Barockstädte, Höhlen, Goldminen

Barockstädte: warum eigentlich gerade hier in der Region um Belo Horizonte? Ganz einfach, Ende des 17. Jahrhunderts fand man im bergischen Hinterland Gold in Flüssen und in Minen. Das führte zu einem Goldrausch und zig-tausende strömten herbei um teilzuhaben an diesem sagenhaften El Dorado. Zahlreiche Städte wurden gegründet, und viel Geld floss in prunkvolle Architekturprojekte sowohl im sakralen als auch im profanen Bereich. Kirchen und Herrenhäuser wurden von europäischen Baumeistern und brasilianischen Künstlern (Aleijadinho, 1738 – 1814) entworfen und realisiert.
Unser Weg zu den Barockstädten führt uns durch die „Kaffeeberge“, eine Hügellandschaft mit ausgedehnten Kaffeeplantagen. Auf kurvenreichen Straßen geht es rauf und runter zwischen 1200 und 500 m.

Auf einmal taucht ein Schild auf: Restaurant „Großmutter“ mit deutscher Küche. Da müssen wir einkehren.

Leider ist geschlossen. Wir spüren immer deutlicher, dass hier nicht gerade Hauptsaison ist. Also gibt’s wieder was aus der Bordküche.
Unser geplantes Ziel ist die Barockstadt Santa Barbara, gepriesen vom Reiseführer. Aber zuvor steht da noch die Polizei. Wir hatten gerade den Schrecken eines mächtigen Drempels (die heißen hier Lombada) auf einer Erdpiste verdaut, da winkt uns die Polizei zur Seite. Wie gewohnt reichen wir dem freundlichen Ordnungshüter die üblichen Papiere durchs Fenster. Er wedelt jedes Stück einzeln hin und her, runzelt bedeutungsschwanger die Stirn und verlangt schließlich die portugiesische Übersetzung des Führerscheins. Dafür gebe es in Brasilien ein Gesetz. Wir können leider nicht das Gegenteil beweisen, und unsere internationale Fahrerlaubnis hat keine portugiesische Übersetzung. Dies löst eine langwierige Telefonarie aus mit dem Ergebnis, dass wir nach Belo Horizonte (Großstadt!!!) zum Konsulat fahren sollen, um dort den Führerschein offiziell übersetzen zu lassen. Er ruft auch gleich dort an, um einen Termin für uns zu vereinbaren, aber natürlich ist dort niemand mehr, es ist nach 17:00 Uhr. Wir versprechen (mit gekreuzten Fingern auf dem Rücken), gleich morgen früh dort hin zu fahren und die Sache selbst zu regeln.
Nach einer Stunde können wir unsere Fahrt endlich fortsetzen. Santa Babara erreichen wir wegen der Verzögerung allerdings erst im Dunkeln.

2011-09-02
Nun ja, bei Lichte betrachtet entpuppt sich dieses Städtchen nicht gerade als die Krone der Barockkunst. Die besonders herausgehobene Kirche Matriz Santo Antônio, vor der wir übernachtet haben, ist wegen Renovierungsarbeiten geschlossen.

Eine kleine Kapelle, die von außen so ganz nett aussieht, ist auch geschlossen.
Aber ganz in der Nähe soll es eine sehenswerte Klosteranlage aus dem 18. Jahrhundert geben. Dort werden auch Übernachtungsmöglichkeiten angeboten, der ideale Ort, um in Klausur zu gehen und unsere längst fälligen Berichte zu schreiben.
Denkste, wieder nix: das Übernachten im Auto verboten, die Preise für die Mönchsklausen jenseits von Gut und Böse und so überhaupt nicht christlich. Und so belassen wir es bei einer ausgiebigen Besichtigung der Anlage.

Die Suche nach einem Übernachtungsplätzchen endet mal wieder an einer Posto. Wir hatten in der Dunkelheit einen der vielen Drempel nicht rechtzeitig gesehen, und schon hatte es wieder einmal richtig gerumst, und es ist einiges aufzuräumen im Auto.

2011-09-03
Diesel und Wasser tanken und es geht wieder auf die Piste. Die Kontrollleuchte zeigt an, dass die Lichtmaschine ausgefallen ist. Wir fahren noch ein Stück, aber die blöde Leuchte tut uns nicht den Gefallen und verlischt. Also nachsehen, woran es hapert, und siehe da, der Keilriemen hat sich spurlos verabschiedet. Kurz vor Belo Horizonte finden wir einen kleinen Elektrokrauter, der zufällig einen fast passenden Keilriemen im Sortiment hat und ihn auch gleich einbaut. So können wir die Fahrt fortsetzen, ohne in der 2,5 Millionenstadt Belo Horizonte auf die Suche nach einer Werkstadt gehen zu müssen.
Wir erreichen unser heutiges Ziel „Gruita da Lapinha“ erst kurz vor Schließung und fragen, ob wir auf dem Parkplatz vor der Ranger-Station übernachten dürfen. Nach einigen Telefonaten gehen die Mundwinkel Richtung Ohrläppchen, der Daumen nach oben und die Parkwächter wünschen uns „Boa noite!“.
Wenig später erscheint Erika, die Museumsdirektorin. Sie wohnt auf dem Gelände im Museum, heißt uns herzlich willkommen und bietet uns ihre Dusche an.
Das Museum ist ein „Castelo“, das ihr Vater, ein ungarischer Archäologe, 1970 gegründet hat. Ihr Vater ist inzwischen verstorben, und Erika verwaltet nun das Ergebnis seiner 40 jährigen Forschungsarbeit.

