nächsten Tag geht man die Sache mit Pumpen an, und Angelito, unser Chefkoch. braucht nicht mehr mit Gummistiefeln in seiner Küche herumzuwaten.

Auch Catherin, unsere Messwoman, hat mit dem Schlingern des Schiffes keine Probleme und präsentiert gekonnt den Mittagstisch, u. a. mit Fischköpfen, die wir gern den phillipinischen Offizieren überlassen.

In der Crewmesse wird es weihnachtlich. Unter das reich geschmückte Tannenbäumchen legen wir unsere Präsente ab und heimsen den Lob für unsere kunstvolle Verzierung ein.

In Emden legen wir einen kurzen Zwischenaufenthalt ein. Die Sonne scheint, aber es ist saukalt, jedenfalls empfinden wir das so. Wir kommen vorbei an großen Feldern mit Windkraftanlagen und haben noch einmal den Blick auf das „Mare del coche“, diesmal in Deutschland.

In diesem Hafen ist man mit einem so großen Schiff von den Gezeiten abhängig. Und so erleben wir Ebbe und Flut, bis wir abends bei Hochwasser wieder anlegen können.

Am 20.12. laufen wir pünktlich zum Frühstück in Hamburg ein. Schneeregen empfängt uns, alles ist grau in grau.

Der Kapitän schmückt sich mit Schulterstücken, ein Anblick, der die letzten vier Wochen ausgesprochen selten war.

Die letzten Formalitäten an Bord werden erledigt, die letzten Utensilien werden ausgeräumt und im LT verstaut. Und dann kommt auch schon die Durchsage, dass wir von Bord können. Unser LT springt trotz alter Batterie ohne Probleme an, wohl auch Dank des Aufladegerätes, das ich vor Fahrtbeginn eingebaut habe.

Die Zollformalitäten gestalten sich für uns etwas aufwändiger als für unsere Mitreisenden. Mit Begleitschutz fahren wir zunächst kreuz und quer durch die Containerfelder zum Zollgebäude. Dann, im Zollgebäude, erfahren wir allerdings, dass wir mit unserem LT als Reisende auf der Grande Africa gar nicht erfasst sind, wir sind sozusagen schwarz gefahren. Dies könne nur nach telefonischer Anfrage bei Grimaldi geklärt werden, und die müssten dann eine schriftliche Bestätigung schicken. Leider ist dort Mittagspause, und wir müssen uns eine Stunde gedulden.

In der Zwischenzeit kommen zwei Zollbeamte, um zu überprüfen, ob der LT auch wirklich der LT ist, der in unseren Papieren steht. Bei dem Schietwetter begnügen sie sich allerdings mit einer ausgesprochen flüchtigen Inaugenscheinnahme. Was wir im Auto haben, interessiert sie überhaupt nicht (und was haben wir uns für Gedanken gemacht, was wir einführen können und was nicht 🙂 )

Nach einer Stunde Warten in unserem WoMo legen wir unsere Warnwesten an und gehen nachfragen. Dabei unterlaufen wir eine Schranke. Das ruft den Sicherheitsdienst auf den Plan, der uns zusammenstaucht. Offensichtlich haben wir ein Sakrileg begangen. Wir haben das Gefühl, dass wir uns hier in einem Hochsicherheitstrakt befinden, in dem wir uns nicht frei bewegen können, sondern wieder nur mit Begleitschutz. Die Nachfrage nach der Zollfreigabe unseres 3. Oldies wird negativ beschieden und wir verabreden mit der freundlichen Dame am Schalter, dass sie uns über Handy benachrichtigt, wen die erforderlichen Papiere von Grimaldi eingetroffen sind.

Wieder eine halbe Stunde später ist es dann soweit. Die Papiere sind da, wir können das Zollgelände verlassen. Lothar nimmt Platz in seinem Therapiesessel und los geht’s. Knapp 400 km bis nach Hause. Wir kommen gut voran und können uns eine ausgiebige Mittagspause in einem Autohof leisten. Bei der Weiterfahrt wird uns erstmalig weihnachtlich zumute. Rechts und links der Autobahn ist die Landschaft weiß gepudert und Lothar kommt das Lied in den Sinn: „Coming home for Christmas“.

Punkt 18:00 Uhr laufen wir in RS ein. Selbst auf den Straßen liegt 10 cm Schnee. Von unseren Nachbarn werden wir auf das Herzlichste empfangen. Bei Klaus und Christa gibt’s zum Empfang ein paar Tässchen heimisches Cerveza und ein scharfes Asia-Süppchen, eine lieb gewonnene Tradition, wenn wir länger weg waren. Ein paar Nachbarn haben unseren LT entdeckt und gesellen sich dazu.

Wir sind angekommen, wir fühlen uns wieder zuhause. Wir feiern Weihnachten im trauten Familienkreis und auch unser Backoffice und die Jungs und Mädels, die beim Haushüten geholfen haben, stellen sich alle noch einmal zum gemeinsamen Feiern und Singen ein.

Eine fantastische Reise voller wunderbarer, unvergesslicher Erlebnisse ist zu Ende gegangen.

Was diese Reise so interessant gemacht hat, waren die Naturereignisse, die historischen Stätten, die gigantischen Bauwerke.

Was diese Reise so wertvoll gemacht hat, waren die Begegnungen mit freundlichen, liebevollen, hilfsbereiten, aufgeschlossenen, neugierigen Menschen.

 

 

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1 Antwort zu Die letzte Etappe

  1. Gerhild & Harald sagt:

    …. da war doch noch was … 😉 …..

    Liebe Rita, lieber Lothar,
    schön, dass ihr euer Reisetagebuch nun auch für uns mit dem Bericht zur Heimfahrt auf der Grande Africa komplettiert habt. Wahrlich eine ganz andere Atmosphäre! Harald lacht gerade über die Fotos, auf denen der Bär steppt.

    Willkommen daheim und euch allen ein gutes Neues Jahr 2012! Gerhild & Harald

    PS: Hallo Walter – now it’s your turn – das letzte Wort gehört Dir – vielleicht 😉

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