Ouro Preto bis Lago Funias

2011-09-09
Nach einer weiteren Nacht auf dem Campingplatz bei Ouro Preto wollen wir uns ganz in der Nähe ein weiteres Weltkulturerbe ansehen: “Congonhas“. Laut Reiseführer soll das eine eher hässliche Stadt sein, aber die „Basilica do Senhor bom Jesus de Matosinhos“ mit der bedeutendsten Sammlung an Steinmetzarbeiten von Aleijadinho (Antonio Francisco Lisboa) thront hier auf einem Hügel und zieht Touristen und Pilger in Scharen an. Dies können wir nur bestätigen, zumal wir auch noch ausgerechnet die alljährliche Pilgerwoche erwischt haben.

Die Straßen sind im weiten Umreis um die Basilica total überlastet, es ist kaum ein Durchkommen. Zig Reisebusse mit Pilgern verstopfen die Straßen, zig Verkaufsbuden mit allen Scheußlichkeiten dieser Welt belegen die sonst wohl möglichen Stellplätze, es ist wie Münchener Oktoberfest und Kölner Karneval zusammen.

Uns beherrscht nur ein Gedanke: „Nix wie raus hier!“ Bilder zur Basilica könnt ihr euch – wenn ihr wollt – im www ansehen.
Wir gehen wieder auf die Piste und erreichen – bereits im Dustern – Santa Cruz, einen Vorort von São João del Rei. Leider haben wir unterwegs keine geeignete Posto zum Übernachten gefunden. Uns bleibt nichts anderes übrig, als mit einer innerstädtischen Tanke vorlieb zu nehmen. Es wird wohl eine unruhige Nacht werden.

2011-09-10
Unruhige Nacht ist maßlos untertrieben. Die Lanchonette (Schnellimbiss) ist wohl der beliebteste Treff aller Nachtschwärmer und Liebhaber megalauter und bassbetonter Techno-“Musik“ aus Autolautsprechern der Superlative. Am frühen Morgen flüchten wir in die Stille der „Igreja São Francisco“, der schönsten Kirche von São João.

Auch hier wurden die Steinmetzarbeiten von Aleijadinho gefertigt.

Auch dem Friedhof mit den eindrucksvollen Steingräbern und den Wänden mit Urnengräbern statten wir noch einen Besuch ab.

Nachmittags wollen wir mit der „Maria Fumaça“, der rauchenden Maria nach Tiradentes (so benannt nach dem Dragonerfähnrich und Führer der Freiheitskämpfer gegen die Portugiesische Herrschaft Joaquim José da Silva Xavier, der im Nebenberuf Zahnarzt war und den Spitznahmen Tiradentes = Zahnzieher bekam) fahren. Wir parken in einer ruhigen, schattigen Wohnstraße unweit des historischen Bahnhofs.

Pünktlich um 14:00 setzt sich die „Rauchende Maria“, die historische Dampflok Baldwin Nr. 41, mit ihren historischen Wagen unter großem Getöse, Pfeifen und Zischen in Bewegung. Für die 14 km lange Strecke braucht sie immerhin 40 Minuten, also genießen wir ein gemütliches Dahinzockeln durch die Landschaft.

Am Bahnhof erwarten uns jede Menge bunt dekorierter Droschken, die uns in das Städtchen Tiradentes bringen wollen, aber wir sind tapfer und gehen trotz intensiver Sonne zu Fuß. Die kleine Kolonialstadt ist schnell erkundet. Es gibt vorwiegend Läden mit Kunst und Kitsch


und Bars und Restaurants, also ein Städtchen, das sich total auf den Tourismus eingestellt hat. Andererseits werden die Füße auf den kopfsteingepflasterten Straßen auch sehr schnell müde. So landen wir bald in der Jazz-Kneipe des Ortes. Draußen unter Sonnenschirmen genießen wir den Nachmittag bei brasilianischer Musik eines Duos.

Für 17:00 ist die Abfahrt angekündigt, und diesmal nehmen wir dann doch eine der zahlreichen Droschken und lassen uns zum Bahnhof bringen.

