Immer noch Sucre

Miércoles, 2011-04-13
Nachdem der Beschluss gefasst ist, in den Uyuni-Salar zu fahren, lassen wir es gemütlich angehen. Alle inzwischen in der cambaña, im baño und in der cucina verstreuten Sachen einsammeln, einkaufen, noch ein bisschen Wäsche waschen, Musik herunterladen etc. Abends sagen wir Alberto Bescheid, dass wir Morgenfrüh ca. 09:00 weiterfahren. Si, claro! Felicidad und Alfredo wollen uns dann verabschieden.

Juves, 2011-04-14
Tag der Abreise aus Sucre, es ist alles gerödelt und abmarschbereit. 06:00: mich treibt es aus dem Bett, eigentlich viel zu früh, aber ich will unbedingt unseren letzten Bericht „La Paz bis Sucre“ noch ins Netz stellen. Aber nix geht, keine Netzverbindung! Wofür soll das denn nun wieder gut sein? 08:00 tauchen Felicidad und Alberto auf, eigentlich viel zu früh. Sie konfrontieren uns mit den neuesten Nachrichten: in ganz Bolivien wird gestreikt! Alle großen Städte sind mit Straßenbarrikaden abgeriegelt, so auch Sucre und Potosí! Brennende Autos und Reifen auf den Straßen scheinen ein Durchkommen nach Uyuni unmöglich zu machen. Hatten wir das nicht schon einmal?! So brauchen wir nicht lange und entscheiden uns, vorerst in Sucre zu bleiben!

Später kommt Miguel und repariert das Modem, so kann ich wenigstens den Bericht endlich ins Netz stellen, aber es geht alles zum Verzweifeln langsam, was die Einstellung der Bilder angeht.

Viernes, 2011-04-15
Alberto versorgt uns mit der aktuellen Tageszeitung. Leider verstehen wir zu wenig, um die Lage richtig einschätzen zu können. Klar ist, dass es inzwischen zu heftigen Gewalttätigkeiten in verschiedenen Städten, insbesondere in La Paz, gekommen ist. In Sucre scheint alles friedlich abzulaufen. Wir finden im Internet eine Zeitung, die relativ zeitnahe über die Situation in Bolivien auf Deutsch berichtet: www.latina-press.com . Wer es in Spanisch mag, schaut in die Tageszeitung www.correodelsur.com. Hier könnt ihr alle Einzelheiten dieses Generalstreiks lesen, deswegen ersparen wir uns an dieser Stelle einen eigenen Bericht.

Lothar übt sich weiter in Charango-Musik und ich übe mich im Zubereiten von Speisen. Wenn die Wurst in der Auslage des Supermarktes wieder mal so grau daherkommt, die abgepackte Wurst beim Frühstück einen merkwürdigen Geschmack entwickelt, sodass wir den Rest lieber den streuenden Hunden spendieren, die Marmelade eigentlich nur nach Zucker und nicht nach der abgebildeten Frucht schmeckt, der Schnittkäse quietscht, wenn man hinein beißt, warum auch immer, ja, dann ist es Zeit sich Brotaufstrich „artisano“ auszudenken und auszuprobieren. Zeit hab ich ja jetzt. Dabei ist herausgekommen: Crema queso, Crema huevo, Crema tomato. Mmm, lecker, eine echte Alternative zu oben Beschriebenem und man kann damit auch das südamerikanische Brot – selbst frisch gebacken ist es nun mal staubtrocken – sehr gut essen.

Sábado, 2011-04-16
Da ja nach wie vor an Abreise nicht zu denken ist, machen wir uns auf, weitere Facetten von Sucre zu entdecken. Auf dem Programm steht für heute Morgen das Museum für indianische Textilkunst. Leider ist der museale Teil geschlossen (wie wir später erfahren, benötigt die Regierung das Haus wohl für andere Zwecke. Unverständlich auch, weil dieses Haus überregional einen sehr guten Ruf genießt. So geht wieder ein Teil der indogenen Identifikation verloren.), so dass wir uns mit der tienda, dem kommerziellen Teil zufrieden geben müssen. Wir sehen viele künstlerisch sicherlich wertvolle Einzelstücke,

die aber auch ihren Preis haben und begnügen uns mit zwei weiteren Exponaten zu unserer Trinkgefäße-Sammlung.

