Finnland – Hauptstädte damals und heute

Freitagnachmittag – ein ziemliches Gewusel auf dem Campingplatz im Archipel von Turku. Überall sprießen kleine bunte Iglus aus dem Boden, jede Menge junge Leute hocken fröhlich davor und plaudern. Irgendwie haben wir ein Déjà-vu. Hatten wir das nicht schon mal, in Blumenau, in Brasilien? Aber hier gibt es doch kein Oktoberfest, oder?🙂 Nein, es werden keine deutschen „Sauf“-Lieder einstudiert und jede Menge Bierdosen geleert. Nein, die Jungs und Mädels sortieren fein säuberlich ihr Klettergeschirr. Offensichtlich findet hier irgendwo zwischen den Bäumen ein Kletterevent statt, Berge und Felsen gibt es ja nicht.

Die kleinen bunten Iglus rücken immer näher. Einer kriecht förmlich unter unser WoMo, um die Häringe seiner Spannleinen in den Boden zu hauen. Lothar bietet an, ein Stück nach hinten zu fahren, damit er besser hantieren kann. Er lehnt dankend ab: „It works! It works!“

Samstagmorgen – die räumliche Nähe zu den Iglus ist über Nacht immer enger geworden. Schlaftrunken stolpern die ersten förmlich über unsere Eingangsstufe.

Da lockt doch die „Saariston Rengastie“ oder auf Schwedisch der „Skärgården Ringväg“! Diese Ringstraße, auch Perlenkettenweg genannt, führt durch die fantastische Schärenlandschaft vor Turku. Sie verbindet eine Vielzahl von kleinen Inselchen durch schmale Sträßchen und Fähren.

Kleine und große gelbe Fähren bringen die Reisenden überwiegend kostenlos! von einer Insel zur nächsten, quasi wie bewegliche Brücken.

Nur eine weiße ist unter ihnen, das Merkmal, dass hier bezahlt werden muss?

Diese Überfahrt zwischen Iniö und Mossala dauert 45 Min. und kostet 70 €. Der junge Matrose kassiert in perfektem Deutsch den Reisepreis. Stolz berichtet er uns, dass Schwedisch seine Muttersprache ist und finnisch seine 1. Fremdsprache, Englisch und Deutsch habe er für sich gelernt. Hut ab, junger Mann!

Bei strahlendem Sonnenschein, finnisch blauem Himmel und leichter Brise steuert der Captain seine Fähre an kleinen und großen Insel vorbei.

Hin und wieder sieht man bei diesem herrlichen Wochenendwetter auch einen Freizeitkapitän.

Die Landschaft der Inselchen ist geprägt durch Landwirtschaft bei sehr dünner Besiedlung, Felder und Wiesen, unterbrochen durch kleine Wälder. Nur wenige Busse fahren hier, Wartehäuschen sind wohl überflüssig. Aber auf einen bequemen Wartesitz möchten sie dennoch nicht verzichten.

Touristisch wird nur in Iniö ein wenig angeboten, vermutlich bedingt durch den kleinen Yachthafen, an dem wir unsere Mittagspause verbringen.

Es ist schon lustig, kaum ist man 2 bis 3 Kilometer gefahren, schon fordert unser GPS uns auf, an Bord zu gehen. Meist steht auch schon eine Fähre bereit und bringt uns umgehend ans nächste Ufer.

Verlässlich bringt der Garmin uns schließlich am Sonntagabend an die Uferpromenade des Aurajoki von Turku.

Turku, unter der Schwedenherrschaft die ehemalige Hauptstadt Finnlands. Erst als die russischen Zaren die Herrschaft über Finnland übernahmen, verlor die Stadt diese Funktion an Helsinki. Die russischen Herrscher wollten die Bindung zu Schweden durch größere Distanz schwächen. Gleichzeitig wollten sie eine Stärkung des Großherzogtums Finnland gegenüber Reval – dem heutigen Tallinn – erreichen.

In dieser Stadt könnte man sicher eine lange Zeit verbringen, Sehenswürdigkeit gibt es hier reichlich. Ein paar haben wir ausgewählt.

