Misiones

2011-08-05
Einkaufen bei „Carrefour“, Wäsche in der Lavandería abholen (sie duftet einfach himmlisch nach mehreren Wochen Handwäsche) und dann geht es zunächst bei Corrientes über diese Brücke

und dann mehr oder weniger dicht entlang des Rio Paraná nach Nordosten. Der Rio Paraná ist der wichtigste Fluss Argentiniens. Er entsteht in Brasilien aus den Flüssen Paranaíba und Rio Grande und mündet bei Buenos Aires in den Atlantik. Er ist auf seiner gesamten Länge schiffbar, bis zum 600 km flussaufwärts gelegenen Rosario sogar für Hochseeschiffe, wie z. B. die Republica do Brasil. Wir haben allerdings nicht ein einziges größeres Schiff zu Gesicht bekommen. Gleichwohl genießen wir die Abendsonne an dem sehr hoch gelegenen Ufer in Itá Ibaté, dem Eldorado für Angler. Wie wär’s, liebe Remscheider Angelfreude, euren nächsten Angelausflug hierher zu machen? J. Hier soll es meterlange Doraden geben.

2011-08-06
Nur wenige Kilometer weiter liegt das zweitgrößte Wasserkraftwerk Südamerikas: das Yacyretá-Kraftwerk, ein Gemeinschaftsprojekt von Argentinien und Paraguay. Es ist genauso gigantisch wie skandalträchtig, Korruptionen, Veruntreuung von Weltbankgeldern, Baukostenüberschreitung um ein vielfaches, etc, etc, etc. Die Betreiber bieten kostenlose Führungen zu diesem gigantischen Bauwerk an.

Daten und Fakten bitte dem Internet entnehmen. 🙂

16:00 erreichen wir wieder unser WoMo. Es war warm und schwitzig. Eine Dusche würde uns jetzt gut zu Gesicht stehen. Also auf nach Posadas. Dort soll es nahe dem Busbahnhof einen Campingclub geben. Aber den suchen wir vergebens. Auch ein freundlicher Mopedfahrer, der uns zur angegebenen Adresse bringt, kann uns da nicht wirklich weiterhelfen. Dort befindet sich nur ein Fußballclub. Inzwischen ist es dunkel geworden. Wir fahren die Straße nur noch so weit, bis wir eine halbwegs ebene Stelle gefunden haben. Dann ist Schluss!
Haben wir gedacht. Nein, ein junger LKW-Fahrer hält neben unserem Auto und erklärt, dass wir hier nicht stehen bleiben können, es sei zu dunkel, es sei zu gefährlich. Jetzt am frühen Abend noch nicht, aber nachts ab 3 Uhr, da kämen die Gangs. Wir sollen uns auf die andere Seite am Anfang der Straße unter die Laterne stellen.
Auf nächtliche Räuberbanden sind wir nicht wirklich scharf. Gerade wollen wir unser WoMo umsetzen, kommt ein freundlicher Senior aus seinem Häuschen gegenüber. „Guten Abend, son alemanos?“ Und nun hören wir von ihm die gleichen Sorgen, wie die von dem LKW-Fahrer. Auch ihm versprechen wir, dass wir das Auto unter die Laterne setzen werden. Kaum haben wir in der Laternengarage eingeparkt, kommt der freundliche Senior noch einmal angelaufen. Nein, nein, auch hier sei es zu gefährlich, wir sollen doch besser auf seinen Hof kommen. Platz sei genug, und vor allem sei es hinter dem großen Tor sicher, das Tor werde abgeschlossen.
Sogleich werden wir von Romy, Augustos Frau herzlich empfangen. Stühle werden auf die Terrasse getragen, irgendwo kommt auch noch ein kleiner Klapptisch her, eine Kanne eisgekühltes Wasser, Augusto holt noch schnell im nahen Mercado Salami, Brot und ein Fläschchen Bier, und wir steuern noch Rotwein bei zum abendlichen Plausch auf Spanisch mit Händen und Füßen.

