Für einen Sekt nach Salvador de Bahia

2011-08-12 bis 08-22
Salvador de Bahia, Platz vor dem „Forte Santo Antonio“, das ist das erklärte Ziel. Vor 6 Jahren standen wir an dieser Stelle, mit Blick auf die „Bahia de Todos os Santos“ und wir haben uns vorgestellt, wie es wohl wäre, hier einmal mit dem eigenen WoMo zu stehen. 3.000 km sind es bis dort hin, 3.000 km quer durch Brasilien, 3.000 km unter Truckern unterwegs.

Die Grenze haben wir zügig überqueren können. Zunächst haben wir noch Dschungel rechts und links der Straße. Man braucht nur 20, 30 m weit hinein zu gehen auf einem schmalen Pfad, und schon wird man eingenommen von dieser ganz anderen Welt, von diesem Zirpen, Zwitschern, Kraspeln im Halbdunkel.
Doch dann ändert sich schlagartig die Landschaft und auch das Klima. Es ist heiß, sehr heiß, Temperaturen bis zu 43° C im Auto. Kein Urwald mehr, nur noch weite hügelige Landschaft mit endlosen Feldern. Getreide, Mais und Soja wird hier in Paraná angebaut. Mais und Soja sind als Viehfutter für Europa bestimmt!

Die rund angelegten Felder muten zunächst wie Versuchsanlagen an, sind offensichtlich aber rein bewässerungstechnisch bedingt.

Urubus, die hühnergroßen, brasilianischen Aasgeier, sorgen dafür, dass kein Kadaver lange am Straßenrand liegen bleibt.

Charakteristisch sind auch die Getreidemühlen, die allenthalben inmitten der Felder stehen.

Große Flächen werden eingenommen von schier endlosen Wäldern mit Eukalyptus-Monokulturen, Wirtschaftswälder in Reinkultur. Meinen Freund Burkard aus Chile würde das nackte Grauen packen, und uns gruselt es auch ein bisschen, wie exakt gleichmäßig in Form und Größe diese Bäume Spalier stehen, so als wären sie geklont.

Längs der Straße kommen wir auch immer wieder an Ansammlungen von Hütten vorbei, die aus Brettern, Ästen und Plastikbahnen zusammengenagelt und –gedrahtet sind. Hier fristen die Ärmsten der Armen ihr bescheidenes Dasein. Es ist uns peinlich, anzuhalten und die Fotolinse direkt draufzuhalten.

Die größeren Städte wie Maringa und Londrina können wir locker umfahren. Brasilien hat ein gut ausgeschildertes Straßensystem. Hoffentlich bleibt das auch so.

Weiter geht es durch Sao Paulo, den wirtschaftlich wichtigsten Bundesstaat Brasiliens. 65 % aller Industriegüter und 20 % aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse werden hier produziert. Im westlichen Teil, durch den unsere Route geht, kommen wir durch Bananenplantagen, Gemüsefelder, Kaffee- und Baumwollplantage und natürlich Plantagen für die Gewinnung von Ethanol für die Kraftfahrzeuge, soweit das Auge reicht.

Assis, Marília, Lins und San José do Rio Preto lassen wir rechts oder links liegen. Unsere Reiseliteratur gibt leider keine Auskunft darüber, ob hier Sehenswürdigkeiten einen Stopp anbieten.

Fruta, ein kleines Städtchen, bereits in Minas Gerais gelegen, lebt offensichtlich vom Obstanbau, wie der Name schon sagt. Ananas wird hier in kleinen Verkaufsständen an der Straße angeboten. Das wäre jetzt eine schöne Erfrischung. Also kaufe ich eine Ananas, eine bekomme ich als Wechselgeld.

Einige Kilometer später, Erfrischungspause ist angesagt: die eine Ananas schmeckt nach Diesel, die zweite nach Fäkalien. Schlechter Einkauf! Also gibt es einen Kaffee.

