Die letzten Meilen und wieder zu Hause

Nachdem man uns so unsanft aus dem Shenondoah-Nationalpark verjagt hat, hatten wir auch keine Lust, am anderen Tag noch einmal hinzufahren, noch einmal 15 $ Eintritt zu bezahlen, nur um auch die letzten Kilometer des legendären Skyline-Drives – des nördlichsten Zipfels des Blue-Ridge-Mountain HWY – abzufahren. Also geht die Reise über die Landstraße westlich der Blue Rigde Mountains. Unser Kartenmaterial verspricht uns eine weltberühmte Höhle. Ist doch auch ganz nett, hatten wir auf dieser Reise noch nicht im Programm.

Aber: ein Parkplatz für über 1.000 Fahrzeuge mit eigener Tankstelle, die Eingangsgebäude im Walt Disney Stil, und dann die Eintrittspreise, ja, sind wir denn Rockefeller! Wir nehmen reiß aus.

In Front Royal treffen wir einen super freundlichen älteren Herrn in der Tour-Info. Er empfiehlt, in den Shenondoah State Park, gleich um die Ecke, zu fahren. Dort gebe es einen Camping Round Year. Es sei wunderschön dort. Nun wir fahren hin.

Wunderschön mag dieser Platz im Sommer und im frühen Herbst sein, aber nicht jetzt. Die Sonne strahlt zwar vom azurblauen Himmel, aber es ist lausig kalt. Die Plätze für unseren kleinen Van absolut überdimensioniert.

Die Duschen zwar lauwarm, das Showerhouse aber lausig kalt. WiFi gibt es hier im Bush natürlich auch nicht. Das könnten wir natürlich  im Info-Center der Stadt nutzen. Aber die Gebühr mit 37 $ ist irgendwie nicht so ganz adäquat!

Trotz aller Meckerei schmeißen wir hier zum letzten Mal auf dieser Reise den Grill an, denn jeder Camp-Platz hat einen eigenen Grillpit! Wir verbrennen all unser gesammeltes Holz, grillen perfekte Steaks und bereiten im Dutsch Oven noch ein perfektes Gulasch für morgen.

Durchgefroren bis auf die Knochen machen wir uns am nächsten Tag wieder auf den Weg, wollen den netten Herrn von gestern fragen, wo wir ein preiswertes Hotel finden. Wir wollen nicht mehr frieren! Wir wollen ein warmes Bett, eine warme Dusche! Leider ist der nette Herr heute nicht im Dienst. Seine nette Kollegin benennt uns ein Hotel. Leider liegt dieses so gar nicht auf unserer Strecke nach Washington. Also begeben wir uns auf den Freeway gen Osten. Dort besteht am ehesten die Chance, ein Hotel oder Motel zu finden.

Erst nach fast 60 km sehen wir am Straßenrand den ersten Hinweis auf Lodging. Unser Garmin nennt uns ein Motel. Aber nur auf Umwegen ist dorthin zu gelangen. Eine riesige Baustelle in einem Kleeblatt verschiedener Highways versperrt den Weg. Schluss endlich und nach mehreren Anläufen kommen wir dort an.

Ein Zimmer für 2 Personen, ok. Wie lange? Für 1 Nacht. Sorry, wir vermieten nur wöchentlich oder monatlich.

Ein freundlicher junger Mann möchte uns gerne helfen. Gleich um die Ecke sei ein Hotel, habt ihr GPS? Es ist dann ganz einfach, dort hin zu kommen. Kostet ungefähr 110 $ plus Tax. Wir sind begeistert, aber noch so eine kalte Nacht im Gelände? Die freundliche Rezeptions-Lady kommt dazu: „Ich bringe euch zu Best Western, es ist nicht weit und es ist billiger. Folgt mir.“ Sprach’s, klemmt sich hinter ihr Lenkrad und fährt los. 8 km weiter stehen wir vorm Hotel. Die Lady sagt good bye und braust wieder von dannen.

