Finnland – Ostseestrand

In einem der Reiseführer haben wir von einem Steinzeitdorf nahe der Küste auf halbem Weg von Kemi nach Oulu gelesen. 20 km landeinwärts von dem Dorf „Ii“ (der Ort wird tatsächlich so geschrieben: 2 mal “i“🙂) sind bei Ausgrabungen am Iijoki steinzeitliche Funde gemacht worden. Ein Nachtstandplatz wird auch gleich mitangeboten. Am frühen Abend erreichen wir das Dorf. Für eine Besichtigung ist es schon zu spät. Morgen ab 10 Uhr soll das Gelände, das Museum und die Rezeption aber wieder besetzt sein. Inzwischen hat Nieselregen bergischer Art eingesetzt.

Wir sitzen im WoMo und spielen Karten. Immer wieder kommen Fahrzeuge, Leute steigen aus und spazieren auf den Eingang des Dorfgeländes zu, verschwinden im Museumswald. Erst nach einer ganzen Weile kommen sie zurück, steigen in ihre Fahrzeuge und fahren davon. Ich brauche ein wenig frische Luft und Bewegung. Also spaziere ich ebenfalls in den Museumswald. Nichts hindert mich daran, kein Mensch, kein Tor, keine Schranke. Lediglich auf einem kleinen Schildchen wird die Frage gestellt „Hast du ein Ticket?“, was ich schlicht und offen mit „nein“ beantworten kann.

Ein schöner Bohlenweg schlängelt sich durch den Wald. Rechts und links ein paar Hinweistafeln.

Schließlich gelange ich ans Ufer des Iijoki.

Hier hat man ein kleines Dorf errichtet und ihm die Bezeichnung Steinzeitdorf gegeben. Steinzeitlich mutet das aber nicht wirklich an. Irgendwie scheinen die Zeiten ein wenig durcheinandergeraten zu sein. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern davon gehört zu haben, dass die Jäger und Sammler in der Steinzeit in reetgedeckten Hütten lebten und ihre „Wohnungen“ mit Tisch und Stühlen ausstatteten.

Es ist sicherlich gut gemeint, die Fundstätten touristisch ein wenig aufzupeppen, aber doch von der historischen Wirklichkeit m. E., ziemlich weit entfernt. Nach einer Stunde stillem Amüsement bin ich zurück.

Der Nieselregen vom Abend hat sich inzwischen zum Dauerprasselregen gesteigert. Diese Wettersituation wirkt sich natürlich auf Lothars Entscheidung aus, auf die Besichtigung des Dorfes am anderen Morgen zu verzichten. Statt stundenlang auf Einlass zu warten, starten wir früh weiter Richtung Süden, da wo´s die Sonne gibt.

Am frühen Nachmittag erreichen wir den Küstenort Pyhäjoki, am gleichnamigen Fluss gelegen. Hier bietet ein Campingplatz Standplätze auf einer kleinen Insel im Mündungsdelta des Flusses an.

Ein richtiges Schmuckstück, auf dem man sich wohl fühlen kann. Wir sitzen in der Abendsonne am Ufer des Pyhäjoki und genießen die Ruhe, nur die Stromschnellen unmittelbar vor unserem Standplatz geben eine – allerdings beruhigende – Geräuschkulisse ab.

Natürlich gibt es hier „tief im Süden“ keine Mitternachtssonne mehr, aber die Nacht ist immer noch hell und am Horizont sieht es aus, als würde der Wald in Flammen stehen.

Es ist ein sehr geruhsamer Campingplatzaufenthalt. Kein WiFi mahnt zum Blogbericht – es gibt keines. Keine Wäsche wartet auf Reinigung – der Camp-Chef persönlich übernimmt den Wäscheservice. Und wir, wir entspannen, wir grillen.

Ganz in der Nähe, nur ca. 30 km entfernt, soll es die nördlichste Sanddüne der Welt geben. Auch dieser Superlativ liegt an der Strecke und wir nehmen ihn ehrfürchtig zur Kenntnis. Wir müssen aber nicht alles erkunden, was am Bottnischen Meerbusen in Disney- und Fantasia Land mit Hüpfburgen und Fressbuden umfunktioniert worden ist.

