Sucre bis La Paz

Miércoles, 2011-04-20
Diese Fahrt durch die Berge kannten wir ja schon. Also erreichen wir Potosí ohne nennenswerte Fotostopps kurz nach Mittag. Aber diese Stadt ist verkehrstechnisch der absolute Albtraum, gesperrte Straßen, Straßenmärkte, durch die sich der Autostrom bergauf bergab schlängeln muss, keine Straßen- oder Hinweisschilder, Polizisten, die durch wildes Gestikulieren und Pfeifen versuchen, den Verkehr zu regeln. Nach 2 ½ Std. fanden wir endlich die „Salida de Uyuni“.
Irgendwann kam dann auch die schöne neue Asphaltstraße, die laut Auskunft von Einheimischen uns bis nach Uyuni führen sollte. Unsere Freude wurde jedoch jäh unterbrochen: Mautstation und Militärsperre! Der Soldat verlangte die Einfuhrpapiere für den Camper, war aber in keinster Weise mit dem Papier zufrieden, das ich ihm gab. Erst als ich etwas lauter wurde, schien er zu kapieren, dass wir an der Grenze nur den vorgezeigten Wisch bekommen hatten, er stempelte alles ab, trug die Daten des Fahrzeugs in eine dicke Kladde ein und meinte, ich solle beim Kollegen 5 Bol. dafür bezahlen. Der begriff das alles nicht und knöpfte mir 20 Bol. Maut ab. Ich hatte keine Lust zum Streiten.
Während ich so auf Rita warte, wird mir deutlich, was sich so alles mit den camiones transportieren lässt. Vor mir werden ein paar Schafe und der dazugehörige Hirte von der Ladefläche gehoben, neben mir schieben und ziehen hilfsbereite Mitreisende die Señoras in die Höhe.

Dann geht’s weiter auf der schönen neuen Asphaltstraße, hin und wieder unterbrochen durch Umleitungen über abenteuerliche Natur- und Sandpisten, bei denen die Regel gilt: ja nicht anhalten, denn dann kommst du nicht mehr weg.

Eine Weiterfahrt im Dustern schien uns nicht ratsam. Im kleinen Dörfchen Choquilla fanden wir an der Plaza ein gutes, ruhiges und sicheres Plätzchen für die Nacht.

Juves, 2011-04-21
Nun ging’s erst einmal weiter auf Sand- und Erdpiste mit Bachdurchquerungen

auf der schönen neuen Asphaltstraße, die Berge rauf und runter.

Zwischendurch immer mal wieder ein Stückchen Asphalt, dann wieder Schotter-, Sand- und Erdpisten mit Flussdurchfahrten, Schlaglöchern, Baustellen. Die in der Reiseliteratur beschriebene Schönheit dieser Strecke und Landschaft hat sich uns jedoch nicht so ganz erschlossen. Vielleicht lag es am Straßenzustand oder wir haben einfach schon Schöneres gesehen. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 / 50 km/h, die letzten 50 km waren ausschließlich Sand- und Erdpiste, erreichten wir am frühen Nachmittag Uyuni.
Und morgen fahren wir auf den Salar. Auf Anraten von Marco aus Sucre wollen wir nicht auf eigener Achse hineinfahren, da noch Wasser auf dem Salz steht. Also haben wir bei einer Touri-Agentur gebucht (sie bieten alle das gleiche Programm zum gleichen Preis an.)

Viernes, 2011-04-22
Anrufversuch bei Ernesto, wir kommen nicht durch! Das macht uns stutzig. Aber es ist ja auch Karfreitag und auch in Bolivien ist dies ebenfalls „un dia festivo“. Also auf zur Agentur, 10:30 soll’s ja losgehen. Irgendwie ist die Dame dort ein wenig verwirrt. Nach kurzer Überlegung beschließt sie, die Tour beginnt erst um 11:00. Wir möchten doch bitte draußen warten. Nun flitzt sie über den Platz, verschwindet hinter irgendwelchen Türen, kommt wieder zurück und bedeutet uns, wir sollten zum Toyota an der Straße gehen, der dort gerade ankommt. Die weiteren Tourteilnehmer sind 2 Japaner und 3 Skandinavier, der versprochene englischsprachige Guide fehlt. So mussten wir mit unserem bisschen Spanisch den Übersetzer für die anderen spielen.
Kaum hatten sich alle irgendwie in den Toyota gezwängt, rumpelte der Allrad auch schon die staubige Piste zwischen den Häusern los zum „Cementerio de trenes“. Wir stehen vor einem Haufen verrotteter Loks und jeder Menge Touris, alle angekarrt in Allrads, die bei diesen Straßenzuständen wohl auch wirklich sinnvoll sind.