Als wir wieder in São João ankommen, ist das Eisenbahnmuseum im historischen Bahnhof natürlich bereits geschlossen. Macht nix, morgen ist auch noch ein Tag, und wir stehen ja in einer ruhigen, schattigen Wohnstraße unweit des Bahnhofs.

2011-09-11
Von wegen ruhige Wohnstraße, der gesamte Verkehr dieser Stadt wurde diese Nacht offensichtlich ausgerechnet durch „unsere“ Straße gelenkt. Ziemlich gerädert fahren wir schon früh am Morgen zum historischen Bahnhof, doch Schatten hat es hier leider auch jetzt schon nicht mehr. Andererseits bekommen wir mit freundlicher Genehmigung des Portiers einer Pousada Internetzugang. So können wir Mails checken und den vorbereiteten nächsten Artikel in den Blog stellen. Das versöhnt uns etwas mit der vergangenen Nacht.
Das „Museu Ferroviário“ ist der Abschluss unseres Besuches in São João del Rei. Dieses in Brasilien einzigartige Eisenbahnmuseum ist im historischen Bahnhof untergebracht, dem Herzstück der historischen Dampfeisenbahnen von Minas Gerais.

Alte Dampflokomotiven für Holz- und Kohlefeuerung – die älteste ist von 1889, der Kaiserwagen von Dom Pedro II, Personenwagen und viele Gerätschaften sind hier zu bewundern.

Auch die Entwicklungsgeschichte der Lokomotiven von den ersten Anfängen an ist reich bebildert und anschaulich dargestellt.

Beachtenswert ist aber auch die heute noch voll funktionsfähige, von Hand betriebene Rotunda, die Lok-Drehscheibe.

Da wir uns mit Hildo und seiner Familie erst für den 15.09. in Campinas verabredet haben und der direkte Weg dorthin nur maximal 2 Tage in Anspruch nimmt, beschließen wir, noch in das Seengebiet des riesigen Stausees „Represa de Funias“ zu fahren.

2011-09-12
Die Nacht haben wir mal wieder an einer ruhigen Tankstelle an der Fernstraße verbracht. Da es hier auch WiFi gibt, nutzen wir die Gelegenheit und machen uns erst am späteren Vormittag auf den Weg zu dem Stausee, zu dem unser Reiseführer aber auch so gar nichts zu berichten hat.
Auf dem Weg dorthin erleben wir wieder einmal die besondere Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Brasilianer. Im Städtchen Campo Bello fragen wir nach dem Weg. Da die Verständigung auf portugiesisch immer noch sehr zu wünschen übrig lässt, schwingt sich ein junges Pärchen auf’s Motorrad und führt uns aus der Stadt und noch gut 20 km weiter, bis sie sicher sind, dass wir uns nicht mehr verirren können.
Immer wieder versuchen wir, unmittelbar an das Seeufer eines der vielen Arme des Sees zu kommen, aber es will uns nicht gelingen.

In diese Gegend hat wohl noch nie ein Touri, geschweige denn ein ausländischer, seine Füße gesetzt. Irgendwann erreichen wir Alfenas. Ein Blick vom Hügel auf diese Stadt, und Rita steht die Panik in den Augen: ein Häusermeer, soweit das Auge reicht. Wir beschließen zurück zu fahren, weil wir von einer Brücke aus den Augenwinkeln eine Uferstelle mit Sandstrand gesehen hatten. Nach ca. 15 km sind wir wieder auf der großen „Ponte“ und siehe da, es gibt nicht nur ein öffentliches Strandbad am Rio Sapucaí, sondern auch noch eine kleine Billard-Kneipe. Es ist also gar nicht so einsam, wie zunächst angenommen (Pos: S 21° 17,982’; W 045° 50,162’).Wir trinken ein Bierchen zur Nacht, schauen den barfüßigen, aber versierten Billardspielern zu, und dürfen – selbstverständlich – über Nacht bleiben.

