Valdés bis Ushuaia

Lunes, 2010-12-27, Trelew
Das leidige Thema Gas! Unter der aufopfernden Hilfe von Ernst und Ina (noch einmal herzlich Dank an die beiden) klappern wir diverse Hinweise der Einheimischen ab, wo und wie wir unseren Unterflur-Gastank befüllt bekommen. Immer wieder müssen wir warten, weil gerade mal wieder Pause ist (ich sammele schon mal Feuerholz für den Grill). Nach stundenlangem Kreuz und Quer durch Trelew – auch Roland und Angelika haben wir dabei wieder gefunden – haben wir am späten Abend das für uns magere Ergebnis: der Tank ist zu 20 % gefüllt.
Die beiden anderen WoMos konnten nach vielen gemeinsamen Versuchen besser befüllt werden, wenn auch ziemlich unorthodox aus einer hochgehaltenen Gasflasche mit einem dünnen Schlauch.

Bei uns funktionierte das nicht, obwohl das neue Ventil, das nach Aussage der Fa. Wynen, bei der wir die gesamte Tankanlage gekauft haben, nicht nur für Deutschland, sondern auch speziell für Südamerika ausgelegt sei, und wir deswegen keinerlei Adapter brauchen. Aber auch aus dem Adapterset von Roland passte nix.

Erklärungsversuch der einheimischen Gastechniker: unser Ventil sei kaputt, erst öffnet es nicht, und dann schließt es nicht, und das lasse sich in Argentinien nicht reparieren. Wir sollten es in Chile versuchen, vielleicht hätten wir da mehr Glück.

Martes, 2010-12-28
Nach erstaunlich ruhiger Nacht an einer Tanke mitten in der Wildnis geht’s weiter. Wir haben gedacht, dass uns unsere Motorradtour durch den wilden Westen der USA schon endlos lange gerade Überlandstraßen beschert habe – Patagonien schlägt USA um Längen. Tagelang geradeaus nach Süden, ab und zu sehen wir Guanakos und den ein oder anderen Strauß. Auch ein Gürteltier läuft schon mal (die Vorfahrtsregeln missachtend) vor uns über die Straße. Ansonsten Büsche in allen Grün- und Grauschattierungen, soweit man sehen kann. Manchmal gibt’s auch weiße Büsche mit vier Beinen dran, die nennt man hier ovejas (Schafe).
Wer glaubt, die Pampa sei einsam, der ist noch nicht in Patagonien gewesen. Hier gibt es noch nicht einmal mehr Bäume. Die Ruta 3 geht bis zum Horizont gerade aus und wenn du dort angekommen bist, dann geht sie bis nächsten Horizont immer noch geradeaus. Die auf der Karte eingetragenen Orte entpuppen sich als Zufahrten zu irgendwelchen Estanzias, die rechts oder links der Ruta hinter dem Horizont liegen. Vereinzelt zeichnen sich diese Orte auch durch die Existenz einer Tankstelle aus, sehr zu schätzen in dieser Gott verlassenen Gegend. Und justement, als unser Tank dringend des Nachschubs bedarf, erreichen wir den Ort Fitzroy. Hier gibt es nicht nur eine Tanke, sondern auch ein paar Wohnhäuser, einen Minimarket und eine – man glaubt es kaum – Touristeninformation.

Ein älterer Señor, er scheint englischer Abstammung zu sein, begrüßt uns höchst erfreut und kramt seine sämtlichen Englischkenntnisse hervor. Unseren Wunsch nach einem Campingplatz kann er selbstverständlich erfüllen: in 20 km Entfernung gibt es einen sehr guten, mit allem, was das Herz begehrt. Er muss uns aber  wohl angesehen haben, dass wir auch mit einem etwas einfacheren Platz, allerdings mit warmen Duschen zufrieden sind. „One moment, please“ und schon humpelt er davon (sieht mir nach Bandscheibenvorfall aus). 5 Minuten später: “All right, you can take the place in our village.“ Froh gelaunt fahren wir auf den Platz:

ein wenig krosig, aber mit Elektroanschluss, Grillstelle, frei laufenden Hühnern, zotteligem Hund und zwei kleinen herum tollenden Jungs. Die frage ich nach dem baño. Einer der beiden bedeutet mir mit einer typischen Handbewegung, ich solle mitkommen. Auf dem Weg zum baño überzeugt er sich immer wieder, dass ich ihm auch folge. Schließlich angekommen, treffe ich die Señora des Platzes an, die mit Chlor und Lappen bewaffnet extra für uns die baños reinigt. Auf meine Frage, was eine Übernachtung kostet, nennt sie mir den ungeheuren Preis von „5 pesos / persona, el coche (Auto) es libre.“ Wir wollen es nicht glauben: ’nen € pro Nase incl. warmer Dusche und Stromanschluss! Für uns ist dies ein grandioser Platz mitten in der Wüste von Patagonien mit ebenso grandiosen Menschen! Nebenan mauert ein trabajero einen neuen Grill. Auf dem schon vorhandenen brutzeln wir uns unser „tapa de nalga“; lecker, kann ich euch sagen.

