Campinas, der kulinarische Marathon

2011-09-15
Mit deutscher Pünktlichkeit und brasilianischem Frühstückshunger erscheint Hildo Neto, unser „brasilianischer Sohn“, um 08:00 auf dem Gelände der Tankstelle, wo wir die letzte Nacht vor Campinas verbracht haben. Natürlich gibt es ein heftiges Hallo und wir liegen uns in den Armen, die Wiedersehensfreude ist riesengroß nach 6 Jahren, in denen wir uns nicht gesehen haben.
Ganz in der Nähe findet die alljährliche „Exploflora“ statt, eine Ausstellung von Pflanzen und Blumen mit holländischem Flair. Dorthin will er uns zunächst entführen. In dem kleinen Städtchen Holambra

erwartet uns ein Park mit holländischen Kaffeestuben, Musikkapellen unterhalten uns mit Brass-Musik,

Meisjes in landestypischer Tracht laden zum Einkehrschwung.

In großen Hallen und im Freigelände dazwischen sind Blumen über Blumen, Blumengestecke und mit Blumen geschmückte Alltagsgegenstände ausgestellt.

Historische Fahrzeuge dürfen bei den technikverliebten Brasilianern natürlich auch nicht fehlen.

Nur die Tulpenlandschaften suchen wir vergebens; ist dafür wohl doch nicht das richtige Klima.

Da uns weder die süßen Stückchen der Cafés noch das Angebot der Imbissbuden so wirklich zusagen, gibt es den Lunch in einer Churrascaria in Campinas, und damit beginnt unser kulinarischer Marathon in Campinas. Wir gehen Eis essen und bekommen erste Eindrücke von der Großstadt Campinas – gut, dass wir einen Führer haben.
In der Wohnung von Netos Eltern angekommen, bereitet Mariana, Netos Schwester, erst mal einen ordentlichen Willkommensdrink – Caipirinha mit viel, viel Cachaça.

Cachaça kostet hier umgerechnet 2 € der Liter, kein Wunder, dass weltweit mehr Cachaça getrunken wird als Wodka. Zum Dinner bestellt Neto Riesen-Pizzas noch und nöcher – der Marathon geht weiter.

2011-09-16
Gleich gestern Nachmittag hat Neto noch einen Termin bei Dra. Monica (Dentista und gute Freundin der Familie, und auch uns eine gute alte Bekannte von vor 6 Jahren) für Lothar vereinbaren können. Aber so einfach ist das nicht mit dem bröckelnden Weisheitszahn und den übrigen Kandidaten. Ein Panorama X-Ray muss her; die Entscheidung über die weiteren Schritte wird auf Montag oder Dienstag vertagt.
Nachmittags kommen Netos Eltern Ana und Hildo Junior einen Tag früher als geplant aus ihrem „Spa-Hotel“ zurück. Auch hier nach 6 langen Jahren natürlich großes Hallo und Wiedersehensfreude. Hildo beginnt unverzüglich mit der Zubereitung des Abendessens, hat er doch die letzte Woche in dem Hotel bei schmaler Kost hungern und abspecken müssen.
Weil das Ganze aber naturgemäß noch eine ganze Weile dauert, bis die große Auflaufform mit dem Fischgericht dampfend auf dem Tisch steht, gibt’s zwischendurch schon mal „ein paar Häppchen“, die uns eigentlich als Abendmahlzeit schon ausgereicht hätten. Die Runde um den Küchenarbeits-, -ess- und -allzwecktisch wird immer größer. Nach und nach trudeln sie alle ein: Mariana und Eduardo, Carla und Netos Oma Dona Loli. Feucht und fröhlich geht es dabei zu. Hildos Fischgericht ist phänomenal, aber natürlich ist mal wieder alles viel zu viel. Spät am Abend gibt es noch eine Multi-Media-Show von Netos und Carlas Hochzeit letztes Jahr.

