Tierra del Fuego – Sonderbericht

2011-01-01
Der zweite Tag in Ushuaia holt uns auf den Boden der Tatsachen zurück, es ist diesig bei Nieselregen um die 10 bis 15° C, wie wir das von zuhause gewöhnt sind. Wir fahren in die Stadt, um zwei existenzielle Dinge zu regeln: Rezept für Morphium und Gas für unseren Unterflurtank. Da wir nicht wissen, an welchen Arzt wir uns wenden können, fahren wir erst mal zum Hospital, wo wir von einer bezaubernden, englisch sprechenden linda bonita betreut werden. Das Mädel setzt alle Hebel in Bewegung, um uns zu helfen und findet heraus, dass wir uns um 12:30 in der Praxis von Dr. Mario E. Molinari (doctor@paxandcrew.com.ar) einfinden sollen. Wir verabschieden uns herzlich und finden tatsächlich die Praxis unter der angegebenen Adresse. Der Arzt spricht englisch und ist superfreundlich. Wir bekommen das Rezept gegen entsprechendes Honorar und 3 Adressen der führenden Apotheken des Ortes. Bei der größten werden wir handelseinig: Farmácia San Martin an der gleichnamigen Avenida (sehr zu empfehlen). Leider gibt es die Morphiumtabletten nicht fertig, sondern es müssen extra Kapseln hergestellt werden, Samstagnachmittag können wir sie abholen. Na gut, richten wir uns auf ein paar Tage am Ende der Welt ein, wo der Himmel ins Meer fällt.
Von Norden kommend gibt’s direkt am Ortseingang an der Ruta 3 hinter dem ersten Kreisel links die Gasstation Sartini-Gas. Dort erfahren wir, was wir schon wussten: das Ventil funktioniert nicht. Wir werden 150 m weitergeschickt zum Gas-Mechanico Omar.
Der Chef-Mechanico legt sich unters Auto und inspiziert die Sachlage. Sein Mitarbeiter legt sich daneben, und sie diskutieren. Wir verstehen nix. Nach kurzer Zeit scheint das Problem erkannt: der Federstift in der Dichtung hat sich verklemmt. Also: Druck ablassen, und dann mit einem kleinen Stück Draht diesen ominösen Stift ein bisschen kitzeln. Und siehe da, er bewegt sich, und schon ist auch das angeblich in Arg. irreparable Ventil wieder repariert.
Zurück zur Abfüllstation werden wir empfangen von inzwischen 6 guten Geistern, die nichts anderes im Sinn haben, als uns zu helfen. Selbst der Chef und eine inzwischen telefonisch dazu gerufene (sehr sympathische) Dolmetscherin geben ihr Bestes, die Verständigung klappt auf englisch-spanisch prima.

Ein Gastankwagen rückt unserem 3.Oldie auf die Pelle, eine professionelle Zapfpistole wird eingeführt und verschraubt, und schon fließt das Gas, ganz ohne irgendwelche Adapter, Kupplungen (cópula) oder sonst irgendwas. (Tipp: nach Gasstationen mit Gastankwagen auf dem Gelände Ausschau halten!)
Mit einer Manometeranzeige von 80 % hat das Ventil ordnungsgemäß geschlossen und wir sind happy, heute ein zweites Problem gelöst zu haben. Voller Freude fragen wir, was wir zu bezahlen haben. „Nada! It’s a present for you.“ Wir können es nicht fassen, geben unserer unsagbaren Freude irgendwie Ausdruck.
Abends ist “Hüttenbrumm” angesagt. Am Fuße des Ski-Hanges machen wir uns ein paar zünftige Grogs mit Velho Barreiro („Brazilian Spirit made from shugar cane“). Das inspiriert, dabei kann man gut noch ein bisschen Tagebuch schreiben.