Da das mit dem Museum nix war, wollen wir uns ein weiteres Highlight von Sucre gönnen: den „Parque Cretácico“. Nach einem kurzen Zwischenstopp im Casa Cultura/ Cafe Berlin und Tipps bezüglich der aktuellen brisanten Situation auf den Straßen von Bolivien bekommen wir von der sehr netten Dame an der Rezeption des deutschen Konsulates auch noch den Hinweis auf die sonntägliche Tour nach Tarabuco, von der wir schon gelesen hatten.

Aber nun zunächst zum Dino-Park. Fast pünktlich um 14:00 besteigen wir vor der Kathedrale den „Dino-Truck“.

Es ist für uns eine neue Erfahrung, auf diese Art durch die Stadt kutschiert zu werden: man sieht viel mehr, wenn man sich nicht so stark auf den quirligen Verkehr konzentrieren muss. Sucre den Status eines Weltkulturerbes zuzugestehen, ist sicherlich richtig, aber bitteschön nur für das Zentrum. An der Peripherie und in den Außenbezirken erlebt man wieder das andere Bolivien. Kilometerlang reihen sich Reparaturwerkstätten, die den größten Teil ihrer Arbeit auf der Straße erledigen, durchsetzt von Suppenküchen und Minilädchen, die ihre Inhaber wohl kaum über Wasser halten können. Alles macht einen ärmlichen und schmuddeligen Eindruck und Putzkolonnen wie in der Innenstadt gibt’s hier draußen natürlich auch nicht.

Nach einer knappen halben Stunde Gerumpel kommen wir an der Zementfabrikation Francesa an, auf deren Gelände 1994 bei Abgrabungsarbeiten die weltweit größte Ansammlung von Saurierspuren an einer senkrechten Felswand (1.500 x 110 m) entdeckt wurde. (Diese Fläche wurde natürlich erst durch tektonische Verwerfungen in Millionen von Jahren senkrecht gestellt. Kein Saurier läuft die Wand rauf.). Und dann gib es mit deutschsprachiger Führung jede Menge Interessantes zu sehen. Am imposantesten finden wir natürlich die sehr natürlich wirkenden, lebensgroßen Skulpturen unserer paläontologischen Vorgänger, vom kleinen, aus dem Ei kriechenden Saurier über (natürlich) Thyrannosaurus Rex bis hin zum gigantischen, ich nenne ihn mal laienhaft Supersaurus mit 36 m Länge und 13 m Höhe.

Wen’s interessiert: weitere Daten, Fakten Hintergründe gibt’s unter http://parquecretacicosucre.com .

Domingo, 2011-04-17
Dominica in Palmis de Passione Domini, als wir heute gegen 08:30 zum Treffpunkt für die Abfahrt des Busses nach Tarabuco schlendern, kommen uns Menschenmassen mit gebundenen Zweigen aus allen möglichen Materialien entgegen. Auch die Indios am Straßenrand wittern ihr großes Geschäft. Sollen die gesegneten Zweiglein doch für ein ganzes Jahr Unglück vom heimischen Herde abhalten.

Die Pforte zum Casa Cultura / Konsulat ist noch verschlossen. Kurz darauf öffnet uns ein freundlicher Herr mit den Worten:“ Kommen Sie doch herein, hier ist es gemütlicher. Wir fahren gleich nach Tarabuco, wenn Sie möchten, können Sie mitkommen.“ Klar, das war ja unsere Absicht. Im wunderschönen Innenhof des Casa Cultura versammeln sich derweil die anderen Fahrtteilnehmer: eine Abi-Klasse und einige Lehrerinnen der deutschen Schule aus Santa Cruz. Mit bolivianischer Pünktlichkeit geht es dann los. Die Straßensperre Richtung Tarabuco ist aufgehoben. So erreichen wir nach 65 km durch die Berge das berühmte Indio-Dorf. Berühmt deswegen, weil hier der Sonntagsmarkt für die Landbevölkerung stattfindet. In früheren Zeiten wurden hier ausschließlich Waren getauscht, Waren, die der Andenbauer für sein tägliches Leben brauchte. Die Zeiten sind längst vorbei. Bezahlt wird mit „harten“ Bolivanos. Der Tourismus hat auch diesen Markt voll in der Hand. Es wird viel Industrieware angeboten und dies zu überteuerten Preisen, zu mindesten für die Gringos. Aber das bunte Treiben der Indios in ihren typischen Trachten lohnt viele Fotos.

