Norwegen – Lofoten

Gestern Abend sind wir hier gelandet, hier auf den Lofoten. Nähert man sich dieser Inselgruppe, beeindrucken die bizarren Bergkegel und zackigen Grate der „Lofotenwand“ aus der ruhigen und bleigrauen See.

Gestern Abend erschien alles grau in grau, es war diesig, die Bilder sind dem entsprechend etwas fad geworden, es gibt nicht immer nur eitel Sonnenschein. Bei Sonne sollen die glatten, steilen, blanken Felsen in Anthrazitfarben glänzen.

Der Ortsname „Ǻ“ am südlichen Ende der Lofoten lässt sich nun wirklich nicht mehr abkürzen.

Gleichwohl ist es wieder ein Ort auf diesem Globus, wo alle Touris wohl einmal gewesen sein müssen. Über Nacht stehen an die hundert WoMos auf dem großen Parkplatz an dem „Lands End“ der Lofoten. Früh am Morgen rollen dann auch die Busse an und das instant-express Reisevolk beginnt seinen Durchgang durchs Museumsdorf, einer der wenigen alten Handelshäfen der Lofoten, der in seiner ursprünglichen Form noch erhalten ist. Und für alle liegt der Beginn natürlich im Fischermuseum.

Wir nutzen die Gelegenheit und schauen uns erst die anderen erreichbaren Teile des Dorfes an. Ohne Touri-Rummel können wir nun von den pittoresken Fischerhäuschen Fotos schießen. Heute wohnen und arbeiten keine Fischer mehr in den „Rorbu-Hyter“, diesen typischen kleinen Häuschen, früher mit Ochsenblut rot gestrichen, die Fenster weiß gekälkt, die Dächer mit den anthrazitgrauen glänzenden Schieferplatten eingedeckt.

Sie werden als Ferienhäuser vermietet, insbesondere an Angler aus Deutschland. Die können mehr zahlen als die heimischen Fischer. Die Hochseeangeltouren sind natürlich mit inbegriffen. Verpflegt werden die Gäste schließlich im Restaurant, das ebenfalls in der Rorbu-Architektur errichtet ist.

Die meisten Einrichtungen sind jedoch von innen nur nach Voranmeldung und in Gruppen zu bewundern. Wir begnügen uns daher mit einer Außenbesichtigung.

Trankocherei

Torrfiskmuseum

Das Stockfischmuseum ist einzigartig auf der Welt. Gerne hätten wir mehr über die Herstellung und den Verkauf des ältesten Exportartikels Norwegens erfahren. Hauptabnehmer für die getrockneten Filets ist interessanterweise Italien, während die Fischköpfe nach Afrika verkauft werden. Dort reicht es dann immer noch für eine schmackhafte Fischsuppe. Getrocknet werden sie auch heute noch an der frischen Meeresluft auf riesigen Holzgestängen. Hier klärt sich auch erstmalig für uns der Unterschied zwischen Torrfisk und Klippfisk. Die Torrfisken werden geköpft, ausgenommen, zu je 2 Stück an den Schwänzen zusammengebunden und so in die Holzgestelle zum Trocknen aufgehängt.

Der Klippfisch wird in den Klippen auf den von der Sonne erwärmten Steinen getrocknet.

Längere Laufaktionen verbieten sich für Lothar jedoch leider mehr denn je. Ihr erinnert Euch: Trondheim, da war doch was, eine mehrstündige Sightseeingtour zu Fuß. Bittere Folgen dieser Aktion quälen Lothar seit ein paar Tagen. Zunächst entstanden riesige Blasen an den Zehen des rechten Fußes. Seit heute Morgen sind diese offen und dicke Hautfetzen hängen herab, darunter blutrotes rohes Fleisch. Ein beängstigender Anblick. Wir brauchen einen Arzt oder eine Klinik. Unser Garmin gibt eine Klinik in Leknes an. Dies wird uns in Reine, nicht in NRW an der Landesgrenze zu Niedersachsen, sondern hier

durch die dortige Touristeninfo bestätigt. Ca. 50 km sind es bis dorthin. Die Landschaft ist wirklich einzigartig, sodass wir trotz alledem immer wieder kleine Stopps einlegen.

Schließlich erreichen wir so gegen 17 Uhr das „Sykehus“, die Rezeption ist nicht mehr besetzt, irgendein Arzt, Pfleger oder Schwester nicht zu sehen. Ein anderer Besucher hilft uns schließlich weiter und schickt uns zur „Legevakt“ (Notaufnahme). Die hat ihren Sitz im gleichen Gebäude, aber über einen separaten Zugang auf der anderen Seite des Krankenhauskomplexes zu erreichen. Eine freundliche Schwester betrachtet Lothars lädierten Fuß nur kurz, um unverzüglich auf die Wasseransammlung in beiden Beinen zu reagieren. Der Doktor sei zu einem Notfall, etwa in 1 Stunde sei er zurück. Wir könnten gerne im Auto warten, sie würde kommen und Bescheid sagen. Kaum hat sich Lothar sein Abendessen gerichtet, da erscheint die Schwester auch schon. Das Essen muss warten.