2011-01-04
Vormittags werden noch Bilder für den Blog ausgesucht und formatiert, und dann kann Rita mal wieder einen Wochenbericht ins Netz stellen.
Nachmittags machen wir eine tolle Schiffstour mit einem Katamaran auf dem Beagle-Kanal, ein echtes Muss! Träge wälzen sich Seelöwen auf den sonnenbeschienenen Felsen. Kormorane (Imperial-, King-, Blue eyed-, Rock-) gibt’s in großen Kolonien auf diversen Inselchen zu bestaunen.

Das Ganze immer wieder eingebettet in das grandiose Panorama der umliegenden Bergwelt.

Nach 3 Stunden geht’s zurück in den Hafen. Nach Einkauf bei Carre Four (Chorizo!) kommen wir glücklich und zufrieden im Club Andino an.

2011-01-05
Heute fahren wir bis ans Ende der Ruta 3, unmittelbar an der chilenischen Grenze.

Das Ganze ist natürlich touristisch ausgeschlachtet, mehrere Reisebusse fahren, bis es nicht mehr weiter geht. Aber wir finden ein einsames Plätzchen, um unseren extra für diesen Zweck eingekauften Sekt ohne Touri-Rummel genießen zu können.

Danach kommen wir zu einem wilden, weitläufigen Camp-Ground (Municipal), auf einer Insel mitten im Lapatavia-River, aber mit sauberem(!) Toilettenhäuschen. Irgendwie kriegt man hier überall Kontakt:
– von einem urigen Paar aus Obersdorf im Allgäu bekomme ich eine 8-mm-Mutter, um meinen linken Außenspiegel wieder ordnungsgemäß zu befestigen,
-zwei Wuppertaler sprechen uns an, die mit ihrer Gruppe gerade eine Kanu-Tour gemacht haben,
– zwei einheimische Langohren können ihre Neugierde nicht zähmen und hoppeln uns fast über die Füße.

Auf einer verlassenen Feuerstelle brutzeln wir uns mal wieder ein leckeres asado zu Bohnen, Krautsalat und gegrillten Paprika. Das verlangt nach einem Verdauungsschläfchen

trotz heftigem, kalten Südwind, der uns daran erinnert, dass die Antarktis nicht weit entfernt ist.
2011-01-06
Hab ich da nich’ noch ’ne Krone aus purem Gold im Monedero? Zurück nach Ushuaia, „unseren“ Dr. Molinari anrufen, Tipp geben lassen, und schon landen wir im Odonto-Assist in der Magellanes 631 (02901-425425). Sowohl das Mädel am Empfang als auch der Dr. sprechen englisch, Verständigung also kein Problem. Nach einer Stunde (incl. Wartezimmer) ist das Thema erledigt und mein Esszimmer wieder vollständig.
Natürlich müssen wir auch der ältesten Estancia auf Feuerland unseren Tribut zollen. Also geht es von Ushuaia weiter ostwärts. Rechts und links „kalter Urwald“, Seen, abgestorbene und intakte Wälder.

Erst Asphalt auf der Ruta 3, aber dann geht’s richtig in den Schotter. (Tipp: mit etwas weniger Druck in den Reifen fahren, wie viel muss man ausprobieren, hängt vom Auto ab. Vorteilhaft wäre jetzt ein Monometer an einer Pumpe, man hat schließlich nicht immer eine Tankstelle zur Hand, wenn’s pressiert) Schnelles Auge ist gefragt und intuitives Ausweichen bei Schlaglöchern, Bodenwellen, herunterhängenden Ästen, großen Steinen und Wellblechpiste. Dabei nicht verspannen und immer hübsch locker und auf der „Straße“ bleiben, sonst verreißt’s einen! Nach 45 km wild ondulierender Schotterpiste erreichen wir die berühmte Ea. Harberton (gegründet von Thomas Bridges in 1838),

fahren aber weiter zum Camp-Ground Rio Valera. Eine wüste Landschaft, fürwahr.

Abends zaubert Rita wieder was auf dem heimischen Herd, diesmal zur „Erholung“ was rein Vegetarisches.

