Finnland – Hauptstädte damals und heute

Freitagnachmittag – ein ziemliches Gewusel auf dem Campingplatz im Archipel von Turku. Überall sprießen kleine bunte Iglus aus dem Boden, jede Menge junge Leute hocken fröhlich davor und plaudern. Irgendwie haben wir ein Déjà-vu. Hatten wir das nicht schon mal, in Blumenau, in Brasilien? Aber hier gibt es doch kein Oktoberfest, oder? :-) Nein, es werden keine deutschen „Sauf“-Lieder einstudiert und jede Menge Bierdosen geleert. Nein, die Jungs und Mädels sortieren fein säuberlich ihr Klettergeschirr. Offensichtlich findet hier irgendwo zwischen den Bäumen ein Kletterevent statt, Berge und Felsen gibt es ja nicht.

Die kleinen bunten Iglus rücken immer näher. Einer kriecht förmlich unter unser WoMo, um die Häringe seiner Spannleinen in den Boden zu hauen. Lothar bietet an, ein Stück nach hinten zu fahren, damit er besser hantieren kann. Er lehnt dankend ab: „It works! It works!“

Samstagmorgen – die räumliche Nähe zu den Iglus ist über Nacht immer enger geworden. Schlaftrunken stolpern die ersten förmlich über unsere Eingangsstufe.

Da lockt doch die „Saariston Rengastie“ oder auf Schwedisch der „Skärgården Ringväg“! Diese Ringstraße, auch Perlenkettenweg genannt, führt durch die fantastische Schärenlandschaft vor Turku. Sie verbindet eine Vielzahl von kleinen Inselchen durch schmale Sträßchen und Fähren.

Kleine und große gelbe Fähren bringen die Reisenden überwiegend kostenlos! von einer Insel zur nächsten, quasi wie bewegliche Brücken.

Nur eine weiße ist unter ihnen, das Merkmal, dass hier bezahlt werden muss?

Diese Überfahrt zwischen Iniö und Mossala dauert 45 Min. und kostet 70 €. Der junge Matrose kassiert in perfektem Deutsch den Reisepreis. Stolz berichtet er uns, dass Schwedisch seine Muttersprache ist und finnisch seine 1. Fremdsprache, Englisch und Deutsch habe er für sich gelernt. Hut ab, junger Mann!

Bei strahlendem Sonnenschein, finnisch blauem Himmel und leichter Brise steuert der Captain seine Fähre an kleinen und großen Insel vorbei.

Hin und wieder sieht man bei diesem herrlichen Wochenendwetter auch einen Freizeitkapitän.

Die Landschaft der Inselchen ist geprägt durch Landwirtschaft bei sehr dünner Besiedlung, Felder und Wiesen, unterbrochen durch kleine Wälder. Nur wenige Busse fahren hier, Wartehäuschen sind wohl überflüssig. Aber auf einen bequemen Wartesitz möchten sie dennoch nicht verzichten.

Touristisch wird nur in Iniö ein wenig angeboten, vermutlich bedingt durch den kleinen Yachthafen, an dem wir unsere Mittagspause verbringen.

Es ist schon lustig, kaum ist man 2 bis 3 Kilometer gefahren, schon fordert unser GPS uns auf, an Bord zu gehen. Meist steht auch schon eine Fähre bereit und bringt uns umgehend ans nächste Ufer.

Verlässlich bringt der Garmin uns schließlich am Sonntagabend an die Uferpromenade des Aurajoki von Turku.

Turku, unter der Schwedenherrschaft die ehemalige Hauptstadt Finnlands. Erst als die russischen Zaren die Herrschaft über Finnland übernahmen, verlor die Stadt diese Funktion an Helsinki. Die russischen Herrscher wollten die Bindung zu Schweden durch größere Distanz schwächen. Gleichzeitig wollten sie eine Stärkung des Großherzogtums Finnland gegenüber Reval – dem heutigen Tallinn – erreichen.

In dieser Stadt könnte man sicher eine lange Zeit verbringen, Sehenswürdigkeit gibt es hier reichlich. Ein paar haben wir ausgewählt.

Das Nautikmuseum,

mit seinen historischen Schiffen direkt an der Promenade gelegen,

die Burganlage,

der Dom,

die historischen Markthallen, heute eine moderne Fastfood-Meile mit internationalem Flair,

Entsprechend unseres Standortes am Fluss, gibt es zum Abend Flusskrebse nach Art des Hauses.

So schön diese Uferpromenade ist, irgendwann müssen auch wir weiterziehen. Über die Autobahn, die hier tatsächlich auch 4-spurig ausgebaut ist, sind es nur 150 km, also locker an einem Tag zu schaffen. Aber die ADAC-Karte hat noch ein Schmankerl auf der Route entlang der Küste anzubieten. Zwar verläuft die Landstraße in einer beträchtlichen Entfernung zur Küste, aber zur Mittagspause gibt es einen perfekten Platz unter einem Baum direkt am Wasser. Es ist ein Villenviertel mit eigener Anlegestelle und Badestrand.

Passend zum Standplatz gibt es „Lachs auf der Hautseite gebraten“ mit frischem Salat.

Köstlich! Lothars Kommentar: „Dieser Lachs ist eine Offenbarung!“

Nun aber zu dem ADAC-Schmankerl: Hvitträsk, die Pilgerstätte für Jugendstilfreunde in Finnland. In Kirkkonummi haben die 3 finnischen Stararchitekten, Eliel Saarinen, Armas Lindgren und Herman Gesellius ein gemeinsames Altelierzentrum errichtet. Hier haben sie zeitweise gelebt und gearbeitet. Nach mehrmaligem Besitzerwechsel gehört es heute dem Staat und kann von jedermann als Parkanlage genutzt werden. So finden wir hier auch ein ideales Nachtplätzchen und können gleich am Morgen die immer noch original eingerichteten Räumlichkeiten besichtigen. Einen sehr beeindruckenden, aber auch teuren Wohnstil hatten die Herren mit ihren Familien damals!

Nun führt kein Weg mehr an Helsinki vorbei! Die Landeier müssen in die Großstadt. Immerhin leben hier 800.000 Einwohner, im Großraum über 1 Mio., ein Drittel aller Finnen! Nach kurzer Diskussion entschließen wir uns, den Campingplatz, den einzigen, den diese Stadt lt. Reiseführer zu bieten hat, anzufahren. Er liegt inmitten eines Wohngebietes.

Dies war eine gute Entscheidung. Rushhour in Helsinki ist wirklich nicht lustig. Der Campingplatz „Rastila“ bietet nicht nur alles, was man als Langzeitreisender benötigt, nein, er hat auch eine Metrostation direkt vor dem Eingang. Wunderbar, wir steigen ein und 20 Minuten später und 10 Stationen weiter erreichen wir völlig stressfrei das Zentrum. Am Campingplatz war uns ein Prospekt über City-Touren mit einem Hop-on / Hop-off Bus in die Hände gefallen. Mit diesem Besichtigungsliner hatten wir schon in Washington gute Erfahrungen gemacht. Deswegen haben wir nicht lange überlegt, zumal ein Kombiticket Bus und Schiffstour an 2 Tagen für nur 35 € angeboten wird.

Die Hauptattraktion der Schiffstour ist die Umrundung der Seefestung Suomenlinna, die 1748 unter Schwedischer Herrschaft auf mehreren Inseln vor Helsinki errichtet wurde. Es folgte eine wechselvolle Geschichte, in der die Festung mal schwedisch, mal russisch war. 1991 wurde die Bastionsfestung in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen. Suomenlinna ist jedoch nicht nur eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Finnlands, sie ist auch ein lebendiger Stadtteil mit knapp 1000 Einwohner. In den restaurierten Festungsanlagen sind Wohnungen, Werkstätten, Gaststätten und Museen untergebracht.

Die wohl beeindruckendste Sehenswürdig auf unserer Bustour ist die „Temppeliaukion Kirke“, die Felsenkirche. Mitten in einem Wohnquartier – im Stil wie die Borsigsiedlung von Berlin – ist diese Kirche in den Felsen gesprengt. Nachmittags wird sie leider immer nur für 15 Minuten pro Stunde für das Publikum geöffnet. Dann strömen Menschenmassen in diesen Rundling aus massivem, gewachsenem Fels. Ein Lichtband lässt die Kupferkuppel über dem Kirchenraum geradezu schweben.

Besonders anrührend finde ich die musikalische Untermalung von zwei Solisten an der Orgel und mit der Cello. Sie sorgen für andächtiges Schweigen unter den vielen Besuchern und machten die Besichtigung für mich zu einem besonderen Erlebnis.

Leider kann Lothar so auf die Schnelle nicht daran teilnehmen, ist er doch noch völlig außer Puste von dem Anstieg auf den Hügel. Sehr schade. Auch am nächsten Tag scheitert ein erneuter Versuch. Zu lange sind wir schon unterwegs. Der Markt unmittelbar am Hafen ist schon eine besondere Attraktion. Und in der Mittagszeit bietet es sich an, überall eine Kleinigkeit zu probieren.

Natürlich müssen wir auch noch zur orthodoxen Uspenski-Kathedrale, der größten russischen Kathedrale außerhalb Russlands marschieren, die in Sichtweite des Marktes auf einem Hügel steht. Leider ist sie am Sonntagnachmittag geschlossen. Aber von außen macht sie schon einen sehr erhabenen Eindruck. Sicherlich wird der Kirchenraum sehr kunstvoll und reich ausgestattet sein.

Natürlich gibt es viele weitere interessante Sehenswürdigkeit, aber man braucht dann doch mehr als nur 2 Tage, um all diese Highlights zu erkunden. Ein paar Schnappschüsse aus dem rumpligen Doppeldeckerbus mit offenem Verdeck müssen reichen, leider sind auch die Fotos ziemlich rumplig geworden :-)

Montagmittag geht unsere Fähre nach Estland, nach Tallin. Erstaunlich flott lassen wir den Innenstadtverkehr der Metropole hinter uns und erreichen ohne irgendwelche Zwischenfälle um 12:00 Uhr den Fährhafen. Dank der Internetreservierung liegen unsere Tickets am Checkin-Schalter. Wir brauchen nur noch auf die Fähre zu fahren. Um 13:30 Uhr verlassen wir Skandinavien.

Leider ereilt uns in Tallinn ein Reiserückruf per SMS. Unserer Mutter Lilo geht es nach telefonischer Rückfrage bei meiner Schwester sehr schlecht. Wir beschließen, die Reise abzubrechen und auf dem direkten Weg so schnell wie verantwortbar nach Deutschland zurück zu fahren, mit der Hoffnung, sie noch lebend anzutreffen.

Sie hat auf uns gewartet und ist einen Tag später sehr ruhig und friedvoll eingeschlafen. Wir werden eine großartige Mutter und Freundin voll Liebe, Fröhlichkeit und großem Gottvertrauen in Erinnerung behalten.

Wir danken dem Pflegeteam des Seniorenzentrums in Spelle für die liebevolle Betreuung und einfühlsame Begleitung insbesondere in den letzten Tagen.

Wir danken allen Freunden und Lesern für ihr Interesse an unseren Reisen und Erlebnissen, auch wenn manches von Hindernissen und Traurigkeit geprägt war.

Wir wünschen allen eine gute Zeit, Friede und Gesundheit.

Herzlichst

Rita und Lothar

 

PS.: Vielleicht können wir unsere Reise durch das Baltikum und Polen irgendwann einmal nachholen.

 

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Finnland – Karelien

Karelien, die Seele Finnlands, eine traumhafte Mischung aus Seenplatte und immer wieder weiten Wiesen und Rapsfeldern zwischen den Wäldern mit Birken, Fichten und Kiefern. Malerisch eingerahmt von wunderschönen Wildblumen lassen sie die Seele baumeln und die Gedanken schweifen. Und über alledem spannt sich ein wasserblauer Himmel, die unzähligen weißen Wolken heben sich deutlich ab, sehen aus, als seien sie wie in einem Puppentheater dort hin geschoben worden.

Gedankenverloren singt und summt Lothar ein altes finnisches Lied vor sich hin „Taivas on sininen ja valkoinen…“, ein sehr einfühlsames Liebeslied.

Varkaus, eine Stadt im Herzen Kareliens, ist durchzogen von Seen und Flüssen, umgeben von Wäldern. Mitten im Ort präsentieren sich stolz die großen Holzverarbeitungsbetriebe mit allen ihren technischen Erforderlichkeiten jenseits menschlicher Größenverhältnisse.

Nicht nur über die Straße mit LKWs oder die Schiene mit endlosen Güterwaggons wird das Holz zur weiteren Verarbeitung angeliefert. Auch die Schleusenanlage am Taipaleen hat einen großen Anteil am Transportgeschehen, und dies schon seit Anfang des vorigen Jahrhunderts. Die alte Schleusenanlage steht unter Denkmalschutz und ist natürlich nicht mehr im Betrieb. Sie ist weitgehend verlandet und macht einen verwunschenen dornröschenhaften Eindruck.