Um 12:30 hat sich die Gruppe in einem Restaurant verabredet. Hinter ziemlich unauffälliger Fassade (man wäre normalerweise daran vorbeigelaufen) eröffnet sich ein schöner, gemütlicher Innenhof,

in dem uns eine andinische Kartoffelsuppe serviert wird. „14:00 bolivianischer Zeit und deutscher Pünktlichkeit“ so der Konsul, „starten wir zur Rückfahrt.“ 16:00, Sucre hat uns wieder, es war ein schöner Ausflug.

Lunes, 2011-04-18
Heute ist wieder mal ein Tag der Entscheidungen: Anruf bei Ernesto, sind die Teile da? Wie geht es weiter? Fahren wir auf eigener Achse nach La Paz über Uyuni? Laut Presse von heute früh gibt es eine Pause in den Straßensperren, aber wie lange? Nehmen wir das Angebot des Konsuls an und fahren mit dem deutsch-bolivianischen Kulturverein und der Abi-Klasse für 2 Tage nach Uyuni, einschließlich Fahrt in den Salar? Vamos a ver.

Anruf bei Ernesto: 1 Woche lang konnte er wegen der Unruhen nicht zur Post, viel zu gefährlich! Ja, aber heute wird er hingehen. Morgen früh sollen wir noch einmal anrufen. Das bedeutet, dass wir das Angebot vom Konsul leider ablehnen müssen, und den Salar besuchen wir auf eigener Achse, wenn die Straßen wieder offen sind. Am Abend kommt Alberto zum plauschen. Plötzlich um 19:00 stürzt er zum Radio: „las noticias!“ Gespannt lauschen wir alle drei, wir verstehen natürlich nur Geschnatter, Albertos Gesicht erhellt sich, es fängt an zu strahlen, er schlägt sich vor die Brust und bekreuzigt sich: Die Blockaden sind im gesamten Land aufgehoben! Die Regierung und die Gewerkschaft haben sich geeinigt! Ah, und wir können an die Weiterreise denken!

Martes, 2011-04-19
Nun ist erst einmal Geburtstag! Das heißt: gemütliches Frühstück und Geburtstagsgrüße über SMS, Mail und Blog entgegennehmen. Freue mich natürlich total über jedes Schreiben aus der Heimat und aus Brasilien und bedanke mich an dieser Stelle schon mal für alle lieben Gedanken, die mich erreicht haben.

Ein Anruf bei Ernesto Hug in La Paz: die Ersatzteile sind leider noch nicht angekommen. Wäre ja auch unwahrscheinlich nach den Generalsteiks der letzten Tage. Aber schön ist, dass sich Gobierno und COB (nicht Chronisch Obstruktive Bronchitis, sondern Central Obrera Boliviana) auf einen Vergleich geeinigt haben, und die Straßen nicht mehr landesweit mit Blockaden lahm gelegt sind. So fassen wir den Entschluss, uns morgen nach La Paz auf den Weg zu machen und dabei noch dem Salar de Ujuni, dem weltweit höchsten (3.600 m) und größten Salzsee (>10.000 km²) einen Besuch abzustatten.
Nachmittags freuen wir uns riesig über ein skype-Gespräch mit unseren Kindern im Home-Office. Ist schon toll, so um die halbe Erde mit Bild und Ton zu kommunizieren! Ein ganz besonderer Geburtstagsgruß!
Für heute Abend schwebt mir ein leckeres französisches Châteaubriant in dem von Stefan und Denise empfohlenen Restaurant La Taverna vor. Mal sehen, ob’s klappt.

