Norwegen – Eismeer

Tromsø, Hammerfest, Nordkapp, Namen, die für uns Mitteleuropäer das Eismeer, das Arktische Meer symbolisieren. Grund genug, von der Europastraße E6, die bis an die russische Grenze verläuft, entsprechende Abstecher zu unternehmen.

Wie für eine Touristen-Hauptschlagader selbstverständlich gibt es am Rande der Straße immer wieder Verkaufsangebote für echte samische Souvenirs made in Taiwan. In einer der Jurten knistert ein Feuer, was unsere Aufmerksamkeit erregt: es gibt echte samische Gemüsesuppe, wie ein Blick in die Schüsselchen der wenigen Gäste belehrt. Wir beugen uns dem Verkaufsdruck und erstehen zwei Flaggen und zwei kleine süße Eisbären für unsere Nennenkel.

Tromsø begrüßt uns mit seiner überaus beeindruckenden Eismeerkathedrale.

Ihr werden wir morgen früh einen Besuch abstatten. Zunächst muss der Nachtstandplatz gefunden werden. Ist ja eigentlich kein Problem, der Reiseführer schlägt einen Platz am Stadion vor, hält den Parkplatz am Yachthafen jedoch für ruhiger und schöner. Was liegt da für Hampens nahe? Klar doch! Wir geben die Position gemäß Reiseführer für den Yachthafen in das Navi und wo landen wir? Ist doch auch klar, am Stadion! Eine öde, matschige Parkplatzfläche, auf der das „Overnightstanding“ verboten ist. Wir suchen auf eigene Faust den Yachthafen, finden ihn (muss ja irgendwie am Wasser liegen), finden ein Plätzchen mit Blick auf viele bunte Schiffchen,

und finden auch noch ein Logenplätzchen für die Mitternachtssonne. Es war eine sonnige Nacht! 🙂


Um 6 Uhr bin ich aber schon wieder munter und schreibe an einem Bericht. Irgendein watschelndes Geräusch lässt mich inne halten, ich werfe einen Blick auf den Weg und glaube es nicht. Da robbt eine kleine Robbe platschend über den Asphalt, und verschwindet auf einem der Anlegestege. Für einen erfolgreichen Schnappschuss bin ich zu verblüfft! Ich wende mich wieder meinem PC zu und wieder höre ich dieses platschende Geräusch. Da spurtet doch tatsächlich eine zweite Robbe hinterher, allerdings wieder viel zu schnell, dass ich rechtzeitig zur Kamera greifen könnte. Ihr müsst es mir also einfach so glauben! 🙂

Der Tag fängt ja schon ziemlich lustig an. Unsere Besichtigungstour von Tromsø, nicht zu Fuß, sondern unsportlich mit dem WoMo, beginnt an der „Tromsdalen Kirke“. Die eigenwillige Architektur soll eine Verbindung zwischen Urbanisation der Stadt und der arktischen Natur mit den spitzen Zacken der norwegischen Gebirge und die schwimmenden Eisberge widerspiegeln.

Touristenbusse spucken im 2-Minuten-Takt ihre lärmende souvenierverliebte Kundschaft aus. Bei einer Verweildauer von 20 Minuten werden hier 400 Leute pro Stunde durch geschleust. Wenig sakral für unsere Begriffe. Unser nächstes Ziel ist das Polarmuseum, klein und mutzig.

Viel zu klein und mutzig, um die Heerscharen von Touris aufzunehmen. Wir verzichten auf den Besuch und fahren weiter zum Tromsø-Museum, draußen an der Uni. Hier geht es weitaus ruhiger zu! Liegt wohl zu weit abseits, oder sind die Themen nicht so interessant? Wir wissen es nicht. Wir machen erst einmal Mittag mit „Köttböller“ aus der Dose, Nationalgericht der Norweger, so hat man uns erzählt.

Nun ja, man wird satt, das nächste Mal machen wir dieses Gericht doch lieber selbst, ich glaube das können wir besser.

Im Tromsø-Museum gibt es seit 1973 eine Ausstellung über die Kultur der Samen. Mit dieser Ausstellung soll dem Besucher vermittelt werden, dass die Samen in Nordeuropa ein eigenständiges Volk sind, dessen Wurzeln sehr weit zurückreichen. Sámpi nennen die Samen ihr eigenes Land, ein Land ohne eigene Grenzen und ohne Staat, jedoch mit gemeinsamer Sprachfamilie, gemeinsamer Geschichte, gemeinsamer Kultur, sowohl in Norwegen als auch in Finnland und in Teilen von Russland.