2011-09-17
Obwohl Essengehen eine große Leidenschaft der Brasilianer – und so auch unserer Familie ist, sollten auch die Kühlschränke zuhause bei so vielen hungrigen Mäulern immer gut gefüllt sein. Also auf zum Einkaufen und Schwelgen in Obst und Gemüse.

So ein Einkauf macht natürlich Hunger und so wundert es nicht, dass wir zielstrebig in einem Gartenrestaurant vor den Toren Campinas’ (alles ist hier „ganz in der Nähe“) landen. Mit einem typischen brasilianischen Essen versuchen wir, den drohenden Mangelerscheinungen entgegen zu wirken.

Bis zum Abendessen bleibt noch genügend Zeit, um Marianas und Eduardos Baustelle zu besichtigen. Hier wollen die beiden im nächsten Sommer einziehen. Da ist wohl noch viel zu tun, bis die 240 m² wohnlich und behaglich sind.
Nun wird es aber Zeit, nach Hause zu fahren. Das Dinner muss vorbereitet werden. Wir haben zu deutschem Sauerteigbrot (hier habe ich endlich einen Backofen, der die notwendige Temperatur bringt und das Brot tatsächlich gebacken wird und nicht nur gedörrt!) mit kalter Platte eingeladen. Es wird wieder eine fröhliche Runde. Diesmal sind auch Monica und Nelson mit von der Partie.

2011-09-18
Der absolute Höhepunkt unseres Marathons ist jedoch ein Churrasco bei Neto und Carla auf dem Balkon. Die beiden wohnen am Rand von Campinas in einem neu gebauten Quartier. Um einen großen Grünbereich mit Pool-Anlage sind mehrere Mehrfamilienhäuser gruppiert. Parkplätze und Sportfelder (Tennis, Fußball, Basketball) sorgen für das tägliche Fitnessprogramm. Natürlich ist auch dieses Quartier mit hohen Mauern umgeben. Pförtner und 24 Stunden-Wachdienst sind selbstverständlich. Die Balkone sind alle mit Grillstelle und kleiner Küchenarbeitsplatte ausgestattet.

Die feinsten Fleischstücke werden von Hildo genussvoll zubereitet.
Eindrucksvoll und anschaulich erläutert er uns, welche Stücke er verwendet.

Nach stundenlangem Tafeln kehren wir völlig erschöpft zurück.

2011-09-19
Lothar geht’s heute nicht so gut, viel zu viel gegessen und dann auch noch die Abendmedizin incl. Morphium vergessen. Das kann ja nicht gut gehen.
Mit Ana fahre ich zum nahe gelegenen Lago, um die gestrigen „Sünden“ durch Walken zu kompensieren. Wir nehmen unsere Nordic-Walking Stöcke mit, und Ana ist begeistert von dieser Sportart. Sehr schnell hat sie verstanden, worauf es bei dem Bewegungsablauf ankommt. Gleich nachmittags versuchen wir, Stöcke in ihrer Größe zu kaufen, leider ohne Erfolg. Diese Sportart ist hier noch nicht so wirklich angekommen.
Am frühen Abend hat Lothar einen Termin bei einem Kardiologen, dem Hausarzt der Familie und guter Freund seit vielen Jahren. Der Medikamentenvorrat muss dringend ergänzt werden und dazu brauchen wir ein Rezept. Aber so einfach geht das nicht. Dr. Morilo ist ein lustiger, lockerer Zeitgenosse, aber er nimmt seine Aufgabe sehr ernst. Er benötigt erst mal die Unterlagen aus der peruanischen Klinik San. José, bevor er Medikamente verschreiben kann. Aber so viel schon mal vorab: Lothar braucht seine Medikamente, ist aber soweit ganz ok. Wir vertagen uns erst mal.
Nach der Völlerei von gestern gibt es heute zum Dinner was ganz Gesundes: „Alcachofra“.

Die Artischocken werden im Ganzen gekocht, die Blätter in einer leicht gesalzenen Olivenöl-Balsamico-Tunke gedippt und ausgezutschelt. Man braucht Zeit und Gelassenheit, bevor man sich bis zum Herzen vorgearbeitet hat. Es ist halt nichts für den Heißhunger, aber es ist saulecker.

