Valdivia bis Salto del Laja

Lunes, 2011-02-14
Frühzeitig machen wir uns auf den Weg. Pünktlich um 10:00, wenn das Leben in Chile beginnt, erreichen wir die Clinik Alemana. Aber hier spricht nicht nur kein Mensch deutsch, nein, man kann uns auch nicht helfen. Hinter vorgehaltener Hand gibt die Dame an der Rezeption uns den Hinweis, wir sollten doch nebenan im Ärztezentrum unser Glück versuchen. Nach einigem Durchfragen finden wir auch eine Medica Generale, die bereit ist, uns das gewünschte Rezept für Morfin auszustellen. Auch versucht sie noch telefonisch eine Farmácia ausfindig zu machen, die bereit ist, uns das Medikament auszuhändigen, leider vergebens, sie erreicht keinen. Also müssen wir es direkt versuchen. Die Frage nach dem Honorar, beantwortet die nette Ärztin mit „Nada!“. Herzlichen Dank, Seniora!

Nun beginnt eine Kreuz- und Querfahrt durch Valdivia, von Farmácia zu Farmácia, leider ohne Erfolg, selbst die Zentralapotheke der Stadt ist nicht in der Lage oder Willens, uns das so dringend benötigte Medikament auszuhändigen. Wir sollen es in Santiago versuchen. Entnervt geben wir auf. Wenigstens konnten wir erfolgreich unsere Wäsche in einer Lavandería abgeben. Morgen in der Frühe solle sie fertig sein.
Nun geht’s auf zum Museumspark. Das Museo Historico hat leider nur noch eine halbe Stunde geöffnet. Scheinbar wird der Park nachts nicht geschlossen, also suchen wir uns ein schönes Plätzchen im Schatten. Gegenüber in der Altstadt, durch den Fluss getrennt, hören wir ekstatisches Trommeln und in den Pausen andere südamerikanische Musik.

Lothar schmeißt den Grill an, ich bereite ein paar Leckereien zu. Just als die Steaks auf dem Grill liegen, hält ein Ranger-Auto an. Wortreich erklärt uns der Ranger, dass der Park um 9:00 abends schließt und es jetzt schon 9:30 ist. Aber er hat ein Einsehen und gewährt uns eine Frist bis 11:00, dann würde er für uns das Tor noch einmal öffnen. Sind sie nicht nett, diese Chilenen. Pünktlich um 23.00 Uhr wird das Tor für uns geöffnet und wir verholen uns in eine ruhige Seitenstraße. Von wegen ruhig. Wir liegen kaum in unseren Kojen, da hat eine chilenische Großfamilie direkt vor uns eine Reifenpanne. Unter lautstarkem Debakel wird eine Stunde lang der Reifen gewechselt, dann kehrt endlich Ruhe ein.

Martes, 2011-02-15
Geweckt werden wir durch die Schar von Gärtnern, die hier in der besseren Gegend die Gärten versorgt. Eine Weile genießen wir das stimmungsvolle Morgenkonzert von elektrischen Heckenscheren und Rasenmähern, dann geben wir Fersengeld. Nix wie weg hier, den Besuch im Museo Historico nachholen. Das Museum ist in dem alten feudalen Wohnhaus des Patriarchen Karl Anwandter der deutschen Einwanderer untergebracht. Es besitzt auch eine Sammlung von Mapuche-Handwerkskunst, dazu eine große Abteilung, die sich der deutschen Einwanderung widmet, insgesamt sehr sehenswert.

Nachdem wir die Wäsche wieder eingesammelt haben, lassen wir uns durch unseren Garmin aus der Stadt Richtung Los Lagos führen. Abends landen wir am Ufer des Rio Callecalle, dessen Windungen wir schon den ganzen Tag größtenteils auf Schotterpiste gefolgt sind. (S 39°51,446’, W 072°45,303’).

Auf den Flusskieseln finden wir einen tollen Platz in der Sonne – aber dankenswerterweise auch mit ein bisschen Wind – und genießen die Ruhe; kein Staub, kein Sand, kein Lehm, nur saubere Kiesel vor der Haustür.

Miércoles, 2011-02-16
Der Vormittag vergeht wie im Flug mit Schreibereien und Bilder für unsere Reiseberichte aussuchen. Am frühen Nachmittag machen wir uns auf den Weg, Burkhard, einen alten Freund aus Pfadfinderzeiten in Hann. Münden, aufzusuchen. Nein, es wird kein Überraschungsbesuch, nein, wir haben uns vor ein paar Tagen telefonisch von Frutillar aus angemeldet.
Und tatsächlich, ca. 6 km vor Panguipulli sehe ich im linken Außenspiegel ein weißes Schild aufleuchten, irgendwas mit Forestal und Mueller-Using. Kehrt-schwenk-marsch, und in die Einfahrt. Schranke! Aus einem Häuschen tritt eine Frau hervor und verwehrt uns den Zugang. Sie telefoniert aber offenbar mit dem „Herrn“, bedeutet uns zu warten, und kurze Zeit später erscheint per waldgerechtem Auto: Burkhard! Die Wiedersehensfreude ist sicherlich auf beiden Seiten gleich, haben wir uns doch schon seit einem halben Jahrhundert nicht mehr gesehen. Nachdem Burkhard seine zweitwichtigeste Frage: „Hast auch deine Gitarre mit?“ losgeworden ist, folgen wir ihm auf gewundenen Pfaden durch den Wald, und dann tut sich eine Lichtung auf mit Haupthaus, Gästehaus, Stallungen und alles eingefasst in Blumenbeete – ein idyllisches Ambiente.