Ein besonderer und erwähnenswerter Aspekt der samischen Kulturtradition ist der Joik, seit langer Zeit musikalische Ausdrucksform der Samen. Personen, Tiere, Orte bekamen und bekommen eine eigene Melodie, die Aussehen, Art und Wesen lautmalerisch beschreibt. Die Melodien sind sehr variations- und nuancenreich, für ungeübte Ohren allerdings oft unverständlich eintönig. Wie bei anderen Naturvölkern ist auch hier Ziel und Zweck die Kontaktaufnahme mit der Natur und anderen Menschen.

 

Wir sind begeistert und verbringen den ganzen Nachmittag in diesem Museum. Erst am frühen Abend finden wir den Weg aus Tromsø. Unser letzter Blick gilt wieder der Eismeerkathedrale.

Dann steuern wir kurz hinter der Eismeerstadt einen neuangelegten Picknickplatz an, ringsum schneebedeckte Berge zum Greifen nahe. Rechtzeitig um Mitternacht kommt die Sonne um den Berg und taucht unseren Schlafplatz in ein warmes Midsommernacht-Licht.

Auch den nächsten Tag geht’s wieder entlang endloser Fjorde und durch die Fjelles rauf und runter.

Ziel ist Alta, das Verwaltungszentrum der Samen. Hier ist für uns angeblich die letzte Möglichkeit, noch einmal ohne Probleme Gas auffüllen zu lassen. Laut Reiseführer gibt es erst wieder in der Nähe von Helsinki eine Gasfüllstation, die auch deutsche Flaschen nachfüllt. Dank Garmin ist die Station in Alta schnell gefunden.

Ganz in der Nähe gibt es auch 3 Campingplätze. Wir entscheiden uns für den Alta Strand Camping und sind von der Organisation, den Einrichtungen, der Sauberkeit begeistert – wirklich empfehlenswert.

Es wird „geputzt und geflickt“ was das Zeug hält. Lothar wird wieder fit für die nächste Etappe: Nordkapp ist angesagt. Aber bei Skaidi entscheiden wir ganz spontan, auch Hammerfest dürfen wir nicht auslassen. Hammerfest ist eigentlich kein aufregendes Städtchen, aber eben die nördlichste Stadt der Welt, erreichbar über die nördlichste Hängebrücke der Welt.

Bei der Stadtgründung im Jahre 1789 hatte Hammerfest gerade mal 40 Einwohner. Doch die Fischindustrie hat die Stadt stetig wachsen lassen, sie hat heute ca. 9 ½ Tausend Einwohner, ist Sitz einer internationalen Fischverarbeitungsfirma und Heimathafen einer der größten Trawlerflotten des Landes.

Schließlich finden wir doch zwei Dinge, die man sich als Touri anschauen sollte: die Hammerfester Kirche, eine moderne Kirche mit farbenprächtigen Glasmalereien an der Giebelwand.

Und dann gibt es noch ein interessantes Monument von weltweiter Bedeutung: die Meridiansäule, erstes technisch-wissenschaftliches Unesco-Weltkulturerbe. Sie wurde errichtet zur Erinnerung an die erste präzise Vermessung der Abplattung der Pole mittels geodätischer Triangulation. Sie steht am nördlichen Ende des sog. Struve-Meridianbogens (für die Vermesser unter euch auf N 70°40´11,23´´ und E 23°39´48´´). Struve war russischer Astronom und Geodät und führte seine Arbeiten 1816 – 1855 durch. Das bedeutet für eines der ersten Projekte mit internationaler Beteiligung eine Rechenoperation über fast 40 Jahre und über eine Distanz von 2.821,853 km!

Der Parkplatz am Fuße des Monumentenhügels ist ein perfekter Übernachtungsplatz mit Blick auf’s Eismeer, auf’s Nordpolarmeer.

Nun geht es aber wirklich zum Nordkapp, den Porsangen Fjorden entlang, mit teils steil abfallenden Felswänden, teils mit Sand- und Kiesstränden.

Auf unserer Fahrt durch die Fjelles in den letzten Tagen haben wir dann doch einige Rentiere gesichtet. Sie liefen frei auf der Straße und ließen sich auch nicht durch das laute Gehupe einheimischer Autofahrer beim Äsen am Straßenrand groß irritieren. Wir haben uns beim Fotografieren ja auch nicht irritieren lassen 🙂


Wieder sehen wir ein ganzes Rudel, das am Strand entlang läuft.