2011-09-13
Heute erfährt unsere Wäsche eine besondere, ökologische Behandlung. Lothar wäscht sie in dem sauberen Wasser des Sees (das Schmutzwasser wird natürlich weit ab vom Ufer im Sand versickert!)

Und dann geht er auch noch im See schwimmen. Brasilianer würden hier wahrscheinlich nur mit einem Neoprenanzug in’s Wasser gehen.

Auf dem Parkplatz stehen schöne, alte, große Bäume. In deren Schatten können wir noch ein bisschen Schreibkram erledigen.

Und dann geht’s weiter durch die hügelige Landschaft: Kaffeesträucher, Kaffeesträucher, Kaffeesträucher

Rund um Rio de Janeiro und São Paulo wird wegen des guten Klimas vor allem die besonders wertvolle Arabica-Bohne angebaut. Frosteinbrüche in den vergangenen Jahren haben allerdings zu erheblichen Ernteeinbußen geführt. Wir sind am Ende der Erntezeit, die in Brasilien von Mai bis September dauert. Auch heute noch werden die reifen Kaffeekirschen vorwiegend von Hand gepflückt, da sie nicht alle gleichzeitig reif werden. In großen Säcken zu je 60 kg werden sie eingesammelt und zu den Plantagen gebracht.

Dort werden sie trocken oder nass aufbereitet. Bei der Nassaufbereitung werden sie in Fermentierungsbecken eingeweicht, entfleischt und anschließend an der Sonne getrocknet. Die weitere Verarbeitung wie Rösten und Mischen geschieht nach wie vor in den Verbraucherländern.
Aber nicht nur Kaffee wird hier angebaut, auch Zuckerrohrplantage reiht sich an Zuckerrohrplantage. Dieses tropische Süßgras stammt ursprünglich aus Indien und wurde von Spaniern und Portugiesen im 16. Jahrhundert nach Mittel- und Südamerika eingeführt. Geerntet wird seit der Zeit der Sklaven und Großgrundbesitzer das bis zu sechs, sieben Meter hohe Zuckerrohr, indem es mit der Machete möglichst weit unten – denn dort sitzt im Mark der höchste Zuckergehalt – abgeschlagen wird.

Anschließend werden die Rohre in Zuckermühlen zerkleinert und ausgequetscht.
Neben der Herstellung von Zucker und Cachaça (der typische brasilianische Zuckerrohrschnaps in Hunderten von Sorten) wird auch Biotreibstoff – Ethanol – gewonnen. Bereits in den 1970-er Jahren hat die Regierung im Zuge der Ölkrise die Vergärung von Zucker zu Ethanol mit dem Programm „Proálcool“ massiv subventioniert. Das wurde aber mit der Zeit zu teuer, und die rein alkoholbetriebenen Fahrzeuge gibt’s nicht mehr. Gleichwohl hat man den Eindruck, dass die Produktion nach wie vor auf vollen Touren läuft. Wahrscheinlich wird dieses Zuckerrohr zunehmend maschinell geerntet, wenngleich uns die typischen Radspuren dieser Methode nirgendwo aufgefallen sind. Überall sieht man jedenfalls die riesigen LKW’s mit ihren Ladungen von (minderwertigerem?) Zuckerrohr und die Anlagen der Verarbeitungsindustrie. Schließlich enthält alles Benzin in Brasilien heute 20 % Ethanol.
(s. dazu auch das kritische Spiegel-Interview mit Pater Tiago: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,602457,00.html
und Artikel in der Taz: http://www.taz.de/!67285/)

2011-09-14
Obwohl wir inzwischen wieder auf einer Fernstraße sind, die sogar 4-spurig ausgebaut ist, sind die Postos eher provinziell. Klein und staubig haben sie keine Duschen für die Mädels und nur überaus verdreckte für die Jungs, nicht wirklich eine Freude für Fernfahrer und Trucker. Aber immerhin gibt es hier Schatten. Bis Campinas sind es nur noch 150 km, und wir wollen erst morgen dort sein. Also nutzen wir mal wieder die Gelegenheit zum Berichte schreiben und zum Bilder sortieren und bearbeiten. Dann fahren wir noch ein Stückchen bis kurz vor Campinas, rufen unseren 3. Sohn Hildo Neto an und verabreden, dass er uns morgen früh hier abholt. Eine Adresse in der Millionenstadt Campinas zu finden ist ohne Stadtplan und ohne routingfähiges GPS-Programm nämlich nicht wirklich lustig.