Das Nautikmuseum,

mit seinen historischen Schiffen direkt an der Promenade gelegen,

die Burganlage,

der Dom,

die historischen Markthallen, heute eine moderne Fastfood-Meile mit internationalem Flair,

Entsprechend unseres Standortes am Fluss, gibt es zum Abend Flusskrebse nach Art des Hauses.

So schön diese Uferpromenade ist, irgendwann müssen auch wir weiterziehen. Über die Autobahn, die hier tatsächlich auch 4-spurig ausgebaut ist, sind es nur 150 km, also locker an einem Tag zu schaffen. Aber die ADAC-Karte hat noch ein Schmankerl auf der Route entlang der Küste anzubieten. Zwar verläuft die Landstraße in einer beträchtlichen Entfernung zur Küste, aber zur Mittagspause gibt es einen perfekten Platz unter einem Baum direkt am Wasser. Es ist ein Villenviertel mit eigener Anlegestelle und Badestrand.

Passend zum Standplatz gibt es „Lachs auf der Hautseite gebraten“ mit frischem Salat.

Köstlich! Lothars Kommentar: „Dieser Lachs ist eine Offenbarung!“

Nun aber zu dem ADAC-Schmankerl: Hvitträsk, die Pilgerstätte für Jugendstilfreunde in Finnland. In Kirkkonummi haben die 3 finnischen Stararchitekten, Eliel Saarinen, Armas Lindgren und Herman Gesellius ein gemeinsames Altelierzentrum errichtet. Hier haben sie zeitweise gelebt und gearbeitet. Nach mehrmaligem Besitzerwechsel gehört es heute dem Staat und kann von jedermann als Parkanlage genutzt werden. So finden wir hier auch ein ideales Nachtplätzchen und können gleich am Morgen die immer noch original eingerichteten Räumlichkeiten besichtigen. Einen sehr beeindruckenden, aber auch teuren Wohnstil hatten die Herren mit ihren Familien damals!

Nun führt kein Weg mehr an Helsinki vorbei! Die Landeier müssen in die Großstadt. Immerhin leben hier 800.000 Einwohner, im Großraum über 1 Mio., ein Drittel aller Finnen! Nach kurzer Diskussion entschließen wir uns, den Campingplatz, den einzigen, den diese Stadt lt. Reiseführer zu bieten hat, anzufahren. Er liegt inmitten eines Wohngebietes.

Dies war eine gute Entscheidung. Rushhour in Helsinki ist wirklich nicht lustig. Der Campingplatz „Rastila“ bietet nicht nur alles, was man als Langzeitreisender benötigt, nein, er hat auch eine Metrostation direkt vor dem Eingang. Wunderbar, wir steigen ein und 20 Minuten später und 10 Stationen weiter erreichen wir völlig stressfrei das Zentrum. Am Campingplatz war uns ein Prospekt über City-Touren mit einem Hop-on / Hop-off Bus in die Hände gefallen. Mit diesem Besichtigungsliner hatten wir schon in Washington gute Erfahrungen gemacht. Deswegen haben wir nicht lange überlegt, zumal ein Kombiticket Bus und Schiffstour an 2 Tagen für nur 35 € angeboten wird.

Die Hauptattraktion der Schiffstour ist die Umrundung der Seefestung Suomenlinna, die 1748 unter Schwedischer Herrschaft auf mehreren Inseln vor Helsinki errichtet wurde. Es folgte eine wechselvolle Geschichte, in der die Festung mal schwedisch, mal russisch war. 1991 wurde die Bastionsfestung in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen. Suomenlinna ist jedoch nicht nur eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Finnlands, sie ist auch ein lebendiger Stadtteil mit knapp 1000 Einwohner. In den restaurierten Festungsanlagen sind Wohnungen, Werkstätten, Gaststätten und Museen untergebracht.