Nächstes Ziel: Colchani 20 km nördlich von Uyuni. „Mercado artesano“: an jedem Stand der gleiche Kitsch und die gleiche Industrieware und jede Menge Touris, angekarrt in Allrads.

Endlich ging es weiter: der Salar, der eigentliche Teil unserer Begierde. Wie eine weiße Schneelandschaft, auf die es geregnet hat, liegt er dar, der Salar de Uyuni. Die Fahrt geht durch eine tiefere Wasserfläche und dann wieder über Salz, vermischt mit Wasser, vorbei an Salzhaufen, die Ernte, die zur Weiterverarbeitung in Salzmühlen gefahren wird. Von den im Prospekt versprochenen berühmten „Ojos“ (Wasser-Augen) sehen wir nichts.

Schließlich erreichten wir das „Hotel / Museo de Salar“. Hier sollte es einen Lunch geben. Der wurde schließlich auf der Ladeklappe des Toyota serviert: kalter, geschmackloser Reis, lauwarmes Schnitzel, Salatgurke, Tomaten, vermatschte Bananen, 1 Avocado zum Löffeln für alle. Immerhin, Teller und Besteck gab es auch noch. Schwieriges Essen, so ganz ohne tischähnliche Unterlage. Ach ja, und dann gab es außer uns auch noch jede Menge andere Touris, die sich an der Ladeklappe ihres Allrads an ihrem gleichartigen „Lunch“ labten.

Nun hatte das Touristenvolk 2 ½ Std. Zeit, die weiße Pracht des Salars zu fotografieren, mit Bergen, mit Salzhotel, mit Vulkan, mit Freunden. Es wurden auch jede Menge experimentelle Fotos gezaubert. Auch wir haben selbstverständlich unsere Fotos geschossen, waren damit aber nach einer halben Stunde fertig.

Wenn man so da sitzt und angesichts der weißen Pracht bis zum Horizont sinniert, wirft sich u.a. auch die Frage auf, wie kommt das ganze Salzwasser auf den Berg, wir sind immerhin in einer Höhe von rund 3.600 m. Die Antwort ist eigentlich ganz einfach und liegt auf der Hand. In vorhistorischer Zeit, zur Zeit der Saurier, Nord- und Südamerika hatten sich schon gebildet, gab es einen riesigen Meereseinschnitt, der sich vom heutigen Buenos Aires bis zum Lago Titicaca hinzog. Durch tektonische Verwerfungen (Übereinandergleiten der ozeanischen Nazca-Platte und südamerikanischen Kontinentalplatte) wurden Teile des Kontinents angehoben und die Verbindung zum Meer unterbrochen. Die Verdunstung durch die enorme Sonneneinstrahlung führte schließlich zur Bildung der vielen Salzseen, von denen der Salar de Ujuni der größte ist.

Bild
Quelle: Discovering the past, Municipal Tourism Direction, Sucre

Für 15:00 war die Rückfahrt angesetzt. Mit bolivianischer Pünktlichkeit ging es los: 15:45, der Fahrer machte einen nicht besonders zuständigen Eindruck, in ondulierter Fahrweise überquerte er im Schritttempo den Salar. Gelegenheit für Lothar, nun auch ein paar Fotoexperimente zu machen.

Zurück auf der Sand- und Erdpiste änderte sich die Fahrweise unseres Fahrers nicht! Entgegenkommende Fahrzeuge ignorierte er regelmäßig bis 5 m vor dem Crash. War er nur so kurzsichtig, oder müde, oder high? Wir waren froh, wieder heile in Uyuni anzukommen! Fazit: Preis-Leistungsverhältnis stimmte absolut nicht. Wir hätten uns ein bisschen mehr Fahrt über den Salar gewünscht, vielleicht auch den ein oder anderen Flamingo, mehr Informationen.