Miércoles, 2010-12-29
Die ersten 3.000 km liegen hinter uns. Wir gehen „vor Anker“ am Gestade in Puerto S. Julián, wo auch Magellan und Sir Francis Drake ihre Füße erstmals auf südamerikanischen Boden gesetzt haben.
Heute Nachmittag haben wir die Bosques Petrificados besucht, ein Naturpark mit beeindruckenden, versteinerten Baumstämmen.

Auch die Fahrt dorthin und wieder zurück zur asphaltierten Ruta 3 über 2 x 50 km Schotterpiste war ein Erlebnis. Gesteinsformationen von weiß bis dunkelgrau, von rosé bis rot, oder von gelb über ocker nach braun, dazwischen kleine und große ausgetrocknete Salzseen: eine bizarre Landschaft.

Unser guter alter LT schreit nach einer Grundreinigung, aber er muss noch warten, die nächste Schotterstrecke kommt in Kürze.

Jueves, 2010-12-30
Von San Julián, wo wir am Strand übernachtet haben, geht es weiter Richtung Rio Grande. Unterwegs treffen wir denn doch noch tatsächlich einen echten Gaucho, der sich auch noch bereitwillig fotografieren lässt. Damit ist der Beweis erbracht, es gibt sie doch noch, wenn auch offensichtlich schon auf der Roten Liste der aussterbenden Arten.

Mittags kommen wir in das Städtchen „Comandante Luis Piedra Buena“ am „Rio Santa Cruz“ (das muss man sich mal auf dem Trommelfell zergehen lassen). Wie der Name schon vermuten lässt, eine Garnisonsstadt wie eine Oase in der Wüste, für hiesige Verhältnisse sehr sauber und adrett anzusehen. Sicherlich fließen aus der Anwesenheit von Militär auch entsprechende Einnahmen ins Stadtsäckel. Über unsere Karten versuchen wir, an Bares zu kommen. Ein aussichtsloses Unterfangen, 3 Banken verweigern die Herausgabe von dringend benötigten pesos.
Also amüsieren wir uns über Disney-Land in Argentinien

und machen uns auf den Weg durch die Wüste. Guanacos und Strauße, vereinzelt auch Flamingos und Wüstenfüchse rechts und links der Straße.

Nach 300 km Wüste erreichen wir Gallegos. Hier waren wir dann bei einer französischen Bank erfolgreich mit dem Geld zapfen (Merke: Wenn’s mit den nationalen Banken nicht kappt, gehe zu einer internationalen Bank!). Unseren optimalen Nachtstandplatz meinten wir an der Strandpromenade gefunden zu haben. Gegen Mitternacht kam die ernüchternde Überraschung in Form von 4 Pärchen in 2 Autos, die uns den Rest der Nacht mit Musik aus ihren Autoradios unterhalten haben, und uns dazu freundlicherweise ihre lautstarken Kommentare zukommen ließen.

Viernes, 2010-12-31
Wieder mal ein ereignisreicher Tag. Grenzübergang Argentinien-Chile (knapp 1 ½ h, der Grenzbeamte konfisziert mein mühevoll zusammen gesammeltes Brennholz für asado (arg. Grill), weil das ja vegetales, also pflanzlich im weitesten Sinn, sei), kostenfreie Überquerung der Magellanstraße bei stürmischer See, 110 km Schotterpiste, die man aber mit 50 – 80 km/h fahren kann, Grenzübergang Chile-Argentinien (knapp ½ h).
Die Landschaft verändert sich hier auf Feuerland zunehmend: die wüstenähnliche Steppe mit kleinen Büschen weicht einer Landschaft mit sanften Hügeln, die scheinbar mit einem Filz überzogen sind. Bei näherem Hinschauen, erkennt man aber tausende Grasbüschel. Die Viehherden der Estanzianeros weiden frei im Gelände.

Am frühen Abend erreichen wir Rio Grande, eine Industriestadt mit ca. 70.000 EW. Es soll einen Campingplatz geben, den wir mit Hilfe von freundlichen Polizisten auch finden: Club Nautico, was sonst. Aber, trotz anders lautendem Aushang: geschlossen. Ein österreichisches Pärchen, Günter und Erni, gesellt sich dazu, auch die Polizisten tauchen wieder auf, und gemeinsam gelingt es uns, per Telefon die Verantwortlichen zum Platz zu holen. Damit ist die heiße Dusche gesichert, und wir haben mal wieder einen Platz am Rio.