Wie sagt der Stadtplaner so schön „sie (die Sanddüne) ist anthropogen überformt“.

Die Europastraße E8 ist so interessant wie unsere Autobahnen quer durch die Republik. Wir fahren rechts ab und schwenken auf die sog. „7-Brücken-Straße“ entlang der Küste ein. Die kleinen vorgelagerten Inseln des Scherengartens von Kokkola sind mit dieser Brückenstraße untereinander verbunden.

Ob Peter Maffay diese Straße für seinen Hit „Über sieben Brücken musst du gehen…“ im Kopf gehabt hat?

Etwas wirklich Außergewöhnliches können wir an den Brücken bzw. der Brückenstraße allerdings nicht feststellen. An einer Brücke gibt es eine Fischräucherei. Hier soll es lt. Reiseführer offenwarmen Räucherfisch geben. So ganz stimmt das nicht (mehr). Der Fisch ist kalt und schmeckt letztendlich wie aus der Fischtheke bei Edeka.

So wirklich begeistert sind wir von der finnischen Ostseeküste nicht. Da kommt der Wunsch, durch Karelien zu reisen, doch wieder hoch. Schon in Inari wurden bei Lothar alte Erinnerungen geweckt, reiste er doch vor einem halben Jahrhundert auf Schusters Rappen mit Pfadfinders durch Finnland. Und Karelien war und ist nun mal die Seele Finnlands. Gedankenverloren rollen wir durch’s Land.

Der Zoo von Ähtäri, das heißt, das was man inzwischen daraus gemacht hat, holt uns flugs in die hiesige Welt des Walt Disneys zurück. Nachdem wir das „fantastische“ Treiben eine Weile von außen betrachtet haben, haben wir genug gesehen, eine ausführliche Besichtigung hinter dem großen Zaun brauchen wir nicht.

Liebe Wuppertaler, insbesondere liebe Ronsdorfer, wart ihr nicht immer der Meinung, dass es in eurer Stadt das einzige Bandwirkermuseum gibt? Wir haben ein zweites entdeckt und zwar in Finnland! In Killinkoski! Kaum zu glauben!

Im „Wanhan Tehtaan Miljöö“ kann man das “Nauhateolli-suusmuseo“ besichtigen. Die ehemals supermodernen Maschinen und auch der Fabrikdirektor kamen tatsächlich aus Wuppertal, so steht‘s jedenfalls im Reiseführer geschrieben. Belege darüber haben wir im Museum leider nicht entdecken können. In den ehemaligen Fabrikationsräumen wird heute ein Museum,

ein Flohmarkt,

ein FOC für Bandwirker-Produkte (wir haben auch ein paar Bänder als Sturmleinen für unsere Markise erworben)

und ein Café vom Kulturkreis des kleinen Städtchens ehrenamtlich betrieben.

Es ist noch früh am Tage, die Straße Richtung Osten, Richtung Jyväskylä gut ausgebaut und schwuppdiewupp sind wir in der Stadt gelandet, in der sich der größte finnische Architekt und Möbeldesigner, Alvar Aalto, selbst ein Museum errichtet hat. Schließlich ist dies seine Heimatstadt, schließlich hat er hier seine unglaubliche Karriere mit einem kleinen Büro gestartet. Justement als wir glaubten, das Museum erreicht zu haben, fiel unser GPS wegen fehlenden Satellitenempfangs aus. Nach Absolvieren diverser Straßenkringel landeten wir schließlich ohne die sonst so profunde Mithilfe unseres Garmin unmittelbar vor den verschlossenen Eisentüren dieser architektonischen Besonderheit, die uns eigentlich mehr an eine „olle Fabrik“ mit Wellblechfassade erinnert.

