Freetown – Rio de Janeiro

Domingo, 2010-11-28

16:00 Es rumpelt im Schiff, aber irgendwie anders als bisher. Ein Blick von der Stb-Reling nach achtern bestätigt: die Ladeklappe ist eingefahren. Früher als erwartet heißt es: Leinen los, und schon nehmen wir zügig Fahrt auf. Ich versuche noch schnell, die vorbereiteten SMS abzusetzen, u. a. zum „Nikolaus-Treff hinterm Deich“, kriege aber nach wie vor keine Verbindung.
Nun sind wir wirklich für längere Zeit auf dem Atlantik und auf das bordeigene Animationsprogramm angewiesen; ohne Kontakt zur großen www-Gemeinde, für teilzivilisierte Humiden wie unsereiner schon fast undenkbar.
Um 17:00 ist Afrika Vergangenheit, nur noch ein kaum wahrnehmbarer, dünner, hellgrauer Strich am Horizont hinter uns. Wir nehmen unseren Stammplatz im Schatten auf der „Nordwestterrasse“ an der Bb-Reling ein und lassen uns von Pio mit eisgekühltem Zitronenwasser und Espresso verwöhnen. Una paloma blanca (vielleicht war’s für ernsthafte Ornitologen auch nur eine Möwe J) begleitet uns noch ein Stück. Für uns gilt: „ … und hinterm Horizont geht’s weiter, ein neuer Tag …“

Lunes, 2010-11-29
07:00 Position: N 05°2,7’, W 016°23,8’, K 225°.
09:00 ca. 550 km wsw von Freetown begleitet uns eine einzelne Möwe; und ich habe immer gedacht, die sind ein erster Indikator für Landnähe. Vielleicht hat sie aber auch eine Deckspassage gebucht und fliegt ab und zu raus, um sich ein fliegendes Fischlein zu schnappen.
19:00 Position: N 02°45’ W 018°48,3’, K 220°. Ich rechne damit, dass wir morgen nach dem Frühstück den Äquator passieren. Bisher hatten wir eine sehr ruhige Fahrt. Der Wunsch von Roland nach 10 m Wellen ist – wohl zum Glück für die meisten Passagiere – bisher nicht in Erfüllung gegangen.

Martes, 2010-11-30
06:15: wir überqueren den Äquator bei W 021°08, draußen sieht’s aber immer noch so aus wie vorher, ein bisschen feucht und steife Briese aus Süd. Auch eine Äquatortaufe fällt wohl aus, schließlich sind wir nicht auf einem Touri-Luxus-Liner, sondern auf einem Frachter. Daher gibt’s einen ganz privaten Umtrunk – sozusagen als „sunriser“ – mit dem Grappa aus der Heimat und Dank an Damiano & Manuela: Salute! Salúd! À Saúde!



Während der Atlantiküberquerung basiert das Animationsprogramm auf Eigeninitiative. Daher habe ich (Rita) das Lauftraining wieder aufgenommen. Mein erster Versuch auf dem Oberdeck, Ponte 9, ist gescheitert. Sobald ich aus dem Lee der Brücke herauslief, hat es mich ein wenig aus den schnellen Schuhchen gepustet. Gottseidank hat so ein Deck eine ordentliche, stabile Reling. Das Deck in Lee unserer Kabinen auf Ponte 8 erwies sich als geeigneter. Die Cross-Elemente des Remscheider Waldes fehlten zwar, dafür hatte diese Strecke gewisse See-Elemente, die es ausgleichen galt. Nun, meine 2 km habe ich dann doch zusammenbekommen.

19:00: nach einem äquatorgerechten, sonnigen Nachmittag (Rita selbst im Schatten mit Lichtschutzfaktor 8) hat sich eine Regenwand vor uns aufgetürmt, durch die wir hindurch müssen. El sol esconde detrás una montaña de las nubes cumulus grande con bordes rosado. Daher heute also keinen Sundowner draußen, sondern in unserer Kabine; Hüttenbrumm ist angesagt.

Miércoles, 2010-12-01
09:00 wir lassen uns den vorderen Ankerraum zeigen und bestaunen die Dimensionen von Ketten und Landleinen. Von dort eröffnen sich auch Blicke auf die mächtigen Anker, die ab und zu in der Gischt untertauchen.

Über Boris erhalten wir die neuesten Nachrichten zum weiteren Zeitablauf unserer Reise von lcastro@grimaldi-sp.com.br . Danach sollen wir um 09:00 Ortszeit am 11.12.2010 in Buenos Aires einlaufen. Wir werden sehen, vamos a ver. Am 04./05.12. gibt’s in Rio vielleicht die Möglichkeit, ins Netz zukommen, oder uns zumindest kurz über Handy zu melden.
Nachmittags können wir uns wieder dem wwwww hingeben: Wetter, Wasser, Wellen, Wind, Wolken. Die Mittagsschatten zu unseren Füßen werden jetzt schon wieder etwas länger. Und seit drei Tagen fühlen wir uns ganz allein auf dem Meer, nicht ein anderes Schiff weit und breit. Aber Schwärme von fliegenden Fischen sind zu bewundern und größere Fische, die knapp unter der Wasseroberfläche leuchtend blau erscheinen mit gelbgrüner Schwanzflosse. Wale und Delfine sind zum Leidwesen von Angelika allerdings (noch) nicht auszumachen. Wir tanken tropische Sonne in Maßen und verziehen uns dann schnell wieder in den Schatten, genießen die kühlende Briese. Abends werden die Wolken dichter und es wird feucht.
Und bei all der vielen Sonne unter dem äquatorialen Himmel könnte man glatt vergessen, dass wir ja eigentlich Adventszeit haben. Na, und damit wir das nicht vergessen, haben unser guter Pio und Gerry eine Überraschung in Vorbereitung: einen echten italienischen Weihnachtsbaum! Ihr wisst nicht, wie der aussieht?