2011-09-20
Unser kulinarischer Marathon soll natürlich auch heute nicht unterbrochen werden, aber etwas Leichtes soll es sein. Was liegt näher als etwas japanisches zum Supper. Natürlich gibt es einen Japaner „ganz in der Nähe“, bei dem wir Sushi bekommen und natürlich auch warme Fleischgerichte, alles zum Preis pro Kilo.
Der nachmittägliche Termin bei Dentista Monica ergibt: der Zahn muss raus. Für die Lokalanästesie brauchen wir aber noch ein Testat des Kardiologen. Also steht Zahnziehen erst für irgendwann nächste Woche auf dem Programm. Wir versuchen, Fassung zu bewahren und üben uns in Geduld. In Südamerika ticken die Uhren halt anders als in Westeuropa. Unser Aufenthalt bei Hildo und Ana wird sich wohl deutlich verlängern.
Da sollte ich vielleicht doch noch mal was „deutsches“ kochen. Die gesamte Familie liebt – völlig unbrasilianisch – Kartoffelgerichte. Es gibt Reibeplätzchen (aus 3 kg Kartoffeln), natürlich frisch aus der Pfanne mit frisch gekochtem Apfelkompott.

2011-09-21
Neto begleitet uns heute zum Kardiologen, um bei evtl. Verständigungsschwierigkeiten zu helfen. Aber Dr Morilo spricht sehr gut englisch. Nachdem er die Unterlagen aus der Klinik ausgiebig studiert hat, ordnet er erst einmal einen Vierteljahrescheck an mit Langzeit-EKG, großem Blutbild und X-Ray von der Lunge. Da werden Ana und Hildo uns wohl noch ein bisschen länger ertragen müssen, aber sie behaupten ja immer, „it’s a pleasure for us to have you in our house.“ Ok, wir nehmen das dankbar an.
20:30 – nun wird es aber Zeit, dass wir unser Marathon fortsetzen. Neto und Carla laden uns ein, unser Dinner diesmal in einem Steakhouse zu genießen. Ein schöner Abend und es wird naturgemäß wieder mal sehr spät.

2011-09-22
Gleich früh am Morgen werden die X-Rays gemacht. Auch hier hat man wieder so seine Probleme mit Lothars Namen: alle Vornamen fein säuberlich aufgelistet, Nachname fehlt. Trotz Reklamation schaffen wir es rechtzeitig und mit Lothars knurrendem Magen zur Blutabnahme, die zu Lothars Freude sehr professionell durchgeführt wird. Da haben wir schon ganz andere Erfahrungen gemacht (s. Clinic San. José).
Später lernen wir Anas Mutter kennen. Sie leidet an Alzheimer und Parkinson und lebt in einem Pflegeheim. Donnerstags ist sie immer bei Ana. Es ist schon sehr traurig mit anzusehen, wie hilflos solch ein Mensch ist. Sie möchte uns so gern etwas sagen, aber es gelingt ihr nicht. Seit längerer Zeit spricht sie gar nicht mehr, Lippen und Zunge können die Laute nicht mehr formen. Nur ein starkes Zittern der rechten Hand verrät, dass sie uns so gern etwas mitteilen möchte.
Ana erzählt uns, Hildo und der Rest der Familie seien heute zum Abendessen nicht zu Hause. Deshalb könnten wir ja zu dritt ins Restaurant schräg gegenüber und uns ein Dinner einverleiben. Oh nein, nicht schon wieder dickes, fettes Essen spät am Abend. Im nahe gelegenen Carrefour entdecke ich frische Camarão.
Nur in Salzwasser gekocht, mit Knoblauch- und Cocktailsoße eine Delikatesse. Auch für Ana und Hildo, der dann doch früher nach Hause kommt, eine attraktive Alternative. Auch Lothar unterdrückt seine Angst vor einem erneuten Eiweißschock (bittere Erfahrung aus Australien) und langt kräftig zu.