Sábado, 2011-01-01
Den Jahreswechsel haben wir ziemlich unspektakulär erlebt, todmüde ins Bett um 10:30, Wecker stellen auf 5 vor 12, zuprosten, weiterschlafen. Dafür gönnen wir am Vormittag unserem treuen, dritten Oldie die lange verdiente Reinigung, nachdem wir gehört haben, dass die Strecke nach Ushuaia inzwischen asphaltiert sei. Und dann kommt Olga, die gute Fee des Club Nautico, und fragt, ob wir nicht doch noch einen Tag bleiben wollen: heute Abend macht ihr marido ein asado. Keine Frage, wir bleiben. Argentinischen Barbequeue soll man sich keinesfalls entgehen lassen Wir nutzen die Zeit für kleinere Reparaturen und Verbesserungen und größere Wäsche und tauschen mit Günter und Erni Reiseinformationen und Naviprogramme aus. Sehr hilfreich: Routen und Campingplätze in Argentinien, Chile, Uruguay, weit besser als das, was wir von Garmin käuflich erworben haben.

Dominico, 2011-01-02
Dank des hervorragenden Navi-Programms von Günter finden wir schnell den Weg aus Rio Grande Richtung Ushuaia. Rasch verändert sich das Landschaftsbild. Aus dem Filzteppich tauchen erst kleinere, dann größere Bäume auf, schließlich werden es komplette Wälder. Teilweise sehen sie jedoch aus, als seien sie ergraut Bei näherer Betrachtung sind sie mit Flechten überzogen oder gar gänzlich abgestorben.

Nach vielen Tagen der trockenen Wüsten nun wieder Grün. Die sanften Hügel werden zu Bergen, teilweise von beachtlicher Höhe mit Schneefeldern, dazwischen eingebettet der Lago Fagnano.

Mittags erreichen wir Ushuaia bei Sonnenschein und den hier ungewöhnlichen Temparaturen von 30° C im Schatten, eingebettet in eine imposante Gebirgslandschaft mit zum Teil sehr schroffen Felsformationen.

Die Bilder, die wir bisher gesehen hatten, vermittelten uns eine völlig andere Situation. Bei „Tante Sara“, die uns mit den Worten empfängt: „Date el gusto, es el fin del mundo!“, nehmen wir einen Mittagsimbiss (sehr zu empfehlen). Der Weg zu dem Campingplatz, den Günter uns empfohlen hat, geht bergauf und bergab, teilweise muss ich in den ersten Gang zurückschalten. Und da wundert es natürlich nicht, dass unser heutiges Domizil im Skigebiet von Ushuaia liegt: Club Andino mit einer fantastischen Aussicht über die Stadt, die Bahia de Ushuaia mit Segelhafen, Touri-Luxuslinern, Containerhafen und natürlich den Beagle-Kanal. (s.a. www.lapistadelandino.com.ar)
Natürlich gibt es hier auch warme Duschen in beheizten Räumen, Elektroanschluss, Internetanschluss und einem Skilift, der allerdings nicht in Betrieb ist, es ist ja schließlich Sommer, obwohl die nächtlichen Temperaturen so um 2 bis 4° liegen sollen und vor kurzem 15 cm Schnee gefallen ist, nos vemos.

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4 Antworten zu Valdés bis Ushuaia

  1. Jürgen sagt:

    Bez. Gass-Problemen: da Ihr die wohl irgendwann wieder haben werdet ladet doch mal die englische Seite von http://www.travelin-tortuga.com/Site/Camping_Logs.html (Unterseite „South America“) ‚runter. Kathy & Rick waren auch mit Festtank unterwegs, und haben ALLE benutzten Füllstationen mit GPS in Ihren Camping-Logs.

    In Ushaia, fall Ihr noch da seid, könnt Ihr bei der Flaschenfüllsation auffüllen, nach VORHERIGER Vereinbarung (vom Tanklaster).

    Viel Spass + wenig Kopfschmerzen…

    • Lothar sagt:

      Hallo Jürgen, Supertipp! Ich habe schon mal ein bisschen darin gelesen und finde die Recherchen ausgesprochen hilfreich. Das ist genau das, was wir auf unserem weiteren Weg sehr gut gebrauchen können (auch wenn wir zurzeit in Punta Arenas wegen des Gasstreiks festsitzen).
      Vielen Dank für deine Hilfe,
      die 3 Oldies

  2. Brigitte sagt:

    Hee, tut mir leid das ich Euch geweckt habe war nicht meine Absicht aber die Zeitverschiebung ist mir glatt dadurch gegangen. Ihr kennt mich ja schon länger.
    Und jetzt weiter so. Ganz tolle Bilder!
    Brigitte

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