Norwegen das Land der Fjorde

Ursprünglich sollte unsere Reise bereits in Dänemark beginnen und über Schweden führen. Aber es kam ein wenig anders. Ursprünglich wollten wir auch schon Anfang Mai starten, aber es kam ein wenig anders.

Samstag, den 13. Juni, 9:15 Uhr rollen wir schließlich wohl gelaunt aus der Oelmühle. Von unseren Nachbarn und Freunden haben wir uns sonntags zuvor mit einem Frühschoppen bei strahlenstem Sonnenschein verabschiedet. Heute ist es bewölkt, also gutes Reisewetter, um Strecke zu machen. Unseren ersten Stopp legen wir nach knapp 200 km in Spelle im Emsland ein, um uns auch von Lilo, meiner Mutter zu verabschieden. Leider hat sie nicht so wirklich erkannt, wer sie besucht, wer ihr das Mittagessen reicht, wer ihr ins Bett hilft. Aber sie lebt dort in einer wunderbaren Wohngruppe für Dement-Kranke. Dank der hervorragenden Betreuung durch die Pflegerinnen und meiner Schwester wissen wir sie gut aufgehoben.

Bei strömendem Regen setzen wir unseren Weg fort. Auf Landstraßen geht es durchs Emsland bis an die Elbe. In Wischhafen setzen wir mit der Fähre über nach Glückstadt. Hier gibt es das alljährliche traditionelle Heringsfest. Um dort ein leckeres Heringsbrötchen zu essen, muss man sich das jedoch durch einen längeren Fußmarsch erst einmal verdienen. Also geschenkt, schließlich fahren wir nach Norwegen, dort wo der Hering für’s Fest gefangen wird.

Ein knappes Stündchen später fahren wir auf den Hof „unserer Leute hinterm Deich“. Die Kinder Jorke und Jerk entdecken uns als erste: „Da stehen Leute auf der Terrasse!“ Großes Hallo! Herzliche Umarmung mit Sandra, unserm „kleinen Matrosen“ aus früheren Segeltagen der Chaos-Crew.

Eigentlich wollten wir montags weiterfahren. Aber Ohrenschmerzen und Gehörverlust bei Lothar machen einen Besuch beim HNO-Arzt am Montag erforderlich. Also geht es erst am Dienstag weiter, ganz gemütlich über die Landstraße durch Dänemark, eine Landschaft geprägt von Ackerbau und Viehzucht mit großen Bauerngehöften, eingebettet zwischen sanft hügeligem Grasland und Weiden für Schafe und Rinder.

Unsere Fähre nach Kristiansand geht am Mittwoch um 12:15 Uhr.

Es regnet, gemütliches an Deck sitzen fällt buchstäblich ins Wasser.

Ansonsten läuft alles planmäßig und stressfrei, auch die Einreise nach Norwegen. Das ein oder andere edle Tröpfchen hat so den Weg unverzollt nach Norwegen gefunden – aber, sie wollten es ja nicht anders.

Es ist noch früh am Tag, 16:30 Uhr! Da lohnt es sich schon noch bis zum südlichsten Zipfel Norwegens zu fahren. Hier wollen wir unsere diesjährige Reise beginnen, am Kap Lindesnes.

Auf engen Straßen, kaum 3-4 m breit, rauf und runter, erreichen wir schließlich den alten Leuchtturm aus dem Jahr 1655. Den Weg begleiten Felsen, kahl und bemoost; Wälder, Nadelgehölze mal dicht und dunkel, mal lichtdurchflutete Kiefern, mal luftige und helle Birkenwäldchen. Schafe grasen gemächlich zwischen den gleichfarbigen Felsbrocken, die irgendjemand auf die Felder ausgestreut zu haben scheint. Die Szenerie hat schon etwas Märchenhaftes. Wald-, Berg- und Erdgeister scheinen uns zu beobachten, Kobolde und „Nörgelbuffe“ könnten jederzeit hinter den triefnassen Moospolstern und den Farnen hervor springen.

Auch andere WoMo-Fahrer hat es für die Nacht hierhin verschlagen. Aber es gibt reichlich Platz, Platz für alle, ohne sich auf die Pelle zu rücken. Die Anlage rund um den Leuchtturm mit Museum, Giftshop und Minihafen ist bewirtschaftet, aber offiziell schon geschlossen. Gleichwohl gibt es einen breiten Durchlass an den Schranken, sodass ich noch einige schöne Fotos in der Abendsonne schießen kann.

Von hier aus sind es genau 2518 km bis zum Nordkap, das für unsere diesjährige Reise der nördliche Wendepunkt sein soll.