Auch unsere philippinische Crew bereitet sich auf Weihnachten vor, und das schon seit Tagen, nein seit Wochen, seit Antwerpen.

Jueves, 2010-12-02

10:00 Besichtigung des Motorraums ist angesagt. Boris hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass wir 60° C zu erwarten haben. Ich bastele mir schon mal sicherheitshalber ein Stirnband. In der Leit- und Kontroll-Zentrale (Ponte 2) sieht es aus wie in einem Rechenzentrum, man kann sich noch unterhalten und es ist einigermaßen klimatisiert. Ob der vielen Monitore geraten unsere Computerfreaks aus Frankreich und der Schweiz natürlich mit leuchtenden Augen ins Schwärmen.

Dann bekommen wir Ohrenstöpsel und es geht ans Allerheiligste, Her Magesty, The Engine. Beeindruckende Ausmaße von allem, was wir vorfinden, sind zu bestaunen. Nicht nur der Motor selbst, sondern auch die Riesenwelle, alle zugehörigen Aggregate, Leitungen und sonstigen technischen Einrichtungen, die über mehrere Stockwerke verteilt sind, werden bei Lärm und Hitze rund um die Uhr von der philippinischen Crew im Schweiße ihres Angesichts gewartet. Rosten kann hier nix, alles ist mit einem ölig-seidigen Glanz überzogen. Nach einer halben Stunde sind wir geschafft und klettern die engen Stiegen rauf zum Achterdeck auf Ponte 9.





Nachmittags sehen wir die ersten hohen Zirren über den Kumulus-Wolken, die ersten Anzeichen für die Regenzeit in dem Bereich um Rio? Abends ist der Himmel aber wieder sternenklar, ein gewaltiger Anblick, so völlig ohne Smog und Lichtverschmutzung das Firmament zu betrachten. Ein Genuss für jeden Astronomen. Auf Stb sehen wir einen Lichtschein hinter der Kimm. Land kann das nicht sein, das ist ca. 800 km entfernt. Und Salvador de Bahia liegt etwas vorlicher als Stb querab. Auf der Brücke ist man auch ratlos, wir einigen uns und tippen auf ein Schiff.

Viernes, 2010-12-03
07:00 Position S 16°56,6’, W 035°46,6’; damit sind wir auf unserer Südamerika-Karte angekommen, die wir in unserer Kabine aufgehängt haben. Von nun an können wir schön verfolgen, welche Teile der Südamerikanischen Ostküste wir hinter der Kimm nicht sehen können.
Die Wolken von gestern haben sich (erst mal wieder) verzogen, die Sonne lacht vom Himmel. Inzwischen begleiten uns mindestens 3 Möwen, Körper weiß, schwarze Handschwingen und schwarze Bäckchen. Bis zur Küste in Höhe von Porto Seguro sind es ca. 450 km, bis Rio noch knapp 1.000 km.

Sábado, 2010-12-04
07:00 Position ca. 100 km vor der Küste zwischen Cabo de São Tomé und Cabo Frio. Es ist neblig und vom Land natürlich nichts zu sehen. Heute Nacht haben wir die letzte Zeitumstellung verschlafen mit dem Ergebnis, dass wir jetzt ein bisschen aufs Frühstück warten müssen.
08:00 just in time und passagiergerecht nach dem Frühstück schälen sich geheimnisvoll mehrere Bergspitzen wie aus grauer Pappe geschnitten aus dem Nebel.

Wir sind natürlich stolz, als erste der Passagiere Cabo Frio entdeckt zu haben und informieren die anderen. Nach 5 ½ Tagen das erste mal wieder Land, das ist selbst zu so früher Stunde einen Whisky wert!
Ganz aufgeregt kommt Denis, unser Franzose aus dem Elsass die Treppe von Ponte 9 herunter: er habe 2 Mantas gesehen. Als er sein professionelles fototechnisches Equipment beisammen hat, sind sie leider auf und davon. Dafür hat Andre eine Meeresschildkröte fototechnisch eingefangen, ein einmaliger Schnappschuss, allerdings war die auch etwas langsamer.
Bei sanft anrollenden Wellen aus Süden ziehen wir an den schier endlosen Sandstränden der Costa do Sol westwärts, Rio entgegen. Leider werden wir dort nur kurzen Aufenthalt haben, sodass wir hinsichtlich der imposanten Sehenswürdigkeiten wohl in unseren Erinnerungen schwelgen müssen.
12:30: was machen wir – na?- richtig, wir legen erstmal Anker, und genießen die Aussicht auf eine toll inszenierte Stadtlandschaft zwischen steilen Granit- und Vulkankegeln vis a vis von Ipanema und Copacabana, Corcovado und Pão de Açúcar (Zuckerhut) und schwelgen (s. o.) in Erinnerungen an unsere Caipirinhas am Strand u.v.a.m.

Und dann ist erst mal Siesta.
17:00: unter Begleitung von einem Schwarm Fregatt-Vögel haben wir die Einfahrt in die Baía de Guanabara passiert und den Piloten an Bord genommen.

Jetzt halten wir zu auf die berühmte Ponte Pres. C. e Silva.

Abends rufen wir unsere Kinder in Deutschland an und siehe da, auch Herr Hildo und Frau Carla, unser frisch verheiratetes Paar aus Campinas, Brasilien, waren anwesend. Allen geht es prima und für Carla war’s der erste Schnee in ihrem Leben.

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