Dieser Beitrag wurde unter Bolivien, Reiseberichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Immer noch Sucre

  1. Martina Korporal sagt:

    Hallo Ihr Lieben, beonders hallo lieber Lothar,
    zum Geburtstag nachträglich die allerbesten Glückwünsche, vor allem aber Gottes Segen für dein neues Lebensjahr, Kraft und Mut alles anzupacken, was es anzupacken gilt, Geduld bei den Dingen, die nicht gleich auf Anhieb gelingen und Dankbarkeit für all das, was das Leben dir an Gutem schenkt.
    Es ist immer wieder interessant von Euren Erlebnissen zu lesen und die Bilder anzuschauen, die Ihr ins Netzt stellt. Mutti holt oft ihren Ordner heraus – den ich ihr angelegt habe – und liest immer mal wieder Eure Geschichten und schaut auf der Landkarte nach, wo ihr gerade seid. Richtig stolz ist sie, wenn sie von anderen Menschen, die Euren Blog lesen auf Eure Reise angesprochen wird. Heute abend werden wir ein Glas Sekt trinken und an Euch denken. Mutti ist zur Zeit bei uns und den Sekt werden wir ebenfalls trinken, weil gestern eigentlich die Eltern Diamantene Hochzeit gehabt hätten. Vielleicht könnt Ihr ja auch ein Glas Sekt trinken und an sie denken. Liebe Grüße Martina und Ko

  2. Kanalratte sagt:

    Hallo ihr Lieben!
    Ich hoffe, ihr hattet eine schöne Geburtstagsfeier!
    Ich war jetzt ein paar Tage weg auf Helgoland und im Saarland.Zusammen 2000 km sowie 2,5 kg nach oben- Es war aber schön, an der Saar- Kaiserwetter. Abstecher Trier ,Frankreich ,Luxenburg vor der Haustüre- Der Merziger Yachtclub ist der Hammer. Nur Mega -Brüllboote. Eins kam nur mühselig aus der Hafenausfahrt,weil riesig. Ich denke, die wären so arm da unten. Denkste.Nun, mit den eurigen Eindrücken wird der Begriff Armut sicher nichts zu tun haben. Dennoch haben auch diese Menschen ihren Stolz und Menschlichkeit kostet nix.
    Weiterhin gute Fahrt und Gesundheit. Grüße auch aus ITALIEN !!und Grüßt mir die Vertikalbrontosaurier (gigel…)
    Eure Kanalratte

  3. Gerhild & Harald sagt:

    Ja liebe Rita und lieber Lothar,
    wir sind wieder zu Hause! 13 Tage Nordseeurlaub mit sonnigem Wetter und ausgiebigen Radtouren waren erholsam und vollkommen unspektakulär. Das einzige Irritierende war vielleicht der Dieselleerstand an der ersten angefahrenen Tankstelle auf der Rückfahrt. Osterferienzeit eben – aber auch das war nach 10 km vergessen. Da könnt ihr ja mit ganz anderen Schwierigkeiten umgehen 😉

    Zu Hause haben wir dann Eure letzten Berichte noch einmal in Ruhe lesen können. Schön, dass Euch neben der intensiven Begegnung mit der Familie von Felicidad und Alberto und der andinen Musik der Generalstreik doch noch ein paar touristische Highlights beschert hat, wie z.B. die beschauliche Tour zu den „vertikalen“ Brontosauriern oder zum Sonntagsmarkt in Tarabuco und schade, dass ihr auf die geführte Reise zum Salar verzichten musstet – aber offene Straßen entschädigen eben auch dafür. Hoffentlich ist nun der größte Salzsee der Welt für Euren 3. Oldie keine Zumutung, denn man sagt, dass vor Ende Juni die Salzkruste lokal noch mit mehreren Dezimetern Wasser bedeckt sein kann. Iréis a ver! Die dort lagernden geschätzten 10 Milliarden Tonnen Salz sollten wohl für ein paar Frühstückseier reichen 🙂 . Diese immense Salzfläche muss einfach toll aussehen. Wir sind gespannt und schicken Euch derweil ganz liebe Grüße über den großen, etwas weniger salzreichen atlantischen Teich! Gerhild und Harald

Schreibe einen Kommentar