Von Kåfjord nach Honningsvåg werden wir durch einen Unterwassertunnel 200 m unter dem Meeresspiegel geführt.

Das bedeutet ein paar Kilometer abwärts und dann ein paar Kilometer wieder aufwärts. Wie der Elbtunnel bei Hamburg, nur ein paar Nummern größer. Von nun an haben wir nur noch ganz karge, öde Landschaft, die sich zunehmend auch noch in gespenstischen Nebel hüllt.

Wir tasten uns durch die undurchsichtige Suppe und dann taucht plötzlich das Pförtnerhäuschen zum Nordkapp aus dem Nieseldunst auf. Wir haben das Nordkapp erreicht, 4.682 km von zuhause und 3.483 km von Norwegens Südkapp.

Wir bezahlen 510 Kronen für 24 Stunden Aufenthalt einschließlich Nachtstandplatz, das soll wohl reichen, ich möchte wieder in die Sonne, ich möchte nicht mehr frieren. Es ist zu kalt und neblig für einen Abendspaziergang. Es gibt erst einmal ein Häppchen und … ein weiteres Stück von Lothars Schneidezahn hat den Weg in die Freiheit gesucht und gefunden, aber es ist ja auch eine Tour, an der sich so manch einer die Zähne ausgebissen hat.

Spät in der Nacht macht Lothar noch allein einen Erkundungsgang übers Gelände, für mich ist die Koje heute Abend attraktiver. Am nächsten Morgen erzählt er mir von der riesigen Wohnmobil-Armada aus aller Herren Länder

und von den -zig großen Reisebussen, aufgereit auf dem anderen großen Parkarreal.

Auch die Biker, die auf dem Platz auf unterschiedlichste Art biwakieren, sind insbesondere bei dieser Witterung ein echter Hingucker und verdienen Respekt.

Auf dem Plateau, das laut touristischer Definition das nördlichste Ende des europäischen Festlands darstellt, ist auch um Mitternacht noch internationale Kirmes mit hunderten von Teilnehmern. Es ist Mitsommer! Leider gab es diese Nacht nur bedeckten Himmel, keine Mitternachtssonne, also müssen wir mit einem „fake“ leben.

Aber auf unser Nordkapp-Schlemmer-Frühstück mit Lachs, Eismeerkrabben und Sekt verzichten wir natürlich nicht. Und dann geht’s auf die Besichtigungstour.

Leider ist auch heute nur trübes, diesiges Wetter. Aber das soll ja wohl normal sein hier. Sonnenschein gibt es hier äußerst selten. Der Blick über die Klippen in die Tiefe lässt das tobende Eismeer mehr erahnen als sehen, das Meer ist ruhig und der Wind nicht gerade stürmisch.

In der Nordkapp-Halle aber bietet sich dem Touri ein breites Angebot, mit dem er sich die Zeit vertreiben kann. Tief in die Felsen ist hier ein 3-stöckiger Erlebnisbereich eingegraben.

Besonders gut hat uns die Superbreitwand-Filmvorführung gefallen. Leben und Natur am Nordkapp wurde in dem 15-minütigen Film schön in Scene gesetzt. Alles andere gehört mehr in die Kategorie „allgemeiner Tourikram und Micki Maus“.

Und nun aber auf in den Süden, der Sonne entgegen, sind wir doch eigentlich eher Sonnenkinder. Wir schrauben uns das Kapp-Plateau wieder hinunter, steuern den erst besten Picknickplatz an und … sitzen in der Sonne – und zwar kostenlos.

Auf Anregung eines einzelnen Herrn wollen wir noch einen Abstecher zur Barentssee machen, zum Krabbenessen, Königskrabben natürlich. Also liegt zunächst der Kurs in östlicher Richtung an. Ein per Übersichtskarte definiertes Tagesziel am südlichen Zipfel des Lakesfjorden entpuppt sich als wenig einladend, eine Tankstelle mit übel riechender Kneipe, unfreundlichem Wirt, muffigen Kellnerinnen und matschigem WoMo-Platz.

Wir fahren weiter und landen irgendwo im Nirgendwo der Finnmark auf einem Parkplatz für Einheimische. Es ist ein neuangelegter an einer niegelnagelneuen Straße, ein bisschen zu neu; die Natur muss sich insbesondere die Seitenstreifen erst noch wieder zurück erobern.