Wir beschlossen, heute noch weiter zu fahren. Die Strecke zurück über Potosí erschien uns wenig sinnvoll, da auch hier 150 km Sand- und Erdpiste zu bewältigen sind, hinzu kommt noch dieses ständige auf und ab, was wir unserem 3. Oldi nicht zumuten wollten. Also die andere Strecke über Challapata, ebenfalls 150 km Sand- und Erdpiste, aber ohne nennenswerte Steigungen und insgesamt erheblich kürzer.
Aber zuvor ist noch Tanken am Ortsausgang Richtung Challapata angesagt. Wie so häufig in Bolivien gibt es eigentlich nicht so wirklich einen Ortsausgang. Keine wirkliche Straße, man fährt irgendwie zwischen halbverfallenen Häusern, jeder Menge Müll hindurch und folgt dem Weg im Dreck, der die meisten Fahrspuren aufweist. Wir erreichen die Tanke: „No diesel para Gringos, diesel solo para Bolivanos!“ Wir sollen zu der anderen Tanke am gegenüberliegenden Ortsausgang nach Potosí fahren. Also wieder zurück durch den Müll, die halbverfallenen Häuser, durch die Stadt. Die Tanke hat geschlossen.
Während wir ziemlich entnervt beraten, wie es weitergehen soll, kommt ein PKW angebraust, der Fahrer springt heraus, hastet in das Gebäude, kommt wieder heraus, springt wieder in sein Auto mit den Worten „ Uno momento, hay diesel!“ und fährt davon. Ich verstehe gar nichts mehr. Woher weiß dieser Kerl, dass wir Diesel wollen? Warum fährt er wieder weg? Kurz um kommen zwei verpennte Mädels aus dem Haus und geben uns den gewünschten Diesel. Mit Karte bezahlen ist nicht, Wechselgeld haben sie auch nicht. Na gut, dass wir’s passend haben.

Nun wird es aber Zeit, zum Luna Salar Hotel (Empfehlung von Marco aus Sucre) zu fahren. Bei untergehender Sonne auf absolut abenteuerlicher Piste erreichen wir das Salzhotel, ein wirklich interessantes Haus (die Wände aus Salzblöcken gebaut, der Fußboden aus Salzgranulat mit Teppichen ausgelegt) mit tollem Ambiente.

Der Hotelier weist uns ein Standplatz vor dem Hotel für die Nacht zu (außer uns gibt es hier ausschließlich Allradfahrzeuge mit entsprechender Bodenfreiheit, bemerkenswert!) und wir nehmen als „Visitatores“ am Dinner teil.

Sábado, 2011-04-23
Dieser Tag ist gekennzeichnet von 150 km Sand- und Erdpiste, div. Flussdurchfahrten, Querungen von Bahnanlagen, die eigentlich für uns nicht zu überqueren sind, also eine fahrzeugtechnisch für uns hundsmiserable Strecke! Und die Landschaft ist eher eintönig. Eigentlich sollte man sich Uyuni und den Salar sparen, zumindestens in dieser Jahreszeit, in der auch die Touranbieter nicht das volle Programm fahren.

In Challapata probieren wir die einheimischen „Salchipapas“ (frittierter Kartoffelteig). Sie sind ein bisschen fettig – das rechtfertigt den Schnaps hinterher -, aber sonst ganz lecker. Später finden wir wieder einen Übernachtungsplatz an der Plaza gegenüber der Polizei, also wohl auch gut bewacht.

Domingo, 2011-04-24
Bei meinem morgendlichen Rundgang ums Auto stelle ich (Lothar) zu meinem Entsetzen fest, dass sich unser rechter Vorderreifen bolivianischen Verhältnissen angepasst hat: Gummi hebt sich ab, Textil wird sichtbar.

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So fährt ein deutscher Volkswagen natürlich nicht durch Südamerika; also: Reifenwechsel am Oster-Sonntag-Morgen!

Bei unserer Fahrt über den Altiplano sehen wir rechts und links der Strecke immer wieder Familien bei ihrem „Sonntagsausflug“ Kartoffeln ernten. In gebückter Haltung arbeiten sie sich mühsam mit einer kurzen Handhacke durch den Acker wie vor Hunderten von Jahren. Andere Gruppen ernten „Quinoa Real“, die beste der vielen Quinoa Sorten und stellen sie in Garben zum Trocknen auf.

Quinoa ist ein wiederentdecktes Korn, das seit 5.000 Jahren in den Anden angebaut wird und neben Kartoffeln und Mais zu den Hauptnahrungsmitteln der andinen Bevölkerung zählt. Wie keine andere Agrarpflanze kommt sie mit den harten Bedingungen wie ganzjährig niedrige Temperaturen, wenig Feuchtigkeit und nährstoffarmer, aber extrem alkalinhaltiger Boden erstaunlich gut zurecht. In der Küche findet es vielseitige Verwendung, wir werden mal sehen, was wir draus machen können.

