Yuquehy bis São Francisco

2011-10-01
Früh morgens Sonne pur hier am Meer, an den Hausstränden von São Paulo und Campinas. Spät abends sind wir gestern hier angekommen. Aus den prognostizierten 2 ½ Std. sind letztendlich 5 Std. ohne Pausen geworden. „Ich habe extra diese Strecke gewählt, weil die landschaftlich viel schöner ist als die andere, die kürzere.“ So Neto zur Verdopplung der Fahrzeit. Schade nur, dass es bereits dunkel war und wir von der Schönheit nix mitbekommen haben.
Egal, heute ist ein sonniger Tag, ideales Strandwetter. Wir machen uns also auf, Sonne, Wind, Wasser und Wellen zu genießen und belegen nahe des besten Camarão-Standes

einen Platz im wunderbar weißen und weichen Strand – fühlt sich unter den Füßen an wie frisch gefallener Schnee, nur viel wärmer. Es dauert auch nicht lange, da wird der erste Caipirinha bestellt. Ein paar in Butter geschwenkte Maiskörner dazu machen den brasilianischen „Frühschoppen“ perfekt. So ausgestattet kann man wunderbar das Geschehen am Strand beobachten.

Sonnen- und Wellenbaden macht hungrig! Die besten Camarão und Fischkipplings des Strandes von Yuquehy werden bestellt.

Dann wieder ein bisschen Sonnen- und Wellenbaden. Es ist ein richtig schöner Faulenzertag.

Leider ziehen am frühen Nachmittag die ersten Wolken auf. Langsam wird es ungemütlich, Carla friert. Die beiden, Carla und Neto gehen zurück in ihre Poussada. Irgendwann reicht es uns auch, und auch wir nehmen wieder unseren Standplatz vor der Poussada ein und nutzen das WiFi-Angebot dort. Später gehen wir feudal essen, da das junge Paar heute seinen 8. Freundschaftstag feiern möchte. Es war ein wunderschöner Abend.

2011-10-02
Die Wolken haben sich über Nacht nicht verzogen. Es wird nur ein kurzer Strandbesuch und gleich nach Mittag machen sich die beiden nach herzlicher Verabschiedung auf den Weg zurück nach Campinas, diesmal den kürzeren Weg. An dieser Stelle noch einmal unseren allerherzlichsten Dank an die ganze Familie Abreu und ganz besonders an Neto! Danke für Kost und Logis, Danke fürs Chauffieren kreuz und quer durch die Stadt, Danke für die Begleitung zu den diversen Ärzten, Danke für die Herzlichkeit, Danke für die Freundschaft! Wir haben uns unglaublich wohl gefühlt!
Auch wir haben keine Lust, bei diesem Wetter am Strand zu liegen und machen uns auf den Weg gen Süden. Aber offensichtlich hatten viele Wochenendurlauber ebenfalls keine Lust mehr am Strand zu liegen. Im Schritttempo schleichen wir Richtung Santos. Irgendwann der Abzweig nach São Paulo und wir haben die Strecke fast für uns alleine. Dank der Garmin-Aufrüstung, die Neto für uns veranlasst hat, werden wir geschickt durch und um alle größeren Orte herumgeleitet. Schließlich stehen wir an der Fluss-Fähre von Bertioga nach Guarujá.
Wir hatten natürlich nicht mitbekommen, dass man das Ticket für die Fähre 500 m weiter vorher kaufen muss. Also kehrt marsch, 1 km zurück und nach 500 m taucht dann tatsächlich am linken Fahrbahnrand eine kleine Bude auf mit „Bilhete de Balsa“. Ticket kaufen und wieder zurück zum Fähranleger. Dort werden wir von einem Brasilianer mit seinen 3 Kindern angesprochen, ob wir Hilfe brauchen. Wir verstehen ihn nicht auf Anhieb. Sofort hilft die älteste Tochter, 10 / 12 Jahre, mit ihren profunden Englischkenntnissen aus. Nein, nein es ist alles OK und wir kommen schon zurecht. Wir plaudern über unsere Reise, typisch brasilianische Süßigkeiten werden gereicht. Wir erfahren auch, dass es in 25 km einen Campingplatz gibt, direkt am Meer, den sollen wir unbedingt aufsuchen, er liegt in „ihrer“ Stadt. Wir fahren auf die Fähre und kommen nach einer ½ Std. auf der anderen Flussseite an.