Auf welcher Route diese Kilometerzahl erreicht wird, wissen wir nicht. Vermutlich brauchen wir das ein oder andere Kilometerchen mehr. Für den nächsten Tag haben wir beschlossen, die E 39 zu verlassen und entlang der Südküste gen Stavanger zu fahren. Im Gegensatz zu Dänemark erwarten uns auch hier, wie gestern schon auf dem Abstecher zum Kap Lindesnes, schroffe, steile Felsen, die bis in die Wolken ragen. Die tektonischen Verwerfungen haben hier vor Urzeiten eine hoch interessante Landschaft mit gewaltiger Reliefenergie geschaffen, die uns heute ein spannendes Fahren auf 4-5 m breiter Straße bei Gegenverkehr mit 40-Tonnern beschert. Mal taucht rechts ein Fjord auf mal links. Die anstrengende Kurbelei durch die Rockies gibt immer wieder faszinierende Blicke frei und engt sie bei nächster Gelegenheit – Haarnadelkurve um die steil aufragenden Felsen – auch wieder dramatisch ein.

Hoch auf den Felsen des Oyestrandafjord geben Infotafeln die dramatischen Ereignisse um das deutsche Schiff Markland mit englischen Gefangenen an Bord Auskunft. Auf Befehl von Churchill wurde seinerzeit das Schiff in diesem Fjord von den Engländern gekapert. Die Norweger sahen tatenlos zu und schon waren sie in den Krieg verwickelt.

Bei Egersund ändert sich die Landschaft plötzlich. Ähnlich wie in Dänemark reichen hier die Weiden mit Schafherden bis fast ans Meer. Hier ein schönes Nachtplätzchen zu finden erweist sich als langwierige Suche. An allen wunderbar gelegenen Plätzen

ist das „Overnightstanding“ verboten. Schließlich werden wir doch noch fündig, direkt am Meer.

Wellen rauschen heran, kippen und schäumen durch die Felsblöcke, die Abendsonne steht ungewohnt hoch am Himmel. Hier werdet ihr vergebens auf die üblichen Sonnenuntergangsscenarien warten, hier geht die Sonne nicht hinter der Kimm, im Meer, unter, sondern irgendwann hinter den Wolken. Es ist Zeit für die erste Runde Canaster!

Was wollen wir mehr, bereits um 7:00 Uhr scheint die Sonne auf unseren Frühstückstisch. Bei herrlichem Blick auf’s Meer genießen wir die ersten regionalen (!) Krabben aus dem Skagerak. So gestärkt und auf den Tag eingestimmt, machen wir uns auf den Weg, den großen Boknafjord zu erkunden. Alles beginnt mit einer Fährfahrt über einen Seitenarm.

Besonderes Highlight ist der Preikestolen, der Predigerstuhl bei Jorpeland. Leider bleibt uns die Besichtigung verwehrt, da ein steiler Aufstieg auf diesen Felsen (ca. 2 bis 3 Std für geübte Wanderer) erforderlich ist. Wir begnügen uns damit, am Fuße dieses Wahnsinnsplateaus unsere Mittagspause zu machen. Weiter geht’s auf einer schmalen Bergstraße entlang des viel verzweigten Fjords.

Jäh wird unsere Fahrt unterbrochen und wir werden Zeugen eines Bergungsmanövers. Auf der engen Bergstraße war ein Tankwagen mit gefährlichem Ladegut den steil aufsteigenden Felsen ein bisschen zu nahe gekommen.

Immer mehr WoMos müssen eine Pause einlegen.

Schließlich ist der Tankwagen von der Felswand „abgepflückt“ und die ganze Korona kann die Fahrt fortsetzen. In dem kleinen Städtchen Sand werden wir durch ein lauschiges Plätzchen am Wasser mit grandiosem Bergpanorama entschädigt.

Ein Fußbad nach dieser wilden Kurbelei durch die Berge ist schön erfrischend und ein Foto wert,

anschließend einen „Sundowner“

und „Leute gucken“.

Auch der nächste Tag beschert uns wieder eine äußerst imposante Bergwelt.

Ein Straßentunnel jagt den nächsten entlang an Fjorden und Bergseen. Wasserfälle rauschen die Felsen hinunter, teils so dicht an der Bergstraße, dass zum Fotografieren Regenjacken erforderlich sind.

Wir beschließen diese erste Woche auf einem wunderschönen kleinen, aber sehr feinen Campingplatz direkt am Hardangerfjord. Wir sind glücklich entschleunigt.

Wir haben Ebbe und Lothar sieht dem abfließenden Wasser zu. Enten, Seemöwen und andere Wasservögel suchen nach zurückbleibenden Krabbelgetier,

ein „Seehund“ versucht sich im Apportieren,

Enten putzen Ihr Gefieder, Möwen schreien, Seeschwalben sicheln durch die Abendluft.

Es ist Mittsommernacht und die Sonne geht gar nicht unter.

 

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