100 km vor La Paz nehmen wir unseren Nachtstandplatz in Patacayama ein, diesmal nicht an der Tanke, sondern an der Plaza. Schließlich haben wir mit diesen Standorten gute Erfahrungen gemacht, sie sind durchweg sicher und ruhig.
Diese Plätze sind in fast jedem Pueblo oder kleinerem Städtchen zu finden. Immer sind sie viel zu groß angelegt, Betonflächen mit kleineren Pflanzflächen, auf denen meist jedoch nichts wächst, umrandet von Betonmäuerchen oder gar 2 m hohen Zäunen. Meist führt auch noch eine Prachtstraße dorthin, ebenfalls überdimensioniert. Es kommen Erinnerungen an Reisen durch Ostblockländer auf, Gigantomanie und Machtdemonstration, aber leider ohne jegliche wirklich kommunikative Elemente. Die Umgebungsbebauung ist trist, verschlossen, kein Geschäft, kein Telefonladen, kein Restaurant. Die Plätze haben kein Leben, keine Menschen finden sich hier ein, noch nicht einmal Jugendliche mit lärmender Musik, nur ein paar streunende Hunde liegen je nach Tageszeit im Schatten der Mäuerchen oder in der Sonne.
Sicherlich gehört die Einrichtung solcher Plätze einer längs vergangenen Ära an.
Uns ist aufgefallen, dass auch ein anderes Bauwerk in fast jeder kleinen Ansiedlung zu finden ist. Immer ein wenig außerhalb von 5, 6, 10 oder auch ein paar mehr Adobehäuschen sind Betonspielfelder mit Fußballtoren und Basketballnetzen errichtet. Keine Kinder, keine Jugendlichen sind zu sehen. Sind die anderweitig eingespannt? Haben die gar keine Zeit für derart verlockende Angebote aus Beton? Neu, ungebraucht, einsam und verlassen stehen diese Spielfelder in der Landschaft. Wird auch hier – wie früher bei den Plazas – an den Bedürfnissen vorbei geplant und investiert? Ist das eine Art von Lohn für die Wählerstimme?

Lunes, 2011-04-25
Natürlich ist nach dem Frühstück unser erster Gang zur „telefónica publica“. Wir erreichen Ernesto, aber leider sind die Ersatzteile bisher nicht angekommen. Morgen, ja morgen früh sollen wir noch einmal anrufen. Ok, dann fahren wir noch zu den Ausgrabungsstätten Tiahuanaco.

Und dann sehen wir doch noch etwas, was wir bisher auf dieser Strecke nicht gesehen und auch nicht erwartet haben. Es ist für uns so unglaublich, dass wir sogar noch einmal umdrehen: ein Rind wird auf offener Straße geschlachtet!

Leider führt der Weg nach Tiahuanaco nur über El Alto. Bei unseren bisherigen Fahrten durch diese Stadt hatten wir ja schon ein unglaubliches Menschengewühl erlebt, aber es war jeweils sonntags. Nun an einem Wochentag wird aus der 4-spurigen Straße eine 8-spurige. 3 Spuren in jede Richtung sind ausschließlich von „Colectivos“ belegt, Minibusse von der Größenordnung eines VW-Busses mit 4 Sitzreihen á 3 Sitzplätzen plus Fahrerbank! Aber, wenn man genau hinschaut, sitzen und stehen dort min. 20 Fahrgäste drin, nebst ihrem Gepäck. Die 4. Spur ist eigentlich für die „Normalreisenden“ reserviert. Aber auch hier reiht sich ein „Colectivo“ an den anderen, hält plötzlich an, um Fahrgäste aufzunehmen oder sie aussteigen zu lassen.

Aber schließlich schaffen wir es doch, an den Abzweig nach Tiahuanaco zu kommen und können durchatmen. Natürlich fahren wir auch hier erst einmal zur Plaza, die aufgrund der historischen Bedeutung des Städtchens ganz besonders ausgestattet ist. Aber einen sehr belebten Eindruck macht auch sie nun wirklich nicht. Umrahmt wird der Platz von wichtigen Gebäuden, wie Rathaus und Kirchen und einer Vielzahl von Häusern mit kleinen Minilädchen. Angeboten werden hier in der Hauptsache Getränke und Süßigkeiten. Es gibt auch ein kleines Restaurant, in dem abends sogar eine Handvoll Gäste einkehren.