Inzwischen ist es dämmrig geworden. Die Familie wartet hinter dem Fähranleger auf uns. Wir sind offensichtlich mal wieder adoptiert. Sie bringen uns zum Strand von Guarujá. Leider ist der Campingplatz geschlossen. Aber sogleich überlegen sie eine Alternative. Wir sollen im Hotel Jaques, dem Franzosen, fragen. Dort gäbe es bestimmt eine Übernachtungsmöglichkeit. Es ist das Hotel, in dem wir vor 6 Jahren mit Familie Abreu auf unserer Tour entlang der Costa Verde übernachtet haben. Dort gibt es keinen Parkplatz, also stellen wir uns gegenüber an die Strandpromenade und können bei Meeresrauschen gut schlafen.

2011-10-03
Es war gut, den Garmin aufrüsten zu lassen. Ein bisschen Bammel hatte ich schon, durch Santos und die umliegenden Großstädte zu fahren.

Aber völlig problemlos erreichen wir den einsamen Strand von Peruibé.

Wir beschließen, heute nicht weiter zu fahren. Zum Baden ist es zu kalt, also Kanasterkarten raus. Ergebnis: ich fahre 800 Punkte minus ein, ein sensationelles und bisher unübertroffenes Ergebnis.

2011-10-04
Es ist trüb und diesig. Gleichwohl bleiben wir an der Küste und wollen über Iguapé nach Cananeía, ein Tipp von Ana. Außer normaler Rinderzucht wird hier wohl die Zucht von schwarzglänzenden Wasserbüffeln betrieben.

In Iguapé machen wir an der Flussmündung, oder ist es ein Flussdelta? Mittagspause.

Weiße Reiher sitzen im Buschwerk entlang des Flusses. Von weitem sieht es aus, als hätte der Wind weiße Plastiktüten in die Äste geweht.

Bis wir in Cananeía

einen Standplatz für die Nacht finden, kurven wir ein wenig durch das pittoreske Städtchen auf einer vorgelagerten Insel. Schließlich finden wir einen Platz beim Club Nautico, in direkter Nachbarschaft zu den Bootsschuppen und Wochenendhäusern der etwas besser Verdienenden.

2011-10-05
Wir müssen zurück zur BR 116, d. h. Autobahn. Postos sind hier relativ dünn gesät. Rastplätze gibt es gar nicht. Wir machen an einem erweiterten Standstreifen Mittagspause, immerhin mit Blick in den immergrünen Dschungel.

Südlich von Curitiba fahren wir eine Posto an. Lothars Rückschmerzen haben seit unserem 5 Std.-Ritt von Campinas ans Meer erheblich zugenommen. Die Nacht ist nicht wirklich erholsam. Nicht nur dass LKWs sich den Standplatz in die Hand geben, nein, quälende Schmerzen im Lendenwirbelbereich bis ins linke Bein treiben Lothar immer wieder auf die Bettkante.

2011-10-06
Die Schmerztabletten letzte Nacht haben nicht wirklich geholfen. Es ist Donnerstag. Wir beschließen in Joinville, auf der Karte nur ein Punkt, nach Reiseführer aber 280. 000 EW, eine Klinik aufzusuchen. Erste Hilfe soll laut Reiseführer die Klinik „Hans Dieter Schmidt“ bringen. Diese entpuppt sich nach zwei Stunden Wartezeit jedoch als Nierentransplantationszentrum. Gleichwohl erhält Lothar eine kurze körperliche Untersuchung, ein Rezept für Schmerzmittel und die Vermittlung an einen Orthopäden, falls die Rückenschmerzen nicht besser werden. Sie werden nicht besser, trotz Medikament und Beine hoch in Kästchenlage.  Schließlich machen wir uns auf, die Klinik für Orthopädie zu suchen. Natürlich spricht auch hier kein Mensch englisch oder gar deutsch (Joinville ist eine Stadtgründung deutscher Einwanderer). Die Rezeptionsdamen sind natürlich wieder sehr belustigt, als ich meinen vorbereiteten Zettel vorlege. Doch kurz darauf kommt ein asiatisch aussehender Arzt und meint er spräche japanisch und kein deutsch. Gut, dann versuchen wir doch unser Problem auf die japanische Art zu lösen. Nach diversen diagnostischen Fragen in Englisch erklärt Dr. Ricardo, er brauche ein MRT, ruft auch sogleich in dem Institut an.