Das Schleusenmuseum berichtet vom ersten Bau bis hin zur heutigen modernen Anlage, die direkt neben der historischen errichtet wurde. Heute am Freitag kommen nur kleine Freizeitschiffe, um den Schleusendienst in Anspruch zu nehmen.

Die großen Holzflöße auf dem See

und die riesigen Stapel am Kanalufer

lassen vermuten, dass hier aber auch immer noch Holz geflößt wird. Schließlich ist Holz das Lebenselixier dieser Stadt.

Eigentlich wollten wir ein Schreibewochenende mit Wäscheservice verbringen auf einem 4-Sterne-Komfort-Campingplatz am See. Aber es kommt anders. Die Waschmaschine: “out of order, it´s broken! WiFi doesn’t work, nobody knows why. There is no one, who will repair these things, cause it´s weekend.” Das Wetter schlecht, Regen, kein Badewetter.

Da bietet Jürgen Kempf, ein echter Darmstädter Jung, eine wirkliche Alternative, eine echte Kuriosität: das „Mekaanisen musiikin museo“.

Als echter Entertainer präsentiert der kauzige Hesse gemeinsam mit seinem Sohn schwungvoll und launig mal humorvoll und lustig, mal ironisch-sarkastisch seine überaus reichhaltige Sammlung von Leierkästen, Grammophonen bis hin zum skurrilen Triplophon, Musikboxen mit Varieté-Charakter und vielen anderen mechanischen Musikwiedergabeinstrumenten aus der Zeit vor Erfindung des Radios.

Beide, Vater und Sohn, sprechen finnisch und deutsch (mit hessischem Einschlag) im rasanten Wechsel. Zwei Stunden dauert diese überaus kurzweilige Veranstaltung, und den Eintrittspreis von 14 €/Pers. haben wir wirklich gerne gegeben.

Nach diesem tollen Erlebnis können wir locker noch ein Stückchen fahren. An der Schleusenanlage von Varistaipale, laut Reiseführer der größten Finnlands, soll es einen hervorragenden WoMo-Übernachtungsplatz mit Kiosk, Picknickbänkchen, WC-Häuschen, Abfalleimer und publikumswirksamer Schleusenshow geben, also für Finnland schon eine Luxusausstattung von Picknickplatz. Das, was wir hier an technischem Bauwerk sehen, ist vom feinsten, sehr beeindruckend. Stundenlang könnten wir zuschauen, wenn die Schiffe, alles Freizeitboote, über die 4 Stufen den Höhenunterschied von 14,5 m überwinden.

Selbst für Kleinruderboote wird die gesamte Mechanik in Betrieb gesetzt. Die wollen schließlich ihr Schiffchen auch nicht durch den Wald tragen. :-)

Im Kanalmuseum, das im ehemaligen Schleusenwärterhaus untergebracht ist, dokumentieren unzählige Bilder und historisches Handwerkszeug den Bau dieses für damalige Zeiten grandiosen Bauwerks.

Selbstverständlich spielten wirtschaftliche Gründe die wesentliche Rolle, als diese Anlage Anfang 1900 errichtet wurde. Die Holzindustrie hatte schon seinerzeit großen Einfluss, war sie doch der Motor, um die Wirtschaft Finnlands anzukurbeln.

Sonntags soll man ja in die Kirche gehen. Wir besichtigen ersatzweise die nahe liegenden Klöster, jeweils nur knappe 10 km von der Schleusenanlage entfernt. Beide Klosteranlagen gehören der orthodoxen Kirche an. Beide haben ihren Ursprung im heute russischen Teil von Karelien. Beide mussten im sog. Winterkrieg ihre ursprünglichen Anlagen verlassen und haben sich hier neu angesiedelt. Soweit die Gemeinsamkeiten der beiden Klöster.

Das Valamon luostro wird von einer Bruderschaft geführt. Es ist Ziel vieler Besucher aus nah und fern, nicht nur finnischer, sondern auch russischer Pilger. Die weiße Kirche im byzantinischen Stil, 1977 neu gebaut, überstrahlt eindrucksvoll die gesamte Anlage.

Wertvolle Ikonen, prachtvolle mit reichlich Gold geschmückte Kronleuchter schmücken den Innenraum. So viel Prunk kann einen auch schon mal erschlagen.

Soviel Prunk muss natürlich auch finanziert werden. In einem Hotel mit esoterischen Kursangeboten kann sich der geneigte Urlauber einquartieren. Wer es etwas klösterlicher mag, schläft im Dormitorium. Ein Restaurant und ein Weinkontor sorgen mit Lunch-Buffet und Weinproben für das leibliche Wohl. Natürlich gibt es auch hier wieder einen „giftshop“, in dem man alles Mögliche kaufen kann, was man nicht braucht. Unten am See kann man eine Minikreuzfahrt über den See und zum benachbarten Lintulan luostari, einem Nonnenkloster, unternehmen.

Wir fahren über Land dort hin. Still und bescheiden liegt das kleine Kloster „Lintulan luostari“ im Wald, die Kirche zurückhaltend mit Schmuck und Ikonen.

Ihren Lebensunterhalt und die Finanzierung der Klosteranlage erwirtschaften die Nonnen der „Heiligen Dreieinigkeit“ durch ein kleines Café mit hausgebackenem Kuchen, ein bisschen Gartenbau und die Produktion von Kerzen. Kaum Besucher sind auf der langen Birkenallee und in den Gebäuden zu sehen.

Flapsig gesagt, im Kloster Valamo herrscht trotz gegenteiliger Beteuerungen „grande casino“ im Kloster Lintula dagegen „grande silencio“.Wir kehren auf unseren Superpicknickplatz an der Schleuse von Varistaipale zurück.

Joensuu hat für uns keine Besonderheiten zu besichtigen. Gleichwohl hat die Stadt für Karelien eine wichtige Bedeutung. Ist sie doch die ehemalige Provinzhauptstadt von Karelien. Diesen Status verlor sie, als Russland den Osten dieser Region im 2. Weltkrieg annektierte. Präsident Gorbatschow war durchaus geneigt, den Ostteil Kareliens an Finnland zurückzugeben, aber Herr Putin sieht darin keine Option. Deshalb wird vorerst wohl alles so bleiben, wie es ist.

Wir nehmen die Europastraße E6 Richtung Süden und machen einen Abstecher nach Savolinna. Auf dem Wege dorthin lässt uns die größte Holzkirche der Welt die Fahrt unterbrechen. Einer (umstrittenen) Legende nach ist diese Kirche nur aus Versehen so groß geraten, weil die Bauern und Zimmerleute die Maßeinheiten verwechselt haben sollen. Der Architekt habe in „Fuß“ geplant und die Erbauer haben das Bauwerk in „Meter“ ausführt. Eine andere Erklärung ist, dass der damalige Pfarrer ein Gotteshaus haben wollte, in dem alle seine Gemeindemitglieder und auch die Marktbeschicker und Besucher Platz finden. Jedenfalls steht heute auf einem kleinen Hügel in der beschaulichen Kleinstadt Kerimäki diese gigantische Holzkirche.

Die gewaltige Kuppel des Gotteshauses hat innen eine Höhe von 37 m und fasst mit einer Grundfläche von 42 mal 45 m und zwei Reihen Emporen übereinander bis zu 5.000 Besucher.

Savolina hat ein sehr hügeliges Stadtrelief. Die Infrastruktureinrichtungen des dortigen Campingplatzes sind für Lothar nur mit Mühe zu erreichen. Aber es gibt eine Waschmaschine und WiFi. Also quartieren wir uns trotzdem ein, gleich in der Nähe des Duschhauses und in der Nähe von wunderbaren Johannisbeersträuchern. Ein leckerer Nachtisch ist gesichert.

Auch für die Besichtigung der wichtigsten Attraktion dieser Stadt, der „Olavinlinna“ müssen wir einige Kringel drehen, um einen ortsnahen Parkplatz zu finden. Trotzdem verzichtet Lothar auf die Besichtigung. Im Nachhinein betrachtet war dies sicherlich ein weiser Entschluss. Spätestens nach den ersten 20 m und der ersten Treppe in der Burganlage hätte er wohl aufgeben müssen.

Olavinlinna, die am besten erhaltene mittelalterliche Burg in Nordeuropa, gebaut 1475, ist malerisch gelegen auf einer Felseninsel inmitten der Seenplatte des Saimaa-Seensystems. Die Burg wurde von den Schweden errichtet als Bollwerk gegen den russischen Einfluss und dem nach seinem Tode heilig gesprochenen ehemaligen Wikkingerkönig Olof geweiht. Sie sollte helfen, die Grenze zwischen Schweden und dem russischen Staat Nowgorod, die im 14. JH. quer durch Karelien gelegt wurde, zu schützen. In der Folge war die Burg mal in schwedisch-finnischer Hand, mal in russischer Hand. Heute werden jedes Jahr im Juli im Burghof die Opernfestspiele des Nordens publikumswirksam zelebriert.

Zurück auf der E6 fahren wir einen Steinwurf  weit entfernt an Herrn Putins Reich vorbei. Aber Steine werfen wir nicht, denn das macht man nicht! Wir machen ein Foto, …..

….. winken artig und fahren weiter.

Lappeenranta, eine Stadt ebenfalls am Saimaa-See gelegen, wurde schon seit Mitte des 19. Jh. von Adeligen aus dem nahen Russland, insbesondere aus Sankt Petersburg als Sommerresidenz geschätzt. Zeugnis des damaligen Tourismus ist das nahe gelegene Grandhotel, das „Imatran Valtionhotelli“, erbaut in schickem Jugendstil.

Auf der Rückseite grenzt die Parkanlage an eine Schlucht. Mit ziemlichem Getöse sind hier die Wassermassen heruntergestürzt. Heute geschieht dies nur noch in der Hauptsaison (Juni/Juli) auf Knopfdruck abends um 19:00. Dann werden die im See gestauten Wassermassen am Kraftwerk vorbei durch den Canyon geleitet. Es ist schon August, die Saison ist vorbei und wir bewundern die Felsenschlucht auch ohne die Wasserkaskaden.

Dafür gibt es in Lappenranta am Ende der Strandpromenade einen Sandskulpturenpark zu besichtigen. Auch hier ist die Saison bereits zu Ende. Manche Skulpturen haben schon erhebliche Risse und fangen an zu bröckeln. Aber vieles ist noch gut erkennbar zum Thema Helden aus Geschichte und Sciencefiction, aus Legenden und Märchen.

Leider ist das Overnightstanding an der Uferpromenade verboten. Die freundliche und sehr hilfsbereite Dame im Infobüro verweist auf den eigens für WoMos eingerichteten Platz auf der anderen Seite der historischen Burganlage, von der im wesentlichen nur die ehemaligen Wallbefestigungen erhalten und gepflegt sind.

Der WoMo-Platz zeichnet sich durch Trostlosigkeit und Nichtvorhandensein irgendwelcher Infrastruktur aus. Aber einen schönen Sonnenuntergang gibt es hier zu sehen.

Am anderen Morgen erleben wir doch noch etwas ganz besonderes. Da sitzt vor unserem WoMo ein Fuchs, wirft sich in Pose und lässt sich ganz zutraulich fotografieren.

Als er merkt, dass wir kein Leckerchen für ihn haben, trollt er sich Richtung Stadt.

Der Abschluss unserer Reise durch Karelien ist der Besuch und die Besichtigung der Holzschliffkarton- und Papierfabrik Werla. Sie wurde 1996 zum Weltkulturerbe erklärt. Ende 1900/Anfang 2000 wurde hier von dem Österreicher Gottlieb Kreidl diese Papiermühle an den Stromschnellen zwischen den Seen Suolajärvi und Iso-Kamponen errichtet. Er war nicht nur ein äußerst geschäftstüchtiger Unternehmer – die Produkte der Papiermühle wurden bis nach Amerika verkauft – sondern auch ein für die damalige Zeit sozial vorbildlicher Arbeitgeber. Schon um die Jahrhundertwende führte er für seine Mitarbeiter u. a. kostenlose medizinische Versorgung und eine kostenlose Grundschule für die Kinder des Dorfes ein. Heute wird das Gelände durch die Nachfolgecompanie als Bildungs- und Erholungsstätte für ihre Mitarbeiter genutzt.

Wir bekommen eine englischsprachige Führung in Privataudienz. Leider war das Fotografieren in den Räumlichkeiten verboten. So können wir nur einige Außenaufnahmen im Blog anbieten.

Auffallend an den Gebäuden ist, dass sie in rotem Backstein mit kleinen Dachtürmchen und Dachreitern errichtet wurden, typisch für den nordischen industriellen Stil. Der finnische Architekt Carl Eduard Dippell hat in Hannover studiert und von Wyborg aus als Privatarchitekt gewirkt.

Nach so vielen Erlebnissen und Besichtigungen auf unserer Reise durch Karelien brauchen wir jetzt ein paar Tage „Urlaub“, fahren wieder an die Ostsee und suchen uns einen ruhigen Campingplatz mit allen zivilen Einrichtungen, die ein Reisender von heute und in unserem Alter so braucht. Leider ist der nicht so schnell gefunden, wie wir es erhofft haben. Die Saison ist vorbei, zur Erklärung: wir haben Anfang August! Der Yyteri Camping von Pori: überfüllt, nur schattig, kein WiFi, Zugang zum Meer nur über für Lothar unüberwindbare Dünen.