Dieses Städtchen ist wohl so bedeutend, dass man hier nicht ein einfaches Betonspielfeld errichtet, sondern gleich ein Stadion.

Martes, 2011-04-26
Hurra, wir haben einen Teilerfolg bei unserem Anruf bei Ernesto zu verbuchen: das erste Päckchen ist angekommen! Natürlich macht es nur Sinn, zur Werkstatt zu fahren, wenn auch die 2. Sendung angekommen ist. Also machen wir uns auf, die nach Machu Pichu wichtigste Ausgrabungsstätte der Inka-Kultur zu besichtigen. Es gibt einen ausgedehnten Freilichtpark

und ein Museum für indigene Kultur.

Nach dem Mittagessen machen wir uns auf die Rückfahrt nach La Paz, zum Hotel Oberland: Beeindruckend ist die Weite der Landschaft, die wir bei der Hinfahrt irgendwie nicht so recht wahrgenommen hatten.

Von weitem ist El Alto schon auszumachen. Alte Wahlkampfaufrufe am Stadtrand verschönern die Baustellen, insbesondere wenn sie so beziehungsreiche Namen enthalten wie „Cocarica“.

Und wieder stürzen wir uns in das Menschen- und Verkehrsgewühl in der Millionenstadt, die erst 1985 vom Vorort zur eigenständigen Stadt mutierte, und dann eine rasante Entwicklung erfuhr. Als eine der schnellstwachsenden Städte hat sie ihre Einwohnerzahl mehr als verdoppelt. Welche sozialen und infrastrukturellen Probleme das mit sich bringt, kann sich jeder leicht ausmalen. Bezüglich der verkehrslenkenden Maßnahmen ist man dazu übergegangen, dass Esel und Zebras den Verkehr an den Kreuzungen regeln, um den Autofahrern drastisch deutlich zu machen, wann die Ampel auf Rot springt. Das Dauergepfeife der Polizei hilft ganz offensichtlich nicht weiter.

Irgendwann nach 1 Stunde sind wir endlich auf der Autopista runter nach La Paz, und es eröffnet sich uns ein gewaltiges Panorama in der Nachmittagssonne. Der Talkessel ist reine Urbanisation, die Bebauung klettert überall die Berge empor, Häuser kleben an 45° steilen Berghängen.

Unten angekommen müssen wir zugeben, es gibt auch saubere Straßen und Prachtfassaden, Großstadtflair mit Glitzerfassaden und öffentliches Straßengrün. Das kann sich hier in Bolivien scheinbar nur eine Stadt mit Regierungssitz leisten.

Im Hotel Oberland in Mallasa angekommen gilt es erst mal, die Beute vom HiperMaxi, bei dem wir noch schnell das Nötigste für die nächsten paar Tage eingekauft haben, ordnungsgemäß zu verstauen: hier läuft unser Kühlschrank nämlich wieder über komfortable 220 Volt.

Miércules, 2011-04-27
„Valle de la Luna“, Tal des Mondes: auf abenteuerlichen Stiegen geht es rauf und runter zwischen und auf bizarren Felsformationen, die die Erosionskräfte aus den unterschiedlich festen Materialien im Laufe der Zeit geformt haben. Hellgraue und graubraune Stehlen, Schluchten, abgrundtiefe Löcher und schroffe Felsspitzen, und Türme denen findige Touri-Manager nette Namen gegeben haben, wie „Sombrero de la Dama“ (Hut der Dame), bilden die Orientierungspunkte in dem Labyrinth.

Leider muss Rita schon bei der ersten Stiege umkehren, es ist ihr denn doch allzu halsbrecherisch. Ich meine, wenn man in der Nähe ist und einigermaßen schwindelfrei und trittsicher, lohnt sich ein Besuch allemal. Nur schade, dass Zäsuren wie die Hauptverbindungsstraße nach La Paz und die heranrückende Bebauung dieses Naturphänomen zerschneiden und einschränken.

Vom Hotel aus rufen wieder bei Ernesto an: das zweite Päckchen ist noch nicht angekommen. Also heißt es: weiter warten! Ob wir vor dem 1. Mai-Wochenende noch vom Hof reiten können, bleibt weiter ungewiss. Jedenfalls werden wir uns heute Abend als Trostpflästerchen ein Chateaubriant im Hotel leisten.

