Sucre, die andere Seite des Weltkulturerbes

Stadt des Weltkulturerbes, eine schöne Stadt, eine wirklich schöne Stadt für uns Europäer, sauber, wohl geordnet, tolle Fassaden im Kolonialstil, nette Hinterhöfe, schöne Kneipen und vieles mehr, was sich der europäische Tourist so wünscht, wir sind beeindruckt, den Fotoapparat immer im Anschlag, aber:

Rita: Ich stehe am Getränkekiosk, ich ordere 10 Dosen Bier. Von hinten berührt mich irgendetwas, ich wirbele herum, hier will mich jemand beklauen. Nein, mir streckt sich eine verknöcherte, magere Hand entgegen, begleitet von einem Gemurmel. Ich schaue näher hin, ich schaue in ein ausdrucksloses  Gesicht, ein Gesicht, das ich heute schon so oft gesehen habe, Hoffungslosigkeit, Hunger, Verzweiflung, Hilfe suchend. 10 Dosen Bier! Und dieser Blick!. Was nutzen die 2 Bolivianos , die ich in diese mageren Händchen lege, ja, es sind 5 Brötchen, 5 trockene Brötchen für das Mütterchen. Aber wird sie die bekommen? Wird sie bei der Backstube überhaupt reingelassen? Schafft sie den Weg dort hin? Ich habe mich gefragt, was lieber Gott, haben diese Menschen getan, dass sie so elendig auf der Straße leben müssen?

Lothar: Wir sind heute nicht Essen gegangen, wie ich mir das vorgestellt habe!
Ich habe geweint über die alte Frau, die sich in der Gosse ihr blutendes Auge mit einem schmutzigen, blutverschmierten Lappen abgeputzt hat, die Krücken neben sich, auf denen sie sich durch die Stadt schleppt. 200 m weiter erinnere ich mich daran, dass ich 15 Bolivanos in der Hosentasche habe (= die Coca-Ration für 2 Wochen), ich wollte zurückgehen, habe es nicht getan, habe es auf morgen verschoben – Scheiß Mañana! – heute waren wir nicht in der Stadt, war ja schließlich mein Geburtstag!

Überall diese Händchen, diese Händchen aus Haut und Knochen, die sich dir entgegenstrecken, dunkelbraun und schmutzverkrustet, in der Hoffnung auf einen Bolivianos, nicht hier oder dort, nein, überall, an jeder Straßenecke, an jeder parada del busses, an jeder Straßenkreuzung in der Stadt des Weltkulturerbes! Es ist so schwer, all dieses Leid, all diese Armut zu ertragen, ohne selber zusammenzubrechen.

Wir stehen auf „unserem“ privilegierten Gartengrundstück vor der Cabaña, in der Nachbarschaft kläffen Hunde, die Straßenbeleuchtung funktioniert, der Mond steht auf 3/4, eigentlich eine friedvolle Umgebung. Aber was machen die Menschen, die wir in absoluter Armut und Hilfsbedürftigkeit in der Stadt gesehen haben? Keine papas, kein cervesa, erst recht kein Fleisch, kein Bett, kein Dach über dem Kopf, vielleicht Coca, um die Nacht durchzustehen.

Wir wissen, all dies gehört vielleicht nicht in einen fröhlichen Fahrtenbericht aus Südamerika, aber wir müssen uns auch dies von der Seele schreiben und berichten, es gehört auch zu unserer Reise und nicht nur pure Abenteuerlust, schöne Landschaften und aufwändige Architektur. Wir sind uns bewusst, dass wir durch unsere Berichterstattung nichts ändern können an den Lebensbedingungen der Ärmsten der Armen dieses Landes. Trotzdem gehört dies u. E. zu einem ehrlichen Report.

Wir haben uns dazu entschlossen, auch Bilder zu diesem Thema ins Netz zu stellen, obwohl wir uns zunächst gescheut haben.

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3 Antworten zu Sucre, die andere Seite des Weltkulturerbes

  1. Gerhild & Harald sagt:

    Hola viajeros!
    Touristen werden mit der Armut eines Landes seltener konfrontiert – Reisende schon – und so ist es nur folgerichtig, auch diese berührenden Eindrücke mit in Euer Tagebuch aufzunehmen. Trotz seines Reichtums an Bodenschätzen und großer freier Erdgasvorkommen ist Bolivien wohl immer noch das ärmste und exportschwächste Land Lateinamerikas. Zwei Drittel der Bevölkerung leben in Armut, 40 Prozent sogar in extremer Armut. Das kann und soll man nicht übersehen. Gerhild und Harald

  2. Mafratours sagt:

    Einen schönen Gruß nach Bolivien!

    Habe soeben den Reifen gesehen. Mit einem Ersatz ist es aber nicht getan. Der neue Reifen wird dann bald wieder genau so aussehen! Das Reifenbild zeigt ganz eindeutig, daß Spur/Sturz nicht stimmen und der Stoßdämpfer hinüber ist !!!

    • Lothar sagt:

      Si, claro, das Problem ist erkannt, zumindest was die Einstellung des Sturzes angeht. Das wird gemacht, wenn die neue Spurstange eingebaut ist und ist auch schon eingestielt. Die Stoßdämpfer werden wir auf diesen Hinweis hin auch noch einmal genauer unter die Lupe nehmen. Vielen Dank für den Hinweis.
      Beste Grüße, Lothar

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