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages erreichen wir Bugøynes

auf einer kleinen Küstenstraße, die durch glattgemahlene eiszeitliche Steinformationen führt, vorbei an Sandstränden, kleinen Hofanlagen mit ihren rot-weißen Häuschen, an wunderschönen Blumenwiesen.

Laut Reiseführer soll’s gleich hinter der Touristeninformation einen Nachtstandplatz mit Frischwasser und WC geben. Die Info ist geschlossen und wird rein privat betrieben, wie ich später erfahre. Dort übernachten können wir auch nicht. Wir finden ein anderes Plätzchen.

Laut Reiseführer soll man die ortsansässige weltweit agierende Firma „Norway King Crap“ besichtigen können, um Einblicke zu erhalten, wie die Königskrabben für den Gourmet-Markt, insbesondere in China, aufgepäppelt werden. Diese Möglichkeit ist angeblich wegen Arbeitsüberlastung nicht mehr gegeben.

Laut Reiseführer kann man, keine 200 m von der Tourinfo entfernt, Königskrabben gleich kiloweise und tiefgefroren für die eigene kulinarische Zubereitung kaufen. Auf Nachfrage erhalte ich von der immer lächelnden freundlichen Asiatin die Auskunft, dass es z. Zt. keine Königskrabben gibt, erst im Oktober wieder. Davon stand nix im Reiseführer. Das kann doch nicht wahr sein! Wir sind doch extra für diese Köstlichkeit ans östliche Ende von Norwegen gereist! Es gibt noch einen Supermarkt. Auch dieser freundliche Inhaber die personifizierte Betrübnis: sein Fischer habe ihm heute keine Krabben gebracht.

Wir sind enttäuscht! Vielleicht gibt es ja in Neiden oder Kirkenes, kurz vor der russischen Grenze, Königskrabben zu kaufen. Den großen Supermarkt in Neiden hat der Zahn der Zeit offensichtlich dahin gerafft. Nur eine alte Kirche wird hier offensichtlich gut gepflegt.

Wir sind mehr als enttäuscht, fahren nicht mehr nach Kirkenes und biegen kurzerhand hinter dem Wasserfall von Neiden

auf die 971 nach Finnland und überschreiten um 10:15 MESZ die Grenze Norwegen / Finnland.

 

 

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2 Kommentare zu Norwegen – Eismeer

  1. Gerhild & Harald sagt:

    Hallo ihr Nordlandfahrer,
    Ihr seid schon mutig beim Probieren – fehlt nur noch der Lutefisk! Die Kjøttbollar sind ja nun wirklich legendär – nicht nur in Norwegen. Wir haben sie in Stockholm als Köttbullar in der Markthalle Saluhall gegessen, zu einem stolzen Preis. Wir nehmen an, in Norwegen waren sie auch nicht direkt preiswert 🙂
    Zum Selbermachen haben wir für euch mal geguckt, was rein muss und hier sind nun die Zutaten von der JOIKA Website
    http://www.joika.no/om-produktet/category15837.html,
    nach bestem Wissen übersetzt:

    Joika ORIGINAL – BOX
    ZUTATEN:
    Joikakaker : Fleisch von Rindern, Rentieren und Hammel (36% Fleisch insgesamt , 11 % Rentier) Wasser, Stärke , Rinderherz, Blutprotein ( Schwein), Schwarte , Schmalz, Salz , Milchprotein , Glucose, Gewürze.

    Sauce : Wasser , Weizenmehl, Karitenüsse, Raps- und Kokosöl , Ziegenkäse, Fleischbrühe, Sellerie, Knoblauch , Molke und Sahnepulver , Farbe E150 .
    Nährwerte pro . 100 GRAMM:
    Energie 557 kJ / 133 kcal Eiweiß 6,0 g, 7,0 g Kohlenhydrate , Fett 9,0 g
    INHALT :
    Boxen von 800 g

    Interessant sind die Zutaten der Wildsauce 🙂

    Auf dem Alta Strandcamping hätten wir uns auch treffen können. Es ist ein toller Platz mit einem schönen Rundblick. Wir sind gespannt, wohin ihr inzwischen von Neiden weitergereist seid und wünschen euch weiterhin gute und sichere Fahrt, Gerhild und Harald

    PS: Sorry, wenns ein bisschen lang war, aber in den Wolken ist ja genug Platz.

  2. Gerd sagt:

    Hallo Ihr drei Oldies. Berichte sind Spitze,Kommentare treffend , Bilder super. Gute Weiterfahrt.Grüße von Gerd, Christine u. Jens.

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