Weiter geht’s gen Süden. Wenn wir schon mal hier längs fahren, können wir uns ja auch gleich noch ein weiteres Weltkulturerbe anschauen, Vanha Rauma. Ein trauriges Beispiel von Kulturerbe. Man hat den Eindruck, die Altstadt mit 600 Holzhäusern aus 4 Jahrhunderten wurde für die Ernennung präsentabel herausgeputzt und dann vergessen.

Nach einem kurzen Fotorundgang setzen wir unsere Suche nach einem Urlaubsplätzchen fort, unterbrechen unsere Fahrt aber noch einmal für zwei wirklich beeindruckende Kirchen.

Auf der felsigen Halbinsel Pyhämaa wurde zur Zeit der Christianisierung diese kleine “Scheunenkirche” aus Opfergeldern insbesondere der Seeleute errichtet. Die Gläubigen sollten mit diesem Gotteshaus dafür entschädigt werden, dass sie an den Pilgerzügen nach Palästina nicht teilnehmen konnten. Das heilige Land war schließlich so furchtbar weit weg. Man gab ihr daher den Namen „Heiliges Land“, Pyhämaa.

Der Eingang war verschlossen, aber ein freundlicher Gärtner (?) holte einen Riesenschlüssel und öffnete für uns dieses Schatzkästchen. Von außen ein unscheinbarer, rot gestrichener Holzbau ohne Turm, eröffnete sich jetzt für uns eine Sensation: jeder Quadratzentimeter bedeckt mit vorwiegend naiver Malerei mit Themen aus dem Alten und Neuen Testament.

In Taivassalo, an der Weggabelung nach Kustavi, finden wir ein weiteres beeindruckendes Kleinod der Kirchenbaukunst bzw. –malerei, eine Felssteinkirche mit Holzschindeln eingedeckt.

Die für diese Zeit typische Kreidemalerei ist zum großen Teil noch gut erhalten und erzählt die biblischen Geschichten, sodass sie jeder verstehen konnte.

Nun sind es nur noch ein paar Kilometer bis Kustavi, dem Tor zum Schärengarten von Turku. Hier haben wir „unseren“ Camping gefunden. Seit drei Tagen sind wir schon hier, noch keine Fotos gemacht, keine Besichtigungen, dafür wie die Weltmeister geschrieben, den Blog gepflegt, die Daheimgebliebenen kontaktiert, relaxt, gegrillt, in der Sonne gesessen und… und… und…

 

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Finnland – Ostseestrand

In einem der Reiseführer haben wir von einem Steinzeitdorf nahe der Küste auf halbem Weg von Kemi nach Oulu gelesen. 20 km landeinwärts von dem Dorf „Ii“ (der Ort wird tatsächlich so geschrieben: 2 mal “i“ :-) ) sind bei Ausgrabungen am Iijoki steinzeitliche Funde gemacht worden. Ein Nachtstandplatz wird auch gleich mitangeboten. Am frühen Abend erreichen wir das Dorf. Für eine Besichtigung ist es schon zu spät. Morgen ab 10 Uhr soll das Gelände, das Museum und die Rezeption aber wieder besetzt sein. Inzwischen hat Nieselregen bergischer Art eingesetzt.

Wir sitzen im WoMo und spielen Karten. Immer wieder kommen Fahrzeuge, Leute steigen aus und spazieren auf den Eingang des Dorfgeländes zu, verschwinden im Museumswald. Erst nach einer ganzen Weile kommen sie zurück, steigen in ihre Fahrzeuge und fahren davon. Ich brauche ein wenig frische Luft und Bewegung. Also spaziere ich ebenfalls in den Museumswald. Nichts hindert mich daran, kein Mensch, kein Tor, keine Schranke. Lediglich auf einem kleinen Schildchen wird die Frage gestellt „Hast du ein Ticket?“, was ich schlicht und offen mit „nein“ beantworten kann.

Ein schöner Bohlenweg schlängelt sich durch den Wald. Rechts und links ein paar Hinweistafeln.

Schließlich gelange ich ans Ufer des Iijoki.

Hier hat man ein kleines Dorf errichtet und ihm die Bezeichnung Steinzeitdorf gegeben. Steinzeitlich mutet das aber nicht wirklich an. Irgendwie scheinen die Zeiten ein wenig durcheinandergeraten zu sein. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern davon gehört zu haben, dass die Jäger und Sammler in der Steinzeit in reetgedeckten Hütten lebten und ihre „Wohnungen“ mit Tisch und Stühlen ausstatteten.

Es ist sicherlich gut gemeint, die Fundstätten touristisch ein wenig aufzupeppen, aber doch von der historischen Wirklichkeit m. E., ziemlich weit entfernt. Nach einer Stunde stillem Amüsement bin ich zurück.

Der Nieselregen vom Abend hat sich inzwischen zum Dauerprasselregen gesteigert. Diese Wettersituation wirkt sich natürlich auf Lothars Entscheidung aus, auf die Besichtigung des Dorfes am anderen Morgen zu verzichten. Statt stundenlang auf Einlass zu warten, starten wir früh weiter Richtung Süden, da wo´s die Sonne gibt.

Am frühen Nachmittag erreichen wir den Küstenort Pyhäjoki, am gleichnamigen Fluss gelegen. Hier bietet ein Campingplatz Standplätze auf einer kleinen Insel im Mündungsdelta des Flusses an.

Ein richtiges Schmuckstück, auf dem man sich wohl fühlen kann. Wir sitzen in der Abendsonne am Ufer des Pyhäjoki und genießen die Ruhe, nur die Stromschnellen unmittelbar vor unserem Standplatz geben eine – allerdings beruhigende – Geräuschkulisse ab.

Natürlich gibt es hier „tief im Süden“ keine Mitternachtssonne mehr, aber die Nacht ist immer noch hell und am Horizont sieht es aus, als würde der Wald in Flammen stehen.

Es ist ein sehr geruhsamer Campingplatzaufenthalt. Kein WiFi mahnt zum Blogbericht – es gibt keines. Keine Wäsche wartet auf Reinigung – der Camp-Chef persönlich übernimmt den Wäscheservice. Und wir, wir entspannen, wir grillen.

Ganz in der Nähe, nur ca. 30 km entfernt, soll es die nördlichste Sanddüne der Welt geben. Auch dieser Superlativ liegt an der Strecke und wir nehmen ihn ehrfürchtig zur Kenntnis. Wir müssen aber nicht alles erkunden, was am Bottnischen Meerbusen in Disney- und Fantasia Land mit Hüpfburgen und Fressbuden umfunktioniert worden ist.

Wie sagt der Stadtplaner so schön „sie (die Sanddüne) ist anthropogen überformt“.

Die Europastraße E8 ist so interessant wie unsere Autobahnen quer durch die Republik. Wir fahren rechts ab und schwenken auf die sog. „7-Brücken-Straße“ entlang der Küste ein. Die kleinen vorgelagerten Inseln des Scherengartens von Kokkola sind mit dieser Brückenstraße untereinander verbunden.

Ob Peter Maffay diese Straße für seinen Hit „Über sieben Brücken musst du gehen…“ im Kopf gehabt hat?

Etwas wirklich Außergewöhnliches können wir an den Brücken bzw. der Brückenstraße allerdings nicht feststellen. An einer Brücke gibt es eine Fischräucherei. Hier soll es lt. Reiseführer offenwarmen Räucherfisch geben. So ganz stimmt das nicht (mehr). Der Fisch ist kalt und schmeckt letztendlich wie aus der Fischtheke bei Edeka.

So wirklich begeistert sind wir von der finnischen Ostseeküste nicht. Da kommt der Wunsch, durch Karelien zu reisen, doch wieder hoch. Schon in Inari wurden bei Lothar alte Erinnerungen geweckt, reiste er doch vor einem halben Jahrhundert auf Schusters Rappen mit Pfadfinders durch Finnland. Und Karelien war und ist nun mal die Seele Finnlands. Gedankenverloren rollen wir durch’s Land.

Der Zoo von Ähtäri, das heißt, das was man inzwischen daraus gemacht hat, holt uns flugs in die hiesige Welt des Walt Disneys zurück. Nachdem wir das „fantastische“ Treiben eine Weile von außen betrachtet haben, haben wir genug gesehen, eine ausführliche Besichtigung hinter dem großen Zaun brauchen wir nicht.

Liebe Wuppertaler, insbesondere liebe Ronsdorfer, wart ihr nicht immer der Meinung, dass es in eurer Stadt das einzige Bandwirkermuseum gibt? Wir haben ein zweites entdeckt und zwar in Finnland! In Killinkoski! Kaum zu glauben!

Im „Wanhan Tehtaan Miljöö“ kann man das “Nauhateolli-suusmuseo“ besichtigen. Die ehemals supermodernen Maschinen und auch der Fabrikdirektor kamen tatsächlich aus Wuppertal, so steht‘s jedenfalls im Reiseführer geschrieben. Belege darüber haben wir im Museum leider nicht entdecken können. In den ehemaligen Fabrikationsräumen wird heute ein Museum,

ein Flohmarkt,

ein FOC für Bandwirker-Produkte (wir haben auch ein paar Bänder als Sturmleinen für unsere Markise erworben)

und ein Café vom Kulturkreis des kleinen Städtchens ehrenamtlich betrieben.

Es ist noch früh am Tage, die Straße Richtung Osten, Richtung Jyväskylä gut ausgebaut und schwuppdiewupp sind wir in der Stadt gelandet, in der sich der größte finnische Architekt und Möbeldesigner, Alvar Aalto, selbst ein Museum errichtet hat. Schließlich ist dies seine Heimatstadt, schließlich hat er hier seine unglaubliche Karriere mit einem kleinen Büro gestartet. Justement als wir glaubten, das Museum erreicht zu haben, fiel unser GPS wegen fehlenden Satellitenempfangs aus. Nach Absolvieren diverser Straßenkringel landeten wir schließlich ohne die sonst so profunde Mithilfe unseres Garmin unmittelbar vor den verschlossenen Eisentüren dieser architektonischen Besonderheit, die uns eigentlich mehr an eine „olle Fabrik“ mit Wellblechfassade erinnert.

Ehemals gab es hier einen großen Parkplatz, der inzwischen bis auf 2 Behindertenplätze mit einem Uni-Gebäude überbaut wurde. Parkplätze wurden in die Tiefe verbannt. Also kein günstiges Schlummerplätzchen. Nach weiteren Straßenkringeln beziehen wir schließlich Quartier auf dem Parkplatz der Sportarena, natürlich gebaut von Aalto. Statt eines langen Fußmarsches zum Aalto-Museum zurück, lassen wir lieber unseren GPS im „Gigganti“, einem Elektronikriese für 29 € und 2 Std. Wartezeit abdaten. Ausreichend Zeit, eine neue Zusatzkühlbox mit 12 und 220 Volt für 99 € zu erstehen, Lothar hatte leider vor ein paar Tagen das alte Exemplar durch Vertauschen der Phasen „gehimmelt“.

Der Garmin tut nun seinen Dienst wieder tadellos und wir finden dank seiner Hilfe schnell die kleine Stadt Varkaus im Herzen Kareliens.

 

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Finnland – Sápmi

Finnland, Land der Seen, Land der Mücken. Von beidem stellen wir zunächst nichts fest. Die Landschaft hat sich grundlegend geändert. Dies aber schon auf den letzten Kilometern in Norwegen. Dort die schroffen, eiszeitlichen Felsformationen, kaum Bewuchs, hier weite Ebenen mit Mischwäldern, Heide- und Moorlandschaften, Wiesen. Von den berühmten finnischen Seen ist im Land der Samen zunächst nur wenig zu sehen.

Unser kurzbeschlossener Grenzübertritt stellt uns nun vor die Frage, wo tätigen wir unseren geplanten Wochenendeinkauf, wo gibt es hier einen Camping, der uns das bietet, was wir inzwischen einmal in der Woche schätzen gelernt haben. Die Reiseführer sagen dazu recht wenig aus, eigentlich gar nichts! Freie WoMo-Standplätze sind da lediglich im Angebot. In irgendeiner Karte finden wir schließlich das kleine Piktogramm „Zelt“, in Sevettijärvi. Zuvor kommen wir noch mitten in der Prärie an einem Supermarkt mit Tankstelle vorbei, die Preise nehmen wieder mitteleuropäische Dimensionen an, bezahlt wird in Euro.

Die Welt scheint in Ordnung … bis wir den Camping erreichen, idyllisch im Wald gelegen. Wir öffnen Türen und Fenster. Das WoMo ist in nullkommanix von innen schwarz, Lothar schlägt wie ein Berserker um sich, ich reiße das Stromkabel wieder aus der Steckdose, werfe alles ins Auto, schließe alle Luken, wir fliehen. Wir fliehen zunächst an einen See mit Sandstrand. Aber auch hier tummelt sich das Mückenvolk, d. h. tummeln sich die Mückenvölker. Wir sind in Finnland angekommen! Wie zur Bestätigung trabt ein Rentier am Ufer entlang.