Ehemals gab es hier einen großen Parkplatz, der inzwischen bis auf 2 Behindertenplätze mit einem Uni-Gebäude überbaut wurde. Parkplätze wurden in die Tiefe verbannt. Also kein günstiges Schlummerplätzchen. Nach weiteren Straßenkringeln beziehen wir schließlich Quartier auf dem Parkplatz der Sportarena, natürlich gebaut von Aalto. Statt eines langen Fußmarsches zum Aalto-Museum zurück, lassen wir lieber unseren GPS im „Gigganti“, einem Elektronikriese für 29 € und 2 Std. Wartezeit abdaten. Ausreichend Zeit, eine neue Zusatzkühlbox mit 12 und 220 Volt für 99 € zu erstehen, Lothar hatte leider vor ein paar Tagen das alte Exemplar durch Vertauschen der Phasen „gehimmelt“.

Der Garmin tut nun seinen Dienst wieder tadellos und wir finden dank seiner Hilfe schnell die kleine Stadt Varkaus im Herzen Kareliens.

 

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3 Kommentare zu Finnland – Ostseestrand

  1. kanalratte sagt:

    Moin!
    Na , nach allem was ihr schon gesehen habt, ist Finnland natürlich nicht ganz so spektakulär. Haben wir damals auch so empfunden. Aber dafür viele wunderschöne Seen und lauschige Plätze. Hier gibt es außer Hitzewelle und Dürre nicht wirklich viel zu berichten. Bin mal wieder Strohwitwer. Werde morgen Jagen gehen und Samstag Steinhude in Flammen vom Schiffchen aus genießen. Sonst ist ja hier nix Dolles zu vermelden. Hier im Knast ist euer Blog jetzt wieder ganz oben auf der Liste , wenn auch noch etwas verwirrend mit….. Nordamerika ,es geht weiter. …..kann jetzt da aber auch Skandinavien aufmachen. Ich gebe zu , das Problem sitzt vor dem Computer.
    Offensichtlich bestehen aktuell keine größeren Probleme sowie scheinbar ein gesundheitliches Equilibrium. Also auf Genuß programmiert. Schön… Ich humpel immer noch, aber der Gelenkerguß ist rückläufig und ich gehe natürlich arbeiten..
    Ich wusste übrigens gar nicht, dass man eine Kühltruhe auch zur Fritteuse umfunktionieren kann. Hi,hi. Pluspölchen mit Nordpölchen verwechselt ? muttu abba au nich machen….!
    Liebe Grüße und kalo taxidis

    eure Kanalratte

    • kanalratte sagt:

      PS..mein Smartphone ist jetzt ganz im Eimer.Hab ein Neues gekauft, aber Marc will erstmal alle Inhalte auf PC überspielen. Bin also über das Teil bis Anfang September nicht erreichbar.

  2. Gerhild & Harald sagt:

    Hallo ihr 2,
    na ja, “the king oft he waves“ wird es euch verzeihen, dass ihr sein Museum zugunsten des „Gigganti“ verschmäht habt. Aber ein aktuelles Navi macht langfristig wohl in diesem Fall mehr Freude. Vielleicht seid ihr ja auch nicht das letzte Mal in Europas Norden gewesen!
    Ein Kunstwerk, an dem wir schon öfter angehalten haben, liegt am Straßenrand der E63 nördlich von Suomussalmi und so lag es leider nicht auf eurer Route. Es ist das fast 1000-köpfige „Stille Volk“ (Hiljainen Kansa) das vom finnischen Tänzer und Choreografen Reijo Kela dorthin gestellt wurde. Die Torfköpfe stehen seit Herbst 1994 da – einfach so – und erzeugen je nach Wetter und Tageszeit beim Betrachter ganz unterschiedliche Stimmungen. Zweimal im Jahr werden sie aufgefrischt und neu eingekleidet. Die Deutung ist jedem selbst überlassen… Aber dafür habt ihr ja das „Nauhateollisuusmuseo“ gefunden und diese überaschenden, nicht im Reiseführer aufgeführten Funde unterwegs machen ja das individuelle Reisen erst so richtig spannend.
    Bis später – in Varkaus, Gerhild und Harald

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