Aber zuvor ist noch die Rechnung für seine Bemühungen an der Rezeption zu begleichen. Lothar soll seine brasilianische persönliche Identifikationsnummer angeben. Die hat er natürlich nicht, warum auch? Geht es vielleicht mit der Passnummer? Nein, die passt nicht ins System, es muss eine 9-stellige Ziffernfolge sein, die Passnummer besteht aber vorwiegend aus Buchstaben. Schließlich nach 1 Std. hat man offensichtlich eine Lösung gefunden, dem Computer doch eine Rechnung zu entlocken, die Wirkung der Schmerzspritze hat bereits nachgelassen. Nun aber schnell zum MRT, dort werden wir bereits erwartet, eigentlich ist schon Feierabend, aber die Ärztin macht Überstunden. 10 Min. dauere diese Prozedur, wo sich Lothar nicht bewegen dürfe. Fast eine ½ Std. wird daraus, schlicht die Hölle, völlig bewegungsunfähig kommt er am ganzen Leibe zitternd aus der Röhre. Die Wirkung der Spritze von Dr. Ricardo war natürlich überhaupt nicht mehr vorhanden. Wir erhalten die MRT-Bilder und suchen uns ein ruhiges Laternenplätzchen für die Nacht vor der Klinik für Orthopädie.

2011-10-07
07:00 Uhr stehen wir, Lothar mit schmerzverzerrtem Blick, in der Klinik. Die Tabletten, die Dr. Ricardo verschrieben hatte, haben keine Linderung gebracht. Kurze Zeit später erscheint wie versprochen der Doktor. Diagnose nach MRT: mehrfacher Bandscheibenvorfall! Therapie: weitere Pillen und Schonung! Wie soll diese aussehen? So, wie Sie am wenigsten Schmerzen haben! Keine schwere, körperliche Arbeit – ha-ha. Autofahren durchaus erlaubt mit hinreichenden Pausen. Auf all diese Ratschläge wären wir doch glatt nicht gekommen. Was liegt da näher, als an die einsamen und wilden Strände der Insel São Francisco do Sul zu fahren.
Am späten Nachmittag quartieren wir uns dann auf Tonys Campingplatz ein. Dieser liegt zwar nicht am Strand, ist aber ein schöner Platz für ein paar Tage easy-going. Das Wetter ist eh mehr lausig als sonnig. Tony und seine Frau sind super nett. Wir finden ein ideales Plätzchen zwischen Bäumen, überdachter Grillplatz direkt vor der Tür.

Wenige Meter entfernt umschwirren Kolibris die leuchtend roten Blüten der Hibiskushecke. Warme Duschen und WiFi selbstverständlich.

2011-10-08
Man soll ja immer das Beste aus einer Situation machen. Also ist heute Wäschetag. Tonys Frau verwöhnt uns ständig mit irgendwelchen einheimischen Leckereien in flüssiger und fester Form und natürlich muss auch die wunderbare Grillanlage genutzt werden: der Chef-Churrasquero lädt ein zum leckeren Contrafilet.

Und dann sehen wir seit Monaten die ersten Langzeitreisenden und noch dazu Deutsche. Gabi und Willi, ein sympathisches Pärchen aus Paderborn, sind mit ihrem Toyota seit Juni in Südamerika unterwegs und quartieren sich auch auf Tonys Camping ein. Es wird ein langer Abend mit viel Plaudern auf Deutsch, Erfahrungsaustausch und Tipps für die Weiterreise.