2011-09-23
Heute früh steht die Ultraschall-Untersuchung bei Dr. Morilo an, um ein Kardiogramm zu erstellen. Nach einer halben Stunde ist Lothar an der Reihe, nun nur noch zum Dr. rein.
2 (zwei!) Stunden später gestattet die freundlich-resolute Sprechstundenhilfe den Eintritt: „Alle Werte sind so ganz gut, wenn man die chronischen Erkrankungen, den erheblichen Medikamenteneinsatz und den massiven Einbruch in den Anden mit bedenkt.“ Der Zahn kann auch gezogen werden, aber erst nach dem Langzeit-EKG. Lothar bemüht sich krampfhaft die Fassung zu bewahren. Auch die Rezepte gibt es erst danach. Wir werden also weiter warten müssen.
Papa Hildo möchte uns „seine“ Schule zeigen, eine amerikanische Privatschule. Amerikanisch wohl auch deswegen, weil er als Austauschschüler mit AFS in Amerika war. Sie ist in einem besonders schönen der historischen Häuser der City untergebracht. Leider gibt es dazu keine Bilder, da wir unseren Fotoapparat vergessen haben.
Wir verabreden uns für Mittag in Hildos Stammkneipe um die Ecke. Es wird aufgetragen: Fischpaella, sehr gut und lecker und reichlich.
Wir versuchen erneut, für Lothar ein paar leichte Hosen zu kaufen. C&A und ähnliche Läden hatten nur Hosen bis Größe 48, und das ist schon ein Weilchen her. Auf Empfehlung von Hildo landen wir bei so etwas ähnlichem wie Big Boss. Sehr eindrucksvoll demonstriert Lothar mit gekonntem Hüftschwung, dass diese Größenkategorie dann wohl doch nicht passt: die Hose liegt ihm zu Füßen.
Abends zuhause gibt es „kleine Häppchen“. Wir sind froh, nicht wieder so üppig essen zu müssen. Die ganze Familie findet sich nach und nach ein und bald ist die Runde um den Küchentisch wieder komplett. Mariana bereitet wieder ihre unübertroffenen Caipirinhas zu, da kommt plötzlich Bewegung in die Truppe: „Surprise, surprise!“ Wir brechen auf, das Ziel ist das Schweizer Kartoffelhaus, extra für Lothar wegen der Life-Music ausgesucht. Bei Bossa und Latin-Jazz gibt es Riesenrösti mit div. Käse- und Fleischfüllungen. Wir begnügen uns mit einem Teil der Salatplatte für 2 Personen und genießen die Musik, die absolut cool und gekonnt rüberkommt.

2011-09-24
Heute lassen wir es ruhig angehen. Jeder pusselt so ein bisschen vor sich hin. Bis 09:30, nun wird es Zeit, einen überaus wichtigen Einkauf zu tätigen: Cachaça in 5 Liter-Gallonen zu je 20 R$ (= 8 €!). Der „Laden“, ein kleiner Schuppen hinter einer Werkstatt für Drehteile, schließt um 10:00 Uhr, und wir haben schon einmal 5 Minuten nach 10 vor verschlossener Tür gestanden.
Rechtzeitig sind Hildo und Lothar zurück, um einen Ausflug vor die Tore der Stadt zu machen. Natürlich nicht zum ausgedehnten Spaziergang, zum Walken oder gar zum Joggen, nein, dort gibt es Ausflugslokale mit allen regionalen und internationalen Köstlichkeiten. Für uns gibt es Fisch und Camarão bis nichts mehr geht.

Der Nachtisch muss noch ein bisschen warten, wir fahren dazu in ein Einkaufszentrum, wo es leckere süße Stückchen gibt – wir machen eine Pause und setzen aus.