Wie auch die Schwester hat der sehr junge Doktor kaum ein Auge für die kaputten Zehen, auch ihn interessieren Lothars Elefantenfüße viel mehr. Eine ausführliche Aufnahme sämtlicher Krankheiten, insbesondere der kardiologischen und der Medikamente folgt. Nach kurzem Nachdenken kommt seine Entscheidung: Heute Abend noch Einlieferung im Krankenhaus, damit Lothar morgenfrüh sofort behandelt wird, er sehe ein schwerwiegendes kardiologisches Problem! Per Telefonat kündigt er Lothar auf Station 2 an.

Dort eingetroffen, erhält Lothar ein kleines Einzelzimmer, das bei näherer Betrachtung wie ein Isolierzimmer für hochansteckende Krankheiten aussieht. Es dauert nicht lange, da erscheint eine Schwester in einer gelben Ganzkörper-Persenning mit Mundschutz, blauen Gummihandschuhen und hellblauer Plastikhaube auf dem Kopf. Freundlich erklärt sie auf Deutsch: „Wenn die Europäer ins Krankenhaus kommen, ist immer besondere Vorsicht geboten, in Europa gibt es doch die so gefährlichen Krankenhauskeime!“ Upps, sind wir hier denn nicht mehr in Europa? 🙂 Auch ihr Interesse gilt vornehmlich den Elefantenbeinen und nicht den zerschundenen Zehen, obwohl diese beim Abnehmen des provisorischen Papierverbandes schon unangenehm riechen. Diverse Untersuchungen folgen, ein Arzt wird aber erst für morgen früh in Aussicht gestellt.

Um 23 Uhr verabschiede ich mich in unser WoMo. Mir ist egal, ob ich auf dem Parkplatz übernachten darf, trinke mir einen geschmuggelten Gute-Nacht-Trunk und verschwinde in meine Koje.

Zur Visite am anderen Morgen erscheint der Kardiologe mit Gefolge, alle in gelben Ganzkörper-Persennings, blauen Handschuhen etc. Nach eingehender Befragung und Untersuchung kommt der Arzt zum Schluss, dass Lothar eine kardiologische Erkrankung habe, die sehr ernst zu nehmen sei! Lothar erklärt sehr geduldig, dass wisse er sehr wohl, aber zurzeit plage ihn ganz aktuell und massiv sein lädierter Fuß, insbesondere in Anbetracht der Diabetes, und er wünsche sich Hilfe, wie er mit den wunden und nässenden Zehen umgehen solle. Dieser Einwand wird kurzerhand beiseitegeschoben. Ursache für seine wunden Zehen sei sein schlecht funktionierendes Herz. Eine Weile werden so die Argumente hin- und hergeschoben. Schließlich einigen sich Arzt und Patient darauf, dass Lothar weniger Flüssigkeit trinkt, ein weiteres Herzmedikament nach genauer Dosieranweisung schluckt, die Beine mit einem Kompressionsverband umwickelt und er alle 2 Tage eine Poliklinik zum Verbinden des Fußes aufsucht. Lothar könne am Nachmittag (es ist Freitag) das Krankenhaus verlassen, müsse aber unbedingt am Montag erneut vorstellig werden, da der Chirurg, der heute keinen Dienst hat, den Fuß auch noch betrachten müsse.

Wenig später erscheinen zwei Schwestern in gelben Ganzkörper-Persennings etc. um die Zehen zu verbinden, rennen aber beide wieder raus, da sie nach Betrachtung der Wunden sich nicht sicher sind, ob das alles seine Richtigkeit hat. Schließlich kommt eine wieder zurück und beginnt mutig die Zehen einzeln unter Verwendung von Unmengen von Verbandsmaterial einzupacken. Lothar lässt das alles über sich ergehen.

Das blaue Häubchen hat sie inzwischen abgelegt. Wir sind wohl nicht mehr ganz so ansteckend 🙂

Im Einkaufszentrum von Leknes erhalten wir nicht nur das verordnete Medikament und Kompressionsverbände sondern auch unseren Wochenend-Lebensmitteleinkauf. Wir quartieren uns auf dem Brustranda Sjøcamping, ca. 15 km vor den Toren der Stadt direkt am Fjord ein.