Juves, 2011-04-28
Ich hätte es wissen müssen, abends essen gehen ist nix für Vaters Sohn. Das Chateaubriant war echt lecker, aber Völlegefühl und Schlafprobleme als unausweichliche Folge sind nicht wirklich witzig.
Egal, heute ist ein neuer Tag und wir füllen die Lücken in unseren „Notas del Viaje“, suchen Bilder aus (es fällt uns immer noch echt schwer), freuen uns über die frisch gewaschene Wäsche, die Fenster werden vom Dreck der letzten paar Hundert Kilometer „Naturpiste“ gereinigt, das Cockpit wird geputzt, das Tresorschloss ist zu reparieren (der Bart vom Sicherheitsschlüssel war abgebrochen und steckte noch im Zylinder), kurzum: täglicher Kleinkram.
Zwischendurch Anrufe bei Ernesto: 1. Versuch: „ocupado“, 2. Versuch: „Ernesto no a casa“, 3. Versuch: Ernesto ist da, aber das dringend benötigte 2. Päckchen nicht.
Damit ist es auch nix mit der Reparatur zum Wochenende, und wie Ernesto so ganz beiläufig erwähnt, ist am Montag Feiertag. Da der 1. Mai auf einen Sonntag fällt, wird der „Tag der Arbeit“ selbstverständlich nachgeholt (Modell für Deutschland?). Also geht’s frühestens am Dienstag weiter mit der Reparatur. Also können wir uns für mindestens weitere 5 Tage gemütlich einrichten

und sehen, was La Paz und Umgebung uns sonst noch so zu bieten hat.

Bleiben Sie dran, Sie hören wieder von uns 🙂

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5 Antworten zu Sucre bis La Paz

  1. Gerhild & Harald sagt:

    Hola chica, hola chico :-),
    ihr müsst Euch ja Nerven wie Drahtseile „antrainiert“ haben! Zwar hatten wir schon mal gelesen, dass zwei Drittel der Straßen Boliviens unbefestigt sind, aber wir Mitteleuropäer können uns diese Anforderungen an Fahrzeug, Fahrer UND Beifahrer nicht so wirklich richtig vorstellen. Solange die Fotos zu Eurem letzten Bericht fehlen, malen wir uns nun in der Fantasie die bildhaft beschrieben Erd- und Sandpisten mit abenteuerlichen Bachüberquerungen und sonstigen Hindernissen aus. Meint ihr, ihr könnt im Bergischen Land noch Spaß am Autofahren haben???

    Die mineralstoffreichen Blätter der Quinoa werden als Gemüse oder Salat verzehrt. Die Samen haben eine getreideähnliche Zusammensetzung und wir verwenden es ähnlich wie Reis als Beilage. Die Körner sollten wegen der Saponine (Bitterstoffe) vor dem Zubereiten gewaschen werden und werden schneller als Reis gar. Gut auch in einer Gemüsepfanne oder für Bratlinge mit Karotten, Lauch, Zwiebeln und Eiern vermischt und ausgebraten. Dazu vielleicht eine feurige Sauce, aber was sagen wir Euch das als Reise-Kochprofis?

    Wir hoffen, dass Ernesto nun bald loslegen kann, damit ihr in La Paz nicht bald selber den Reiseführer spielen müsst – ¿Y qu’e? La esperanza es lo ultimo que se pierde 😉 Saludos, tened cuidado! Gerhild und Harald

  2. Brigitte sagt:

    Hallo Ihr Zwei ich bin immer wieder erstaunt was sich bei Euch so tut und von Euren Bildern bin ich ganz hin und weg. Ich halte Euch ganz feste die Daumen das es bald weiter geht. Denn der 3. Oldie ist ja ganz schön angeschlagen aber wie heißt es so schön.“Ihr schafft das schon“
    Liebe Grüße Brigitte und Dieter.

  3. Gerhild & Harald sagt:

    Zwischenruf vom Niederrhein nach La Paz!
    Wir hoffen mit Euch, dass das 2. Päckchen nach dem bolivianisch erweiterten Maifeiertag nun endlich in La Paz eintrifft und vertreiben uns derweil die Zeit bis zum nächsten Bericht 🙂 – nur keine Panik, wir wollen Euch nicht hetzen!! – mit vertiefenden Informationen über das eine oder andere Thema zur Etappe „Von Sucre nach La Paz“.