2011-09-25
Da Hildo und Ana heute in Sachen Schul-Ranking unterwegs sind, haben wir den Dinner-Dienst übernommen und bereiten eine Lasagne vor. Heute kein Supper, wir können eine kleine Pause im Marathon gut verkraften. Kurz vor Mittag ein Anruf von Neto: „Wollt ihr mitkommen zum Pollo essen?“ Nein, nein, nein, das viele Essen macht uns fix und fertig. Aber abends einfach nur Lasagne essen, das geht in Brasilien natürlich nicht. Oma „Dona“ Loli hat noch Leberpastete zubereitet, die von Hildo noch mit einer ordentlichen Portion Majonaise auf ein brauchbares Kalorienpotenzial gebracht wird. Auch ein Schuss Tabasco dient der Verfeinerung der Vorspeise.

Zum Nachtisch gibt es natürlich noch was Süßes: Orangenkuchen von Oma Loli: sehr süß, sehr lecker, sehr brasilianisch. Pappsatt fallen wir ins Bett, nichts geht mehr.

2011-09-26
Mittags erbarmen wir uns mal der Reste aus dem Kühlschrank, die seit Tagen dort eingelagert werden. Ist doch schade, wenn man nachher alles wegwerfen muss.
Heute Nachmittag bekomme ich den Holter für das Langzeit-EKG verpasst. Alles geht ratz-fatz, Brustteppich runterrasieren, Kontakte großflächig verkleben, fertig. Dann geht’s zum Einkaufszentrum

zum Eis essen.

Und wie fast alles in Brasilien, ist auch hier ein bisschen teurer: 3 Portionen = 30 R$ = 12 €. Aber wir haben ja am Mittagessen gespart J.
Abends sind wir zum Essen eingeladen bei Nelson und Monica.

Freistehendes Einfamilienhaus in ruhiger Wohnstraße, außen und innen alles sehr, sehr gediegen. Die Begrüßungsszenarien schließen den Hund mit ein und dann gibt es erst mal was gegen den ständigen Begleiter namens Durst. Auf das Essen brauchen wir nicht lange zu warten, es gibt Käsehäppchen mit Salat und Minibrötchen als Vorspeise, Camarão in Kürbiscreme als 2. Gang, Fleischmedallions in Tomatencreme mit Reis schließen sich an.
Zum Abschluss plündern wir völlig ungeniert – weil vom Hausherrn geradezu genötigt – die Likörbar. Alles wird probiert und bald hat man so seine favourites entdeckt.

Auch heute Abend gehen wir wieder bis an die Grenzen unserer gastrologischen Belastbarkeit – alles andere wäre unhöflich – und lassen uns von Hildo nach Hause kutschieren.

2011-09-27
Wir sind allein zu Haus und nutzen die Zeit für PC-Arbeiten, Wäsche waschen, Kleineinkauf bei Carrefour etc. Zum Mittagessen begnügen wir uns mit einem magenfreundlichen Hühnersüppchen, eine Erholung für den arg strapazierten Verdauungstrakt. Zwischendurch kommt Oma Loli und bringt uns das Rezept für ihre Leberpastete. Wir finden das ganz lieb und toll. Es ist handschriftlich und natürlich auf portugiesisch und z. T. schwer zu übersetzen, aber wir werden es schon knacken.
Nachmittags bringen wir den Holter zurück, aber die Ergebnisse müssen natürlich erst noch ausgewertet werden, wir fassen uns in Geduld.