Ein weiteres gleich auf der anderen Seite.

Uns verlangt schon nach ein bisschen Zivilisation, so mit Elektrik, WiFi, warmer Dusche, Waschmaschine etc. Zwei weitere Campings, die am Wegesrand angepriesen werden, fahren wir an. Man bedauert, WiFi nein! Waschmaschine, nein! ein Angelboot? gerne! eine Angellizenz? gerne!

Ein Blick in die Karte verrät, es ist nicht mehr weit bis nach Inari. Dort gibt es bestimmt einen Campingplatz, so wunderbar gelegen am westlichsten Zipfel des größten Sees von Finnland. Ja, hier gibt es einen Camping. Ja, man hat einen Standplatz für uns, obwohl es bereits nach 19:00 Uhr ist, zwar in der zweiten Reihe wie auf einem Parkplatz, dafür aber alles ein wenig aufgeweicht und matschig.

Egal, wir haben einen Platz mit Strom, WiFi, Waschmaschine, geräumigen Duschen. ‘Ne Mitternachtssonne gibt es hier auch.

Die Nacht ist laut und unruhig. Im und vor dem Campingrestaurant findet eine Hochzeit statt. Die Gäste nächtigen teils im Partyzelt, teils in den Ferienhütten.

Der neue Tag beginnt sonnig, in der ersten Reihe am Wasser wird ein Platz frei, wir setzen um. Nun können wir das Wochenende genießen.

Wir lassen uns die gute Laune auch nicht durch einen heftigen Schauer am Nachmittag verderben, der den ganzen Platz wieder unter Wasser setzt.

Wir sitzen schließlich im warmen und trockenen WoMo. Da geht es der Reisegruppe von Rotel-Tours erheblich schlechter. Bei Wind und Wetter draußen im Vorzelt des Busses und nachts in der eckigen Röhre, 14 Leute nebeneinander und 3 übereinander, da muss man sich und die Körpergeräusche des Nebenschläfers schon mögen!

Montagmorgen, ich will noch rasch den Bericht ins Netz stellen. Aber irgendwie funktioniert Lothars Laptop nicht. Ist ja alles kein Problem, bzw. lösen wir dieses später. Mein Laptop funktioniert tadellos, am Montagmorgen. Wir setzen die Reise fort.

In Takavaara lockt ein Goldmuseum, das Goldmuseum mit der umfassendsten Zusammenstellung der Goldgewinnung in aller Welt. Das müssen wir uns anschauen. In der Tat haben wir zwar schon viele Ausstellungen über Goldsuche, Goldwäsche etc. gesehen. Aber so umfassend wurde die Goldgewinnung rund um den Erdball noch nie dargestellt, angefangen in Ägypten vor 4.000 Jahren bis zum heutigen Tag, auch Deutschland ist hierbei vertreten.

Der erste Goldgräber wurde in Bronze gegossen,

den letzten habe ich bei einem Päuschen erwischt-:)

In Sodankylä soll eine der ältesten Holzkirchen Finnlands stehen. Dieses Städtchen liegt an unserer Route, dort könnte man sehr gut einen Stopp einlegen. Das Städtchen selbst ist nicht als reizvoll oder gar pittoresk zu bezeichnen, aber die kleine alte Kirche ist etwas ganz besonderes.

Im 17. JH errichtete man hier auf halber Strecke zwischen Inari und Kemijärvi diese kleine Kirche, um den Gläubigen die mühevolle Reise zum Kirchgang zu erleichtern. An großen Kirchenfesten versammelten sich sowohl Samen als auch Neusiedler zu gemeinsamen Gottesdiensten. Heute wird die alte Kirche nicht mehr regelmäßig genutzt, da bereits im 19. JH eine Steinkirche in unmittelbarer Nachbarschaft errichtet wurde.

Vor der nahegelegenen Touri-Info gibt es einen Nachtstandplatz und WiFi. Die Gelegenheit ist günstig, schnell ins Netz und die Mails auf meinem Laptop abfragen und testen, ob Lothars Rechner wieder funktioniert. Oh Schreck, oh Graus, nun gibt es auch auf meinem PC kein Outlook mehr. Eine Direktabfrage der Mails bei 1und1 funktioniert auch nicht. Mit unseren IT-Kenntnissen kommen wir nicht weiter. Hier ist externe Hilfe vom Backoffice gefragt. Während unser Backoffice im Hintergrund tüftelt, fahren wir weiter und erreichen den Polarkreis erneut.

In Norwegen gab es ja schon einen ziemlichen Touri-Rummel. Aber das, was hier in Rovaniemi dem Reisenden geboten wird, spottet jeder Beschreibung. Hier ist „das!“ Weihnachtsdorf, hier ist „die!“ Weihnachtsmannwerkstatt,

hier „das!“ Weihnachtspostamt, hier kannst du mitten im Sommer am 22. Juli deine Weihnachtspost schreiben!

Natürlich kannst du hier auch all deine Weihnachtseinkäufe gleich mit erledigen, begleitet von dezent gespielter Weihnachtsmusik, den ganzen lieben, langen Tag!

War es vielleicht der Weihnachtsmann, oder doch eher das eifrige Tun unseres Backoffice, wir sind wieder Online. Irgendwann am Vormittag kommt eine SMS von Christian. Alles müsste jetzt wieder funktionieren. Im Weihnachtspostamt gibt es natürlich auch WiFi und ich teste beide Laptops. Alles funktioniert wieder wie am Schnürchen! -:) Herzlichen Dank an Christian!

Wir verlassen das Weihnachtsdorf und den Walt Disney-Rummel. Rovaniemi hat noch anderes zu bieten. Direkt bei der Einfahrt in die Stadt sehen wir das lichtdurchflutete extravagante Gebäude des „Arktikums“, im Volksmund auch Zigarre genannt.

Das Gebäude an sich ist absolut sehenswert und architektonisch (dänische Architekten!) überaus beeindruckend; aber auch die präsentierten Ausstellungen gehören zu den besten ihrer Art. Das Arktikum ist ein Forschungszentrum und ein Museum mit Ausstellungen zu Lebensweisen, Sitten, Kulturen und Naturreligionen der Völker Sibiriens, Lapplands und der Inuit in Alaska, Grönland und Kanada. Bilder und Exponate verdeutlichen die Auswirkungen der Neuzeit auf die arktische Natur und das Leben der Ureinwohner. Themenausstellungen beleuchten die Geschichte Lapplands insbesondere von Rovaniemi aus vielerlei Blickwinkeln.

 

Wir verbringen wieder einen ganzen Vormittag im Museum, anschließend gibt es im Museumscafé „Lunch for two“ am Buffet mit „karjalanpaisti“ (karelischer Fleischtopf) und vielem mehr.

Wir haben nun genug museale Kunst genossen. Uns zieht es wieder an die See, an die Ostsee. Wir hoffen auf ein bisschen mehr Sonne und weniger Mücken. Die Straße ist gut ausgebaut, und wir erreichen nach einem kurzen Zwischenstopp an der alten Felssteinkirche, soll wohl die älteste in Finnland sein,

um 19.00 Uhr den Strand von Kemi. Der Bottnische Meerbusen empfängt uns mit leichter Brise, Sonnenschein und einem Nachtstandplatz direkt am Yachthafen.

Lothar ist froh, nun endlich seine „Beinwickel“ abnehmen zu können.

 

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Norwegen – Eismeer

Tromsø, Hammerfest, Nordkapp, Namen, die für uns Mitteleuropäer das Eismeer, das Arktische Meer symbolisieren. Grund genug, von der Europastraße E6, die bis an die russische Grenze verläuft, entsprechende Abstecher zu unternehmen.

Wie für eine Touristen-Hauptschlagader selbstverständlich gibt es am Rande der Straße immer wieder Verkaufsangebote für echte samische Souvenirs made in Taiwan. In einer der Jurten knistert ein Feuer, was unsere Aufmerksamkeit erregt: es gibt echte samische Gemüsesuppe, wie ein Blick in die Schüsselchen der wenigen Gäste belehrt. Wir beugen uns dem Verkaufsdruck und erstehen zwei Flaggen und zwei kleine süße Eisbären für unsere Nennenkel.

Tromsø begrüßt uns mit seiner überaus beeindruckenden Eismeerkathedrale.

Ihr werden wir morgen früh einen Besuch abstatten. Zunächst muss der Nachtstandplatz gefunden werden. Ist ja eigentlich kein Problem, der Reiseführer schlägt einen Platz am Stadion vor, hält den Parkplatz am Yachthafen jedoch für ruhiger und schöner. Was liegt da für Hampens nahe? Klar doch! Wir geben die Position gemäß Reiseführer für den Yachthafen in das Navi und wo landen wir? Ist doch auch klar, am Stadion! Eine öde, matschige Parkplatzfläche, auf der das „Overnightstanding“ verboten ist. Wir suchen auf eigene Faust den Yachthafen, finden ihn (muss ja irgendwie am Wasser liegen), finden ein Plätzchen mit Blick auf viele bunte Schiffchen,

und finden auch noch ein Logenplätzchen für die Mitternachtssonne. Es war eine sonnige Nacht! :-)


Um 6 Uhr bin ich aber schon wieder munter und schreibe an einem Bericht. Irgendein watschelndes Geräusch lässt mich inne halten, ich werfe einen Blick auf den Weg und glaube es nicht. Da robbt eine kleine Robbe platschend über den Asphalt, und verschwindet auf einem der Anlegestege. Für einen erfolgreichen Schnappschuss bin ich zu verblüfft! Ich wende mich wieder meinem PC zu und wieder höre ich dieses platschende Geräusch. Da spurtet doch tatsächlich eine zweite Robbe hinterher, allerdings wieder viel zu schnell, dass ich rechtzeitig zur Kamera greifen könnte. Ihr müsst es mir also einfach so glauben! :-)

Der Tag fängt ja schon ziemlich lustig an. Unsere Besichtigungstour von Tromsø, nicht zu Fuß, sondern unsportlich mit dem WoMo, beginnt an der „Tromsdalen Kirke“. Die eigenwillige Architektur soll eine Verbindung zwischen Urbanisation der Stadt und der arktischen Natur mit den spitzen Zacken der norwegischen Gebirge und die schwimmenden Eisberge widerspiegeln.

Touristenbusse spucken im 2-Minuten-Takt ihre lärmende souvenierverliebte Kundschaft aus. Bei einer Verweildauer von 20 Minuten werden hier 400 Leute pro Stunde durch geschleust. Wenig sakral für unsere Begriffe. Unser nächstes Ziel ist das Polarmuseum, klein und mutzig.

Viel zu klein und mutzig, um die Heerscharen von Touris aufzunehmen. Wir verzichten auf den Besuch und fahren weiter zum Tromsø-Museum, draußen an der Uni. Hier geht es weitaus ruhiger zu! Liegt wohl zu weit abseits, oder sind die Themen nicht so interessant? Wir wissen es nicht. Wir machen erst einmal Mittag mit „Köttböller“ aus der Dose, Nationalgericht der Norweger, so hat man uns erzählt.

Nun ja, man wird satt, das nächste Mal machen wir dieses Gericht doch lieber selbst, ich glaube das können wir besser.

Im Tromsø-Museum gibt es seit 1973 eine Ausstellung über die Kultur der Samen. Mit dieser Ausstellung soll dem Besucher vermittelt werden, dass die Samen in Nordeuropa ein eigenständiges Volk sind, dessen Wurzeln sehr weit zurückreichen. Sámpi nennen die Samen ihr eigenes Land, ein Land ohne eigene Grenzen und ohne Staat, jedoch mit gemeinsamer Sprachfamilie, gemeinsamer Geschichte, gemeinsamer Kultur, sowohl in Norwegen als auch in Finnland und in Teilen von Russland.

Ein besonderer und erwähnenswerter Aspekt der samischen Kulturtradition ist der Joik, seit langer Zeit musikalische Ausdrucksform der Samen. Personen, Tiere, Orte bekamen und bekommen eine eigene Melodie, die Aussehen, Art und Wesen lautmalerisch beschreibt. Die Melodien sind sehr variations- und nuancenreich, für ungeübte Ohren allerdings oft unverständlich eintönig. Wie bei anderen Naturvölkern ist auch hier Ziel und Zweck die Kontaktaufnahme mit der Natur und anderen Menschen.

 

Wir sind begeistert und verbringen den ganzen Nachmittag in diesem Museum. Erst am frühen Abend finden wir den Weg aus Tromsø. Unser letzter Blick gilt wieder der Eismeerkathedrale.

Dann steuern wir kurz hinter der Eismeerstadt einen neuangelegten Picknickplatz an, ringsum schneebedeckte Berge zum Greifen nahe. Rechtzeitig um Mitternacht kommt die Sonne um den Berg und taucht unseren Schlafplatz in ein warmes Midsommernacht-Licht.

Auch den nächsten Tag geht’s wieder entlang endloser Fjorde und durch die Fjelles rauf und runter.