2011-08-07 bis 08-08
Früher war Augusto in einer österreichischen Firma beschäftigt, daher kann er auch einige Worte deutsch. Früher hat er auch einen VW gefahren, jetzt einen alten Ford, der ist billiger. Früher hatte er ein großes Haus mit großem Grundstück, das er durch unglückliche Familienumstände verloren hat. Jetzt lebt er hier mit Romy in einem kleinen Häuschen, kaum größer als ein Schrebergartenhaus,. Sie sind jetzt beide Rentner, sie sind zufrieden. Mit der guten Seniorenversorgung (tägliches Mittagessen im Seniorenzentrum, Lebensmittelpaket einmal pro Monat, kostenfreie Medizinversorgung, kostenfreie Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel für alle Rentner, egal ob reich oder arm) kommen sie über die Runden.
Sie haben nicht viel, aber das teilen sie mit uns. Selbstverständlich sind wir zum sonntäglichen Grillgelage, dem traditionellen argentinischen Assado eingeladen. Der Essplatz im Carport wird gefegt, der Tisch, ein Selbstbau, Untergestell aus Moniereisen geschweißt, darauf ein paar Nut- und Federbretter, erhält ein Stück Stoff. Und dann gibt es erst einmal Mate, aufgegossen mit eiskaltem Kräuterwasser.
Später, so gegen Mittag, kommen Angela und Ruben aus Paraguay. Sie wohnen gleich auf der anderen Seite des Paraná. Augusto bereitet den Grill vor, Romy das Grillgut.

Ein weiterer Gast trifft ein, Gregorio. Romy hatte ihn heute früh angerufen, er müsse unbedingt kommen, zwei Deutsche seinen in ihrem Haus, er müsse übersetzen. Gregorio hat über 30 Jahre in den USA gelebt. Die Assado-Runde ist komplett.

Das Grillgut kommt auf den Grill. Das Bier wird mit einem Schuss Kräuterextrakt gewürzt und mit Grapefruit-Limo und viel Eis getrunken. Natürlich gibt es auch Rotwein.
Augusto liebt deutsche Volksmusik, er legt eine CD auf. Nun ja, das ist eher Tiroler Volksmusik, aber macht ja nix, gesungen wird in Deutsch, einige CDs später auch in Castellano, aber die Musik bleibt im Walzertakt. Augusto und Romy schwingen sehr zur Freude der Gäste ab und zu für einen Moment das Tanzbein. Das Assado ist fertig, es kann angerichtet werden: Pollo, Chorizo, morcilla (Blutwurst) und Rinderherz.

Dazu gibt es grünen Salat und Manioco, viel Manioco. Bei Tiroler Volksmusik auf Castellano, Unterhaltung auf Guarani (wir verstehen gar nichts mehr) und Englisch ist es schnell später Nachmittag. Die Reste des Gelages bekommt Lovy, el perro pastores de aleman.
Die Gäste verabschieden sich und wir machen uns „fein“ für den sonntäglichen Ausflug an die Costanera. Eine unglaubliche Atmosphäre. Alle Posadaeros sind an der Uferpromenade des Paraná. Sie sitzen hier mit ihren Klappstühlchen oder auf Parkbänken und trinken ihren Mate. Andere flanieren die Promenade entlang, Matebecher in den Hand, Thermoskanne unter dem Arm. Kinder, auch Kleinkinder wuseln mit ihren Fahrgeräten zwischendurch.
Auch wir sitzen und flanieren an der Uferpromenade, trinken aber keinen Mate.

Auch in dieser Stadt konnten wir die never ending story um ein Kapitel erweitern. Ich will es kurz machen. Mit Augusto haben wir 5 Gasabfüllstationen angefahren, 30 km zurückgelegt und einen ganzen Vormittag verbraten. Ergebnis. Kein Gas! Die einen wollten nicht, die anderen konnten nicht, einer hat sich bemüht, bekam aber den Adapter und die Manguera (seine eigene) nicht dicht. Also weiter sparsam mit dem Rest aus der Reserveflasche umgehen.
Bevor wir uns von Romy und Augusto herzlich verabschieden können, gibt es natürlich noch ein Mittagessen: puchero, Eintopf.

Weit werden wir heute nicht mehr kommen. Schon knappe 70 km weiter in Santa Ana besichtigen wir noch die Ruinen einer Jesuitenstadt.

Bei letztem Büchsenlicht erreichen wir schließlich den Parque de la Cruz, ein Themenpark zu Flora und Fauna der Region.

2011-08-09
In der rabenschwarzen Nacht hat es heftig geregnet. Der Boden an unserem Standplatz ist ziemlich aufgeweicht, aber wir bleiben nicht stecken und können uns auf den geteerten Parkplatz des Parks verholen. Eintrittskarten kaufen und schon geht es mit einer kleinen, vom Traktor gezogenen Bahn auf den Berg.
Hier wurde als Wahrzeichen der Region ein überdimensionales Kreuz errichtet,

von dessen oberer Plattform man weit ins Land hineinsehen kann. Heute ist es sehr dunstig, sodass die Bilder nicht wirklich aussagekräftig sind. Lothars Magen- und Darmtrakt funktioniert nicht so, wie er eigentlich sollte. Die Toilettenanlagen immer im Visier, begnügen wir uns mit dem Besuch des Schmetterlingshauses

und des Orchideenhauses.