2011-09-28
Heute ist der Tag, der Tag des Zahnziehens, das erste Mal, dass mir ein Zahn gezogen wird. Mit etwas gemischten Gefühlen lasse ich mich mit Rita von Ana zu Monicas Praxis chauffieren. Monica versucht noch einmal, meine Bedenken zu zerstreuen, aber ein Rest Unsicherheit bleibt. Nach Lokalanästhesie geht sie ans Werk, gibt sich redlich Mühe, legt sich wirklich ins Zeug, muss aber nach einer halben Stunde eingestehen, dass dieser Weisheitszahn mit seinen Wurzeln Sache für einen Kieferchirurgen ist.
Sie macht auch gleich telefonisch einen Anschlusstermin bei einem weiteren Freund der Familie klar, und wir machen uns auf den Weg. Ich finde ein paar tröstende Worte, sie ist ganz offensichtlich sehr unglücklich ob des Verlaufs ihres Versuches, mir diesen Zahn zu ziehen und will kein Salär für ihre Bemühungen, “because we are friends!“.
Auch der Kieferchirurg braucht dann noch eine knappe Stunde, bis alle Wurzeln raus und die Wunde gesäubert und vernäht ist. Hier hinterlassen wir 800 R$ = 320 € !
Abends haben wir ein appointment mit Dr. Morilo zum Abschussgespräch, und um endlich das Rezept für die Medikamente zu bekommen. Es stellt sich heraus, was wir schon vermutet hatten: Morphium kann er nicht verschreiben. Es gebe aber einen auf chronische Schmerzpatienten spezialisierten Arzt in einem Schmerzzentrum in der Nachbarstadt, der allerdings zur Zeit auf einem Kongress in São Paulo sei. Der komme aber übermorgen am Freitag zurück, und dann sollten wir es dort versuchen, bestimmt würde uns geholfen. Immerhin kann er uns Rezepte für die weniger komplizierten Medikamente ausstellen, die wir versuchen werden, morgen in den farmácias zusammenzutreiben.

2011-09-29
Auch die Normal-Medikamente besorgen wir natürlich nicht einfach in einem normalen Drugstore oder einer der vielen farmácias, nein, es gibt einen befreundeten Nachbarn, der Pharmazeut ist, und bei dem alles bestellt wird mit dem Versprechen, morgen früh sei alles da. Wir haben da so unsere Erfahrungen und unsere Zweifel, aber was soll man machen.
Mittags noch mal leichte Kost, zusammengestellt aus den Resten der Woche.
Und dann, abends, wieder ein highlight: Herrenabend bei Nelson in dessen „Wochenendhäuschen“. Wie schon vermutet nicht einfach nur so’ne Bretterbude an der Peripherie, nein, auch hier ein gehobenes Ambiente mit allem, was das Herz eines Wochenendurlaubers höher schlagen lässt. Aufhänger des allmonatlichen Herrenabends ist der haircut durch einen Meister seines Fachs. Drumherum rankt sich – für Brasilien naturgrmäß – ein Churrasco von Hildos Meisterhand zubereitet.
Auch ich lasse mich dazu hinreißen, 9/10 meines Haupthaares zu opfern.

Auch der Bart wird gründlich vom Figaro gestutzt.

Anschließend sehe ich meinen brasilianischen Freunden schon sehr viel ähnlicher und sie sind begeistert.

Ich werde mich wohl an den neuen Kumpel, der mich morgens im Spiegel verschlafen begrüßt, erst noch gewöhnen müssen.

Bild

Später am Abend konnte ich mich den Aufforderungen, nun doch mal zur Gitarre zu greifen und ein bisschen Musik zum Besten zu geben, nicht mehr so wirklich widersetzen. Ein buntes Gemisch from just about everywhere erschien mir angemessen, und die Herrenmannschaft dankte es mir durch eifriges Mitsingen, -brummen, klatschen, -swingen.

Auch die Mädels wollten nicht hinterm Ofen sitzen bleiben. Eine nette Caipirinha-Bar soll es sein. Natürlich soll sie auch ein für Damen adäquates Ambiente haben. Also chauffiert Mariana Ana und mich kreuz und quer durch Campinas. An irgendeiner Kneipe treffen wir dann Monica, doch die Mädelsbar hat geschlossen. Wieder kreuz und quer durch die Stadt, bis wir einen Ersatz gefunden haben. Große Gläser des Traditionscocktails mit reichlich Cachaça werden serviert. Damengerecht gibt es ein paar Kleinigkeiten für den Appetit.