Ziel ist Alta, das Verwaltungszentrum der Samen. Hier ist für uns angeblich die letzte Möglichkeit, noch einmal ohne Probleme Gas auffüllen zu lassen. Laut Reiseführer gibt es erst wieder in der Nähe von Helsinki eine Gasfüllstation, die auch deutsche Flaschen nachfüllt. Dank Garmin ist die Station in Alta schnell gefunden.

Ganz in der Nähe gibt es auch 3 Campingplätze. Wir entscheiden uns für den Alta Strand Camping und sind von der Organisation, den Einrichtungen, der Sauberkeit begeistert – wirklich empfehlenswert.

Es wird „geputzt und geflickt“ was das Zeug hält. Lothar wird wieder fit für die nächste Etappe: Nordkapp ist angesagt. Aber bei Skaidi entscheiden wir ganz spontan, auch Hammerfest dürfen wir nicht auslassen. Hammerfest ist eigentlich kein aufregendes Städtchen, aber eben die nördlichste Stadt der Welt, erreichbar über die nördlichste Hängebrücke der Welt.

Bei der Stadtgründung im Jahre 1789 hatte Hammerfest gerade mal 40 Einwohner. Doch die Fischindustrie hat die Stadt stetig wachsen lassen, sie hat heute ca. 9 ½ Tausend Einwohner, ist Sitz einer internationalen Fischverarbeitungsfirma und Heimathafen einer der größten Trawlerflotten des Landes.

Schließlich finden wir doch zwei Dinge, die man sich als Touri anschauen sollte: die Hammerfester Kirche, eine moderne Kirche mit farbenprächtigen Glasmalereien an der Giebelwand.

Und dann gibt es noch ein interessantes Monument von weltweiter Bedeutung: die Meridiansäule, erstes technisch-wissenschaftliches Unesco-Weltkulturerbe. Sie wurde errichtet zur Erinnerung an die erste präzise Vermessung der Abplattung der Pole mittels geodätischer Triangulation. Sie steht am nördlichen Ende des sog. Struve-Meridianbogens (für die Vermesser unter euch auf N 70°40´11,23´´ und E 23°39´48´´). Struve war russischer Astronom und Geodät und führte seine Arbeiten 1816 – 1855 durch. Das bedeutet für eines der ersten Projekte mit internationaler Beteiligung eine Rechenoperation über fast 40 Jahre und über eine Distanz von 2.821,853 km!

Der Parkplatz am Fuße des Monumentenhügels ist ein perfekter Übernachtungsplatz mit Blick auf’s Eismeer, auf’s Nordpolarmeer.

Nun geht es aber wirklich zum Nordkapp, den Porsangen Fjorden entlang, mit teils steil abfallenden Felswänden, teils mit Sand- und Kiesstränden.

Auf unserer Fahrt durch die Fjelles in den letzten Tagen haben wir dann doch einige Rentiere gesichtet. Sie liefen frei auf der Straße und ließen sich auch nicht durch das laute Gehupe einheimischer Autofahrer beim Äsen am Straßenrand groß irritieren. Wir haben uns beim Fotografieren ja auch nicht irritieren lassen :-)


Wieder sehen wir ein ganzes Rudel, das am Strand entlang läuft.

Von Kåfjord nach Honningsvåg werden wir durch einen Unterwassertunnel 200 m unter dem Meeresspiegel geführt.

Das bedeutet ein paar Kilometer abwärts und dann ein paar Kilometer wieder aufwärts. Wie der Elbtunnel bei Hamburg, nur ein paar Nummern größer. Von nun an haben wir nur noch ganz karge, öde Landschaft, die sich zunehmend auch noch in gespenstischen Nebel hüllt.

Wir tasten uns durch die undurchsichtige Suppe und dann taucht plötzlich das Pförtnerhäuschen zum Nordkapp aus dem Nieseldunst auf. Wir haben das Nordkapp erreicht, 4.682 km von zuhause und 3.483 km von Norwegens Südkapp.

Wir bezahlen 510 Kronen für 24 Stunden Aufenthalt einschließlich Nachtstandplatz, das soll wohl reichen, ich möchte wieder in die Sonne, ich möchte nicht mehr frieren. Es ist zu kalt und neblig für einen Abendspaziergang. Es gibt erst einmal ein Häppchen und … ein weiteres Stück von Lothars Schneidezahn hat den Weg in die Freiheit gesucht und gefunden, aber es ist ja auch eine Tour, an der sich so manch einer die Zähne ausgebissen hat.

Spät in der Nacht macht Lothar noch allein einen Erkundungsgang übers Gelände, für mich ist die Koje heute Abend attraktiver. Am nächsten Morgen erzählt er mir von der riesigen Wohnmobil-Armada aus aller Herren Länder

und von den -zig großen Reisebussen, aufgereit auf dem anderen großen Parkarreal.

Auch die Biker, die auf dem Platz auf unterschiedlichste Art biwakieren, sind insbesondere bei dieser Witterung ein echter Hingucker und verdienen Respekt.

Auf dem Plateau, das laut touristischer Definition das nördlichste Ende des europäischen Festlands darstellt, ist auch um Mitternacht noch internationale Kirmes mit hunderten von Teilnehmern. Es ist Mitsommer! Leider gab es diese Nacht nur bedeckten Himmel, keine Mitternachtssonne, also müssen wir mit einem „fake“ leben.

Aber auf unser Nordkapp-Schlemmer-Frühstück mit Lachs, Eismeerkrabben und Sekt verzichten wir natürlich nicht. Und dann geht’s auf die Besichtigungstour.

Leider ist auch heute nur trübes, diesiges Wetter. Aber das soll ja wohl normal sein hier. Sonnenschein gibt es hier äußerst selten. Der Blick über die Klippen in die Tiefe lässt das tobende Eismeer mehr erahnen als sehen, das Meer ist ruhig und der Wind nicht gerade stürmisch.

In der Nordkapp-Halle aber bietet sich dem Touri ein breites Angebot, mit dem er sich die Zeit vertreiben kann. Tief in die Felsen ist hier ein 3-stöckiger Erlebnisbereich eingegraben.

Besonders gut hat uns die Superbreitwand-Filmvorführung gefallen. Leben und Natur am Nordkapp wurde in dem 15-minütigen Film schön in Scene gesetzt. Alles andere gehört mehr in die Kategorie „allgemeiner Tourikram und Micki Maus“.

Und nun aber auf in den Süden, der Sonne entgegen, sind wir doch eigentlich eher Sonnenkinder. Wir schrauben uns das Kapp-Plateau wieder hinunter, steuern den erst besten Picknickplatz an und … sitzen in der Sonne – und zwar kostenlos.

Auf Anregung eines einzelnen Herrn wollen wir noch einen Abstecher zur Barentssee machen, zum Krabbenessen, Königskrabben natürlich. Also liegt zunächst der Kurs in östlicher Richtung an. Ein per Übersichtskarte definiertes Tagesziel am südlichen Zipfel des Lakesfjorden entpuppt sich als wenig einladend, eine Tankstelle mit übel riechender Kneipe, unfreundlichem Wirt, muffigen Kellnerinnen und matschigem WoMo-Platz.

Wir fahren weiter und landen irgendwo im Nirgendwo der Finnmark auf einem Parkplatz für Einheimische. Es ist ein neuangelegter an einer niegelnagelneuen Straße, ein bisschen zu neu; die Natur muss sich insbesondere die Seitenstreifen erst noch wieder zurück erobern.

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages erreichen wir Bugøynes

auf einer kleinen Küstenstraße, die durch glattgemahlene eiszeitliche Steinformationen führt, vorbei an Sandstränden, kleinen Hofanlagen mit ihren rot-weißen Häuschen, an wunderschönen Blumenwiesen.

Laut Reiseführer soll’s gleich hinter der Touristeninformation einen Nachtstandplatz mit Frischwasser und WC geben. Die Info ist geschlossen und wird rein privat betrieben, wie ich später erfahre. Dort übernachten können wir auch nicht. Wir finden ein anderes Plätzchen.

Laut Reiseführer soll man die ortsansässige weltweit agierende Firma „Norway King Crap“ besichtigen können, um Einblicke zu erhalten, wie die Königskrabben für den Gourmet-Markt, insbesondere in China, aufgepäppelt werden. Diese Möglichkeit ist angeblich wegen Arbeitsüberlastung nicht mehr gegeben.

Laut Reiseführer kann man, keine 200 m von der Tourinfo entfernt, Königskrabben gleich kiloweise und tiefgefroren für die eigene kulinarische Zubereitung kaufen. Auf Nachfrage erhalte ich von der immer lächelnden freundlichen Asiatin die Auskunft, dass es z. Zt. keine Königskrabben gibt, erst im Oktober wieder. Davon stand nix im Reiseführer. Das kann doch nicht wahr sein! Wir sind doch extra für diese Köstlichkeit ans östliche Ende von Norwegen gereist! Es gibt noch einen Supermarkt. Auch dieser freundliche Inhaber die personifizierte Betrübnis: sein Fischer habe ihm heute keine Krabben gebracht.

Wir sind enttäuscht! Vielleicht gibt es ja in Neiden oder Kirkenes, kurz vor der russischen Grenze, Königskrabben zu kaufen. Den großen Supermarkt in Neiden hat der Zahn der Zeit offensichtlich dahin gerafft. Nur eine alte Kirche wird hier offensichtlich gut gepflegt.

Wir sind mehr als enttäuscht, fahren nicht mehr nach Kirkenes und biegen kurzerhand hinter dem Wasserfall von Neiden

auf die 971 nach Finnland und überschreiten um 10:15 MESZ die Grenze Norwegen / Finnland.

 

 

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Norwegen – Lofoten

Gestern Abend sind wir hier gelandet, hier auf den Lofoten. Nähert man sich dieser Inselgruppe, beeindrucken die bizarren Bergkegel und zackigen Grate der „Lofotenwand“ aus der ruhigen und bleigrauen See.

Gestern Abend erschien alles grau in grau, es war diesig, die Bilder sind dem entsprechend etwas fad geworden, es gibt nicht immer nur eitel Sonnenschein. Bei Sonne sollen die glatten, steilen, blanken Felsen in Anthrazitfarben glänzen.

Der Ortsname „Ǻ“ am südlichen Ende der Lofoten lässt sich nun wirklich nicht mehr abkürzen.

Gleichwohl ist es wieder ein Ort auf diesem Globus, wo alle Touris wohl einmal gewesen sein müssen. Über Nacht stehen an die hundert WoMos auf dem großen Parkplatz an dem „Lands End“ der Lofoten. Früh am Morgen rollen dann auch die Busse an und das instant-express Reisevolk beginnt seinen Durchgang durchs Museumsdorf, einer der wenigen alten Handelshäfen der Lofoten, der in seiner ursprünglichen Form noch erhalten ist. Und für alle liegt der Beginn natürlich im Fischermuseum.

Wir nutzen die Gelegenheit und schauen uns erst die anderen erreichbaren Teile des Dorfes an. Ohne Touri-Rummel können wir nun von den pittoresken Fischerhäuschen Fotos schießen. Heute wohnen und arbeiten keine Fischer mehr in den „Rorbu-Hyter“, diesen typischen kleinen Häuschen, früher mit Ochsenblut rot gestrichen, die Fenster weiß gekälkt, die Dächer mit den anthrazitgrauen glänzenden Schieferplatten eingedeckt.

Sie werden als Ferienhäuser vermietet, insbesondere an Angler aus Deutschland. Die können mehr zahlen als die heimischen Fischer. Die Hochseeangeltouren sind natürlich mit inbegriffen. Verpflegt werden die Gäste schließlich im Restaurant, das ebenfalls in der Rorbu-Architektur errichtet ist.

Die meisten Einrichtungen sind jedoch von innen nur nach Voranmeldung und in Gruppen zu bewundern. Wir begnügen uns daher mit einer Außenbesichtigung.

Trankocherei

Torrfiskmuseum

Das Stockfischmuseum ist einzigartig auf der Welt. Gerne hätten wir mehr über die Herstellung und den Verkauf des ältesten Exportartikels Norwegens erfahren. Hauptabnehmer für die getrockneten Filets ist interessanterweise Italien, während die Fischköpfe nach Afrika verkauft werden. Dort reicht es dann immer noch für eine schmackhafte Fischsuppe. Getrocknet werden sie auch heute noch an der frischen Meeresluft auf riesigen Holzgestängen. Hier klärt sich auch erstmalig für uns der Unterschied zwischen Torrfisk und Klippfisk. Die Torrfisken werden geköpft, ausgenommen, zu je 2 Stück an den Schwänzen zusammengebunden und so in die Holzgestelle zum Trocknen aufgehängt.

Der Klippfisch wird in den Klippen auf den von der Sonne erwärmten Steinen getrocknet.