Wir lernen Carmen-Gloria kennen, seine Frau und Hugo, ihren Sohn mit Constanca (Conny), seiner Freundin, Valentina, die Tochter des Hauses und Nicolas, den Jüngsten. Auch Jaime und sein Sohn finden sich ein.
Bei einem ersten kleinen Spaziergang durch den 140 ha großen Wald von Burkhard lernen wir ein bisschen über die einheimischen Waldbäume und deren naturnahe Bewirtschaftung.
Unvergessen auch die 4 Wachhunde u.a. gegen die Pumas (Golden Red River und Labrador) und das kleine, immer ängstliche Hündchen von Carmen-Gloria, das auch ins Haus durfte.
Nach einem ersten kleinen Mini-Test in Sachen Hausmusik am Kamin gebe ich auf – mein Gott, was sind diese Finger ungeübt! Wir campieren in der gerade frei gewordenen Cabaña mit Küche, WC und Dusche.

Juves, 2011-02-17
Nach dem Frühstück suchen wir Panguipulli heim; erste Station ist die Tankstelle Petrobras, die eine WI-FI-Zona hat, und wo wir unsere E-Mails checken können. Auch in der hiesigen Apotheke konnte man uns mit unserem Morfin-Rezept nicht weiter helfen. Nachmittags gab’s einen etwas größeren Waldspaziergang, bei dem uns Burkhard in die Grundsätze der nachhaltigen Waldbewirtschaftung einführte.

Ein hochinteressantes Thema, das in Europa aber offensichtlich schon mehr Anhänger gefunden hat, als in dem vorrangig ökonomisch orientierten Chile. Hier werden Vorreiter wie Burkhard von der Wald- und Holzindustrie offensichtlich (noch) ein wenig belächelt. Gleichwohl gibt es immerhin Programme zur Aus- und Weiterbildung von Forstleuten in Sachen nachhaltiger Waldbewirtschaftung, für die der Waldbesitz von Burkhard geradezu ein Lehrbeispiel ist, und er solchen Gruppen anhand von Beispielen sehr gut auf die Sprünge helfen kann.

Nachmittags besuchen wir eine nahe gelegene Gärtnerei, um ein paar frische Gemüse einzukaufen. Die Señora führt uns durch ihr Reich, und wir pflücken hier und da, was wir brauchen können.

Abends treffen wir uns auf dem Balkon zur deutsch-spanisch-englischen Session mit Schwager Jaime, der vortrefflich chilenische Lieder zur Gitarre präsentiert. Insbesondere Carmen-Gloria singt voller Inbrunst und Begeisterung mit.

Gegen 23:00 lässt Panguipulli (uns zu Ehren (?)) ein bombastisches Feuerwerk vom Stapel, was wir vom Balkon aus der Ferne  mit Ahhh- und Ohhh-Rufen begleiten.

Viernes, 2011-02-18
Mit Burkhard machen wir einen Besuch bei einer nahe gelegenen Käserei und kaufen leckeren Queso del pais.

Nachmittags erhalten wir wertvolle Tipps zu unserer weiteren Reise nach Norden und verbringen den Abend mit Plaudern über alte Zeiten, über Freunde von damals und was der ein oder andere heute so treibt – ein richtig gemütlicher Abschluss unseres Besuchs bei meinem alten Freund und Kameraden Burkhard.

Sábado, 2011-02-19
Da unser PC sehr eigenartige Ausfallerscheinungen hat, insbesondere Outlook verweigert den Postausgang seit Ancud (Chiloe), begleitet uns Burkhard noch zu einem PC-Fachmann. Dieser erklärt jedoch sogleich, dass er uns nicht helfen kann. Na toll, dann müssen wir dieses Problem wohl auch auf Santiago verschieben.
Auf Anraten von Burkhard haben wir unsere geplante Route geändert. Von Panguipulli aus fahren wir zu einem Araukarienwald, dem schönsten, den es in Chile noch gibt. An der Rangerstation finden wir ein herrliches Plätzchen direkt unter einem dieser Urzeitbäume, ein Zwillingsbaum mit einem Stammumfang von 3,85 und 2,25 m (für die ganz Genauen: in 1 m Höhe gemessen).