2011-10-09
Letzte Nacht hat es ganz schön geschüttet. Die Wäsche, die gestern nicht mehr trocken wurde, ist jetzt wieder pitschnass. Ich hänge sie unter Dach. Dort wird sie vielleicht bei diesem Wetter nicht wirklich trocken, aber nicht wieder wirklich nass. Die beiden Paderborner laden mich zum Strandspaziergang ein. Lothars Laufvermögen ist mehr als eingeschränkt, vom LT zum Grillplatz, das war’s, für mehr braucht er schon Zwischenstationen zum Sitzen. Es ist kein besonderer Strand, aber ich finde u.a. „Estrellas do Mar“, ganz besonders hübsche Meeresbewohner,

und ein Seeungeheuer, dass ich aber lieber nur fotografiere.

Derweil hat Lothar unseren 3. Oldie bereichert: zwei Schriftzüge „ALEMANHA“. Den letzten Akt kann ich noch für die Daheimgebliebenen festhalten.

Schließlich fahren wir jetzt durch „deutsches Siedlergebiet“.

 

Dieser Beitrag wurde unter Brasilien, Reiseberichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Yuquehy bis São Francisco

  1. Gerhild & Harald sagt:

    Olá viajantes,
    es sah so aus, als hättet ihr ein bisschen Urlaub von Eurer langen Reise gemacht, Relaxen am blauen Meer mit warmen, weißem Sand und hübschen Strandmädels – zumindest im Visier des/der Fotografen, brasilianischem Frühschoppen und in netter Gesellschaft – und nun macht Lothars Rücken Probleme. O que é uma chatice! Wir hoffen, dass sich die mehrfachen Vorfälle durch Schonung und unterstützende Schmerzmittel (vielleicht auch Wärme?) doch noch behandeln lassen, denn alles andere könnt ihr wohl kaum gebrauchen. Nicht schon wieder! Wir wünschen Dir lieber Lothar baldige gute Besserung!

    Mit ein bisschen Mühe haben wir inzwischen auch die Flußfähre von Bertioga nach Guarujá auf der Googlemap gefunden (wo ihr euch so rumtreibt 😉 wir mußten da schon eine starke Vergrößerung anwählen (mehr als für Joinville) – wolltet ihr Santos großräumig umfahren oder hat euch der Garmin dorthin gelockt? Scherz beiseite, wir haben da so unsere Erfahrungen mit dem Navi in Polen gemacht, auch wenn wir letztlich immer dort angekommen sind, wo wir hinwollten – aber wie!

    Neugierig wie ich (Gerhild) bin, habe ich auch mal Infos über den Flußlauf des Rio Ribeira de Iguape gesucht. In der ersten Hälfte des 19. Jhd. ist dort offensichtlich zur Verkürzung des Transportweges zum Meer der Canal Valo Grande gebaut worden, der eine Verbindung zwischen dem Fluss und dem Mar Pequeno geschaffen hat. Sicher seid ihr da schlauer, denn im Internet gibt es nur grausliche Übersetzungen von portugiesischen Texten.
    Wenn wir nun richtig geguckt haben, liegen zwischen Eurem letzten gemeldeten Standort und Buenos Aires ungefähr 1800 km (kürzeste Strecke und um Uruguay herum 🙂 ). Macht’s gut Ihr beiden und einen guten Weg! Gerhild und Harald

  2. Gerhild & Harald sagt:

    Hallo Ihr 2, – wir hätten da mal eine Zwischenfrage: Weil ja im world wide web fast keine Frage unbeantwortet bleibt, wüssten wir nun doch gerne, warum ihr mit der Grande Africa evtl. bis Antwerpen wollt (oder müsst?), wenn sie doch nach dem augenblicklichen Plan schon 4 Tage früher in Hamburg sein soll, oder haben wir da was falsch verstanden?
    Seit heute Nacht sind wir euch eine Stunde näher gekommen, haben aber, da wir spät zu Bett gegangen sind, die „geschenkte“ Stunde heute glatt verschlafen. Nun ja, es gibt schlimmeres.
    Wir schicken euch liebe Grüße vom Niederrhein, wo sich der Oktober wettermäßig von einer ganz manierlichen Seite gezeigt hat, und hoffen, dass wir demnächst mal wieder im Atlas blättern dürfen 😉 Bis dann! Gerhild und Harald

Schreibe einen Kommentar