2011-01-07
Das Außenthermometer zeigt 7° und im Bus 12°, Zeit, die Winterdeckbetten einzuziehen. Ein heißer Kaffee taut die Knochen wieder auf. Es regnet und wir haben wenig Lust, diese wüste Landschaft zu Fuß zu erkunden. Also machen wir uns auf den Weg zurück nach Ushuaia, zum Refugio Pista del Andino. Dort gibt es warme Duschen und einen schönen Aufenthaltsraum mit Bollerofen. Der richtige Ort, um das Tagebuch fortzuführen. Morgen werden wir uns dann aufmachen Richtung Chile, diesmal nicht nur, um weitere hunderte km Schotterpiste zu genießen, sondern unser weiteres großes Ziel dort wird der „Torres del Paine Grande“ sein, hier trifft die windzerzauste patagonische Ebene unvermittelt auf die Gipfel der Südkordillere.

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6 Antworten zu Tierra del Fuego – Sonderbericht

  1. Gerhild & Harald sagt:

    Hola Rita y Lothar, feliz Año Nuevo 2011!

    gestern haben wir –es war schon Mitternacht – Euren Sonderbericht aus Feuerland gelesen. Eso es – das Glück des Lebens setzt sich aus vielen winzigen Kleinigkeiten zusammen! Wir können Euch nachfühlen, welche Freude ihr nach der erfolgreichen Auffüllung des Gastanks und der Erledigung anderer existenzieller Dinge empfunden habt – die medizinische Versorgung, die Krone da, wo sie hingehört und dann auch noch Chorizo bei Carrefour – great! Wir haben uns mitgefreut und darauf (gegen 1:00) mit einen Single Malt (Glenlivet, 12 years) angestoßen. Danach konnten wir nicht einschlafen, für den Whisky war es wohl schon ein bisschen spät, aber was soll’s – heute ist ja Sonntag und ihr sitzt jetzt vielleicht gerade beim Frühstück und macht die letzte „Fahrerbesprechung“ für die Weiterreise nach Chile. (1 € sind übrigens z.Zt. ungefähr 645 Chilenische Pesos.)

    Es ist immer wieder toll, dass wir im Internet Eure Route mit verfolgen können. Der Blick auf Google Maps erlaubt uns dann zusätzlich die genaue geografische Einordnung und so wissen wir nun auch, wie der Beagle-Kanal verläuft, wo die Ruta 3 genau endet und dass es von hier bis Alaska 17.848 km sind – das steht auf dem Schild „al final de la Ruta Nacional 3 en Lapataia“ :-).

    Temperaturmäßig haben wir euch ja momentan überholt. Am Niederrhein hatten wir gestern bis zu 16 Grad und der Schnee ist – zumindest in unserem Bereich – vollständig verschwunden. Die Kehrseite der Medaille ist, dass Schneeschmelze und teilweise heftiger Regen zu Hochwasser geführt haben.

    Wir wünschen Euch eine gute Fahrt zu Eurem nächsten großen Ziel, dem Nationalpark „Torres del Paine Grande“. Wir haben schon mal virtuell auf die imposanten Granitberge geschaut. Zwischen den 3000ern ist ein gut gefüllter Gastank wohl ein recht beruhigender Gedanke.

    Ha det bra – habt es gut!
    Gerhild & Harald

    • Lothar sagt:

      Hallo Gerhild & Harald,
      ich bin ja ganz begeistert, wir interessiert ihr unsere notas del viaje verfolgt. Da macht es denn auch Spaß, sich hinzusetzen und zu schreiben und Bilder rauf- und runter zu laden. Ja, es geht uns super, vamos bien. Die Einzelheiten unserer weiteren Reise findet ihr natürlich wie immer hübsch aufbereitet im Blog. Hier habe ich mal die seltene Gelegenheit, im LT schräg gegenüber der geschlossenen Tourist-Info in Porvenir ins Netz zu kommen. Es ist Sonntagabend und wir müssen bis Martes a las dos auf die Fähre warten. Na, es wird uns schon was einfallen, wie wir uns die Zeit vertreiben 😉
      Ich hoffe, ihr bekommt keine nassen Füße ob des Hochwassers, und dass der Absacker nachts um 01 nicht ausgeht.
      In diesem Sinne – wir fühlen uns gern von euch verfolgt –
      Lothar (und Rita)