Längere Laufaktionen verbieten sich für Lothar jedoch leider mehr denn je. Ihr erinnert Euch: Trondheim, da war doch was, eine mehrstündige Sightseeingtour zu Fuß. Bittere Folgen dieser Aktion quälen Lothar seit ein paar Tagen. Zunächst entstanden riesige Blasen an den Zehen des rechten Fußes. Seit heute Morgen sind diese offen und dicke Hautfetzen hängen herab, darunter blutrotes rohes Fleisch. Ein beängstigender Anblick. Wir brauchen einen Arzt oder eine Klinik. Unser Garmin gibt eine Klinik in Leknes an. Dies wird uns in Reine, nicht in NRW an der Landesgrenze zu Niedersachsen, sondern hier

durch die dortige Touristeninfo bestätigt. Ca. 50 km sind es bis dorthin. Die Landschaft ist wirklich einzigartig, sodass wir trotz alledem immer wieder kleine Stopps einlegen.

Schließlich erreichen wir so gegen 17 Uhr das „Sykehus“, die Rezeption ist nicht mehr besetzt, irgendein Arzt, Pfleger oder Schwester nicht zu sehen. Ein anderer Besucher hilft uns schließlich weiter und schickt uns zur „Legevakt“ (Notaufnahme). Die hat ihren Sitz im gleichen Gebäude, aber über einen separaten Zugang auf der anderen Seite des Krankenhauskomplexes zu erreichen. Eine freundliche Schwester betrachtet Lothars lädierten Fuß nur kurz, um unverzüglich auf die Wasseransammlung in beiden Beinen zu reagieren. Der Doktor sei zu einem Notfall, etwa in 1 Stunde sei er zurück. Wir könnten gerne im Auto warten, sie würde kommen und Bescheid sagen. Kaum hat sich Lothar sein Abendessen gerichtet, da erscheint die Schwester auch schon. Das Essen muss warten.

Wie auch die Schwester hat der sehr junge Doktor kaum ein Auge für die kaputten Zehen, auch ihn interessieren Lothars Elefantenfüße viel mehr. Eine ausführliche Aufnahme sämtlicher Krankheiten, insbesondere der kardiologischen und der Medikamente folgt. Nach kurzem Nachdenken kommt seine Entscheidung: Heute Abend noch Einlieferung im Krankenhaus, damit Lothar morgenfrüh sofort behandelt wird, er sehe ein schwerwiegendes kardiologisches Problem! Per Telefonat kündigt er Lothar auf Station 2 an.

Dort eingetroffen, erhält Lothar ein kleines Einzelzimmer, das bei näherer Betrachtung wie ein Isolierzimmer für hochansteckende Krankheiten aussieht. Es dauert nicht lange, da erscheint eine Schwester in einer gelben Ganzkörper-Persenning mit Mundschutz, blauen Gummihandschuhen und hellblauer Plastikhaube auf dem Kopf. Freundlich erklärt sie auf Deutsch: „Wenn die Europäer ins Krankenhaus kommen, ist immer besondere Vorsicht geboten, in Europa gibt es doch die so gefährlichen Krankenhauskeime!“ Upps, sind wir hier denn nicht mehr in Europa? :-) Auch ihr Interesse gilt vornehmlich den Elefantenbeinen und nicht den zerschundenen Zehen, obwohl diese beim Abnehmen des provisorischen Papierverbandes schon unangenehm riechen. Diverse Untersuchungen folgen, ein Arzt wird aber erst für morgen früh in Aussicht gestellt.

Um 23 Uhr verabschiede ich mich in unser WoMo. Mir ist egal, ob ich auf dem Parkplatz übernachten darf, trinke mir einen geschmuggelten Gute-Nacht-Trunk und verschwinde in meine Koje.

Zur Visite am anderen Morgen erscheint der Kardiologe mit Gefolge, alle in gelben Ganzkörper-Persennings, blauen Handschuhen etc. Nach eingehender Befragung und Untersuchung kommt der Arzt zum Schluss, dass Lothar eine kardiologische Erkrankung habe, die sehr ernst zu nehmen sei! Lothar erklärt sehr geduldig, dass wisse er sehr wohl, aber zurzeit plage ihn ganz aktuell und massiv sein lädierter Fuß, insbesondere in Anbetracht der Diabetes, und er wünsche sich Hilfe, wie er mit den wunden und nässenden Zehen umgehen solle. Dieser Einwand wird kurzerhand beiseitegeschoben. Ursache für seine wunden Zehen sei sein schlecht funktionierendes Herz. Eine Weile werden so die Argumente hin- und hergeschoben. Schließlich einigen sich Arzt und Patient darauf, dass Lothar weniger Flüssigkeit trinkt, ein weiteres Herzmedikament nach genauer Dosieranweisung schluckt, die Beine mit einem Kompressionsverband umwickelt und er alle 2 Tage eine Poliklinik zum Verbinden des Fußes aufsucht. Lothar könne am Nachmittag (es ist Freitag) das Krankenhaus verlassen, müsse aber unbedingt am Montag erneut vorstellig werden, da der Chirurg, der heute keinen Dienst hat, den Fuß auch noch betrachten müsse.

Wenig später erscheinen zwei Schwestern in gelben Ganzkörper-Persennings etc. um die Zehen zu verbinden, rennen aber beide wieder raus, da sie nach Betrachtung der Wunden sich nicht sicher sind, ob das alles seine Richtigkeit hat. Schließlich kommt eine wieder zurück und beginnt mutig die Zehen einzeln unter Verwendung von Unmengen von Verbandsmaterial einzupacken. Lothar lässt das alles über sich ergehen.

Das blaue Häubchen hat sie inzwischen abgelegt. Wir sind wohl nicht mehr ganz so ansteckend :-)

Im Einkaufszentrum von Leknes erhalten wir nicht nur das verordnete Medikament und Kompressionsverbände sondern auch unseren Wochenend-Lebensmitteleinkauf. Wir quartieren uns auf dem Brustranda Sjøcamping, ca. 15 km vor den Toren der Stadt direkt am Fjord ein.

Freitag ist es noch sehr trüb und nieselig. Aber Samstag kommt die Sonne raus, wir haben schönstes Sommerwetter auf den Lofoten. Die Sonne lässt die Bergein einem samtigen Grün leuchten wie bei einer Modeleisenbahn. Hier und da stehen an den Berghängen vereinzelte Bäumchen. Die roten Rorbu-Häuschen mit ihren weißen Fenstern und grauen Schieferdächern glänzen in der Sonne. Herr Märklin lässt grüßen :-)

Der Platz ist sehr empfehlenswert. Doch Montagmorgen geht der Weg zunächst zurück ins „Sykehus“ (Siechenhaus?). Der Chirurg, auch ein so sehr junger Arzt, betrachtet den Fuß und entscheidet, der müsse jeden Tag neu verbunden werden, keine Heilesalbe oder sonst irgend ein Medikament müsse zum Einsatz kommen. Wir könnten unsere Reise fortsetzen und im November nach Rückkehr in Deutschland einen Arzt aufsuchen. Eine Nurse werde sogleich kommen, um Lothar zu zeigen, wie der Verband anzulegen sei. Diese sehr herzliche männliche Nurse aus Schweden ist offensichtlich jedoch sehr froh, dass Lothar schließlich die Initiative für die Wundversorgung, das Verbinden und das Bandagieren übernimmt.

Erneut fahren wir zum Einkaufszentrum, um Verbandsmaterial zu kaufen. Lothar freut sich auch über ein Mitbringsel: eine wunderschöne Ingwerknolle für seinen geliebten Ingwer-Tee puritanisch.

Dies war die Fortsetzung unserer Testreihe: „Medizinische Einrichtungen unterwegs“. Jetzt widmen wir uns wieder den Besonderheiten der Inselgruppe der Lofoten.

Eine davon sehen wir bereits nach wenigen Kilometern an der E10. Oben auf einem Hügel thront ein umgedrehtes Wikinger-Schiff. Es ist das „Lofotr Wikingermuseum“ in Borg. Ein gewaltiger Hallenbau, mit 83 m Länge ist er der größte, jemals ausgegrabene und original rekonstruierte Häuptlingshof.

Das Museum beherbergt Wohn- und Arbeitsbereiche der Wikinger, nicht nur zum Anschauen in Glasvitrinen, sondern auch zum Anfassen.

Das Dämmerlicht in dem riesigen Schiffsbauch stammt von den Rauchöffnungen über den Feuerstätten. Hier wurde nicht nur das Essen für den ganzen Clan hergestellt, das Feuer gab auch eine bescheide Wärme an die Bewohner ab.

Nun sind wir aber genug gelaufen, es ist noch zu früh, das Nachtquartier aufzuschlagen. Deshalb folgen wir der zwischen den einzelnen Inselchen mäandrierenden Straße bis zum Auastines-Fjorden. Hier gibt es einen kleinen Picknickplatz, etwas abseits der Straße hoch oben auf einem Felsen über dem Fjord.

Früh am Morgen werden wir von fröhlichem Geschnatter einer bayrischen Reisegruppe geweckt. Die machen hier ihren ersten 3-minütigen Fotostopp. Wir sind froh, mehr Zeit zu haben :-) ! Nach ausgiebigem Frühstück hat uns die E10 wieder und bringt uns nach Bjervik, wo wir wieder auf die E6 einschwenken. Wir verlassen die Fjorde und sind sofort in den Fjells, über denen der Hochnebel steht, oder hängen hier die Wolken so tief? Wer weiß das schon, die Übergänge sind wohl fließend. Schließlich erreichen wir wieder Wasser,

umrunden den Balsfjorden und machen einen Abstecher nach Tromsø, der nördlichsten Universitätsstadt der Welt, dem Paris des Nordens, der Pforte zum Eismeer.

 

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Norwegen – Polarkreis

Das Wochenende haben wir in Stilkestad auf dem gleichnamigen Camping verbracht. Putz- und Flicktag“ ist angesagt. Damit wir auch merken, dass Sonntag ist, gibt es zum Frühstück Lachs vom Feinsten, ekte Smør aufs brød und ein Gläschen Sekt. Die Sonne scheint auf den Frühstückstisch. Ich schwebe im 7. Frühstückshimmel!

Montagmorgen, es geht wieder auf die E 6. Nord-Norwegen begrüßt uns mit einer ganz besonderen Brücke. Sind wir aus Versehen in Amerika, USA, Kanada gelandet?

Unser Ziel ist zunächst Mosjøn. An und für sich wollen wir direkt am Freilichtmuseum oder an der Dolstad Kirke für die Nacht ein Plätzchen belegen.

Aber weit gefehlt, diese Parkplätze sind inzwischen zeitlich limitiert und für die Übernachtung völlig gesperrt. Also fahren wir ins Gewerbegebiet. Dort soll es ausreichend WoMo-Stellplätze für die Nacht geben. Wenig romantisch so direkt gegenüber eines riesigen Fabrikgeländes, aber unmittelbar am Fjord! Hier stehen wir hervorragend.

Es ist ein guter Ausgangspunkt, am frühen Morgen unsere Besichtigungstour durch die restaurierte Altstadt Sjøgata zu starten.

Es heißt, Sjøgata soll das längste zusammenhängende Holzbauviertel Norwegens sein. Am Ufer der Vefsna-Mündung stehen eine Reihe alter Lager-, Wohn- und Fischerhäuser aus dem 18. Und 19.  Jh. In den vergangenen Jahrhunderten sind hier die Produkte des Hinterlandes umgeschlagen worden. Es ist noch früh am Morgen und noch nichts los in den kleinen Gässchen. Heute beherbergen die schmuck renovierten Häuschen gepflegte Restaurants, Bars, Cafés, kleine Boutiquen.

In Mo i Rana gibt es die Mittagspause. Auch hier ein wunderschön restauriertes Altstadtviertel, herrlich in der Sonne gelegen.

Da möchte man ja direkt einziehen, oder?

Aber für uns geht es weiter. Langsam schrauben wir uns auf schmaler Fahrbahn die felsige Landschaft hinauf. Die Baumgrenze ist erstaunlich schnell überschritten. Nur Moose und Flechten gedeihen hier oben auf gut 1000 m Höhe noch. Die Landschaft gibt keine Hinweise, dass wir in Kürze den Polarkreis erreichen. Damit der Reisende nicht einfach darüber hinaus fährt ohne bemerkt zu haben, welch wichtige Linie dieser Welt er gerade quert, hat man hier ein imposantes Gebäude errichtet, an dem nun jeder Reisende einen Stopp einlegen soll, vorzugsweise verbunden mit der Einnahme eines kleinen, aber überteuerten Allerwelt-Imbisses. Selbstverständlich wird ihm auch hier die Gelegenheit gegeben, irgendetwas, was er nicht braucht, im Giftshop zu erstehen.

Der Polarkreis geht mitten durch das Gebäude, im Außenbereich sind mehrere Stellen besonders markiert, die sich als Fotopoints besonders eignen.

Auf dem Parkplatz herrscht ein ziemliches Gewusel und Gedränge, PKWs, Busse, WoMos, Gespanne und auch LKWs kommen und fahren. Für die Nacht sicher kein ruhiges Plätzchen. Aber es hätte schon was, hier am Polarkreis zu übernachten und eine helle Mitsommernacht zu erleben. Da trifft es sich ziemlich gut, dass es noch einen weiteren Parkplatz gibt, wohl angelegt als Übernachtungsstellplatz für WoMos. Dort richten wir uns für die Nacht ein, wie auch etliche andere.