2011-09-04
Gleich früh am Morgen buchen wir die Besichtigung der Grotte aus der Erkenntnis heraus, dass die Gruppen dann noch nicht so groß sind. Einer der Climbing-Betreuer (es gibt hier auch attraktive Klettermöglichkeiten) begleitet uns und übersetzt exklusiv für uns in Englisch.
Die Höhle entstand im Präcambrium vor 900 Mio Jahren. Sie liegt bis zu 40 m unter der Erde und ist über 500 m lang. In den 16 Galerien sieht man wunderschöne Tropfsteinformationen und Gesteinssedimente, die ihresgleichen suchen.

Dass diese Höhle bewohnt war, beweisen jede Menge Fossilien prähistorischer Tiere und nicht zuletzt das komplette menschliche Skelett des „Homem de Lagoa Santa“, das über 10.000 Jahre alt ist. Mit diesem Fund musste die Geschichte der Ureinwohner Amerikas neu geschrieben werden.

Eine wirklich lohnende Attraktion, auch wenn sie ein wenig abseits liegt.
Position: S 19° 33,746’; W 043° 57,591’.

Nachmittags besichtigen wir noch Erikas einzigartiges Museum.

Liebevoll wurden hier bedeutsame Exponate aus den Bereichen Mineralogie, Paläontologie und Ethnologie von Erikas Vater Mihály Bányai in den 40 Jahren seiner Forschungstätigkeit zusammen getragen und ausgestellt.

Schließlich müssen wir uns von Erika (Rapunzel) verabschieden.

Eine weitere Nacht können wir im Park nicht bleiben, da er am morgigen Montag geschlossen ist. Aber in der nahe gelegenen Stadt Lagoa Santa finden wir noch ein nettes Plätzchen an der Uferpromenade des Stadtsees.

2011-09-05 bis 09-07
Nun aber auf zu den Barockstädten, den bedeutenden. Die Hoffnung, nicht durch den innerstädtischen Verkehr von Belo Horizonte zu müssen, zerschlägt sich ein weiteres Mal: mühseliges Stop and Go von Ampel zu Ampel, von Drempel zu Drempel. Für diese Tortur müssen wir uns entschädigen und belohnen: es gibt leckeren „Prato do Frango“.

Immer noch steht das Berichte schreiben an, Wäsche müsste auch mal wieder gewaschen werden, ’ne gründliche Reinigung unseres 3. Oldies wäre auch angebracht. Aber von Campingplätzen weit und breit keine Spur. Vielleicht klappt es ja bei irgendeiner Pousada.
Die erste, die wir anfahren, kann uns da nicht helfen, so die englisch sprechende Rezeptionsdame. Aber der Portier kann weiterhelfen: 2,3,5 km weiter gebe es einen „Acampamento“. Das ist doch mal ein Tipp!
Und tatsächlich, wir finden einen Platz des Camping Club Brasil, eine gepflegte Anlage mit großen, alten, Schatten spendenden Bäumen, ebenen Wiesenplätzen und einer sauberen, gepflegten Toiletten- und Duschanlage. Position: S 20° 22,770’; W 043° 31,531’.

Leider ist das auch nicht so ganz billig: 20 € die Übernachtung. Dieser Preis ist aber hier wohl normal. In Brasilien ist halt alles etwas teurer als in den anderen südamerikanischen Staaten.
Wir lassen’s ruhig angehen, lassen die Seele ein bisschen baumeln, zwischendurch ein bisschen kochen, waschen, putzen, flicken, reparieren und natürlich: Berichte schreiben.

2011-09-08
Ouro Preto, die Stadt ist Weltkulturerbe. Früh morgens starten wir unsere Besichtigungstour: Kirchen, Kirchen, Kirchen

Barockfassaden, Barockfassaden, Barockfassaden

Touriläden, Touriläden, Touriläden.

Mittags haben wir genug gesehen und gönnen uns erst mal eine „Pizza português gigante“, die wir nach dem umfangreichen Salat dann doch nicht mehr ganz bewältigen können. Den Rest nehmen wir mit.

Dann geht’s zur „Mina da Passagem“, der ältesten Goldmine Brasiliens, die für Besucher zur Besichtigung freigegeben ist. Seit 1719 bis zur endgültigen Stilllegung 1985 wurden hier insgesamt 35 Tonnen Gold gewonnen. Mit einer originalen Lorenbahn rumpeln wir zunächst steil abwärts bis in 120 m Tiefe.

Unten erläutert unser exklusiver Guide auf portugiesisch, was wir gottlob vorher schon gelesen hatten. Zum Beispiel: aus einer Tonne Gestein kann man 4 – 5 Gramm Gold gewinnen. Wir sehen auch einen kleinen Altar, auf dem die Bergmannsfrauen, -töchter, -mütter ihre Lippenstifte als persönliche Gabe geopfert haben.

Zum Schluss führt er uns noch zu dem 2 km langen unterirdischen See, und das ist dann doch schon ein bisschen mystisch.

Es geht wieder aufwärts, und Rita ist schon nicht mehr so mulmig zu Mute wie bei der Abwärtsfahrt. Oben zeigt uns unser Guide noch, wie man Gold wäscht, und wie viel bzw. wie wenig an Goldstaub in der Pfanne bleibt.

 

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