    Während wir über den Zustand Eures Reifens nur staunen können, denken wir, dass die netten „pilas pequeñas“ auf dem Salar wahrscheinlich zum Trocknen des Salzes aufgehäufelt werden, was Euch ein sehr malerisches Fotomotiv geliefert hat (natürlich neben vielen anderen). Wir wissen jetzt, dass Tiahuanaco sinngemäß „Setz Dich nieder kleines Lama“ bdeutet 😉 und zum Spaß haben wir uns auch den beziehungsreichen Namen auf dem alten Wahlplakat auf dem Weg zurück nach La Paz herausgepickt und eine kurze Vita des derzeitigen Gouverneurs von La Paz gefunden, eso es:

    César Cocarico Yana es un hombre de pueblo, nacido en Escoma Provincia Camacho del Departamento de La Paz el 1 de julio de 1969. Es profesor de educación física, con licenciatura en Derecho, abogado y ex constituyente por el MAS (Movimiento al Socialismo), y vive en la ciudad de El Alto. Mientras trabajaba como profesor continuo sus estudios en la Universidad Mayor de San Andrés obteniendo el título de Licenciado en Derecho, posteriormente obtuvo un postgrado y Maestría en Derecho Constitucional. Cocarica war Mitglied der Asamblea Constituyente, der verfassungsgebenden Versammlung, deren Verfassungsentwurf am 25. Januar 2009 mit deutlicher Mehrheit vom Bolivianischen Volk angenommen wurde. In Bolivien heißt man wohl so beziehungsreich wie bei uns Geldmacher oder Weinberger, jedenfalls war auch dieses Foto eines Eurer vielen tollen „Augenblicke“.

    Interessante Links zu Bolivien ganz bzw. weitgehend auf Deutsch haben wir gefunden unter http://de.wikipedia.org/wiki/Bolivien oder z.B. auch im Länderinformationsportal unter http://liportal.inwent.org/bolivien.html . Übrigens: wie lange dauert es eigentlich, bis man sich von der Höhenluft des Altiplano wieder an „normale“ Verhältnisse gewöhnt hat?

    Liebe Grüße ins Hotel Oberland senden Euch Gerhild und Harald

  4. Kanalratte sagt:

    Moin,moin ihr zwei!

    Diesmal fand ich euren Blog ein wenig bedrückend, trotz der schönen Bilder. Salzsee hat was , insbesondere mit Vulkan im Hintergrund.Aber diese bescheidene Infrastruktur im Hintergrund finde ich jetzt nicht mehr so ganz lustig. Ich hätte nicht gedacht,dass die da unten noch so weit hinter dem Mond leben. Ich hoffe, ihr kommt zurecht.Zumindest scheinen ja jetzt endlich die Ersatzteile einzutrudeln.Ich würde mir übrigens auch mal ein paar Fotos mehr von von Rita wünschen,ich fand sie sehr fotogen!!!und vielleicht ein kleines sundownerabend schnappschüsschen, wie ihr da so lebt. Muß immer noch an Sête denken.Und um euch zu ärgern, beisse ich jetzt mal eben genüsslich in ein Krabbenbrot während ich eure Bilder vorbeidefilieren lasse.Mein internet war zwischenzeitlich durch einen Virus ausser Gefecht. Der Laptop geht jetzt wieder, aber der PC liegt noch im Koma. Marc wird sich nächste woche darum kümmern. Ich hoffe es ist nix nachhaltiges. Mail klappt auch die halbe Zeit nicht. Nicht verzagen. Ich lebe noch! a bientôt chères amis.
    Eure
    Kanalratte

  5. Gerhild & Harald sagt:

    Hola habitantes temporales de La Paz 🙂 !
    Sonne, blauer Himmel und 28 Grad im Schatten, am Niederrhein Spargel mit neuen Kartoffeln und frischem Weißwein, 822. Hafengeburtstag in Hamburg und überall in Deutschland Muttertag – das sind ein paar Eckdaten von heute aus unserem Teil der Welt – Politik und andere wenig erfreuliche Themen lassen wir hier mal aus.
    Wir denken gerade an Euch und hoffen, dass bei Euch Dreien langsam alles in den grünen Bereich rückt (fingers crossed). By the way: gilt Eure bolivianische Aufenthaltsgenehmigung eigentlich für diesen ursprünglich ja nicht so lange geplanten Zeitraum? Saludos y hasta luego! Gerhild und Harald

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