 

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2 Antworten zu Ouro Preto bis Lago Funias

  1. Gerhild & Harald sagt:

    Hi Rita und Lothar,

    …dzień dobry – hallo und guten Tag – da sind wir wieder – beeindruckt von Geschichte, Kultur, Natur und Entwicklung der Republik Polen. Wir haben viel gehört, gesehen und gelesen, waren in Breslau, Krakau und Warschau, aber auch in kleinen Städten mit architektonischen Perlen wie Zamość – und – für Landeier 🙂 – auch in der Felsenstadt Adersbach oder mit dem Floß im Gebirgsdurchbruch des Dunajec durch die Gorce in den Pieniny Nationalpark. Alles muss nun im Kopf nun noch einmal sortiert und bearbeitet werden und dazu kommen größere Mengen digitaler Erinnerungshilfen, die (aus)sortiert und verarbeitet werden wollen. Von dieser Tätigkeit könnt ihr ja wohl ein längeres Lied singen. Aber es macht ja auch Spaß und wir reisen zu Hause so noch einmal durch diese Regionen.

    Nachdem a la casa wieder alles einigermaßen klariert ist, lesen wir uns schrittweise durch das, was ihr erlebt habt, als wir euch im El Chaco „verlassen“ haben. Wir machen es chronologisch und werden uns sicher hier und da einen nachträglichen Kommentar nicht verkneifen.
    Bis zu diesem „hier und da“ schicken wir euch liebe Grüße vom Niederrhein- hasta luego, Gerhild und Harald

  2. Kanalratte sagt:

    Hallöle und herzlich gegrüßt!

    Bin wieder im Lande. Habe natürlich sofort wieder in euren Blog gelinst. Tolle Sachen, aber der Freßstress war ja wohl das schärfste. Klimatisch scheint ja da unten Dauerhochsommer zu sein. Hier müssen wir heizen.
    Na kurz zu unserem Törn. Wir haben es natürlich wieder nicht in die Sporaden geschafft. Wir waren ganz gut im Zeitplan, aber dann riss der Keilriemen, den wir dan mit jämmerlichen Bordmitteln reparierten, danach riss das Segel. da mussten wir dann Kos anlaufen und Ende war es mit den Sporaden. Na, viellecht gur so. In der Nordägäis tobte ein heftiger 8-er den wir dann mit Verzögerung mitbekommen haben. Es wurde dann 2 Tage recht spannend, so dass Peter ernsthaft überlegte Schwimmwesten anzuordnen. Wir sind bei bis max 50 Knoten Wind und max 4-4,5 Meter welle in der Surf auf 11,1, 11,6, und 12 Knoten (einmalig) gekommen. Aber an den Inseln kamen derartig heftige Fall und Kapwinde auf, dass ich das Schiff kaum noch halten konnte. Es bildeten sich derartige Wirbel, das Wasserhosen entstanden und eine Patenthalse kaum noch zu verhindern war. Aber alles noch so eben im grünen Bereich. War aber spannend.Die 2. Woche war dann sehr relaxt und ich habe mein ENKELKIND AUSGIEBIG PINKELN LASSEN: Viele Inselbesichtigungen, und wir sind ausgiebig mit den Motorrollern unterwegs gewesen. Hat Spass gemacht.Hier sonst alles klar. Bin dabei, mein Dachgeschoss auszubauen. Hoffe Ende November fertig zu sein.
    Liebe grüße von uns allen und der Crew

    Bis bald
    Eure Kanalratte

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