Zuvor auf der Strecke hatten wir jedoch wieder zwei Erlebnisse der besonderen Art: Unsere Windschutzscheibe hat einen neuen Riss, der sich ausbreitet, und das mitten auf der Autobahn. Eigentlich wollten wir nicht nach Temuco reinfahren, aber dieser Riss rät zur Reparatur. Gleich zu Anfang dieser Stadt finden wir auf Hinweis eines Tankwartes auch eine Taller de Parabrisas. Die hat natürlich geschlossen, schließlich ist ja Sábado-Nachmittag. Während wir da nun so bei 40° C in brütender Sonne sitzen und überlegen, öffnet sich das Tor und zwei Senioras treten heraus. Wir erläutern unser Problem. Uno momento! Sogleich kommt ein junger Mann heraus, erklärt, dass sein Papa am Strand sei, er aber schnell sein Handwerkszeug holen wolle, um die Scheibe zu reparieren. Das ist uns natürlich ein ganz besonderes Trinkgeld wert. 1 Stunde später soll es nun wirklich in den kühlen Wald gehen. Aber bitte doch nicht so schnell. Während der Fahrt steige ich nach hinten, um den Kühlschrank auf 12 Volt anzuschalten. Ein sehr eigenartiges Knistern erfordert sofortiges Anhalten. Leitungsbruch in der Küche, alles schwimmt. Pumpe ausstellen, Auto trockenlegen, die Reparatur muss warten. Und um das Maß der doofen Dinge voll zu machen, ergießt sich unser Nescafé im gesamten Küchenschrank. Aber heute wird nix mehr repariert, gereinigt, geregelt! Wir verschieben alles auf ….. mañana.

Domingo, 2011-02-20
Ja, ja, es ist wieder Sonntag, Reparaturtag bei Hampens. Aber wir finden auch Zeit, ein paar von diesen uralten Bäumen zu Füßen des Vulcano Lonquimay zu bewundern und zu fotografieren.

Das nächste Naturhighlight soll der Salto del Laja sein. Dieser Meinung sind wohl sehr viele Touristen. Menschenmassen, Autokolonnen, Touribusse. Nein, heute Abend steht das für uns nicht mehr auf dem Programm. Wir suchen uns lieber ein ruhiges Übernachtungsplätzchen. Eine ganze Stunde irren wir durch die Gegend und landen schließlich in einem Seitenweg, 50 m von der Autobahn entfernt! Die Ruhe wird verschoben. Man kann schließlich nicht jeden Abend das absolut geniale Plätzchen finden.

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1 Antwort zu Valdivia bis Salto del Laja

  1. Gerhild & Harald sagt:

    Hola Rita y Lothar,
    „das ist das Angenehme auf Reisen, dass auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt.“ An diesen Spruch des Weltbürgers Johann Wolfgang von Goethe haben wir gedacht, als wir gelesen haben, dass man Euch das Tor des Museumsparks um 23:00 Uhr exklusiv zur Ausfahrt geöffnet hat. Wir können uns kaum vorstellen, dass so etwas bei uns geht. Das kompensiert doch ein bisschen den Ärger über den Lärmpegel im Ausweichquartier in der Seitenstraße, oder? Wir hatten vor Jahren einmal ahnungslos einen Schlafplatz in der Nähe von Akershus in Oslo ausgewählt 😉 und erst nachts am regen Verkehr gemerkt, dass hier ein Autostrich war.

    Interessiert hat uns natürlich auch der Bericht über die Waldbewirtschaftung Eures Freundes und da wir wie immer neugierig waren, haben wir u.a. diesen Bericht mit Bildern in den Brandenburgischen Forstnachrichten von 2008 (Seite 18ff) gefunden – sicher auch für Euch als Merker von Interesse.
    http://www.fa-luckenwalde.brandenburg.de/cms/media.php/lbm1.a.2325.de/brafo133.pdf

    Araukarien kennen wir ja hier eigentlich nur vereinzelt aus großen Parks und wir wussten z.B. nicht, dass diese Baumart (mit über 90 Millionen Jahren) zu den ältesten Baumfamilien der Welt gehört. Toll, was ihr alles zu sehen bekommt (und was damit ein wenig auch wir zu sehen bekommen – es muss ja nicht die unerwartete Begegnung mit einem Puma sein). Die Sortierung und Archivierung der Fotos ist sicher eine Megaarbeit, aber wir wissen die Teilhabe am Ergebnis zu schätzen. Verliert bloß nicht die Lust! Wir drücken Euch dafür die Daumen, dass die Windschutzscheibe hält und dass die kleinen Zicken Eures 3. Oldies, der ja auch ziemlich gefordert wird, sich in Grenzen halten, damit die Finger öfter mal die Saiten der Gitarre streichen können. Für den verteilten Pulverkaffee kann er ja nun wirklich nichts. 😉 Ganz liebe Grüße vom Niederrhein! Gerhild und Harald

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