Nun ja, das Hotel hat offensichtlich schon bessere Zeiten erlebt, inzwischen ein bisschen heruntergekommen. Aber egal, Hauptsache ein warmes Zimmer, ein warmes Bett, eine warme Dusche.

Ein Zimmer für zwei Personen. 1 oder 2 Betten? 1 Bett kingsize würde reichen. 99 $ plus Tax.

UPS! Soll’n wir nicht doch noch mal die Zähne zusammen beißen?! Außerdem sind wir in der Stadt, da ist es bekanntlich um einiges wärmer, als draußen im Gelände. Also auf zum nächsten Schnellrestaurant.

Völlig unbehelligt und gar nicht so arg kalt verbringen wir hier die Nacht. Tags drauf können wir ausgeruht und nach gutem Frühstück die „Hauptstadt der Welt“, sorry, der USA erobern. Wir fahren keine 20 km und befinden uns im typischen Hexenkessel der amerikanischen Verkehrsspaghettiknoten. Nein, keine ernstzunehmenden Staus wegen des hohen Verkehrsaufkommens, man kann immer stracks durchfahren. 6 Fahrspuren in jede Richtung und in 3 bis 4 Etagen übereinander, Abfahrten sowohl zur Rechten, als auch zur Linken. Und nun stelle man sich vor, man kommt in eine Großstadt wie Washington! Da bist du einfach nur froh, wenn du einen GPS und eine konkrete Adresse hast. Und die hatten wir!

Cherry Hill Park, ein Camping, ein Camping mit allem was das Camperherz so begehren kann. Für uns mit WiFi, mit Laundry, mit warmer Dusche im warmen Showerhouse, mit Sauna, mit Whirlpool und für die Sommergäste mit zwei Pools, eben ein Good Sam Platz. Natürlich gibt es so viel Luxus nicht um sonst. 50 $ incl. Tax und Rabatte für ADAC. Egal wie, das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Und das genialste ist, es gibt ein Shuttle zur Metro,

mit der man unmittelbar die Downtown und damit die wichtigsten Sehenswürdigkeiten erreichen kann.

Leider stehen die letzten Tage erneut unter dem Zeichen von Asklepios, dem ägyptischen als auch griechischen Gott der Heilkunst. Lothar erfreut sich zum 3. Male an einer ausgewachsenen Vereiterung im linken Unterkiefer. Ein heimischer Dentist wird aufgesucht, mit diabolischer Freude klimpert er immer wieder wie zufällig auf den Resten von 4/7 herum, die unter einer 3er-Krone versteckt sind. Auf die Frage, was zu tun sei, kommt prompt: „Extrahieren!“, was die feinere Umschreibung für Rausreissen ist. Auf unsere Fragen nach Alternativen die lapidare Antwort: Antibiotika und schwere Schmerzmittel. Wir entscheiden uns trotz schlechten Gewissens (wegen des ständigen Antibiotikakonsums) für Variante 2. Den Rest des Tages verbringt Lothar vollgepumpt mit Schmerzmittel zwischen Wachen und Dämmern im Bett. An Sightseeing ist heute absolut nicht mehr zu denken.

Wir buchen eine weitere Nacht und für den nächsten Tag eine „Hopp on – Hopp off – Tour“.  Eine wirklich feine Sache. Nach festgelegter Route fährt ein Tourbus

den ganzen Tag die wichtigsten Sehenswürdigkeiten an. Man steigt aus, macht seine Besichtigung und Fotos und steigt in den nächsten Tourbus wieder ein.

Wie man sieht, alles ganz schön monumental. Dies muss natürlich besonders geschützt werden.

So geschützt und vor den hohen Zäunen des Weißen Hauses darf dann auch eine Minidemo stattfinden.

Vor allem für Lothar war so die Besichtigung der Sehenswürdigkeiten möglich. Im Bus konnte er sich dann immer wieder ausruhen. Während der Fahrt sieht man dann auch immer wieder Bettler und Obdachlose, die von dem großen Kuchen des Tourismus auch  ein paar Cent abhaben wollen.