2011-09-30
Neto ist schon zum Frühstück bei seinen Eltern erschienen. Er hat heute frei. „Wir werden dann mal eben die bestellten Medikamente abholen, anschließend in der Klinik das Morphinrezept. Und dann fahren wir zum Meer.“ Wir waren sehr gespannt, wie das in Brasilien mit dem „mal eben“ funktionieren wird. Also kreuz und quer durch die Stadt zum befreundeten Apotheker. „Sorry, die Medikamente sind noch nicht alle da. Sie werden aber gleich geliefert.“ Also auf zur Klinik. Es ist nicht die, die Dr. Morilo empfohlen hatte, nein, Neto hat telefonisch eine andere aufgetan. „Alles kein Problem, ich mach das schon.“ Wir waren gespannt. Zielstrebig steuert er den Wachmann der Klinik an. Freundlich redet er auf ihn ein und schon werden wir in die zentralen Aufnahme vorgelassen, obwohl unsere Nummer noch gar nicht an der Reihe ist. Gleich geht es weiter zur Rezeption der Orthopädie. Neto strahlt die nette Sekretärin an, erläutert die Situation. Nach etlichen Telefonaten und immer wieder strahlendem Lächeln von Neto Richtung Sekretärin geht der Daumen nach oben. Das Rezept liegt abholbereit in der Dependance der Klinik, ein paar Blocks weiter. Wer hätte das gedacht! Aber noch haben wir das Medikament nicht in Händen. „Alles kein Problem, ich mach das schon!“ Zurück zur Apotheke, die bestellte Medizin ist inzwischen eingetroffen. Aber vom Morphin hat der gute Apotheker leider nur eine Packung mit 30 Pillen. Diese werden für uns reserviert. Und wieder beginnt eine Stadtrundfahrt der besonderen Art. Kreuz und quer fahren wir durch Campinas. Aber überall das gleiche. Nein, das Medikament ist nicht vorrätig. Nein, 100 Stück können nicht abgegeben werden, nur kleinere Mengen. Nach 2 Std. kreuz und quer durch die Stadt erhalten wir in einer Apotheke ein OK. Aber sie hatte auch nur eine Packung mit 50 Stück, die andere müsse in der Filiale geholt werden. Flugs macht sich ein Mitarbeiter auf den Weg, allerdings zu Fuß! Nach einer weiteren Stunde Wartezeit schlendert der Mitarbeiter herein und die 100 Tabletten wechseln den Besitzer. Aha, so sieht das brasilianische „mal eben“ aus.
Ein wenig entnervt treffen wir die Familie im Sushi-Restaurant. Es ist unser Abschiedsessen. Schnell das Auto aufrödeln, all unsere Klamotten aus der Wohnung irgendwie verstauen. Nach rührender Verabschiedung insbesondere von Oma Loli, aber auch von Ana und Hildo machen wir uns um 16:30 Uhr mit Neto und Carla auf den Weg Richtung Meer. Prognose: wir brauchen ungefähr 2 ½ Stunden.

 

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2 Antworten zu Campinas, der kulinarische Marathon

  1. Gerhild & Harald sagt:

    Hallo ihr „Tafelsportler“, hallo Santa Rita,

    nachdem wir nachts um halb zwölf Euren Bericht vom kulinarischen Marathon gelesen hatten, mussten wir anstelle eines Caipirinha mit viel, viel Cachaça (hatten wir nicht) zum polnischen Vodka greifen!
    Schön, dass Euer Wiedersehen mit Hildo und seiner Familie so gut gelungen ist, auch wenn es sicher nicht die gesündeste Wiedersehensvariante war ;-), aber Essen und Trinken gehört ja zu solch einer Feier nun mal einfach dazu. Harald hat am besten die Demonstration der Herkunft feinster Fleischstücke gefallen. Sehr anschaulich an der einen oder anderen Stelle!
    Wir wünschen Euch ein paar schöne Tage am Meer, denn die hätten wir auch gerne, aber im Moment sind die Prognosen für die Nordseeküste eher herbstlich trüb und nass. Da geht es euch doch viel viel besser. Ich (Gerhild) fahre jetzt erst mal zu meiner Ma. Wir sind gespannt auf Eure weiteren Unternehmungen in diesem großen Land mit 3 Zeitzonen! Liebe Grüße, Gerhild und Harald

  2. Kanalratte sagt:

    Hi ihr zwei!