Der Himmel klart im Laufe des Abends zunehmend auf, und Lothar kann die ersten Mitsommernachtsbilder einfangen, vom Polarkreis, 3.100 gefahrene km von daheim. Die Sonne selbst ist hier wegen der Berge zwar nicht zu sehen, aber sie färbt die paar einzelnen Wölkchen rosa und es ist so hell, dass man draußen Zeitung lesen könnte.

Die Lofoten auf eigener Achse, das hätte schon was. Natürlich wollen wir dieses Feeling nicht auslassen. Aber zweimal die Strecke absolvieren ist vielleicht auch blöd. Im Städtchen Fauske wollen wir uns daher über die möglichen Fährverbindungen zum Angler-Eldorado schlau machen. Die Lösung liegt schnell auf der Hand bzw. auf dem Salontisch. Die Verbindung zur Südspitze soll für unser über 6 m langes WoMo nur 150 € kosten. Das lohnt sich allemal! Das Schiff soll erst nachmittags um 16:30 h von Bodø ablege3n, nur ein Stündchen von Fauske entfernt.

Wir fahren einen Parkplatz am Fjord an und machen erst mal Mittagspause. Auf Wunsch einer einzelnen Dame gibt es Kartoffelsalat mit Würstchen. Hört sich nach einem einfachen Campingessen an, ist es aber nicht! Kartoffeln von Lothar am Vorabend handverlesen und in der Pelle gegart, abkühlen lassen, von Lothars zarter Hand gepellt, über Nacht weiter abkühlen lassen, aufpassen, dass keiner nix stiehlt nich nischt nich nich! Am nächsten Morgen in Scheiben geschnitten, Majo-light selbst hergestellt, Cornichons und Zwiebeln in feine Scheiben und kleine Stückchen geschnitten, alles vermengt, durchziehen lassen und gewartet! Gewartet auf Mittag! Und das ist jetzt! Lecker!

Wir fahren nach Bodø und reihen uns ein in die Schlage nach Moskenes, dem südliche Fährhafen auf den Lofoten. Nur wenige Autos wollen offensichtlich mit dieser Fähre zu den Lofoten. Das kommt uns seltsam vor. Ich erkundige mich im Fährbüro nach den genauen Modalitäten und erfahre, dass wir völlig veraltete Informationen bei der Touristeninfo in Fauske erhalten haben: die Fähre geht erst 17:30, sie kostet nicht 150 € sondern 180 €! Der Fährpreis werde später direkt am Fahrzeug einkassiert.

Wir warten also. Ca. 17:00 kommt dann eine Kassiererin in flotter Marineuniform, betrachtet abschätzend unseren Pössl, kommentiert 2 Personen, nennt den Fährpreis von 90 € und hält mir die Kreditkartenmaschine unter die Nase. Es war die auskunftsfreudige Dame von vorhin! Ich stelle keine Fragen, schiebe schnell die Kreditkarte ins schwarze Kästle und schon ist die Dame in flotter Marineuniform wieder weg.

17:30 wir stechen in See, 3 Std Richtung Nordwest, dann sind wir da: auf den Lofoten! Und am absoluten Ende das Örtchen „Ǻ“. Die Bilder dazu gibt´s im nächsten Bericht; also legt euch auf die Lauer.

 

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Norwegen – Wasserfälle, Gletscher, Skigebiete und vieles mehr

Es ist Sonntag, ein sonniger Sonntag. Wir testen unseren neuen Weber-Grill.

Gestern haben wir Nackensteaks erstanden und die sind heute dran. Es ist sehr windig und ich bin froh, dass wir einen Deckel für diesen Grill haben. Rita zählt 13 Stück Holzkohlebriketts ab, ganz nach Vorschrift, aber das Anzünden erweist sich bei diesem Wind schließlich doch als Männersache. Mit dem Gasbrenner zum Hartlöten gelingt es dann auch. Auf Niedrigtemperatur werden die Steaks einmalig, Johann Lafer hätte seine helle Freude gehabt. Leider habe ich mir in dem Fleisch schon wieder ein Stück vom Schneidezahn 1/1 (ist ja gerade erst vor Reiseantritt repariert worden) ausgebissen. Ärgerlich, aber nicht zu ändern, die Reparatur muss warten, bis wir wieder zuhause sind.

Den restlichen Tag verbringen wir mit „Herumdödeln“. Es ist wunderbar und entspannend!

Für die weitere Reise haben wir beschlossen, die Fjorde zu verlassen und uns anzuschauen, was Norwegen sonst noch so zu bieten hat.

Montagmorgen, wir verlassen den Hardangerfjord und begeben uns auf eine Tunnel- und Wasserfallstrecke. Den größten Wasserfall haben wir allerding schon vor ein paar Tagen auf dem Weg zu dem kleinen Campingplatz erlebt.

Doch weitere sollen noch folgen. Teils stürzen sie mit gewaltigem Getöse in die Tiefe, teils fließen sie sanft die steilen Felsen hinab wie Engelshaar am Weihnachtsbaum.

Auf dieser Strecke kommen wir unter anderem zu dem mit 24,5 km längsten Autotunnel der Welt.

Für mich ist es eine sehr anstrengende Fahrerei durch diesen Tunnel. LKW´s kommen mir entgegengedonnert, die mehr als ihre eigene Fahrspur benötigen, und die Fahrbahnrandstreifen könnten auch mal nachmarkiert werden. Zum Ende hin habe ich regelrecht Halluzinationen, ein Anhalten in einer der SOS Buchten kommt wegen der akustischen Belastung nicht in Betracht, ich muss es durchstehen. Rita versucht, mich durch ihr widernatürliches, permanentes Geplapper wach zu halten. Irgendwann ist es geschafft! Fotos gibt es natürlich keine! Es folgen noch etliche weitere Tunnel, aber nur ganz kurze mit max. 10 km. Bei Sognedal am gleichnamigen Fjord finden wir ein schönes Picknickplätzchen für die Nacht. Dieser Fjord reicht über etliche 100 Kilometer ins Landesinnere. So schnell entkommt den norwegischen Fjorden hier niemand nicht!

Früh am Morgen starten wir zur nahe gelegenen ältesten Stabkirche Norwegens in Urnes, für uns bestens zu erreichen mit einer kleine Fähre vom Örtchen Solvan aus.

Tickets gibt es direkt an Deck. Barzahlung mit Wechselgeld aus der guten alten Kassierertasche aber auch Kartenzahlung mit PIN-code ist möglich.

Auf Empfehlung unseres Reiseführers lassen wir den Pössl in Solvan stehen und begeben uns nun auf den „nur 20-minütigen Fußmarsch“ zur Kirche, so die Information des Reiseführers.

Es steht nicht dabei, dass der Weg bergauf geht, es steht auch nicht dabei, dass die Zeitberechnung für sportlich durchtrainierte Schlankgewichte berechnet wurde. Egal, wie dem auch sei, nach 45 Minuten sind auch wir am Ziel angelangt. Alle Schmerzen, die wehen Knochen und die Schweißperlen sind vergessen und wir können dieses wirkliche Kleinod der mittelalterlichen Kirchenbaukunst Norwegens in uns aufnehmen und bewundern.

Den Abstieg schaffen selbst wir – der Gravitation sei der Dank der Adipösen – locker in den angegebenen 20 Minuten. Wir müssen noch ein wenig auf die Rückfähre warten .

Nicht weit entfernt befindet sich der größte Inlandgletscher Europas, der Jostedalsbreen. Natürlich wollen wir uns den nicht entgehen lassen, obwohl wir schon viele große Gletscher auf unseren Reisen gesehen und erlebt haben. Auf schmalen Sträßchen entlang des reißenden Gebirgsflusses Jostedalselva erreichen wir schließlich den perfekt ausgebauten Parkplatz am Fuße der sich immer weiter zurückziehenden Gletscherzunge. Hier ist für uns Einhalt geboten: glitschige plangeschliffene Steinblöcke und Eisplatten sind nix für trittunsichere Füße mit Polyneuropathie.

Kurz zuvor passieren wir die Info- und Museumshalle, ein architektonisch wirklich imposantes Gebäude, einem mittelalterlichen Helm nachempfundenes „Nurdachhaus“.

Der riesige Gletscher lässt erahnen, dass im Winter in dieser Gegend sicherlich reichlich Schnee liegt. Wir sind im Jotunheimen Natinonalpark, ein Eldorado für Skifahrer. Ja, im Winter! Aber jetzt? Ja, doch, selbst bei einer Höhe von nur 1.400 m scheint es hier auch im Sommer schneesicher zu sein. Langläufer tummeln sich unweit der Passstraße.

Ist dies das norwegische Sportleistungszentrum, das all die Olympiasieger im Langlauf und Biathlon hervorbringt? Viele Athleten quälen sich nicht nur in der Loipe, auch auf der Straße sind sie mit ihren Sommerski bergwärts unterwegs – sie haben unseren absoluten Respekt.

Schnee scheint es hier wirklich genug zu geben. An den Straßenrändern türmt sich der Schnee bis zu 5 m auf.

Einfach unglaublich! Nun verstehen wir auch die enorm langen Stangen für die Schneefräsen, damit sie den Straßenverlauf nach Schneefall und Verwehungen wiederfinden.

Oben auf dem Pass müssen wir selbstverständlich Beweisfotos machen, dass hier am 24. Juni immer noch so viel Schnee auf nur 1.400 m Höhe liegt.

Diese Strecke durchs „Inland“ von Norwegen hat noch so einiges an Sehenswertem, was hier und da an der Strecke liegt. In Lom besuchen wir eine weitere mittelalterliche Stabkirche.

Imposant finden wir die 1,80 m dicken Außenwände, die zweischalig gemauert und dann mit Felsgeröll aufgefüllt wurden. Das Eingangsportal ist mit aufwendigen Schnitzereien ausgestattet.

Das Hochmoor Fokstumyra, ein Naturschutzgebiet von nur 7,5 km² mit sage und schreibe 70 % Sumpf und Wasser. Wir verkneifen uns aus bekannten Gründen eine Wanderung auf dem ausgeschilderten Rundweg von 6 km. Wir machen ein paar Fotos, fahren weiter und folgen einem kurzen Hinweis zur Dovregubbrns Hall, ehemals eine Pilgerstation. Heute natürlich – wie sollte es anders sein – ein voll ausgebautes Touristencenter für Wanderer, mit Hotel, Kneipe, Museum

und selbstverständlich gibt´s noch ´nen Giftshop obendrauf, wer hätte das gedacht. Hier kann man mal wieder alles das kaufen, was man nicht braucht und Trolle, die zum Teil schon ziemlich (vor-) witzig aussehen.

Wenig später erreichen wir das „Lappencamp“. Helle Begeisterung bei der Vorankündigung in den mitgeführten Printmedien. Natürlich fragt sich jeder, was macht ein Lappencamp hier in dieser Gegend, eigentlich gehören die doch gar nicht hierher, oder? Wir schauen nach. Irgendein englisch sprechender Mensch hatte mit seiner asiatischen Freundin die Idee, an dieser Stelle ein solches Camp einzurichten und die vorbeireisenden Touris mit echten norwegischen Souvenirs, made in Taiwan, zu beglücken. Ein bisschen norwegische Deko auf dem Gelände verteilt, und das Geschäft läuft.

So offensichtlich der Plan. Immerhin haben die beiden es zu einem offiziellen braunen Hinweisschild an der Straße geschafft, die auf Sehenswürdigkeiten hinweisen sollen.

Wir fahren weiter und entdecken ein Hinweisschild „Magalaupet“, ein Schild ebenfalls auf braunem Hintergrund, hier gibt es wieder etwas Besonderes zu sehen. Der ruhige Fluss Driva, der uns seit geraumer Zeit begleitet und gemächlich dahinfließt, zwängt sich an dieser Stelle mit enormer Gewalt durch die engen Felsen. Alles was sich ihm in den Weg stellt, wird mitgerissen, glatt geschliffen, ausgehöhlt. Der Weg dorthin ist holprig und steil.

Lothar turnt trotz seiner Gleichgewichtsstörungen mutig über die glitschigen Felsen (für ein Foto tun wir alles), mir wird Himmel Angst, aber die Bilder sind schon beeindruckend.

Zum guten Schluss hat diese Strecke noch einen „märklinreifen“ Bahnhof zu bieten. Von der Durchgangsstraße aus haben wir ihn im Vorbeifahren aus den Augenwinkeln entdeckt. Gerne gönnen wir uns diesen Abstecher jetzt auch noch.

50 Kilometer vor Trondheim beschließen wir unseren heutigen Trip. Inzwischen gießt es in Strömen. Bei diesem Sauwetter in Trondheim, drittgrößte Stadt Norwegens mit knapp 200.000 EW, einen WoMo-Übernachtungsplatz zu suchen, ist uns einfach nicht entschleunigt genug. Morgen ist auch noch ein Tag, der Picknickplatz bei Storen ist bestens und wir betten uns zur Nacht.

 

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Norwegen das Land der Fjorde

Ursprünglich sollte unsere Reise bereits in Dänemark beginnen und über Schweden führen. Aber es kam ein wenig anders. Ursprünglich wollten wir auch schon Anfang Mai starten, aber es kam ein wenig anders.