Am nächsten Tag sind noch die letzten Meilen auf diesem Kontinent auf eigener Achse zu fahren: auf der Fahrt nach Baltimore. Zunächst steuern wir auch hier Downtown an. Eigentlich wollten wir irgendwo am „Innerhabor“, am Inneren Hafen parken und noch ein bisschen Sightseeing machen. Aber die Parkdauer ist auf 30 Minuten beschränkt. Auf dem großen Parkplatz gegenüber möchte man gerne 10 $ pro Stunde kassieren. Wir beschließen, das Motel, das wir für die beiden letzten Nächte bereits gebucht haben, schon heute aufzusuchen und die Verweildauer im Hafen auf 30 Minuten plus X zu begrenzen.

Gerne können wir schon jetzt das Zimmer beziehen. Es gibt bei 3 Übernachtungen noch einmal 10 % Rabatt. Na, das ist ja super. Froh gelaunt beziehen wir unser kleines Apartment mit vorgelagertem Parkplatz. Ein ganz typisch amerikanisches Motel, so wie man es aus Filmen kennt.

Es war eine gute Entscheidung! Lothar fühlt sich nicht so wirklich gut, abgeschlagen und müde fällt er ins Bett. Immer wieder versucht er sich am Aufrödeln des LTs zu beteiligen,

muss aber dann doch immer wieder nach kurzer Zeit abbrechen. Es wird höchste Zeit, dass wir nach Hause kommen!

Schließlich ist alles für die Verschiffung vorbereitet. Donnerstagmorgen 8:30 Uhr, wir sind beim Spediteur, wir treffen Kurt Müller, einen Chemiker, der für das Pentagon geforscht hat, nun im Ruhestand, nun Reiseführer, nun Schiffsüberführhelfer. Dank Kurt Müller sind schnell alle Formalitäten beim Spediteur erledigt, unser LT durch den Zoll gebracht. Heide Müller, seine Frau, bringt uns nach Washington Dulles. (An dieser Stelle noch einmal: Ganz herzlichen Dank an den Müller und die Müllerin!) Von dort geht unser Flieger nach Hause, nach Düsseldorf. Wir haben noch viel Zeit bis zum Einchecken und noch mehr Zeit, bis unser Flieger schließlich amerikanischen Boden verlässt.

Die letzten Reste aus der LT-Bordküche werden verspeist,

die letzten Coins  in irisches Bier im Flughafenpub umgesetzt.

Irgendwann ist es dann soweit, wir nehmen Platz in einer Maschine der KLM.

Für uns eine völlig neue Erfahrung, Linie sind wir noch nicht geflogen. Wir haben Raum auf unseren Plätzen, die Knie sind da wo sie eigentlich sein sollen und nicht unter dem Kinn! Sofort nach Verstauen des Bordgepäcks erhalten wir ein Getränk, für Lothar megawichtig. Nach dem Abendessen gibt es Kaffee (holländischen! der schmeckt!) und einen Cognac. Während des 7 ½-stündigen Fluges werden wir kontinuierlich mit Säften, Tee und Mineralwasser versorgt, leise und diskret, auf Wunsch gibt es Bier und Wein. Es war der angenehmste Langstreckenflug, den wir je hatten.

Amsterdam,

leider müssen wir zum Weiterflug mit dem Cityhopper

bis zum anderen Ende des Flughafens! Aber es ist genügend Zeit, wir brauchen nicht zu hetzen. Kaum sind wir oben über den Wolken,

da setzt der Pilot auch schon wieder zum Landeflug an, eben hoppen von Amsterdam nach Düsseldorf. Wir sammeln unser Gepäck ein und treten durch die Tür in die „Arivel-Halle“. Viele Leute stehen dort, warten auf ihre Freunde, warten auf ihre Familie. Und wer steht gleich vorne, mittig vor der Empfangsempore und reißt die Arme hoch? Unsere Jungs! Beide haben’s irgendwie möglich gemacht und sind da, holen ihre Oldies ab! Wir sind glücklich, diese beiden Goldstücke in die Arme nehmen zu können.