Die wohl beeindruckendste Sehenswürdig auf unserer Bustour ist die „Temppeliaukion Kirke“, die Felsenkirche. Mitten in einem Wohnquartier – im Stil wie die Borsigsiedlung von Berlin – ist diese Kirche in den Felsen gesprengt. Nachmittags wird sie leider immer nur für 15 Minuten pro Stunde für das Publikum geöffnet. Dann strömen Menschenmassen in diesen Rundling aus massivem, gewachsenem Fels. Ein Lichtband lässt die Kupferkuppel über dem Kirchenraum geradezu schweben.

Besonders anrührend finde ich die musikalische Untermalung von zwei Solisten an der Orgel und mit der Cello. Sie sorgen für andächtiges Schweigen unter den vielen Besuchern und machten die Besichtigung für mich zu einem besonderen Erlebnis.

Leider kann Lothar so auf die Schnelle nicht daran teilnehmen, ist er doch noch völlig außer Puste von dem Anstieg auf den Hügel. Sehr schade. Auch am nächsten Tag scheitert ein erneuter Versuch. Zu lange sind wir schon unterwegs. Der Markt unmittelbar am Hafen ist schon eine besondere Attraktion. Und in der Mittagszeit bietet es sich an, überall eine Kleinigkeit zu probieren.

Natürlich müssen wir auch noch zur orthodoxen Uspenski-Kathedrale, der größten russischen Kathedrale außerhalb Russlands marschieren, die in Sichtweite des Marktes auf einem Hügel steht. Leider ist sie am Sonntagnachmittag geschlossen. Aber von außen macht sie schon einen sehr erhabenen Eindruck. Sicherlich wird der Kirchenraum sehr kunstvoll und reich ausgestattet sein.

Natürlich gibt es viele weitere interessante Sehenswürdigkeit, aber man braucht dann doch mehr als nur 2 Tage, um all diese Highlights zu erkunden. Ein paar Schnappschüsse aus dem rumpligen Doppeldeckerbus mit offenem Verdeck müssen reichen, leider sind auch die Fotos ziemlich rumplig geworden 🙂

Montagmittag geht unsere Fähre nach Estland, nach Tallin. Erstaunlich flott lassen wir den Innenstadtverkehr der Metropole hinter uns und erreichen ohne irgendwelche Zwischenfälle um 12:00 Uhr den Fährhafen. Dank der Internetreservierung liegen unsere Tickets am Checkin-Schalter. Wir brauchen nur noch auf die Fähre zu fahren. Um 13:30 Uhr verlassen wir Skandinavien.

Leider ereilt uns in Tallinn ein Reiserückruf per SMS. Unserer Mutter Lilo geht es nach telefonischer Rückfrage bei meiner Schwester sehr schlecht. Wir beschließen, die Reise abzubrechen und auf dem direkten Weg so schnell wie verantwortbar nach Deutschland zurück zu fahren, mit der Hoffnung, sie noch lebend anzutreffen.

Sie hat auf uns gewartet und ist einen Tag später sehr ruhig und friedvoll eingeschlafen. Wir werden eine großartige Mutter und Freundin voll Liebe, Fröhlichkeit und großem Gottvertrauen in Erinnerung behalten.

Wir danken dem Pflegeteam des Seniorenzentrums in Spelle für die liebevolle Betreuung und einfühlsame Begleitung insbesondere in den letzten Tagen.

Wir danken allen Freunden und Lesern für ihr Interesse an unseren Reisen und Erlebnissen, auch wenn manches von Hindernissen und Traurigkeit geprägt war.

Wir wünschen allen eine gute Zeit, Friede und Gesundheit.

Herzlichst

Rita und Lothar

 

PS.: Vielleicht können wir unsere Reise durch das Baltikum und Polen irgendwann einmal nachholen.

 

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Ein Kommentar zu Finnland – Hauptstädte damals und heute

  1. Gerhild & Harald sagt:

    Liebe Rita, lieber Lothar,
    wie tröstlich, dass ihr von deiner/eurer Mutter noch Abschied nehmen konntet.
    Wir sprechen euch und eurer Familie unsere herzliche Teilnahme aus. Gerhild und Harald

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