Freitag ist es noch sehr trüb und nieselig. Aber Samstag kommt die Sonne raus, wir haben schönstes Sommerwetter auf den Lofoten. Die Sonne lässt die Bergein einem samtigen Grün leuchten wie bei einer Modeleisenbahn. Hier und da stehen an den Berghängen vereinzelte Bäumchen. Die roten Rorbu-Häuschen mit ihren weißen Fenstern und grauen Schieferdächern glänzen in der Sonne. Herr Märklin lässt grüßen 🙂

Der Platz ist sehr empfehlenswert. Doch Montagmorgen geht der Weg zunächst zurück ins „Sykehus“ (Siechenhaus?). Der Chirurg, auch ein so sehr junger Arzt, betrachtet den Fuß und entscheidet, der müsse jeden Tag neu verbunden werden, keine Heilesalbe oder sonst irgend ein Medikament müsse zum Einsatz kommen. Wir könnten unsere Reise fortsetzen und im November nach Rückkehr in Deutschland einen Arzt aufsuchen. Eine Nurse werde sogleich kommen, um Lothar zu zeigen, wie der Verband anzulegen sei. Diese sehr herzliche männliche Nurse aus Schweden ist offensichtlich jedoch sehr froh, dass Lothar schließlich die Initiative für die Wundversorgung, das Verbinden und das Bandagieren übernimmt.

Erneut fahren wir zum Einkaufszentrum, um Verbandsmaterial zu kaufen. Lothar freut sich auch über ein Mitbringsel: eine wunderschöne Ingwerknolle für seinen geliebten Ingwer-Tee puritanisch.

Dies war die Fortsetzung unserer Testreihe: „Medizinische Einrichtungen unterwegs“. Jetzt widmen wir uns wieder den Besonderheiten der Inselgruppe der Lofoten.

Eine davon sehen wir bereits nach wenigen Kilometern an der E10. Oben auf einem Hügel thront ein umgedrehtes Wikinger-Schiff. Es ist das „Lofotr Wikingermuseum“ in Borg. Ein gewaltiger Hallenbau, mit 83 m Länge ist er der größte, jemals ausgegrabene und original rekonstruierte Häuptlingshof.

Das Museum beherbergt Wohn- und Arbeitsbereiche der Wikinger, nicht nur zum Anschauen in Glasvitrinen, sondern auch zum Anfassen.

Das Dämmerlicht in dem riesigen Schiffsbauch stammt von den Rauchöffnungen über den Feuerstätten. Hier wurde nicht nur das Essen für den ganzen Clan hergestellt, das Feuer gab auch eine bescheide Wärme an die Bewohner ab.

Nun sind wir aber genug gelaufen, es ist noch zu früh, das Nachtquartier aufzuschlagen. Deshalb folgen wir der zwischen den einzelnen Inselchen mäandrierenden Straße bis zum Auastines-Fjorden. Hier gibt es einen kleinen Picknickplatz, etwas abseits der Straße hoch oben auf einem Felsen über dem Fjord.

Früh am Morgen werden wir von fröhlichem Geschnatter einer bayrischen Reisegruppe geweckt. Die machen hier ihren ersten 3-minütigen Fotostopp. Wir sind froh, mehr Zeit zu haben🙂! Nach ausgiebigem Frühstück hat uns die E10 wieder und bringt uns nach Bjervik, wo wir wieder auf die E6 einschwenken. Wir verlassen die Fjorde und sind sofort in den Fjells, über denen der Hochnebel steht, oder hängen hier die Wolken so tief? Wer weiß das schon, die Übergänge sind wohl fließend. Schließlich erreichen wir wieder Wasser,

umrunden den Balsfjorden und machen einen Abstecher nach Tromsø, der nördlichsten Universitätsstadt der Welt, dem Paris des Nordens, der Pforte zum Eismeer.

 

Dieser Beitrag wurde unter Nordeuropa 2015, Norwegen, Reiseberichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Norwegen – Lofoten

  1. Gerhild & Harald sagt:

    Hallo ihr 2 Oldies,
    da habt ihr uns aber lange auf der Lauer liegen lassen :-).

    Schön sind sie, die Lofoten. Wir haben uns am letzten bebilderten Reisebericht erfreut und haben auch als alte Nordlandfahrer etwas Neues erfahren. Inzwischen hoffen wir, dass der Zustand von Lothars Füßen (und dem was über den Füßen ist) weitere Besuche in Legevakt, Helsesenter oder Sykehus unnötig machen. Auf jeden Fall freuen wir uns, dass es weitergeht und legen uns dann inzwischen wieder auf die Lauer. God tur videre! Gerhild und Harald
    PS: Tee mit frischem Ingwer war u.a. unser Abendgetränk während der Kalten Sommertage 😉

Schreibe einen Kommentar