Samstag, den 13. Juni, 9:15 Uhr rollen wir schließlich wohl gelaunt aus der Oelmühle. Von unseren Nachbarn und Freunden haben wir uns sonntags zuvor mit einem Frühschoppen bei strahlenstem Sonnenschein verabschiedet. Heute ist es bewölkt, also gutes Reisewetter, um Strecke zu machen. Unseren ersten Stopp legen wir nach knapp 200 km in Spelle im Emsland ein, um uns auch von Lilo, meiner Mutter zu verabschieden. Leider hat sie nicht so wirklich erkannt, wer sie besucht, wer ihr das Mittagessen reicht, wer ihr ins Bett hilft. Aber sie lebt dort in einer wunderbaren Wohngruppe für Dement-Kranke. Dank der hervorragenden Betreuung durch die Pflegerinnen und meiner Schwester wissen wir sie gut aufgehoben.

Bei strömendem Regen setzen wir unseren Weg fort. Auf Landstraßen geht es durchs Emsland bis an die Elbe. In Wischhafen setzen wir mit der Fähre über nach Glückstadt. Hier gibt es das alljährliche traditionelle Heringsfest. Um dort ein leckeres Heringsbrötchen zu essen, muss man sich das jedoch durch einen längeren Fußmarsch erst einmal verdienen. Also geschenkt, schließlich fahren wir nach Norwegen, dort wo der Hering für’s Fest gefangen wird.

Ein knappes Stündchen später fahren wir auf den Hof „unserer Leute hinterm Deich“. Die Kinder Jorke und Jerk entdecken uns als erste: „Da stehen Leute auf der Terrasse!“ Großes Hallo! Herzliche Umarmung mit Sandra, unserm „kleinen Matrosen“ aus früheren Segeltagen der Chaos-Crew.

Eigentlich wollten wir montags weiterfahren. Aber Ohrenschmerzen und Gehörverlust bei Lothar machen einen Besuch beim HNO-Arzt am Montag erforderlich. Also geht es erst am Dienstag weiter, ganz gemütlich über die Landstraße durch Dänemark, eine Landschaft geprägt von Ackerbau und Viehzucht mit großen Bauerngehöften, eingebettet zwischen sanft hügeligem Grasland und Weiden für Schafe und Rinder.

Unsere Fähre nach Kristiansand geht am Mittwoch um 12:15 Uhr.

Es regnet, gemütliches an Deck sitzen fällt buchstäblich ins Wasser.

Ansonsten läuft alles planmäßig und stressfrei, auch die Einreise nach Norwegen. Das ein oder andere edle Tröpfchen hat so den Weg unverzollt nach Norwegen gefunden – aber, sie wollten es ja nicht anders.

Es ist noch früh am Tag, 16:30 Uhr! Da lohnt es sich schon noch bis zum südlichsten Zipfel Norwegens zu fahren. Hier wollen wir unsere diesjährige Reise beginnen, am Kap Lindesnes.

Auf engen Straßen, kaum 3-4 m breit, rauf und runter, erreichen wir schließlich den alten Leuchtturm aus dem Jahr 1655. Den Weg begleiten Felsen, kahl und bemoost; Wälder, Nadelgehölze mal dicht und dunkel, mal lichtdurchflutete Kiefern, mal luftige und helle Birkenwäldchen. Schafe grasen gemächlich zwischen den gleichfarbigen Felsbrocken, die irgendjemand auf die Felder ausgestreut zu haben scheint. Die Szenerie hat schon etwas Märchenhaftes. Wald-, Berg- und Erdgeister scheinen uns zu beobachten, Kobolde und „Nörgelbuffe“ könnten jederzeit hinter den triefnassen Moospolstern und den Farnen hervor springen.

Auch andere WoMo-Fahrer hat es für die Nacht hierhin verschlagen. Aber es gibt reichlich Platz, Platz für alle, ohne sich auf die Pelle zu rücken. Die Anlage rund um den Leuchtturm mit Museum, Giftshop und Minihafen ist bewirtschaftet, aber offiziell schon geschlossen. Gleichwohl gibt es einen breiten Durchlass an den Schranken, sodass ich noch einige schöne Fotos in der Abendsonne schießen kann.

Von hier aus sind es genau 2518 km bis zum Nordkap, das für unsere diesjährige Reise der nördliche Wendepunkt sein soll.

Auf welcher Route diese Kilometerzahl erreicht wird, wissen wir nicht. Vermutlich brauchen wir das ein oder andere Kilometerchen mehr. Für den nächsten Tag haben wir beschlossen, die E 39 zu verlassen und entlang der Südküste gen Stavanger zu fahren. Im Gegensatz zu Dänemark erwarten uns auch hier, wie gestern schon auf dem Abstecher zum Kap Lindesnes, schroffe, steile Felsen, die bis in die Wolken ragen. Die tektonischen Verwerfungen haben hier vor Urzeiten eine hoch interessante Landschaft mit gewaltiger Reliefenergie geschaffen, die uns heute ein spannendes Fahren auf 4-5 m breiter Straße bei Gegenverkehr mit 40-Tonnern beschert. Mal taucht rechts ein Fjord auf mal links. Die anstrengende Kurbelei durch die Rockies gibt immer wieder faszinierende Blicke frei und engt sie bei nächster Gelegenheit – Haarnadelkurve um die steil aufragenden Felsen – auch wieder dramatisch ein.

Hoch auf den Felsen des Oyestrandafjord geben Infotafeln die dramatischen Ereignisse um das deutsche Schiff Markland mit englischen Gefangenen an Bord Auskunft. Auf Befehl von Churchill wurde seinerzeit das Schiff in diesem Fjord von den Engländern gekapert. Die Norweger sahen tatenlos zu und schon waren sie in den Krieg verwickelt.

Bei Egersund ändert sich die Landschaft plötzlich. Ähnlich wie in Dänemark reichen hier die Weiden mit Schafherden bis fast ans Meer. Hier ein schönes Nachtplätzchen zu finden erweist sich als langwierige Suche. An allen wunderbar gelegenen Plätzen

ist das „Overnightstanding“ verboten. Schließlich werden wir doch noch fündig, direkt am Meer.

Wellen rauschen heran, kippen und schäumen durch die Felsblöcke, die Abendsonne steht ungewohnt hoch am Himmel. Hier werdet ihr vergebens auf die üblichen Sonnenuntergangsscenarien warten, hier geht die Sonne nicht hinter der Kimm, im Meer, unter, sondern irgendwann hinter den Wolken. Es ist Zeit für die erste Runde Canaster!

Was wollen wir mehr, bereits um 7:00 Uhr scheint die Sonne auf unseren Frühstückstisch. Bei herrlichem Blick auf’s Meer genießen wir die ersten regionalen (!) Krabben aus dem Skagerak. So gestärkt und auf den Tag eingestimmt, machen wir uns auf den Weg, den großen Boknafjord zu erkunden. Alles beginnt mit einer Fährfahrt über einen Seitenarm.

Besonderes Highlight ist der Preikestolen, der Predigerstuhl bei Jorpeland. Leider bleibt uns die Besichtigung verwehrt, da ein steiler Aufstieg auf diesen Felsen (ca. 2 bis 3 Std für geübte Wanderer) erforderlich ist. Wir begnügen uns damit, am Fuße dieses Wahnsinnsplateaus unsere Mittagspause zu machen. Weiter geht’s auf einer schmalen Bergstraße entlang des viel verzweigten Fjords.

Jäh wird unsere Fahrt unterbrochen und wir werden Zeugen eines Bergungsmanövers. Auf der engen Bergstraße war ein Tankwagen mit gefährlichem Ladegut den steil aufsteigenden Felsen ein bisschen zu nahe gekommen.

Immer mehr WoMos müssen eine Pause einlegen.

Schließlich ist der Tankwagen von der Felswand „abgepflückt“ und die ganze Korona kann die Fahrt fortsetzen. In dem kleinen Städtchen Sand werden wir durch ein lauschiges Plätzchen am Wasser mit grandiosem Bergpanorama entschädigt.

Ein Fußbad nach dieser wilden Kurbelei durch die Berge ist schön erfrischend und ein Foto wert,

anschließend einen „Sundowner“

und „Leute gucken“.

Auch der nächste Tag beschert uns wieder eine äußerst imposante Bergwelt.

Ein Straßentunnel jagt den nächsten entlang an Fjorden und Bergseen. Wasserfälle rauschen die Felsen hinunter, teils so dicht an der Bergstraße, dass zum Fotografieren Regenjacken erforderlich sind.

Wir beschließen diese erste Woche auf einem wunderschönen kleinen, aber sehr feinen Campingplatz direkt am Hardangerfjord. Wir sind glücklich entschleunigt.

Wir haben Ebbe und Lothar sieht dem abfließenden Wasser zu. Enten, Seemöwen und andere Wasservögel suchen nach zurückbleibenden Krabbelgetier,

ein „Seehund“ versucht sich im Apportieren,

Enten putzen Ihr Gefieder, Möwen schreien, Seeschwalben sicheln durch die Abendluft.

Es ist Mittsommernacht und die Sonne geht gar nicht unter.

 

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Die oldies sind endlich wieder on tour

Die Oldies sind endlich wieder on tour

Endlich ist es soweit! Wir, Lothar und Rita, sind wieder on tour. Diesmal nicht in fernen Kontinenten, sondern in der „guten alten Welt“, in Europa, genauer gesagt: in Skandinavien und dem Baltikum.

Unseren treuen Lesern wird aufgefallen sein, dass wir nur von den „Oldies“ reden und nicht den „3 Oldies“. Dies hat einen einfachen Grund. Leider wurden wir für unseren dritten Oldie „Unsern LT “ schlicht und einfach zu alt: täglich mehrfach Betten bauen, auch nur mal für ein Nickerchen, täglich in den Alkoven klettern, jährliche Unterhaltungsarbeiten unter dem Auto entsprachen nicht mehr einem altersgerechten, entspannten Reisen.

Im Frühjahr 2014 entschlossen wir uns schweren Herzens, „Unsern LT“ in junge pflegliche Hände einer Handwerker-Familie mit Kindern in Thüringen zu geben.

Und dann fuhr er davon, unser 3. Oldie.

Schnief, schnief!

Doch vor einiger Zeit entdeckten wir auf dem Frühlingsfest unseres örtlichen WoMo-Händlers einen praktikablen Ersatz, einen „Pössl Roadcruiser“. Ein solches Gefährt erstanden wir schließlich via Internet in Berlin.

Und nun reisen wir mit „Unserm Pössl“.

Die Praxis der ersten Reisetage hat ein wirklich sehr gutes Tauglichkeitsergebnis hervorgebracht. Wir sind froh, uns so entschieden zu haben. Betten immer bereit, die müden geschwollenen Beine hochzulegen; lediglich zwei bequeme Stufen zur komfortablen Liegefläche; Längsbetten, kein nächtliches Übereinanderklettern wenn die Blase drückt; Innendusche für das fahrende Volk, das Campingplätze meidet und doch eine gewisse Reinlichkeit liebt; gemütliche Sitzecke zum Schlemmen der jeweils heimischen Früchte fürs „Redaktionsstudio“, zum abendlichen Zocken; eine funktionale Pantry mit großem Kühlschrank, wie es Selbstversorger lieben. (Fotos liegen z. Zt. noch nicht vor, werden aber im Laufe der Zeit nachgeliefert.)

Für uns ein nahezu perfektes Reisemobil. Gleichwohl haben wir den Namen unseres Blogs bzw. unserer Web-Site nicht geändert.

Zur weiteren Reisevorbereitung gehört bei Hampens nun mal, die Gesundheit soweit zu stabilisieren, dass unsere Ärzte uns wenn auch schweren Herzens wieder für ein halbes Jahr aus ihrer Obhut entlassen und uns unserer Eigenverantwortung und die der ausländischen Ärzte überlassen können. Mit einigen Krankenhausaufenthalten, Perfektionierung der Medikamenteneinstellung, Einbau eines Defibrillators ist es uns gelungen, auch Lothar reisefähig zu machen. Natürlich sind wir wieder mit ausreichend Medikamenten im Gepäck ausgestattet. An alle behandelnden Ärzte und der Bären-Apotheke in Remscheid ein herzliches Dankschön für die aktive Hilfe bei unseren Reisevorbereitungen.

Zusätzlich zu diesen für uns üblichen Vorbereitungen waren die Umbauarbeiten an unserem Haus noch fertigzustellen. Rechtzeitig vor Reisebeginn haben wir ein superliebes und nettes Pärchen gefunden, das in die neue Dachgeschosswohnung eingezogen ist und das während unserer Abwesenheit das Haus und den Garten hütet. Schön, dass wir Gina und Patrick gefunden haben. Natürlich werden sich unsere beiden Jungs Christian und Matthias in gewohnter Weise um unser Backoffice bemühen.

Herzlichen Dank an alle unsere lieben Helfer, ohne die unsere Reisen ungleich schwieriger wenn nicht unmöglich wären.

 

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