Ansonsten ist dieser Bundesstaat eher bekannt durch große Vorkommen von Bodenschätzen, wie Eisenerz, Bauxit, Gold und Silber. Hier konzentriert sich Brasiliens Schwerindustrie. Touristisch ist vor allem der Südwesten von Minas Gerais mit seinen Barockstätten von Bedeutung. Aber diesen Bereich lassen wir im Moment noch rechts liegen. Hier werden wir auf unserer Reise gen Süden einige Tage verbringen. So geht es weiter über Uberlandia, Patos de Minas, Montes Claros Richtung Nordosten.
Kurz vor Montes Claros stellen wir bei unserer regelmäßigen Kontrolle fest, dass auch unsere Reserve-Gasvorräte bis auf 0,2 kg geschrumpft sind. Nun müssen wir aber wirklich aktiv werden! Denn das Kneipenessen mit kreolischer Küche ist nicht so wirklich unser Ding. Aber wie machen wir uns verständlich? Die Grammatik der portugiesischen Sprache ist der spanischen sehr ähnlich, die Vokabeln stehen im Wörterbuch, aber die Aussprache ist für unsere germanischen Zungen einfach halsbrecherisch. Außerdem ist da immer noch das Problem mit der Mangera und dem Adapter. Irgendwie passt das alles nicht zusammen.
Lothar nimmt die Manguera noch einmal auseinander, d. h. die Halbkugeldichtung wird entfernt und siehe da, beide Gewinde passen doch zueinander. Also muss irgendwie die Dichtung nicht passend sein und so ist es auch. Sie muss 2 mm gekürzt werden und schon lässt sich alles prima miteinander verschrauben. Derweil bereite ich wieder einmal einen Zettel vor, das hat in unseren Anfängen der spanischen Sprache ja schließlich auch funktioniert. Das Einfüllventil wird noch gängig gemacht. Und so gerüstet fahren wir die erste Tankstelle in Montes Claros an. Ich zeige meinen Zettel vor und schon bekommen wir ganz in der Nähe eine Gasabfüllstation benannt. Dort angekommen wird auch gleich wieder der Zettel gezückt, durchs Gitter gereicht und siehe da, alles kein Problem. Eine 20 kg Flasche wird vor das Tor gerollt, denn auch hier darf kein nicht autorisiertes Fahrzeug auf den Hof fahren, und die Umfüllaktion kann beginnen.

Der erste Versuch klappt noch nicht so gut, der Tank muss erst vollständig entlüftet werden, und dann fließt das Gas in Nullkommanix aus der Flasche in unseren Tank. Bei dieser Art der Befüllung gehen nur 70 % hinein, statt 80 % wie bei einer Druckbefüllung, aber das sind immerhin 15,5 kg. Damit lässt sich jetzt eine Weile leben.

Froh gelaunt setzen wir unseren Weg fort Richtung Bahia. Wir fahren durch den steppenartigen Sertao, eine Region mit Caatinga-Vegetation, hauptsächlich Dorngewächse, Sukkulenten und Palmen. Wegen der geringen Niederschläge ist hier nur Rinderzucht möglich.

Die 3.000 km diagonal durch Brasilien ist sicherlich keine touristisch spektakuläre Strecke, aber es ist eine schöne Strecke, wenn man sich auch für die landschaftlichen Eigenarten der jeweiligen Region interessiert, wenn man ein Auge für Fels- und Bergformationen hat, sich an interessanten und blühenden Bäumen und Sträuchern erfreuen kann und einen Blick für die kleinen Dinge am Straßenrand hat.

Übernachtungsplätze finden wir entlang der Strecke an den auch von den Truckern aufgesuchten „Postos“ (Großtankstellen mit 24 h Betrieb und allem, was der Trucker unterwegs so braucht) mit zum Teil sehr guten sanitären Einrichtungen. Immer wieder werden wir von Truckern angesprochen: woher, wohin, wir lange unterwegs, etc. Sie sind regelrecht begeistert, wenn sie hören, dass Leute aus dem fernen Europa sich für ihr Land interessieren und dann auch noch bereit sind, wie die Trucker auf den Überlandstraßen unterwegs zu sein.
Auch um unsere Sicherheit sind sie rührend besorgt. Einer dreht sogar noch einmal eine Runde mit seinem 40-Tonner und kommt zurück, weil er uns auf einer stillgelegten Tankstelle gesehen hat. Wir hatten dort ein schattiges Plätzchen für unsere verspätete Mittagspause entdeckt. Er habe uns schon öfter unterwegs gesehen, aber an einem solchen Platz dürften wir über Nacht nicht stehen bleiben, es sei viel zu gefährlich. Wir sollten nur dort übernachten, wo auch viele andere sind, wie zum Beispiel an einer Posto. Wir versprechen, seinem Rat zu folgen. Zum Schluss gibt es noch eine Trucker-DVD.
Sie sind schon ein besonderes Völkchen, diese Trucker. An der Posto angekommen wird erst mal das „Pferd“ versorgt: ein Gang um den Truck, alle Reifen mit einem Holzhammer abgeklopft (am Klang erkennt man den Luftdruck), Riemen und Gurte der Ladung überprüft, etc. Und dann ist da noch die Schreibarbeit im Führerhaus zu erledigen. Dann ist er selbst dran: Duschzeug schnappen und ab in das Banheiro. Der eine geht dann wieder auf die Piste, der andere bereitet sich sein Mittag- oder Abendessen.