      • Gerhild & Harald sagt:

        Hei Ihr 2,
        Danke für die „Extrawurst“ und eine gute Überfahrt auf das chilenische Festland nach Punta Arenas. Leider sind dort gerade (um 5:28 Ortszeit) nur 7 Grad – ihr dürft Euch ruhig noch mal umdrehen 😉 Hasta luego Gerhild & Harald

  2. kanalratte sagt:

    Hallo Oldies!
    Wird ja immer besser. Die Bilder sind spektakulär!!!!!!Dank guter Tips von Harald und Gerhild , bin ich jetzt wohl auch in der richtigen Zeile gelandet und hoffe, dass meine comments nicht mehr zu rösselsprungartig ankommen. Dank dir Lothar für deine Hilfestellung, habe zwar nur die Hälfte kapiert und die andere Hälfte zur Hälfte wieder vergessen, komme jetzt aber klar.Na, ihr macht ja schon ein paar nette Klimasprünge,die Bilder von den Bruchwäldern haben mich auch spontan erheitert. Dachte auch sofort : na siesse, jetzt zieht er wieder los der Alte ,Holz sammeln. Aber neeee! Warme Dusche angesagt. Altes Weichei. So kenne ich dich garnicht. Seid ihr sicher, dass ihr nicht in Schottland seid. Muß doch nochmal die Grimaldieposition überprüfen.Also nochmal: Wunderschöne Bilder.Ich sitze hier gemütlich zuhause und spar mir den Spit und bin doch dabei. …Affengeil….Ich hoffe, dass bei meiner gewählten Diktion die Trashsperre nicht einrastet, aber so bin ich nu man, wenn mich was begeistert. Da Harald und Gerhild virtuell ja schon vorausgefahren sind riskier ich jetzt im Anschluß auch mal eine kleine preview. Will ja nicht so ganz doof dastehen.
    Wir treffen euch dann beim nächsten Internetcaffee. und Tschüß
    Eure kanalratte

    • Lothar sagt:

      Lieber Walter,
      habe gerade deinen letzten Kommentar gelesen und bin froh, dass es dir (zumindest beim Lesen unseres Blogs) ganz offensichtlich gut geht. Vielleicht hat das Teil ja irgendwie auch eine therapeutische Wirkung ;-). Natürlich können wir von hier nicht auf jeden Kommentar einen Antwortkommentar loslassen. Damit wären wir gnadenlos überfordert, zumal wir (bisher) nur relativ selten die Gelegenheit hatten, so komfortabel ins Netz zu kommen wie hier, gegenüber der Tourist-Info von Porvenir, wo wir auf die Fähre nach Punta Arenas warten (bis Übermorgen Nachmittag). Rita und ich wünschen dir bei all deinen medizinischen Malässen gutes Durchkommen.
      Dir und den deinen ein glückliches, gesundes Neues Jahr
      Lothar & Rita

      • Kanalratte sagt:

        Danke für die Wünsche. Nein ich erwarte kein Re auf meine Komments. ich hatte nur am Anfang das System nicht richtig geschnallt. Freue mich wirklich für euch und bin dankbar, ein wenig an euren Eindrücken teilnehmen zu können. Ihr macht das toll und ich finde es beachtenswert. dass ihr euch für uns Sesselfurzer dieser Mühe unterzieht. Ich wäre wahrscheinlich zu faul und zu doof dafür.Freue mich auf den nächsten Blog

        eure Kanalratte

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