Es ist wohl nicht die richtige Jahreszeit, so dass nur ein Teil der Artenvielfalt zu sehen und zu bewundern ist. Auch im Parkplatzbereich gibt es noch ein paar wunderschön blühende Pflanzen.

Es wäre noch Zeit, die 30 km entfernte Jesuitensiedlung von San Ignazius zu besichtigen. Aber Lothars flotte Darmtätigkeit rät dazu, ein schattiges Plätzchen aufzusuchen und die Besichtigung auf morgen zu verschieben.

2011-08-10
Die kleine argentinische Provinz Misiones wird wie eine Halbinsel von Brasilien und Paraguay an drei Seiten umschlossen. Wandermissionare des Jesuitenordens kamen Anfang des 17. Jahrhunderts aus Brasilien und Paraguay und ließen sich in sog. „Reduktionen“ nieder. Dort lebten jeweils einige Padres mit einigen hundert Indianern zusammen, lernten deren Sprache und betrieben mit ihnen zusammen Landwirtschaft. Gleichzeitig schützten sie sie gegen Sklavenhändler und spanische Kolonialisten, die die Einheimischen als Leibeigene hielten. Wohl nicht zuletzt aufgrund ihrer straffen Organisation erzielten sie bald bedeutende Überschüsse, was nicht nur Neid auslöste. Man verdächtigte sie allgemein, nicht nur die Missionstätigkeit im Auge zu haben, sondern Macht und Einfluss ausweiten zu wollen.
Nach rund 200 Jahren durchaus erfolgreicher Missionstätigkeit – auch die kriegerischen Gran-Chaco-Stämme wurden befriedigt – wuchs die Angst vor wirtschaftlichem und politischem Einfluss der Jesuiten derart, dass Karl III ein Dekret zur Ausweisung der Jesuiten erließ, um die befürchtete Gründung eines neuen riesigen Staates in Südamerika zu verhindern. Die Jesuiten wurden verhaftet und in Ketten nach Europa gebracht. Die Reduktionen verfielen relativ schnell, da das System der Jesuiten auf absoluten Gehorsam aufgebaut war und offensichtlich trotz Einbindung der Kaziken (Oberhaupt der Guarani-Familiengruppen) keine hinreichende Grundlage für eine Selbstverantwortung und Selbstverwaltung der Einheimischen geschaffen wurde.
Die Ruinen der ehemaligen Reduktionen machen auch heute, obwohl teilweise vom Urwald (Santa Ana) überwuchert, noch immer einen gewaltigen Eindruck. Insbesondere beeindrucken die Größe der Kirchenbauten und die Mächtigkeit der Mauern selbst für die Wohngebäude der Einheimischen.

Wieder fahren wir durch eine urwaldgeprägte Landschaft mit dornigem, undurchdringbarem Gestrüpp, hohen Bäumen und Schlingpflanzen, immer mal wieder sumpfige Bereiche.

mit allerlei Federvieh.

Nachmittags erreichen wir Puerto Iguazu, die argentinische Seite der berühmten Wasserfälle. Hier sind wir zwar vor 6 Jahren schon einmal gewesen. Aber dieses Naturschauspiel kann man sich gut auch ein zweites Mal ansehen. Auch würde ein bedeutender Teil Südamerikas in unserem Reisebericht fehlen, würden wir einfach vorbeifahren :-).

 

Dieser Beitrag wurde unter Argentinien, Reiseberichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu Misiones

  1. kanalratte sagt:

    Hi Ihr2-3!

    Nun hab ich also auch mal IGUAZU gesehen. Schon toll. Bisher kannte ich nur die Rheinfälle von Schaffhausen, was verglichen mit IGUAZU wohl eher ein Reinfall war.
    Naja, zu berichten gibt es nicht viel Neues, eigentlich nix.Ihr macht zufriedene Gesichter , das ist schön. by the Way. Wie ist denn die aktuelle Routenplanung und wann kommt ihr denn so PI x Daumen wieder zurück?. Hier kursieren schon die dollsten Spekulationen, die ich mir garnicht anhören will.Ich glaube aber, dass diese Frage einen Teil eurer geschätzten Leserschaft inzwischen interessiert. Hier gibt es so ein paar Daumenreisende , und ich meine keine Anhalter,sondern die, die mit dem Finger auf der Landkarte fahren und Brumm Brumm sagen und sich dabei die Bilder ansehen. Eine neue Generation von Altaktivisten wie mich. Na denn man tau.
    Alles liebe, eure

    Kanalratte

Schreibe einen Kommentar