Zuhause gibt es einen Sekt, wie bei Hampens Tradition, und super leckere Bratkartoffen aus frischen bergischen Kartoffeln! Einfach lecker! Wir sind wieder daheim!

Was nun folgt ist nicht wirklich lustig, gehört aber zur Berichterstattung auch irgendwie dazu. Kaum eine Woche in Remscheid, muss ich Lothar wieder ins Krankenhaus bringen. Blutzuckerwerte und Nierenwerte jenseits von gut und böse, wie unser Hausdoc sehr drastisch formulierte: “kurz vorm Koma, kurz vorm Exitus“. Aber wir, Lothar und ich, haben beschlossen, wir lassen uns nicht unterkriegen! Wir haben schon wieder Pläne! Irgendwann geht unsere Weltreise weiter! Wir melden uns!

Wir danken all unseren Lesern für ihr Interesse an unserer Reise, an unseren Erlebnissen.
Wir danken all unseren Lesern für ihre Kommentare, manche kurz und knapp, manche sehr belesen und geistreich, manche witzig, manche bott und direkt, manche aus tiefster Seele. Wir haben uns über jeden Beitrag sehr gefreut.

Wir danken allen, die uns beherbergt haben, uns in Notsituationen weitergeholfen haben, uns regelrecht adoptiert haben.

Wir danken allen, die uns – jeder auf seine Weise – diese Reise so wertvoll gemacht haben.

Wir wünschen all unseren Lesern eine wunderschöne, ruhige und besinnliche Adventszeit. Lasst euch nicht durch den allgemeinen Weihnachtsstress anstecken. Lasst die Geschenke einfach in den Läden stehen und macht euch stattdessen einen schönen Tag, eine schöne Zeit mit euren Lieben, nehmt euch Zeit für einander!

Wir wünschen all unseren Lesern ein gutes Neues Jahr. Mögen eure Wünsche und Pläne in Erfüllung gehen. Vor allem bleibt alle schön gesund!

Herzliche Grüße aus dem Bergischen

Rita und Lothar und LT28,
die 3oldiesontour

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2 Kommentare zu Die letzten Meilen und wieder zu Hause

  1. Gerhard sagt:

    Hallo Ihr Drei !!!!
    Habe mit Freuden Eure Heimkehr Gelesen. Bin recht froh , daß Ihr noch gut angekommen seit. Wünsche für Lothar gute Besserung. Wäre schön zu erfahren ob
    er noch länger im Krankenhaus bleiben muß. Eine nicht gar so stressige Weihnachtszeit wünscht Euch Gerd.

  2. Gerhild & Harald sagt:

    Liebe Rita, lieber Lothar,
    willkommen daheim! Schön, dass ihr wieder da seid und so, wie euer letzter Bericht endet, war es ja nicht nur wegen des dicht vor der Tür stehenden Winters wohl auch allerhöchste Zeit!

    Wir hoffen, dass Lothars Werte inzwischen wieder in den akzeptablen Bereich gerückt sind und er vielleicht sogar das Krankenhaus wieder verlassen konnte. Auf jeden Fall wünschen wir euch beiden das von ganzem Herzen. Sicher ist es eine gute Idee, auch wieder Pläne zu machen, denn zum Gesundwerden darf man die Flügel nicht nach unten hängen lassen.

    Wir beherzigen inzwischen euren Rat und lassen uns vom kommerziellen Weihnachtsstress nicht anstecken, auch wenn natürlich das alte Jahr mit Riesenschritten dem Ende zugeht und leider noch einiges abzuarbeiten ist.

    Wir wünschen euch ein gutes Neues Jahr 2014 und schicken euch herzliche Grüße nach Remscheid und das – mit besonderem Vergnügen – heute am 11.12.13! Harald meint, dass wir so ein schönes Datum in diesem Jahrhundert wohl nicht noch einmal erleben 😉 Ha det veldig bra! Gerhild und Harald

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