Wieder andere nutzen das Angebot im Restaurant oder in der „Lanchonete“ (Schnellimbiss). An unserer letzten Posto kurz vor Salvador steht man noch eine Weile draußen am Tresen und wartet darauf, dass die Temperaturen auf ein erträgliches Maß unter 30° C absinken. Gegen 9/10 pm – es ist schon seit 3 bis 4 Stunden dunkel – kehrt auch hier „Nachtruhe“ ein. Das bedeutet natürlich nicht, dass es hier geräuschlos zugeht, aber man gewöhnt sich daran, und es ist weitaus zuträglicher als ein Campingplatz mit gegenüber liegender Disco.

2011-08-22
Wir haben Salvador de Bahia erreicht, nach 10 Tagen quer durch Brasilien. Salvador, die „schwärzeste“ Stadt Brasiliens mit 2,5 Mio. EW, wovon 2/3 Afrobrasilianer sind, der Rest ist ein Schmelztiegel aus aller Herren Länder. Wir kämpfen uns durch den morgendlichen Verkehr und kommen nach 2 ½ Stunden im Stadtteil Pelourinho an.

Pelourinho ist Weltkulturerbe, und so sind in den ehemaligen Favelas neben Sakralbauten und offiziellen Gebäuden auch inzwischen wiederhergestellte und fein herausgeputzte Fassaden der Häuser aus der Kolonialzeit zu bewundern. Hier und da steht auch eine der Baianas, in lange, weiße Spitzenkleider gehüllt, mit farbigen Schärpen und Turban, Halsketten und Armbändern in der Tür und wartet auf ihren Einsatz in der Garküche oder an der Touri-Front.

Auch unser Hotel „Pousada dos Flores“ finden wir wieder, in dessen Penthouse wir vor 6 Jahren übernachtet haben.

Kurz darauf stehen wir auf „unserem“ Platz hoch über der Bahia de Todos os Santos, eine ruhige, grüne Oase und eine Wohltat nach dem Verkehrsgewühl des Vormittags.

 

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4 Antworten zu Für einen Sekt nach Salvador de Bahia

  1. kanalratte sagt:

    Tol, toll,toll. Das ist jetzt so richtig nach meinem Geschmack. Ist alles bunter als Peru und Argentinien.etc. Man spürt die Wärme quasi durch den Bildschirm. Auch eine ganz tolle Fotoserie. Wunderschön! Bin ganz begeistert.Insbesondere Salvador da bahia atmet wirklich noch den alten Kolonialgeist. Wunderschönes Fleckchen.Da könnte ich mich auch wohl fühlen.
    Ich wünsche euch angenehme und erträgliche Temperaturen auf dem weiteren Weg.
    PS Bin ab 24.9 erstmal in Griechenland und werde mich nicht melden können. Für ein Internetfähiges Handy fehlt mir die Muße, Geld und Lust. Man muß ja auch nicht jeden Spieltrieb mitmachen.

    Liebe Grüße
    Eure Kanalratte

    • Lothar sagt:

      Oi, Walter
      (und alle anderen, die sich bezüglich unserer Rückreise den wildesten Spekulationen hingeben),
      wie immer bei Frachterreisen mit RoRoRo wird bis zum letzten Moment hin und her disponiert, so auch hier. Anfänglich sollten wir mit der Repubblica Argentina am 02.11.2011 in B. A. ablegen. Inzwischen fährt dieses Schiff diese Route gar nicht mehr. Beim Umbuchen haben wir eine der letzten Passagierkabinen für dieses Jahr bekommen und zwar auf der Grande Africa. Dort gibt es keine Außenkabinen, dafür ist es 400 € billiger. Nach bisherigen Informationen soll das Schiff am 16.11.2011 ablegen, aber … s.o.
      Darüber hinaus haben wir uns entschlossen, nur bis Antwerpen mitzufahren. Vielleicht kommen wir auf diese Weise noch in 2011 zuhause an. Ob schon zu Weihnachten oder nicht, das kann nun wirklich noch keiner voraussagen, das hängt von allzu vielen Imponderabilien ab. Auf jeden Fall wird es erkennbar leider nichts mit der Empfangsparty am 11.11.2011.
      Liebe Grüße vom Represa de Furnas, Minas Gerais,
      Lothar

  2. Mafratours sagt:

    Der Termin für die Abfahrt der Grande Africa aus Buenos Aires steht momentan auf den 14.11.2011.

  3. Gerd sagt:

    Hallo Ihr drei Oldies!
    Heute ist die Caos-Crew auf Segeltour.
    Wie üblich in den warmen Süden. Rhodos -Athen.
    Sind alle wohlauf .Wir denken an Euch. Der Liedermacher fehlt natürlich .
    Weiterhin Glückauf . Gerd und die Crew.

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