    Ich lese und staune. Wieviel Kilo habt ihr bei euren Fressmarathons eigentlich schon zugenommen? Dann noch.:? Hildo Neto, ich denke der heisst Eudo oder so. Wenn er das ist, hat er jedenfalls auch ganz schön zugelegt. Und dann die Strände, als ich die Shrimpshäppchen sah, den kleinen Strandsnak,verbunden mit dem scharfen String tanga im Hintergrund(Absicht?), habe ich mich ernsthaft gefragt, was ich hier in deutschland eigentlich noch mache. Wir malochen hier für den Rest von Europa , frieren uns den Arsch ab, Sommer gabs dieses Jahr auch nicht wirklich und die „da drüben“ feiern und limen ab….ICH WILL AUCH…..In Athen, war auch nur Partystimmung zu sehen, die Kneipen im Oktober randvoll, die Restaurants überdurchschnittlich mit Einheimischen belegt, Hochzeiten vom Feinsten überall, und dann kamen wir abgerissenen Jerries und man würdigte uns nur mit mitleidigen Blicken oder diskreter höflich kaschierter Verachtung.War schon irgenwie paradox.Wieso ist es da am Strand kalt? Ist da auch Winter? Müsste doch Sommer sein? Sah aber garnicht so kalt aus? Kalt ist hier. Wir heizen, Morgens haben wir Bodenfrost.Das WE war allerdings schön und ich bin noch mal ausgiebig segeln gegangen. Auf der Hälfte der Strecke bei rel. gutem Wind, war ich aber doch froh, per Zufall in der Backskiste noch ein angebrochenes Fläschchen Grappa zu finden.Welch glücklicher Umstand. Mir war a…..hkkkkkalt. Wenn du bei 6- 8 Grad und 4,5 bft selbst bei Sonne pur 4-5 std.nur rumsitzt , kriecht dir irgendwann die Kälte in die Därme(und Knochen). Nun, mit Grappa in Hirn und Bauch,sowie festgestellter Pinnenarretierung und gutem Segeltrimm, bin ich dann auf dem Schiffchen spazieren gegangen und habe dann , bei stabilen Wind vorne im Bug eine zeitlang Titanic gespielt. War schön und unglaublich befreiend. Der Kahn zog mit mir am Vorstag alleine und konstant seinen Kurs durch Wasser und ich war mit meinem Schiffchen und mit mir mental im Reinen .Ich war fast das letzte Schiff auf dem Wasser.(bis auf 2 Kats.)und der See wirkte im leichten Kältedunst noch viel größer als sonst.
    Steinhude ist schon was feines….
    Bezüglich unseres Mailverkehrs Gesundheit bin ich aber etwas unglücklich, dir nicht mehr so recht weiterhelfen zu können.Wie du selbst schriebst ,ist eine Behandlung „on the road“ ohne die hier gegebenen Möglichkeiten schwierig.Dennoch würde deine Behandlung auch hier therapeutisch an gewisse Grenzen stossen. Zum MRT fehlt mir für eine definitive Beurteilung eigentlich auch noch die Aufsichtebene. (Also die Ebene ,wo du von oben auf die Wirbelsäulescheibe draufschaust. Einfacher gesagt, die Salami von vorne und nicht in der Länge. )
    PS euer Ungeheuer des Meeres war m.E ein verreckter Kofferfisch ,(Nicht kugelfisch) dem der Druck ausgegangen ist. Ich hoffe dennoch, dass ihr bis zu eurer Rückkehr noch ein paar entspannteUrlaubswochen am Meer verbringen könnt.

    Bis dahin
    Alles Gute und asta luego
    Eure Kanalratte

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